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Stadt steigt um: Rad und Bahn im Trend

 

Bundesweit ist das Auto weiterhin die erste Verkehrsmittel-Wahl für die meisten Deutschen. Das Fahrrad gewinnt allerdings an Bedeutung und in den Metropolen nutzen die Menschen häufiger Bus, Bahn und Fahrrad als den Pkw. Diese Ergebnisse stammen aus einer repräsentativen Forsa-Umfrage, die im Auftrag von Allianz pro Schiene, dem Fahrradclub ADFC, dem Bundesverband CarSharing und der Verbraucherzentrale Bundesverband erhoben wurde.

Wer wie unterwegs ist, bestimmt der Wohnort. In kleinen Gemeinden fahren 91 Prozent der Befragten Auto, in den großen Städten sind es zwischen 69 und 78 Prozent. Berlin und Hamburg sind Vorreiter bei dieser Entwicklung. Die Bewohner der beiden Stadtstaaten nutzen der Umfrage zufolge (hier zu finden) zu 90 Prozent den öffentlichen Personennahverkehr und nur noch zu 60 Prozent das Auto.

In Berlin kommen zudem überdurchschnittlich viele der Befragten komplett ohne Pkw aus. Sie sind ausschließlich mit dem Fahrrad sowie mit Bus, S- und U-Bahn unterwegs. Das leuchtet ein – nicht nur, weil in dicht besiedelten Räumen die Parkplatzsuche zur täglichen Qual wird. Je attraktiver der ÖPNV ist und je besser vernetzt mit anderen Mobilitätskonzepten, desto überflüssiger wird es, Auto zu fahren.

Wer häufig mit dem Rad unterwegs sei, steige unterwegs auch überdurchschnittlich häufig in Bus und Bahn, heißt es dazu in der Umfrage. Der Umstieg wird von einigen Städten und Kommunen unterstützt. In Hamburg beispielsweise ist die Fahrradmitnahme in S- und U-Bahn kostenlos. Allerdings nur außerhalb der Stoßzeiten. Zu den Hauptverkehrszeiten müssen Fahrräder draußen bleiben. Das schränkt viele Pendler ein.

Hier setzt das Tern Verkehrsprojekt an, das seit 2012 existiert. Die Idee ist, Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel zu einer lückenlosen Mobilitätskette zu kombinieren. Tern ist ein taiwanesischer Fahrradhersteller; sein deutscher Vertriebspartner Hartje bietet in einer Reihe von Städten gemeinsam mit den jeweiligen ADFC-Landesverbänden und den lokalen Verkehrsverbünden ein preisreduziertes Faltrad-Sondermodell zum Kaufen oder Mieten an.

Da Falträder zusammengefaltet als Gepäckstück gelten, dürfen sie jederzeit in Bus und Zug mitfahren. Außerdem braucht man für sie keine Fahrradkarte lösen.

Noch keine „dritte Säule“

Eigentlich kann man das Tern-Projekt nur als ersten Schritt verstehen. Die Kombination von Fahrrad und ÖPNV birgt noch viel Potenzial, insbesondere für Pendler. Allerdings müssen dazu die Städte und Kommunen Lösungen für die Fahrradmitnahme in den Stoßzeiten finden.

Im Bundesdurchschnitt liegt das Fahrrad mit 68 Prozent auf Platz drei der häufig genutzten Verkehrsmittel. Der ÖPNV schneidet mit 70 Prozent geringfügig besser ab. Außerdem waren die befragten Radfahrer in Städten mit 20.000 bis 100.000 Einwohnern häufiger mit dem Rad unterwegs als im Vorjahr. „Das Fahrrad hat sich hinter dem Auto und dem öffentlichen Verkehr als die dritte große Säule der Alltagsmobilität etabliert“, sagt Burkhard Stork vom ADFC zu den Nutzerzahlen.

Ich bin da etwas skeptisch. Zweifelsohne fahren mehr Menschen Fahrrad. Radfahren wird attraktiver – sowohl vom Komfort und der technischen Ausstattung der Räder als auch in einigen Regionen in Bezug auf die Infrastruktur. Aber momentan ist das Fahrrad nach meinem Verständnis noch weit davon entfernt, als gleichwertiges Verkehrsmittel wahrgenommen zu werden. Weder von Politikern noch von vielen Verkehrsteilnehmern.

Das ist aber Voraussetzung, sofern es als „dritte Säule der Alltagsmobilität“ durchgehen soll. In den Niederlanden oder Kopenhagen stimmt dieses Bild. In Deutschland nicht. Die Bundesrepublik hat Nachholbedarf.

43 Kommentare


  1. Das Fahrrad ist sicher ein gutes Verkehrsmittel für Menschen die morgens zu einer Arbeitsstelle fahren und abends zurück – bei trockenem Wetter. ganzjährig wird es in Deutschland nicht von sehr vielen Leuten eingesetzt. Ich sehe mich nicht bei Schneematsch oder Regen im dunkelblauen Anzug ins Büro radeln. Mein Arbeitsalltag sieht zudem so aus, daß ich etliche Kundentermine wahrnehmen muß, die nicht in der mit ÖPNV gut versorgten Innenstadt liegen.


  2. @figurenwerk-berlin: Sie haben Recht. Manche Sachen sind sehr kleinlich (und dämlich).
    Aber es geht mehr um das Gros der Fotos. Da wird nämlich sehr schön deutlich, welche Akzeptanz Radfahrer für Autofahrer haben. Nämlich 0!
    Auch ein Lieferwagenfahrer kann sein Fahrzeug so stellen, dass er nicht den Radweg blockiert, sondern den Fahrweg.
    Aber dann gibt’s Mecker von den Autofahrern und, wenn er Pech hat, ein saftiges Knöllchen. Auf’m Radweg kostet nur ein paar Euro.

    In Berlin gibt es das Problem tatsächlich nicht (jedenfalls nicht in Mitte oder Wedding). In HH aber schon. Hier fallen mir spontan zwei Ecken ein, in denen man als Radler weiträumig um eine Kreuzung herum geführt wird (natürlich nicht Ampelfrei, sonst wär’s ja doof ;-) was dazu führt, dass Radler dort regelwidrig und gefährlich die Straßenseite wechseln.
    Für Fußgänger gibt es eine Unterführung. Wenn ich mein Faltrad dabei habe, ist das kein Problem aber mit einem schweren Tourenrad würde ich mich nicht gerne durch die Unterführung abschleppen wollen.

  3.   Landauer

    Da ich dieses Jahr zweimal in Hannover war möchte ich mich als Südländer auch noch äußern. Mein erster Besuch fand Ende Februar statt. Ich war mit dem ICE und somit ohne Rad angereist. Wäre nicht schlecht gewesen, wenn ich ein TERN-Faltrad dabeigehabt hätte – natürlich gibt es auch das gute nextbike-Angebot. In unserem Verkehrsverbund (VRN) wird jetzt neben den beiden TERN Modellen noch ein Vitali-Elektro-Faltrad angeboten. Die Meinung – entweder Rad fahren oder ÖPNV- finde ich auch etwas schräg. Jedenfalls konnte ich auch im Februar den Maschsee gut zu Fuß umrunden und die Herrenhäuser Gartenanlage mit ÖPNV erreichen. Im Juli war ich mit DB-Sommer-Spezial mit IC – somit mit Rad nach Bremen gereist um von dort nach H zu radeln. Warum möchten Radler im ÖPNV ihr Rad mitnehmen, doch alleine schon deshalb, weil es unsicher ist ob sie nach der Rückfahrt am Bhf. ihr Rad noch unbeschädigt antreffen. Da hilft z.B. so eine gute Einrichtung wie die Radstation in H direkt am Bhf. Ein Euro kostet die Tagekarte. Zusammengefasst in H. lässt sich nicht nur gut leben sondern auch gut Rad fahren. Auch wenn es auf Dauer für uns Südländer etwas zu flach in der Tiefebene liegt, aber das ist ja nun wieder ein Vorteil beim radeln.

  4.   MorkVomOrk

    @#15
    Lieber alvorportugal,
    du schreibst dass die Ampelschaltungen mit 15-18 km/h zu langsam sind und regst Dich gleichzeitig über die „Raser“ auf, welche mit 25-35 km/h fahren.
    Fährt man ca. halbe Kfz-Geschwindigkeit, reduziert sich die Anzahl der roten Ampeln bei einer Grüne-Welle-Schaltung schon einmal. Und warum muss man auf dem Rad einen Heim tragen ? Man kann auch schnell fahren ohne zu rasen und wenn man fahren kann, ein Auge für den Verkehr hat, benötigt keine Plastikkappe.
    Lieber verhindere ich Unfälle durch Voraussicht als, dass ich mich auf einen Helm verlasse.

  5.   Morchel

    @rt
    Schön, dass Ihnen Hannover gefällt. Ich verstehe auch nicht, dass die Stadt den Ruf hätte, nichts bieten zu können. Aber durch die ganzen Grünflächen ist das Leben hier auf jeden Fall schöner als in anderen Großstädten (Hannover gilt schließtlich auch als grünste Großstadt Deutschlands).

    Leider ist es auch in Hannover nicht so unaufgeregt und lässig, wie sie es erlebt haben. Im Auto oder auf dem Fahrrad herrscht hier leider eine sehr aggressive Stimmung, wird viel gehupt und Rücksicht ist auch nicht immer gefragt.

  6.   Morchel

    @phocs
    Fahren Sie selbst überhaupt wirklich Fahrrad? Vermutlich nicht, sonst würden sich sich nicht über manch eine Umbauten ärgern, die die Situation von Radfahrern von unglaublich besch… bescheiden wenigstens etwas verbessert haben. In manchen von ihren genannten Straßen bin ich zu selten unterwegs um dort wirklich ein Urteil zu bilden, aber die Sallstraße zum Beispiel war vor ihrem Umbau ein Graus. Schlechter Belag und viel zu eng an parkenden Autos. Fußgänger hatten auch extrem wenig Platz. Nun ist es für alle ein wenig besser aufgeteilt. Optimal aber nicht, aber die Straße hat auch nur 20m von Hauswand zu Hauswand. Das ist nicht viel. Mehr als die Hälfte der Fläche wird dem KFZ zugesprochen, der Rest muss sich der Radfahrer und Fußgänger teilen. Der Radweg ist etwas breiter geworden, man fährt aber immernoch im Türbereich der parkenden Autos. Der nicht umgebaute Teil der Sallstraße ist imemrnoch furchtbar und teils sehr gefährlich für Radfahrer (der Radweg ist kaum einsehbar) und durch die vielen vielen Fußwegparker und Kreuzungsblockierer wird es nicht besser.
    In Hannover allgemein werden auch an Ampeln sehr häufig Radfahrer benachteiligt. Müssen sich sehr oft eine Phase mit Fußgängern teilen. Gibt einige Ampeln, wo die Grünphase zum geradeaus fahren locker 10 bis 15 Sekunden früher für Radfahrer und Fußgänger beendet wird als für geradeausfahrende KFZ. Gerne bekommen auch Rechtsabbieger eine eigene Grünphase.
    Am schönsten sind die Ampelschaltungen, wenn ein Bus sich priorität schaltet. Selbst dort, wo sie geradeaus fahren, bleiben für Radfahrer und Fußgänger die Ampeln rot. Obwohl die Grünphase für die Fahrbahn doch relativ lang ist.
    Und sind sie schonmal mit dem Fahrrad die Hildesheimer oder Vahrenwalder lang gefahren. Während der KFZ je Richtung 2 bis 4 Spuren erhält, muss sich der Radfahrer auf einem 80cm benutzungspflichtigen Weg rumplagen, der holperig ist, unübersichtlichtlich und man prinzipiell Angst haben muss gegen eine sich öffnende Autotür zu fahren.
    In Hannover mag in den letzten Jahren einiges für Radfahrer gemacht worden sein, manchmal vielleicht ein wenig zu Lasten des KFZ, aber nie soweit, dass der Radfahrer bevorteilt wird (abgesehen von ein paar Fahrradstraßen), aber es für ihn zumindest einigermaßen akzeptabel ist.

  7.   rt

    @phocs # 7
    Ich war vor kurzem in Hannover – mit dem Zu.
    Hatte dort beruflich zu tun, habe mir allerdings ein paar Stunden reserviert, um die Stadt ein wenig kennen zu lernen.
    Angenehm überrascht war ich von der Unaufgeregtheit und Lässigkeit des Verkehrstreibens dort – vielleicht auch mitbedingt durch die nicht wenigen Radfahrer. Ich war übrigens zu Fuß in der Stadt unterwegs.
    Auch die vielen und großen Grünflächen haben mir imponiert.
    Ich fände es schade, wenn sich eine solche Stadt voll dem Diktat des automobilen Verkehrs unterwerfen würde.
    Sie würde hierdurch eine Menge ihres Flairs einbüßen.

  8.   kleinelch

    @hamburg 1960
    „Sicher ist die Situation in Hh noch unbefriedigend, man muss dem Senat aber zugestehen, dass sich zumindest innerhalb der letzten zwei Jahre viel Positives getan hat. Hamburg hat es spät gemerkt, aber jetzt scheint ein Umdenken eingesetzt zu haben: Schutzstreifen, Fahrradstrassen, Alsterachsen, Rückbau überbreiter Fahrspuren, Tempo 30 zumindest Nachts auch auf Hauptverkehrsstrassen…“

    Auf welcher Hauptstr gilt nachts Tempo 30? Welche Alsterachsen?
    Im Moment ist Wahlkampf. Der Fortschritt besteht darin, dass die Parteien von Grünen bis SPD gemerkt haben, dass man mit Versprechen bzgl Förderung des Radverkehrs Wähler mobilisieren kann.
    Nicht mehr und nicht weniger.

    Aktuell wird in erster Linie geschützte Infra zurückgebaut oder gegen (Park-) Streifen getauscht. Das ist auch, etwas vereinfacht, die „Radverkehrsstrategie“ von SPD, Grünen, ADFC und ADAC.
    Diese unheilvolle Radpolitik, die Kinder von 10 bis 15 Jahren vom Radverkehr praktisch ausschließt und sie daran gewöhnt, auch kurze Strecken mit dem Kfz zurückzulegen, ist alles ander als nachhaltig oder auch nur positiv.
    Das geht aber unter dem Beifall und den Forderungen des ADFC, der Grünen und des ADAC schon seit Jahren so.

    Man könnte fast denken, es handele sich hierbei um ein Programm der Kfz-Lobby, dazu gemacht, verloren gegangene Marktanteile unter den jüngeren Stadtbewohnern mittel- bis langfristig zurückzuerobern (kindliche Prägung aufs Kfz statt aufs Rad, s. Konrad Lorenz).
    Aber das ist natürlich völlig abwegig, denn unsere Parlamentarier von Grüne bis CDU arbeiten ja für uns und nicht für die Autoindustrie, nicht wahr.


  9. Ein Verkehrsmittel wurde hier vergessen. Man kann auch laufen. Gerade in der Innenstadt.

    Ich habe mir bewusst eine bahnhofsnahe Wohnung gekauft und dafür mein Auto abgeschafft, weil ich die ewigen Reglementierungen des Staates, die schlechten Strassen, die unglaublichen Kosten und die neuen asozialisierten Verkehrsteilnehmer bis oben hin satt hatte. Aus meiner Garage kam ich eh nicht mehr heraus, weil die Polizei sich einen Dreck darum kümmerte, wenn ich ständig zugeparkt war. Das gab nur Streit mit der Polizei, nicht mit den Verkehrssündern. Die Polizei verteidigte noch die Falschparker, insbesondere die mit ausländischem Nummernschild. Garage und grosses Auto, da laufen die Polizisten vor Klassenkampf über.

    Ich habe weder bisher das Rad gebraucht, noch Leihwagen, noch Taxi, sondern komme mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und meine Beinen überall hin, wo ich hin wollte. Hat mich selbst erstaunt.

    In Zeiten des Internets sind die Ausserhaus-Aktivitäten, um sich bei der Ingroup wichtig zu machen, eben nicht mehr nötig. Das Einkaufen geschieht ebenfalls über´s Internet. Und die Einkäufe werden mir sogar bis an die Haustür geschleppt. Das nenne ich schöne neue Welt.

    Wenn ich mir eine mal Opernaufführungen angucke, geniesse ich es, mir die Verbindungen herauszusuchen, dann „gestöpselt“ in der Bahn zu sitzen und mich schon mit den von You tube heruntergeladenen Referenzstücken „aufzuladen“. Viel besser als die frühere Hetze per Auto, Stau und aufgebauten Andrenalin mit diesem ständigen leichtem Schweissfilm auf der Haut, der das Charakteristikum modernen gehetzten Lebens ist.

  10.   figurenwerk-berlin

    @plumtree: Bin selbst leidenschaftlicher Radfahrer, habe mir gerade die nette Bildersammlung, die sie verlinkt haben, angeschaut und konnte mir zuweilen ein Grinsen nicht verkneifen: Selbstverständlich finde ich es sehr sinnvoll, unsinnig angelegte oder zugewachsene Radwege sowie darauf parkende KFZ zu veröffentlichen (Dazu mal eine Frage: Warum müssen die betr. Kennzeichen eigentlich verpixelt werden?).
    Aber Baustellen, die ja bekanntlich meist nicht irgendwo anders angelegt werden können, damit des Radlers Weg nicht verstellt wird, zeitweilig parkende Lieferanten (wenn die nicht auf dem Radweg parken, sondern auf der rechten Fahrzeugspur, beeinträchtigen die durch das Ausladen schließlich auch den Radverkehr) und als Höhepunkt ein fast auf dem Radweg kackender Hund, der sich offensichtlich ebenfalls nicht seines schweren Fehlverhaltens bewusst ist – man kann’s auch übertreiben.

    Zitat: „- Gleichzeitig werden Radler gezwungen maximal ungünstige, z.T. völlig unsinnige Umwege zu fahren.“
    Das ist ein Problem, das mich nervt, wenn ich mal mit dem Auto unterwegs bin, aber als Radfahrer? Unsinnige Umwege? Das ist mir neu.

 

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