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Kapazitätsmarkt – brauchen wir eine Versicherung gegen den Stromausfall?

 

Der Bundesverband Neue Energieanbieter (BNE) – ein Zusammenschluss von Energieversorgern, die vor allem die Marktmacht der großen vier Stromkonzerne brechen will – hat eine interessante Studie zum Thema „Kapazitätsmarkt“ veröffentlicht. Das Thema wabert seit einigen Monaten durch die Fachwelt und nun wird es konkreter.

Die Idee ist eigentlich recht simpel: Der Anteil von flukturierendem Wind- und Solarstrom wird in den kommenden Jahren steigen – so ist es ja politisch gewollt. Das aber macht den Bau von so genannten Spitzenlastkraftwerken nötig, welche die Schwankungen abpuffern können.  So ein Gaskraftwerk wäre im Ernstfall aber vielleicht nur wenige Stunden am Netz –  so lange, wie eben eine Windflaute dauert oder die dicke Wolke vor der Sonne sitzt.

Wer aber ist bereit, in ein solches Kraftwerk zu investieren, das vielleicht übers Jahr gesehen nur ein paar Wochen am Netz ist? Eigentlich niemand, denn es ist ein gewagtes Kalkül, mit den Erlösen aus dem kurzen Zeitraum den millionenschweren Kraftwerksbau (plus Gewinn) zu finanzieren.

Und hier springt nun der Kapazitätsmarkt ein. Er garantiert den Investoren  eine Prämie für jede produzierte Kilowattstunde jedes bereit gestellte Kilowatt Leistung (Danke für die Anmerkung an den BNE, M.Uken). Sie soll per Umlage von allen Stromverbrauchern finanziert werden. Mit einem Vorlauf von mindestens fünf Jahren soll eine unabhängige Institution die benötigten Kraftwerkskapazitäten ausschreiben, um die sich dann Investoren bewerben können – mit Aussicht auf die Prämie. Wie hoch diese Prämie sein könnte, dazu hat der BNE leider keine Zahlen vorgelegt. Von einer „Versicherung gegen den Stromausfall“ spricht er.

Wichtig ist dem BNE, dass nur neu gebaute Anlagen (Zubauten) an der Auktion teilnehmen dürfen – sonst könnten ja eine RWE oder E.On einfach ein abgeschriebenes Kraftwerk am Netz behalten, mitbieten und die Prämie kassieren.

Es ist ein Thema, bei dem man erst ganz am Anfang der Diskussion ist. Denn natürlich lässt sich auch hinterfragen, ob Deutschland überhaupt den Bedarf an Spitzenlastkraftwerken haben wird. Und ob nicht der Markt das Problem selbst regeln kann – sprich: Hätten wir höhere Strompreise, dann wäre auch der Kraftwerksbau attraktiv.

Was meinen Sie, liebe Leser? Ich weiß, hier im Blog tummeln sich öfter ausgesprochene Energieexperten und ich freue mich über Ihre Kommentare! Brauchen wir eine weitere Umlage? Wer sich noch weiter einlesen will. Hier gibt es die Studie des BNE und einige Referate einer Fachtagung und hier eine Studie des Bremer Energie-Instituts zum gleichen Thema.

39 Kommentare

  1.   Energiewende

    Man kann zur deutschen Industrie stehen wie man möchte, klar ist, dass sie Versorgungssicherheit braucht. Der Privathaushalt (…auch die Zeitungsredaktion) kann wohl damit leben, dass der Bildschirm mal für ein paar Minuten dunkel wird, aber in der Industrie können Stromausfälle äußerst teure Schäden an Maschinen anrichten. Für diese Schäden muss die Industrie selbst haften, denn die Stromlieferverträge sehen – so liest man es zumindest in den Medien – keine Schadensersatzzahlungen vor bei Stromausfall. Notstromkraftwerke zu bauen ist hingegen teuer. Auch müssten diese ja permanent zu hochgefahren sein, dass sie binnen Sekunden anspringen könnten. Wenn jede Fabrik solch ein Notstromagregat kaufen würde – das wäre teuer und würde die Standortbedingungen in Deutschland verschlechtern. Vor einiger Zeit stand bereits im Handelsblatt die Story „Der leise Abschied der Industrie“ (über Google zu finden).

    Somit ist für mich klar: es braucht Reservekraftwerke und diese müssen zentral bereitgestellt und gesteuert werden. Frau Uken stellt nun die Aussage in den Raum: „Und ob nicht der Markt das Problem selbst regeln kann – sprich: Hätten wir höhere Strompreise, dann wäre auch der Kraftwerksbau attraktiv.“

    Nun, wenn ein Gaskraftwerk nur noch ein Viertel des Jahres läuft, dürfte es ziemlich egal sein, ob sie für den Strom dann 6 oder 9 Cent/kWh bekommt. Das Kraftwerk dürfte sich nicht rentieren. Und wer würde dem Investor garantieren, dass das Kraftwerk in fünf Jahren nicht vielleicht nur noch ein Achtel des Jahres läuft? Und wer würde höhere Börsenstrompreise während der Lebensdauer des Gaskraftwerkes garantieren?

    Das Problem liegt aus meiner Sicht auf einer anderen Ebene. Der Ausbau der erneuerbaren Energien erfolgt in Deutschland absolut ungeplant. Wo wird ein Solarkraftwerk gebaut, da wo entsprechender Strombedarf besteht oder da wo es die höchste Rendite verspricht (weil z.B. die Grundstückpreise für den Solarpark besonders niedrig sind)? Letzteres natürlich. Dies führt zu der abstrusen Situation, dass wir in Süddeutschland mittlerweile so viele Solarkraftwerke haben, dass im neuen EEG steht, dass die Kraftwerke abgeregelt werden – und trotzdem Geld für den nicht gelieferten Solarstrom bekommen. Jeder vernünftige Kaufmann würde sagen: gut, wir haben jetzt in Süddeutschland schon genug Ökostrom im Sommer, also lasst uns jetzt Ökostromanlagen in Süddeutschland bauen, die in sonnenarmen Zeiten Strom produzieren, sprich: Windkraftanlagen onshore.

    Wie es politisch in der Praxis läuft: die FDP blockiert regional den Windkraftausbau, die Ortsgruppen tun viel gegen neue Anlagen. Gleichzeitig fordert die FDP Solarstromanlagen auf Ackerflächen wieder zu fördern, besonders in Süddeutschland solle dies geschehen. Gut, es gab hohe Parteispenden der Solarlobby an die FDP. Aber muss man deshalb gleich so unplanmäßig den Ökostromausbau angehen? Es bringt einfach nichts wenn Ökostromanlagen an den falschen Orten gebaut werden. Der Solarbranche ist es egal, sie bekommt ihren Solarstrom subventioniert, auch wenn dieser gar nicht gebraucht wird.

    Eine mögliche Lösung wäre: es gibt jährliche Zubaukontingente für Wind- und Solarstrom. Diese werden auf die Bundesländer bzw. einzelne Regionen verteilt – halt einfach dorthin wo entsprechender Bedarf besteht. Günstige Ökostromquellen könnten höhere Kontingente bekommen als teure. Dann würde der Ausbau an Windenergie onshore den Ausbau an Photvoltaik übersteigen. Momentan ist es genau anders: von der teuersten Art der Ökostromerzeugung, der Photovoltaik, werden x mal so viel Megawatt zugebaut wie von der billigsten, von Wind onshore. Und zudem oft an den falschen Orten, wo der Ökostrom gar nicht gebraucht wird und erst tausende Kilometer lange Leitungen gelegt werden müssen zum Stromverbraucher. Jeder Kaufmann würde bei solch einem Vorgehen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Man baut ja auch eine neue Autobahn oder Bahnstrecke nicht dort wo die Grundstückspreise am niedrigsten sind, sondern dort wo der Bedarf besteht. In anderen staatlich geförderten Bereichen ist es absolut normal, dass man einen Antrag auf Fördermittel stellen muss, dieser geprüft und dann beschieden wird.

    Natürlich: nur mit mengenmäßig gut abgestimmten Wind- und Solarkraftwerke ist es auch nicht getan. Es wäre ein wichtiger Schritt, aber es braucht ebenso Strom, wenn kein Wind weht und keine Sonne strahlt. Dafür könnten Biogaskraftwerke zur Verfügung stehen, betrieben natürlich nicht mit Monokulturmaiß, sondern mit Biomüll, Waldrestholz u.ä. Die Kraftwerke müssten ja recht selten laufen. Hier wären Kapazitätsprämien gut eingesetzt.

    Die Ökostromlobby würde sich gegen solch ein planmäßiges Vorgehen selbstverständlich massiv wehren. Denn sie bekommt 20 Jahre feste Einspeisevergütung, ob der Ökostrom gebraucht wird oder nicht ist dabei absolut egal. Viele der in Zukunft in Bayern gebauten Solarstromanlagen dürften weit über den Bedarf produzieren. Für den Winter braucht es dann wieder die Atomkraft oder Kohlekraftwerke. So haben wir uns die Energiewende nicht vorgestellt.


  2. […] Kapazitätsmarkt – brauchen wir eine Versicherung gegen den Stromausfall?ZEIT ONLINE (Blog)Ich weiß, hier im Blog tummeln sich öfter ausgesprochene Energieexperten und ich freue mich über Ihre Kommentare! Brauchen wir eine weitere Umlage? Wer sich noch weiter einlesen will. Hier gibt es die Studie des BNE und einige Referate einer Fachtagung … […]


  3. […] Deutschland braucht neue Gaskraftwerke, sagen Branchenvertreter. Sie wollen den Bau durch eine Umlage auf den Strompreis fördern. Muss das sein?, fragt Marlies Uken. Weiter lesen … […]


  4. Die Frage ist, haben wir wirklich einen so hohen Bedarf an neuen Gaskraftwerken? Zum einen zeigt sich in den letzten Wochen und Monaten, dass es mehr Standorte für Pumpspeicher gibt, als bisher angenommen. Dazu muss man nur mal bei Trianel anfragen. Außerdem stellt sich die Frage, wie schnell werden sich andere Speichertechnologien entwickeln und wie gut geht der Netzausbau vorangeht.

    Bauen wir konsequent alle erneuerbaren Energien aus ergeben sich sehr starke Synergien, (viel Wind im Herbst und Winter, mehr Sonne im Frühjahr und Sommer…). Die Synergien machen Speicher und Spitzenlastkraftwerke nicht überflüssig, reduzieren den Bedarf aber deutlich.

    Hier zeigt sich übrigens auch der Wert von Solarstrom. Wer fordert das Solarstrom nicht weiter ausgebaut wird, muss sich vor Augen halten, dass Windenergieanlagen im Sommer nicht viel bringen. Das ist nun mal eine Jahreszeit in der es wenig Wind gibt. Sollen wir nun Windstrom im Winter Speichern und erst im Sommer verbrauchen? Strom zu speichern ist sehr teuer, sehr viel teuerer als ihn über Solarmodule zu produzieren. Schaut man sich die Preiskurve der letzten Jahre an, wird man auch feststellen, dass es nicht mehr lange dauert, bis Solarstrom billiger wird als Strom aus Gas.

    Grundsätzlich machen wir uns viel zu spät Gedanken darüber, wie geregelt und gespeichert werden soll. Das man jetzt noch über Gaskraftwerke reden muss, liegt auch daran, das wir mit ernsthafter Speicherforschung mindestens zehn Jahre zu spät anfangen. Denn auch wenn Gas nicht so schlimm wie Kohle ist, es ist ein fossiler Brennstoff mit kräftigen CO2-Emissionen. Wir sollten wo möglich auf ihn verzichten.

  5.   Jens

    Ein staatliches Programm sollte hierzu unnötig sein. Spitzenlaststrom darf ruhig sehr teuer sein und damit das Kraftwerk auch das Stromnetz ausgleicht muss eben der Strompreis rapide steigen und fallen können.

    Damit die Stromunternehmen dann auch den Strom abnehmen müssen sie dazu verpflichtet sein das Netz stabil zu halten solange sie Strom einkaufen können.

    Damit wird keine Technologie bevorzugt und man gibt Ingenieuren und Unternehmen die Möglichkeit auch außergewöhnliche Technologien anzukoppeln ohne auf staatl. Genehmigung zu warten.

  6.   waldschmidt

    Was aus meiner Sicht dringend stärker zu Beleuchten ist, ist das zutiefst unsoziale dieser ganzen ökologisch motivierten Umverteilung. Wenige Kapitalkräftige verdienen. Gerade Familien mit Kindern, die finanziell auf der Kippe stehen und mit der Armut kämpfen, zahlen die Zeche. Gerade Teanager verbrauchen an Strom und Wasser ein Maximum. Leider ohne eigenes Einkommen. Das zahlen die Eltern mit. Kindergeld, Freibeträge Bavögsätze usw. werden nicht an die Preisteigerung angepasst. Natürlich haben die Lobbyisten der Ökoindustrie kein Interesse, dass das diskutiert wird. Ebensowenig dieKapitalanleger, die daran ordentlich verdienen. Deshab mei Apell an unabhängige Medien:Setzt euch dafür ein, dass die „grüne“ Aussbeutung vom Familien aufhört!
    Bernd Waldschmidt


  7. Es gibt keinen Mangel an Gaskraftwerken da schon mehr als genug in Planung sind.

    Besser wäre aber der Zubau von Mikro- und Mini-BHKW die die Energie zu über 90% nutzen können. Selbst moderne GuD-Kraftwerke kommen auf weniger als 61%.

    Noch besser wäre die Lösung von Karl-Heinz Tetzlaff:
    http://www.bio-wasserstoff.de


  8. Ach was. Die Tschechen, Polen und Franzosen beliefern uns in den Spitzenlastzeiten gerne mit Strom für 50cent/KWh und das ist immer noch billiger als ungenutzte Gaskraftwerke hochzuziehen.


  9. […] Energiewende: Brauchen wir eine neue Stromabgabe? […]


  10. hier noch der link
    http://www.gruene-bundestag.de/cms/energie/dok/387/387936.akwkaltreserve_ist_unnoetig@de.html?utm_source=twitterfeed&utm_medium=twitter
    Gaskraftwerkszubau in den kommenden Jahren höher als angenommen

    Darüber hinaus sind weitere 23 Gaskraftwerke mit einer Leistung von über 18 GW geplant.

 

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