‹ Alle Einträge

134.000 Kilometer durch ganz Europa

 
© Andreas Thinius
© Andreas Thinius

Es begann im Jahr 2002 mit einer Abfindung. „Andere kaufen sich davon ein Haus“, sagt Andreas Thinius. Der IT-Berater nutzte das Geld, um Europa mit dem Rad zu entdecken – die Erfüllung eines persönlichen Traums. Thinius bereiste drei Jahre lang den Kontinent in alle Himmelsrichtungen. Rund 63.000 Kilometer fuhr er in der Zeit.

Inzwischen sind es fast 134.000 Reiseradkilometer geworden, in den vergangenen zwölf Jahren. Für Thinius nur eine sechsstellige Zahl. Wichtiger sind ihm die Menschen, die er unterwegs kennenlernt, und die unterschiedlichen Regionen Europas.

Die Reisen sind der Dreh- und Angelpunkt in seinem Leben. Thinius lebt genügsam, mag es, wie ein Nomade jeden Tag weiterzuziehen, draußen zu leben, zu zelten und mit purer Muskelkraft die Welt zu entdecken. Radfahren gehörte seit jeher zu Thinius‘ Leben. Bereits als Kind fuhr er mit seiner Familie in den Sommerferien mit dem Fahrrad in den Urlaub.

Dieses Jahr ist er von Warschau über Weißrussland bis Moskau und Samara geradelt. Als Erholungstrip hat er anschließend eine Tour durch Norwegen, Schweden, Finnland, Estland, Lettland und zurück nach Schweden drangehängt. Seine Reisen dokumentiert er ganz exakt auf seiner Website cycleguide – seinem individuellen Radroutenplan für Europa.

Sein Fahrrad hat Thinius 1992 gekauft. Zehn Jahre später hat er es mit einen Nabendynamo und hydraulischen Bremsen aufgerüstet. Nachdem eine Fluggesellschaft den Rahmen beim Transport ruiniert hat, baute er sämtliche Teile an den Ersatzrahmen. Zweimal ließ er seitdem den Rahmen schweißen.

In der heutigen Zeit ist das ungewöhnlich. Andere Langzeitreisende haben Sponsoren, die sie regelmäßig mit neuen Rädern, Taschen und Ausrüstung versorgen. Thinius will keine Geldgeber. Der mittlerweile selbstständige IT-Berater finanziert seine Reisen selbst. Das findet er besser, als ständig fotografieren oder seine Reisen via Video dokumentieren zu müssen, als Gegenleistung für das Sponsoring. Er erlebt die Welt lieber unmittelbar statt über das Display seiner Kamera.

So wie den Abend seines 42. Geburtstags. Thinius fuhr mit 15 km/h über eine Landstraße, als plötzlich 100 Meter vor ihm ein Elch auf der Straße stand. Sein erster Elch in freier Wildbahn. „Ich verfiel regelrecht in eine Schockstarre“, beschreibt er den Moment. An fotografieren war nicht zu denken. Stattdessen beobachtete er gebannt das massige Tier, wie es langsam nach rechts in den Wald trottete.

Russland heute einfacher zu erradeln

Die Nordeuropa-Tour war das beschauliche Kontrastprogramm zu seiner Russlandreise vier Wochen zuvor. Er fand sie anstrengend. Dabei war sie für ihn fast ein Heimspiel – Thinius war schon fünf Mal in Russland. Allerdings nie auf denselben Straßen. Thinius fährt keine Strecke zweimal. Bevor er sich mit seinem Rad auf vertrauten Asphalt begibt, steigt er lieber in Bus oder Bahn, um zügig auf neue Wege zu treffen.

Russland hat sich verändert, sagt Thinius. Das Land ist heute einfacher zu bereisen als Jahre zuvor. „Die Akzeptanz im Straßenverkehr gegenüber Radfahrern wächst“, sagt der Radtourist. Jahrelang war er ein Exot auf der Straße. Oft wurde er unterwegs von Polizisten angehalten, die seinen Ausweis kontrollierten. In den einfachen Hotels, in denen er sich für fünf bis sechs Euro pro Nacht einquartierte, fragte man ihn regelmäßig, ob er ein Spion sei. Das war dieses Jahr anders. Niemand behelligte ihn mit derlei Fragen.

Thinius wollte unbedingt nach Russland, um die Stimmung der Menschen im Land zu erspüren. Radfahren ist dafür gut geeignet. „Du bist ganz nah an den Menschen dran und nimmst deine Umgebung mit allen Sinnen auf“, sagt er. Er übernachtete oft bei Russen, die über Couchsurfing Unterkünfte anbieten. Seine Versuche, mit ihnen über die Weltpolitik zu sprechen, wiegelten sie meistens ab. Dennoch fand er es wichtig, dort gewesen zu sein. „Die Russen sind ein sehr liebevolles und gastfreundliches Volk. Als radreisender Fremder ist man in Russland sehr willkommen“, sagt Thinius.

Seine Gastgeber sprachen Englisch. Doch das war die Ausnahme. In der Regel sprechen die Menschen russisch und schreiben kyrillisch. Ein paar Brocken versteht und spricht Thinius mittlerweile, aber meist verständigt er sich mit Händen und Füßen. Das macht das Navigieren und Einkaufen zeitweise schwierig. Speziell auf dem Land, wo Thinius am liebsten unterwegs ist.

© Andreas Thinius
© Andreas Thinius

Die offiziellen Eurovelorouten meidet er. Das Fahren auf breiten, ausgebauten Radwegen entlang von Bett&Bike-Hotels findet er langweilig. Für ihn ist das Radurlaub – er versteht sich aber als Radreisender. In Russland war er die meiste Zeit auf abgelegenen Routen in der Nähe der Wolga unterwegs.

Dazu muss er seine Routen allerdings akribisch planen. Jede Tagesetappe misst etwa 100 Kilometer, und Thinius sucht die ideale Mischung aus Natur, Kultur und Einsamkeit. Ein toller Gebirgspass, ein alter Dom und ein Badesee auf einer Tour machen den Tag zum Erlebnis.

Ruhetage gibt es auf seinem Plan nicht. Auf einer Tour hat er einmal einen Pausentag pro Woche eingelegt. Völlig überflüssig. „Ich kann das nicht“, sagt er. Am Mittag saß er wieder im Sattel und fuhr weiter. „Ich setze mich gerne hin und spüre die Atmosphäre.“ Aber um die Stimmung mit allen Sinnen aufzunehmen, reicht ihm oft eine Stunde. „Mich reizt eher die Vielfalt als die Tiefe“, sagt er.

79 Touren hat er bisher auf seiner Website gelistet. Sein Ziel ist es, ein europaweites Radreisenetz aufzubauen mit Routen, die andere Reisende nachfahren können. Die einzelnen Etappen sind mit Kilometer- und Höhenangaben versehen, Fotos illustrieren die Route.

Häufig fragen ihn seine Leser, warum er nicht die ganze Welt bereist. Thinius sagt dann immer: Weil Europa so ein großartiger Kontinent ist. Weil man auf kleinen Etappen unglaublich viel Kultur und unterschiedliche Natur erleben kann. Ihm reicht das völlig. Für ihn ist sein europäischer Radroutenplan cycleguide sein Lebensjob. Die IT-Beratung läuft nebenbei weiter – Notebook, Smartphone und ein Akkupowerpack hat Thinius stets dabei, um im Notfall seinen Kunden von unterwegs zu helfen.

5 Kommentare

  1.   Henk Engbers

    In deine Erlebnisse erkenne Ich vieles wieder. 100 km am Tag (mindestens), keine Ruhetage ( herrlich: ein Rad zwischen die Beine ), zelten , draussen sein…..
    Bist du schon in Spanien gewesen ? Turkei ?
    Darf Ich empfehlen: USA, von Los Angeles nach New York. In 1987 gemacht, in 6 Wochen. Unvergesslich. Aber Europa…verstehe..

  2.   Waschbaeren

    beneidenswert!


  3. „Auf einer Tour hat er einmal einen Pausentag pro Woche eingelegt. Völlig überflüssig. “Ich kann das nicht”, sagt er.“

    typisches suchtverhalten, kenn ich auch von mir, nur bei weitem nicht so ausgeprägt. ein tag ohne rad ist fürs gemüt schon fast ein verlorener.

    schöne seite, weiter so und möge der gott der kniegelenke mit dir sein.

  4.   Alex

    Endlich mal jemand der nicht bis China, Neuseeland oder Chile fahren muss um zu verstehen das der Weg das Ziel ist und der beginnt vor der Haustür. Bin selbst begeisterter Radreisender der mindestens einmal im Jahr die Alpen überqueren muss und trotzdem noch nicht alles dort gesehen hat. Sogar dieses Gebirge scheint unendlich groß und wird nie langweilig sobald man sich Zeit lässt und es gegeht oder beradelt.

  5.   Ralf Mertens

    Hallo, ich kann Deine Empfindungen zu 100% nachvollziehen. Ich komme gerade von meiner Alpentour zurück, die ich das erste Mal alleine gefahren bin.
    Alleine fahren hat einen besonderen Reiz. So lernt man erst die Leute aus der Region kennen, wenn man sich verständigen kann. Wäre schön, wenn Du mir mal schreibst. Ich wünsche Dir immer Luft in den Reifen – Gruß Ralf aus dem Hamburger Umland.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren