Lesezeichen
‹ Alle Einträge

Rekordversuch: 365 Tage länger, schneller, weiter

 
Steven Abraham beim Start am 1. Januar 2015 © Phil Whithurst
Steven Abraham beim Start am 1. Januar 2015 © Phil Whitehurst

Das Jahr ist gerade mal 27 Tage alt, da zeigt der Tacho von Steven Abraham bereits 5.035 gefahrene Meilen (8.103 Kilometer) an. Dem Engländer dicht auf den Fersen sind zwei Amerikaner: Kurt Searvogel mit 3.665 Meilen (5.898 Kilometer) und mit Abstand William Ironox Pruett, der 903 Meilen (1.453 Kilometer) auf dem Tacho hat. Searvogel ist ein paar Tage später gestartet als Abraham. Für die drei Männer ist jeden Tag in diesem Jahr ein Rennen: Sie wollen einen alten Langstreckenrekord brechen. Dafür müssen sie in einem Jahr mehr als 120.805 Kilometer Radfahren. Oder mit anderen Worten: drei Mal am Äquator um die Welt.

Die Idee zu dem Langstreckenrekord kam 1911 durch die englische Radsportzeitschrift Cycling Weekly auf. Seitdem wurde er neun Mal aufgestellt; der aktuelle Höchstwert, den die drei Männer jetzt überbieten wollen, ist gut 75 Jahre alt: 1939 fuhr der Engländer Tommy Godwin 75.065 Meilen, eben die oben genannten 120.805 Kilometer.

Den letzten Versuch, Godwins Rekord zu brechen, unternahm 1972 der englische Radsportler Ken Webb. Er wurde mit 129.789 Kilometern sogar ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen. Als jedoch Zweifel an seinen Angaben aufkamen, wurde der Eintrag wieder gelöscht. Seitdem wurde der Rekord nicht mehr ausgeschrieben – bis die Ultra Marathon Cycling Association (UMCA) das Rennen wiederbelebt hat.

Fast scheint es, als ob Abraham und Searvogel nur auf die Herausforderung gewartet haben. Abraham ist seit seiner Jugend Langstreckenfahrer, seit Jahren fährt er regelmäßig Langdistanzen. Für den Rekordversuch hat der 40-Jährige seinen Job gekündigt. Den Großteil der Zeit wird er in England unterwegs sein, gefahren wird jeden Tag. Abraham ist gut vorbereitet, er hat detaillierte Zeitpläne ausgearbeitet. Zurzeit fährt er täglich etwa 299 Kilometer. Wenn die Tage heller werden, will er länger unterwegs sein.

Er hat zwei unterschiedlich lange Varianten vorbereitet, die beide den Godwin-Rekord überträfen: Am Ende des Jahres soll der Tacho entweder 133.310 Kilometer oder 140.221 Kilometer zeigen. Um das zu schaffen, muss er jetzt im Januar täglich 274 beziehungsweise 293 Kilometer fahren – er liegt momentan also gut im Rennen – und sich bis zum Sommer steigern. Außerdem hat er verschiedene Kilometer bringende Langstreckenrennen wie Paris–Brest–Paris (1.200 Kilometer) vorgesehen.

Ein Team von rund einem Dutzend Freiwilligen betreut Abraham in den kommenden Monaten. Sie kümmern sich um seine Ausrüstung, sorgen für Verpflegung, bekochen ihn oder suchen Sponsoren. Außerdem gibt es viele kurzzeitige Helfer, die ihn auf einer Etappe begleiten, Kost und Logis stellen und seine Radkleidung waschen und trocknen, während er schläft.

Viel erwarten dürfen sie dafür nicht. Abraham hat physisch und psychisch einen Knochenjob zu erledigen. Wenn er abends bei seinen Gastgebern einkehrt, ist er müde. Einer dieser Begleiter hat seinen Tag mit Abraham hier recht anschaulich geschildert.

Konkurrenz in den USA

Seit dem 4. und dem 10. Januar sind zwei weitere Anwärter auf den Rekord unterwegs. Der Texaner Pruett liegt mit 1.453 Kilometern derzeit vergleichsweise weit zurück. Searvogel ist in Arkansas unterwegs. Der Ultramarathon-Rennfahrer war als Junge Paperboy, ein klassischer Zeitungsjunge, wie man ihn aus amerikanischen Filmen kennt. Später war er erfolgreicher Wrestler, heute ist er Triathlet, Familienvater, Unternehmer und Langstreckenfahrer. Erst im vergangenen Jahr hat er beim 4.860 Kilometer langen Rennen zwischen US-Ost- und Westküste, dem Race Across America, in der Altersklasse 50 bis 59 Jahre die Kategorie Zweierteam mit einem Mitfahrer gewonnen.

Kurt Searvogel © Kurt Searvogel
Kurt Searvogel © Kurt Searvogel

Für das Rennjahr steht Searvogel eine Person in Vollzeit zur Seite. Außerdem begleiten ihn ebenfalls verschiedene freiwillige Helfer, unter anderem seine Familie. Wie Abraham plant der Amerikaner im Laufe der kommenden Monate, wenn die Tage länger werden, Geschwindigkeit und Fahrzeit zu steigern. Allerdings will er stets nach sechs Tagen einen Ruhetag einlegen. Neben anderen Rennen plant er im Juni wieder am Race Across America teilzunehmen.

Der Rekordhalter Godwin hatte während seiner Fahrt vor 75 Jahren einen versiegelten Meilenzähler am Fahrrad. Außerdem musste er seine täglichen Touren aufzeichnen und sie von Zeugen unterschreiben lassen. Zur weiteren Kontrolle waren an bestimmten Punkten Schiedsrichter postiert.

Heute müssen die Fahrer jede Strecke mit einem aktiven Livetracking-Gerät permanent aufzeichnen. Außerdem sollen sie laut UMCA-Regelwerk mit einem Aufnahmegerät und über die Radfahr-App Strava ihren Routenverlauf, die Geschwindigkeit, Steigungen und Gefälle sowie die Herzfrequenz dokumentieren. Die UMCA-Vorsitzenden müssen täglich innerhalb von 24 Stunden nach Abschluss der Fahrt auf diese Daten zugreifen können. Weitere Beweise wie Zeugen, die die Fahrer kontrollieren, aber auch Fotos, die die Fahrer machen, sowie kurze Videoclips sind von der UMCA gerne gesehen.

Ohne eine engagierte Helfer-Crew ist so ein Programm nicht zu schaffen. Die Fahrer müssen sich voll und ganz auf ihren Job konzentrieren können: Rad fahren, zwölf bis achtzehn Stunden am Tag, bei jedem Wetter. Die größte Herausforderung, sagt Abrahams Pressesprecher, sei gesund zu bleiben, sich nicht zu verletzen sowie nicht zu stürzen. Vor den dreien liegt eine enorme mentale und körperliche Ausdauerleistung. Abraham erfüllt sich damit einen Lebenstraum – er möchte den Rekord brechen, seit er 15 Jahre alt ist.

Über Strava kann man die Strecken der drei hier verfolgen.

14 Kommentare


  1. @Icke Ducke
    Ich lese und kommentiere auch weiterhin Artikel, die meine Meinung nicht 1:1 widerspiegeln. Kommunikation sollte sich nicht in bloßer Affirmation erschöpfen, das meine ich jedenfalls.
    Übrigens trägt die Kritik, wenn sie auch für Sie selbst und nicht nur für Andere gelten soll, einen Widerspruch in sich selbst:
    Ich darf zitieren:
    „Wen gewisse Artikel [resp. Kommentare] nicht interessieren, gar stören, der darf gern wegsehen. Niemand ist gezwungen, hier zu lesen,“

  2.   Lars Amenda

    Das, was Steve Abraham und Co. da derzeit machen, ist natürlich schon extrem. Es ist aber nicht extrem im Sinne des gesponserten Extremsports, wo es um Action, Event und Vermarktung geht. Das Langstrecken-Fahren auf dem Fahrrad hat einen ganz eigenen Reiz. Langstreckenfahrer benötigen auch kein Doping, da der Körper irgendwann dem Fahrer hilft und körpereigene Drogen ausschüttet (Endophine). VIelleicht sollte der eine oder andere das einafch einmal ausprobieren. Aber Obacht: es kann süchtig machen …

    Mit dem Fahhrad kann man gut Bötchen holen und im Sommer als Genussradler eine kleine Runde drehen. Der Mensch auf dem Fahrrad kann aber auch Grenzen überschreiten. Die ersten Radrennen, wie Paris-Brest-Paris (1200km), sollten im Übrigen genau dies dokumentieren und halfen auf diese Weise dem Siegeszug des Fahrrads um 1900.

    Lars Amenda
    http://www.altonaer-bicycle-club.de/


  3. Wenn das Fahrrad als Verkehrsmittel des Alltags genutzt wird, kommen auch so 5.000 bis 10.000 km zusammmen. Wäre viel wichtiger, wenn Viele das machen würden.

  4.   Stephan Schulz

    Es ist ein Projekt was wohl nicht jeder mensch bewältigen kann. Hierzu gehört nicht nur Ausdauer und Mut.
    Vielmehr geistig fit und kompromisslos muß man sein.
    Ob das Sport ist oder nicht sei dahin gestellt.
    Für die einen Unbegreiflich und Wahnsinn, für die anderen ein Überlebenstraining.
    Die Grundlegung für solch ein Projekt funktioniert nur mit einem sehr sehr guten und willensstarkem Team was sich Tag und Nacht um den Fahrer kümmert.
    Ich wünsche hierbei viel Erfolg, Kraft, Mut, Ausdauer und Willensstärke da ich mir in etwa vorstellen kann was hier geleistet wird, und weil ich doch auch einige Kilometer im Jahr fahre.

 

Kommentare sind geschlossen.