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Fahrradrecht: rechts an der Autoschlange vorbei?

 
Quelle: www.pd-f.de / koga.com
Quelle: www.pd-f.de / koga.com

Das Verkehrsrecht ist nicht immer eindeutig. Das hat erst vergangene Woche hier im Blog die lebhafte Debatte zur ACE-Studie gezeigt, die falsche Infos zur Zebrastreifen-Nutzung enthielt. Deshalb stellen wir in den kommenden Wochen mithilfe des Rechtsanwalts Christoph Krusch die größten Irrtümer und Legenden zum Thema Radfahren im Blog vor. Krusch arbeitet in Berlin und hat sich aufs Radrecht spezialisiert.

Teil 1: Radfahrer dürfen Autoschlangen rechts überholen

§ 5, Abs. 8 StVO: Ist ausreichender Raum vorhanden, dürfen Rad Fahrende und Mofa Fahrende die Fahrzeuge, die auf dem rechten Fahrstreifen warten, mit mäßiger Geschwindigkeit und besonderer Vorsicht rechts überholen.

„Mit mäßiger Geschwindigkeit und besonderer Vorsicht“: Diese Formulierung lässt dem Radler zwar den notwendigen Ermessensspielraum, birgt aber auch Konfliktpotenzial. Was Radfahrer als ausreichenden Abstand empfinden, erscheint manchem Autofahrer als völlig unzureichend. Einige Autofahrer pochen darauf, dass Radler 1,5 bis 2 Meter Platz zum Pkw einhalten sollen. Ihr Argument: Sie selbst müssten diesen Absatz schließlich auch einhalten, wenn sie Radfahrer überholen.

In der Praxis ist das aber unmöglich. Außerdem sind die beiden Situationen nicht vergleichbar. Überholt der Autofahrer Radfahrer, sind beide in Bewegung, und der ungeschützte Zweiradfahrer kann schnell stürzen, wenn er erschrickt oder gar touchiert wird. Darf hingegen der Radfahrer den Autofahrer langsam überholen, steht der Pkw sicher auf vier Rädern.

Häufig wird vorgebracht, dass Radfahrer bei diesem Manöver die Außenspiegel abfahren oder die Seite verkratzen würden. „Das ist aber mehr urbane Legende als tatsächlich ein verbreitetes Problem“, sagt Krusch. Eine seitliche Berührung des Kfz oder gar ein Aufprall am Außenspiegel hätte für Radfahrer rechtliche, vor allem aber auch unmittelbare körperliche Folgen. „Online kursierende Videos von abgetretenen Spiegeln zeigen eher aufgeladene Situationen und aggressive Einzeltäter als alltägliche Überholvorgänge. In der Unfallstatistik oder Rechtsprechung ist jedoch kein grundsätzliches Problem wahrnehmbar“, erläutert der Anwalt.

Vom Recht, den Autostau links liegen zu lassen, sollte man allerdings immer nur vorsichtig Gebrauch machen, sagt Krusch. Keinesfalls sollte man sich beim Anfahren der Fahrzeuge noch rechts von ihnen befinden, schlimmstenfalls neben Lastwagen – dort herrsche Lebensgefahr. Außerdem kann es bei nur kurzem Rückstau mit wenigen Fahrzeugen auch etwas entspannter und rücksichtsvoller sein, dahinter zu warten.

Hilfreich ist nach Meinung des Anwalts auch bei dieser Frage, wenn Rad- und Autofahrer selbst regelmäßig mit dem jeweils anderen Fahrzeug unterwegs sind. Dann haben beide mehr Verständnis für den Standpunkt und das Handeln des anderen.

83 Kommentare

  1.   o aus h

    @58 tobmat
    „Ein Fahrradfahrer der nicht überholt werden kann, egal ob es schlicht nicht möglich ist oder ob er nach jeder Ampel wiede ganz vorne steht, und sehr langsam ist, behindert faktisch den fließenden Verkehr.“
    Irrtum: Ein Fahrradfahrer, der am Straßenverkehr teilnimmt, IST fließender Verkehr, auch wenn er langsamer ist bzw. nicht so schnell beschleunigt wie die Autos. Wenn es nur darum ginge, schnellere nicht zu behindern, müssten alle Autos unterhalb Bugatti Veyron verboten werden.

  2.   o aus h

    Es gibt noch einen Grund, warum ich mich als Autofahrer manchmal ganz rechts einordne: Wenn die Straße so schmal ist, dass ein entgegenkommender oder einbiegender „Klein“transporter, LKW oder Bus sonst gar nicht die Kreuzung räumen könnte. Also als Radfahrer dran denken, es gibt womöglich noch andere Gründe als nur bösen Willen, die sich einem aber nicht immer erschließen.


  3. Der Radfahrer: Er erwartet Infrastruktur, will diese aber nicht nutzen müssen – stimmt, ich fliege lieber oben drüber weg.

    und vor allen nichts dafür zahlen – *gähn*, das Argument kommt immer wieder. Wieso genau zahle ich nicht für Infrastruktur?

    Er will immer und überall nach vorne und überholt rechts bei 15 cm Abstand, erwartet aber mindesten das zehnfache, wenn er überholt wird. – Bitte lesen Sie die vorherigen Beiträge. Es ist ein Unterschied, ob mich 1,5 Tonnen mit 50 km/h überholen, oder ob ich mit 0,1 Tonnen bei 15 km/h überhole.

    Der Radfahrer: Er ist der einzige Verkehrsteilnehmer, der im Dunkeln im Winter ohne Beleuchtung auf dem Fußweg in falscher Richtung rast und dieses als normal erachtet. – Das ist so dermaßen bescheuert in seiner Pauschalität, dass es sich nicht lohnt, darauf einzugehen.

    Der Radfahrer: Er erwartet immer und überall Rücksichtnahme und Freiheit. Selbst gibt er aber nichts. – dito

    Ich könnte gut ohne Ihn. – Dann bleiben Sie doch einfach zu Hause. Wir können nämlich noch besser ohne Sie,

  4.   werner

    Der Radfahrer: Er erwartet Infrastruktur, will diese aber nicht nutzen müssen und vor allen nichts dafür zahlen. Der Radfahrer: Er will immer und überall nach vorne und überholt rechts bei 15 cm Abstand, erwartet aber mindesten das zehnfache, wenn er überholt wird. Der Radfahrer: Er ist der einzige Verkehrsteilnehmer, der im Dunkeln im Winter ohne Beleuchtung auf dem Fußweg in falscher Richtung rast und dieses als normal erachtet. Der Radfahrer: Er erwartet immer und überall Rücksichtnahme und Freiheit. Selbst gibt er aber nichts. Ich könnte gut ohne Ihn.

  5.   Manfred

    @78, Michael
    Wenn ich vorne stehe,
    1. muss ich kein Auspuffgase einatmen
    2. werde ich vom Autofahrer besser gesehen
    3. bekomme ich die nächste Grünphase garantiert, nicht evtl.

    Außerdem bin ich als Radfahrer grundsätzlich niemals ein Verkehrshindernis, sondern Teil des Verkehrs. Und wieso sollte ich einen Pkw beschädigen? Rechts vorbei fahren ist grundsätzlich nur gestattet, wenn a) genug Platz vorhanden ist und b) tue ich das ordnungsgemäß sowieso nur mit angepasster Geschwindigeit.

  6.   Michael

    Es gibt da meiner Meinung nach einer sehr interessante Frage zu dem Thema: Welchen Sinn hat es als Radfahrer an den Autos rechts vorbeizufahren?

    Die Autos fahren schneller – das heißt ich mache mich als Radfahrer völlig sinnlos zu einem Verkehrshindernis. Wenn ich mich einfach hinten an die Autoschlange anstelle, können die Autos vor mir einfach weiterfahren, ich kann problemlos weiterfahren und alles ist gut. Der Zeitgewinn, den ich durch das Vorbeifahren an wenigen Autos bis zur Ampel habe geht gegen Null. Das Risiko ein Auto zu beschädigen ist jederzeit vorhanden.

  7.   Rainer

    In Holland lernt man immer über der rechter Schulter zu schauen beim rechts abbiegen. In Deutschland glaube ich nicht… Wie oft ich hier fast vom Rad gefahren werde durch rechts Abbieger.

    Es fällt mich sowieso auf das in Deutschland die Autofahren wenig Acht auf Fahrradfahrer nehmen.

    Wir wollen alle voran kommen in der Stad. Rechts dicht machen finde ich darum sehr ärgerlich und eigentlich auch ziemlich asozial. Ich verstehe das ganz und gar nicht.


  8. #4: Wenn man bei der Fahrprüfung in der geschilderten Situation rechts abbiegt, ohne einen Radfahrer zu berücksichtigen, ist man sofort durchgefallen.


  9. […] Rechts an der Autoschlange vorbei […]


  10. @ mdarge (71):

    Als Radfahrer wünschte ich mir schon, dass schikanöses sinnfreies „Dichtmachen“ klar als regelwidrig sanktioniert wäre. Mich würde es allerdings ehrlich überaschen, wenn dies jemals als Ordnungswidrigkeit geahndet würde, obwohl dies m.E. rechtlich durchaus vertretbar ist. Das ein solches Verhalten tatsächlich als Nötigung verfolgt würde, kann ich mir angesichts der Rechtsprechung zu § 240 StGB im Allgemeinen und gegenüber Radfahrern im Speziellen beim besten Willen nicht vorstellen, auch wenn Ihre Ansicht mir nicht völlig unvertretbar erscheint.

    Allerdings befürworte ich grundsätzlich eine eher restriktive Auslegung des Nötigungstatbestandes, dass muss ich dann auch gegen mich gelten lassen, wenn ich zufällig von einer extensiven Auslegung profitieren würde.

 

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