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Erwachsen werden mit Jacques Anquetil

 

Anquetil Cover

In rund fünf Wochen beginnt die Tour de France. Wer sich schon mal darauf einstimmen möchte, sollte Anquetil – mit Leib und Seele lesen: ein feines Stück Radsportgeschichte zwischen Fiktion und Realität. Paul Fournel hat über den fünffachen Tour-Sieger Jacques Anquetil geschrieben, den Ausnahme-Radsportler seiner Kindheit. Er war Fournels großes Vorbild, dem er als kleiner Junge über Jahre nachgeeifert hat.

„Sein Pedaltritt war zu schön, um wahr zu sein. Er gaukelte Leichtigkeit und Anmut vor, er gaukelte Höhenritt und Wiegetritt in einer überwiegenden Männerdomäne vor, die Holzfäller, Pedalrittern und Arbeitstieren vorbehalten war. …. Wie keinem anderen war ihm das Rennrad auf den Leib geschneidert, nie zuvor war diese Einheit Mensch–Maschine ästhetischer.“

Bereits auf den ersten Seiten stellt Fournel Jacques Anquetil als Ausnahmetalent vor und unterstreicht das mit Zitaten von Radsportkollegen wie von Cyrille Guimard.

Zugleich mildert er die Begeisterung für das Idol aber etwas, indem er den jungen Paul Fournel erzählen lässt. Den Knaben, der sämtliche Fotos und Zeitungsausschnitte, die er über den Franzosen ergattern konnte, fein säuberlich in Hefte klebte und so lange studierte, bis er sie fast auswendig konnte. Dieser Junge darf uneingeschränkt von seinem Vorbild schwärmen – je älter der Erzähler Fournel wird, umso kritischer betrachtet er Anquetil und bringt damit die anfängliche Schwärmerei und die Realität wieder ins Gleichgewicht.

Doch der Junge fühlt sich dem aufstrebenden Radsport-Star sehr nah, und als Leser begleitet man ihn gern. Er beschreibt den Besuch Anquetils bei dessen Lieblingschampion Fausto Coppi am Anfang seiner Laufbahn, als ob er dabei gewesen wäre. Bei diesem Besuch zeigt sich, wie Anquetil tickt und was er will. Er schlägt Coppis Angebot aus, in sein Team einzutreten und trifft stattdessen eine andere Entscheidung: „… um selber der campionissimo zu sein, muss er ihn vor allem besiegen und seinen ewigen Stundenrekord auslöschen. Er entscheidet sich für den Kampf.“

Als Anquetil Coppis Bahnrekord bricht, legt Fournel einen weiteren Charakterzug Anquetils offen: „Anquetil jubelt nicht. Jubeln liegt ihm von Natur aus nicht, und er wird sich nicht verbiegen. Gewiss, er ist glücklich, doch er bedauert es eher, den Rekord auf Anhieb derart hochgeschraubt zu haben. Geplant war das nicht. Er hätte ihn lieber scheibchenweise, sprich Salamitaktik gebrochen, um jedes Mal die Prämie zu kassieren.“

Anders als andere Sportler hat Anquetil nicht behauptet, dass er das Radfahren liebt. Er konnte es einfach besonders gut. Ihm bot der Sport die Chance, sich seinen Traum vom Leben im Luxus zu erfüllen. Anquetil lebte in einem Schloss und aß auch mal gerne Austern vor dem Rennen. Allerdings wollte er auch unbedingt gewinnen, und das ging in seinen Augen nur mit Doping. Offen gab er zu, dass er Amphetamine nahm.

Fournel schildert dazu eine interessante Begebenheit. Anquetil und Ercole Baldine treffen bei einem italienischen Zeitfahren aufeinander. Die beiden ebenbürtigen Fahrer kennen sich gut und wissen, dass sie bei diesem Rennen die Plätze eins und zwei untereinander ausmachen werden. Am Vorabend beschließen sie aus einer Laune heraus, nur mit „Mineralwasser“ zu fahren. „Wir nehmen kein Amphetamin, kein gar nichts.“ Die beiden halten sich an ihre Abmachung. Sie siegen, sind aber bedeutend langsamer als in den Vorjahren und leiden wie nie beim Fahren. „Das machen wir nie wieder“, versprechen sie sich völlig demoralisiert im Ziel.

Diese Episode nimmt der Ära das Pathos. Doch Radsport lebt von den Geschichten des Leidens und den unglaublichen Leistungen seiner Protagonisten. Und Anquetil passt gut in dieses Schema. Einmal fuhr der Wahnsinnige die achttägige Rundfahrt Dauphiné de Libéré und brach direkt von dort zum rund 600 Kilometer langen Radrennen Bordeaux–Paris auf. Eine Polizei-Eskorte begleitete Anquetil zum Flughafen. Dort wartete ein Flugzeug, das General de Gaulle ihm zur Verfügung gestellt hatte, damit er es überhaupt pünktlich zum Start in Bordeaux schaffte.

Der Autor ist mit seinem Idol erwachsen geworden. Jahrelang hat ihn Anquetil aus der Ferne begleitet und geprägt. Der Leser begleitet Fournel auf dieser verwobenen Reise und erhält so viele interessante Momente mit dem Radsportler Anquetil. Das Buch ist eine wunderbare Einstimmung auf die kommende Tour.

Paul Fournel: Anquetil – mit Leib und Seele. Egoth Verlag, Wien, 160 Seiten, 19,90 Euro

2 Kommentare

  1.   Torsten

    Danke für diese Buchrezension! Ich warte schon gespannt auf die Tour!

  2.   Riktam

    »Einmal fuhr der Wahnsinnige die achttägige Rundfahrt Dauphiné de Libéré und brach direkt von dort zum rund 600 Kilometer langen Radrennen Bordeaux–Paris auf.«

    Er gewann auch beide Rennen!

 

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