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Parkplatz zum Klönen

 
Am Parking Day wird der Parkplatz zum Klön-Platz
Park(ing) Day 2014 in Berlin © Birgitte Martin

Am Freitag werden wieder überall auf der Welt Menschen Autoparkplätze zeitweise umwidmen. Dort, wo sonst stundenlang Autos (kostenpflichtig) herumstehen, spielen dann Erwachsene Schach und Kinder mit Spielzeug. Es wird geklönt, und die Passanten werden über die Beweggründe des sogenannten Park(ing) Days informiert.

Die Aktivisten wollen auf einen Missstand hinweisen: Fast den ganzen Tag über stehen leere Autos in der Stadt herum und blockieren die schönsten Plätze zum Sitzen, Spielen und Flanieren. Laut einer Untersuchung der Bundesregierung, Mobilität in Deutschland, von 2008 parkt jedes Auto im Schnitt 23 Stunden am Tag. Diese Verschwendung von begrenztem Raum ist absurd, aber so etabliert und alltäglich, dass kaum jemand diesen Zustand hinterfragt.

Dass Autos in der Stadt fahren und auch parken sollen, steht außer Frage. Das Ausmaß ist allerdings kritisch. Inzwischen sind so viele Pkw in der Stadt unterwegs, dass sie sich gegenseitig das Fahren und Abstellen schwer machen. Staus sind an der Tagesordnung, ebenso wildes Parken und das Halten auf verbotenen Wegen.

Der Verkehrsaktivist Heinrich Strößenreuther hat im vergangenem Jahr mit Studierenden der Berliner Best-Sabel-Hochschule 200 Berliner Straßen vermessen. Das Ergebnis: Drei Prozent der Verkehrsflächen waren für Radfahrer vorgesehen und 60 Prozent für Autofahrer.

Diese Verteilung entspricht nicht mehr den heutigen Bedürfnissen und dem Verkehrsverhalten der Stadtbewohner. Der Anteil der Radfahrer in den Städten wächst stetig, und nach dem Willen der Bundesregierung soll das auch so weitergehen.

Jochen Knoblach hat im vergangenen Monat in der Berliner Zeitung eine interessante Rechnung aufgestellt, die das Platzproblem auf den Straßen in der Hauptstadt wunderbar illustriert:

„Gesteht man jedem der 1,1 Millionen Berliner Autos sechs Meter Platz zu, ergibt sich eine Autoschlange von rund 7.000 Kilometern, was fast der Entfernung Berlin–Peking entspricht. Das Problem: Das öffentliche Straßennetz der Hauptstadt hat nur eine Gesamtlänge von 5.419 Kilometern, und die Berliner Autos sind in der Stadt nicht allein. Man könnte also allein mit den Berliner Autos zwei Drittel aller öffentlichen Straßen beidseitig zuparken.“

Anschaulicher kann man das Problem nicht darstellen: Berlin ist voll, wie viele andere Städte weltweit.

Park(ing)Day Berlin 2014 © Birgitte Martin
Park(ing) Day in Berlin 2014 © Birgitte Martin

Vor zehn Jahren beschloss deshalb eine Gruppe in San Francisco, einen Tag lang Parkplätze in Parks und Cafés umzuwidmen. Mit Kunstrasen, Bänken und Pflanzen verwandelten sie Parkplätze in Raum für Menschen. Ihre Idee fand Nachahmer. Seitdem werden am dritten Freitag im September überall auf der Welt Menschen aktiv – wie etwa ein Video des Park(ing) Days von Anchorage in Alaska zeigt. Die Aktionen zeigen deutlich, wie stark der öffentliche Raum entlang von Straßen und attraktiven Plätzen von Autos bestimmt ist.

Der ökologische Verkehrsclub beim Park(ing)Day 2014 in Berlin© Markus Bachmann
Der ökologische Verkehrsclub beim Park(ing) Day 2014 in Berlin © Markus Bachmann

Auf den ersten Blick wirken die Aktionen einfach nur witzig. Aber sie sind vor allem klug: Manchmal muss man den Menschen zeigen, was möglich ist, damit sie sich den Wandel überhaupt vorstellen können.

Das belegt eindrucksvoll auch die Umgestaltung des Hauptverkehrsknotenpunkts in New York. Im Jahr 2009 wurde der Times Square teilweise in eine Fußgängerzone umgewandelt. Gedacht war es zunächst für kurze Zeit, doch die Menschen wollten den Raum als Fußgängerzone weiterhin nutzen. Sie haben sich für mehr Platz zum Klönen entschieden statt zum Fahren.

Dass auch der Rückbau von Parkplätzen funktioniert, macht Vitoria-Gasteiz vor, die Hauptstadt des Baskenlands. Obwohl die Bevölkerung wächst, reduzierten die Stadtoberen den Autoverkehr und die Parkplätze im Zentrum der Stadt. Mit Erfolg. Nach dem Umbau laden die Straßen wieder zum Flanieren ein, es sind Plätze mit breiten Fuß- und Radwegen entstanden, auf denen sich Menschen gerne aufhalten. So sehen die Städte der Zukunft aus.

Dagegen erscheint die temporäre Umwandlung einiger Parkplätze in Stellplätze für Fahrräder, Fußgänger oder Cafés geradezu harmlos.

23 Kommentare

  1.   Sascha

    „In Deutschland wird auch in 20 Jahren im Winter kaum jemand das Rad nutzen.“
    Das wissen Sie woher? Wir haben seit Jahrzehnten einen kontinuierlich steigenden Radverkehrsanteil. Und auch in München sehe ich im Winter erstaunlich viele Menschen mit dem Fahrrad, jetzt schon. Vielfach „hört“ man noch bis weit in den Sommer hinein Leute mit Spikereifen herumfahren.

    Wenn man natürlich Radverkehrsförderung so betreibt, wie München und andere Städte in Deutschland dies tun, dann sendet man damit auch das Signal „so richtig ernst nehmen wir den Radverkehr nicht“ und erreicht damit vor allem, dass sich viele Leute eben dieser Ansicht anschließen. Die fahren dann im Sommer und bei gutem Wetter mit dem Rad und ansonsten nehmen sie das Verkehrsmittel, welches sie ohnehin noch vorhalten (zu müssen meinen).

    „Nicht jeder (eher kaum einer, Tendenz fallend) lebt 3Km vom Arbeitsplatz entfernt. Bedenken Sie bitte auch dies.“
    Ich lebe 15km vom Arbeitsplatz entfernt, was innerhalb Münchens mit dem Auto auch schwer unter einer Stunde zu fahren ist, besonders zu Stoßzeiten. Aber es wäre ja schon viel gewonnen, wenn einfach diejenigen, die es ohne Probleme können, auf das Fahrrad umsteigen würden. Das sind dann die, die bis zu 7km vom Arbeitsplatz entfernt wohnen. Das entlastet dann nämlich die Straßen, so dass Menschen wie Sie, die auf das Auto angewiesen sind, weniger lange blöd in der Gegend herumstehen. Das sollten Sie vielleicht auch einmal bedenken, bevor Sie sich zu sehr in Ihren Rückzugsgefechten verzetteln.

  2.   SirWriteaLot

    Interessanter Ansatz.
    Da in Berlin kaum jemand einen positiven ROI abliefert, führe ich lieber mal München an. Hier arbeiten viele mit dem Auto.

    Auch ich nutze für private Fahrten in die City übrigens gerne die Bahn. Dennoch muss ich geschäftlich an einem Tag manchmal 3 Leute in 2 Städten besuchen. Das geht nur mit dem Auto.

    Dass es auch sinnfreie Autofahrten in Städten gibt, sehe ich aber auch.

    Es ist eben nicht alles schwarz-weiss.

    Sascha möchte ich antworten, dass Kopenhagen eben nicht München, Nürnberg oder Hamburg ist und auch unter Autostaus leidet.
    In Deutschland wird auch in 20 Jahren im Winter kaum jemand das Rad nutzen.

    Was ich sinnvoll fände wäre eine bessere Anbindung der Vororte und Speckgürtel mit dem ÖPNV. Wir alle bezahlen die S- und U-Bahnen, aber die teure Infrastruktur dafür ist oft zu lang getaktet und liegt nachts brach.
    Warum nutzen wir die autobezogenen Steuereinnahmen nicht für die Einstellung weiterer S-und U-Bahnlenker und für den Ausbau z.B. der Münchner Stammstrecke?

    So würden junge Leute weniger betrunken autofahren, es gäbe vernünftige neue Jobs und weniger Emissionen.

    Sie sehen, ich bon gar kein Betonkopf. Aber ich kann auch nicht täglich 100 – 800 Km radfahren.
    Auch ich möchte eine sichere, saubere und lebenswerte Umwelt für meine Kinder. Aber füttern muss ich sie sie auch.
    Nicht jeder (eher kaum einer, Tendenz fallend) lebt 3Km vom Arbeitsplatz entfernt. Bedenken Sie bitte auch dies.

  3.   kleinelch

    @sir talkalot

    Berlin hat den niedrigsten Kfz-Besitz/Einwohner in Deutschland. (2012: 29%, bei sinkender Tendenz)
    Je höher der Anteil von männlichen Senioren und männlichen sozial Deklassierten oder vom Abstieg Bedrohten in der Bevölkerung, je höher der Kfz-Besitz.

    Diesem Teil der Bevölkerung nahezu 15% der Stadtfläche (Anteil der Verkehrsfläche an der Gesamtfläche Berlins) exklusiv zur Verfügung zu stellen, erscheint ökonomisch zunehmend unsinnig, zumal gerade dieser Bevölkerungsteil ohnehin schon mit einem großen Anteil der gesellschaftlichen Transferleistungen versorgt wird.

  4.   Sascha

    Eine simple Google-Bildersuche nach „cycling copenhagen winter“ sollte eigentlich genügen, um zu erkennen, dass durchaus ausreichend viele Menschen bereit sind, auch im Winter mit dem Fahrrad zu fahren.

    Aber dazu müsste ja die Bereitschaft vorhanden sein, sich mit der Thematik zu beschäftigen, statt sich nur auf Rückzugsgefechte zu konzentrieren.

  5.   SirTalkaLot

    Nun, ein paar Frühpensionäre und Studenten mit zu viel Zeit und Geld gehen dem Rest der Bevölkerung auf die Nerven. Soweit nichts Neues.

    Zunächst schien es im Artikel darum zu gehen, Parkraum zum Sitzen und Flanieren zu benutzen. Dann ließ amn aber schnell die Katze aus dem Sack und zog die Radfahrerkarte. So ist dann auch klar, worum es geht: unverhältnismässige Bevorzugung von einer im Jahresschneitt gesehen verschwindend kleinen Minderheit.
    Oder sehen Sie zwischen November und März eine nennenswerte Anzahl Radfahrer auf den Straßen der deutschen Metropolen?

    ich hoffe, wir überstehen diese Jahrzehnte der Radfahrerideologie wirtschaftlich einigermassen unbeschadet. Bushaltestellen und Radwege lassen sich ja wieder zurückbauen, weg von der Fahrbahn.

  6.   luensch

    Die Argumentation der meisten Kommentatoren ist leider etwas zu kurz gedacht.

    Was richtig ist: unsere Mobilität ist derzeit fast ausschließlich aufs Auto zugeschnitten. Das heißt, für Viele ist ein Auto notwendig um am alltäglichen Leben teilzunehmen. Die Lösung des Problems ist aber nicht, dass möglichst Vielen der Zugang dazu erleichtert werden sollte, damit sie auch daran teilhaben können, sondern das System so umzugestalten, dass die Abhängigkeit reduziert wird! Denn die Folgen, die sich aus noch mehr Autos ergeben, sind genau die, die uns davon so abhängig machen.

    Der grundlegende Sachverhalt ist folgender:
    Die Anzahl der täglichen Wege und die dafür benötigte Zeit hat sich über die Jahrhunderte nicht geändert (vgl. Link unten). Was sich geändert hat, sind die möglichen Geschwindigkeiten. Die Folgen sind, dass sich die Ziele voneinander entfernen und wir gezwungen sind diese weiteren Strecken zurückzulegen.

    Das heißt: Mobilität ausrichten auf Fußgänger und Radfahrer, dann wird sich auch das System wieder danach richten und im Kleineren (mit sämtlichen Vorteilen, vgl. Link) stattfinden.

    Daraus folgt unter anderem auch, das viel mehr Menschen am öffentlichen Leben teilhaben können, z.B. auch alte und junge Menschen, die aus verschiedenen Gründen nichtmehr/nochnicht Autofahren oder Leute die es sich nicht leisten können/wollen.

    Daher ist eine solche Aktion absolut sinnvoll, um den Leuten die so kurz denken, wie die meisten Kommentatoren hier, zu veranschaulichen, dass es auch anders geht (weil es nämlich die meiste Zeit auch anders ging!)

    Wer sich mit dem Mobilitätsgedanken auseinander setzen möchte, sollte mal gut funktionierende Verkehrskonzepte, wie sie in den Niederlanden oder in Dänemark umgesetzt werden, genauer anschauen. Links finden sich auf diesem Blog genug.

    Außerdem empfehle ich, den Vortrag des Prof. Knoflacher einmal anzuhören, dort wird alles ziemlich gut auf den Punkt gebracht:
    http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/wie-sich-staedte-entschleunigen-lassen/-/id=660374/did=11316900/nid=660374/5dntpp/index.html

    Zu dem Argument des „sicheren“ Verkehrsmittel Auto sei gesagt:
    https://www.youtube.com/watch?v=XuBdf9jYj7o sowie http://www.zeit.de/2015/18/flugzeug-fliegen-sicherheit-sicher-stimmts.

    Hier noch ein Link, der die Argumentation des Artikels zum Platzverbrauch durch Autos untermauert: http://clevere-staedte.de/sites/default/files/2014-08-05_Flaechen-Gerechtigkeits-Report.pdf

  7.   nozomi07

    Geniale Aktion, weil sie zum Nachdenken anregt. Viele halten den wahnsinnigen Platzverbrauch der Autos für normal (auch einige Kommentatoren hier).

    Dabei sind die meisten Autos im urbanen Raum überhaupt nicht nötig. Und die Pendler könnten Fahrgemeinschaften bilden, das würde den Parkbedarf halbieren. Aber in jeder 10-Kubikmeter-Kiste sitzt immer nur ein einzelnes Menschlein, und wir finden das „normal“.

    Letztens bei einem Siedlungsfest: Die Anwohner erzählten reihum, wie schön es in ihrer Kindheit war, in der Stichstraße zu spielen, jetzt sei ja leider alles zugeparkt. Ich fragte in die Runde: Wem gehören denn all die Autos? Nun, der Gedanke wurde schnell runtergeschluckt. Dabei reden wir von einer Siedlung mit perfektem ÖV-Anschluss und Supermarkt um die Ecke, wo also fast niemand ein Auto bräuchte.

    Es ist erstaunlich, was der Mensch alles als „Normal“ akzeptiert, wenn er es nur lange genug erleidet. Kritisch Denken ist nicht die Stärke des Homo Sapiens…

  8.   phife

    Ohne den Autos Platz wegzunehmen geht’s leider nicht. Laut Studien ist die durchschnittliche Distanz, die pro Tag in einer Stadt von einem PKW zurückgelegt wird unter 8 Km. Die meisten sind ebenfalls alleine unterwegs. Dazu kommt, dass in viele Großstädten Autos mehr als 60% der Verkehrsfläche nutzen und zu 96% des Tages herumstehen.

    Mehr Flächen für Passanten und Radler, mehr Grünflächen, mehr Platz draußen für die Cafes und Restaurants, weniger Lärm, Schmutz und Gefahren sind überaus positive Dinge, die jedem Menschen ein angenehmeres Stadtleben ermöglichen. Nur leider scheinen das Menschen die oft mit dem Auto unterwegs sind nicht zu verstehen.

  9.   rbtbamf

    Autos sind vor allem deshalb notwendig, weil es keine alternative Individualmobilität gibt, die vergleichbar bequem und sicher ist.

    Warum gibt es diese Alternative nicht? Der Platz dafür sei nicht da, weil das Auto eine bequeme und sichere Individualmobilität darstellt

    Das ist keine Platzfrage – es fehlen die Ressourcen und die Angebote!

 

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