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Die andere Seite unseres Elektroschrott-Problems in Afrika

 
Copyright: Reuters/Thomas Mukoya
Copyright: Reuters/Thomas Mukoya

Wer „Elektroschrott“ und „Afrika“ hört, der denkt in der Regel an kriminelle Machenschaften: alte Röhrenfernseher und Kühlschränke aus den 50er Jahren, die von Europa nach Afrika verschifft werden und dort auf einer illegalen Müllkippe landen. Schließlich ist die fachgerechte Entsorgung etwa der Kühlmittel hierzulande so teuer und die Erlöse aus den Rohstoffen so niedrig, dass es sich für manche „Recycler“ lohnt, die Ware lieber dort günstig zu verklappen. Die Bilder von Kindern auf Müllkippen im ghanischen Accra, die über offenem Feuer mit Elektrokabel hantieren, sind  bekannt.

Das Öko-Institut fügt nun mit einer Studie für das UN-Umweltprogramm der Geschichte einen weiteren Aspekt zu. Denn nicht alle Elektrogeräte, die nach Afrika gehen, landen einfach ungenutzt auf einer Halde. Projektleiter Andreas Manhart hat die Situation genauer analysiert. In Ghana sind Elektrogeräte etwa eines der wichtigsten Importgüter – und die sind zum großen Teil tatsächlich weiterverwendbar. Schaut man sich  ihre Importzahlen an, dann lassen sie sich wie folgt aufschlüssen:

–  Neuware: 30 Prozent

– Gebrauchtware funktionsfähig: 49 Prozent

– Gebrauchtware nicht funktionsfähig aber reparierbar: 10,5 Prozent

– Gebrauchtware nicht funktionsfähig und nicht reparierbar: 10,5 Prozent

Und tatsächlich hat sich in einigen afrikanischen Ländern inzwischen ein florierendes Recyclinggeschäft etabliert. Egal, ob Staubsauger, Wasserkocher, Handys oder Computer: Die importierten Geräte werden repariert und weitergenutzt. Ganz im Sinne von Umweltschützern (Obwohl man einfügen muss: Alte Kühlgeräten mit klimaschädigendem FCKW und Stromfresser haben nichts im Recycling zu suchen. Und es gibt leider keine Zahlen darüber, wie lange denn die Second-Hand-Geräte tatsächlich am Ende halten.)

Klar ist aber: Dieses Geschäft schafft Arbeitsplätze. Allein in Accra (Ghana) und Lagos (Nigeria) verdienen rund 30.000 Menschen in diesem teilweise informellen Bereich ihr Einkommen.

„Kein anderes westafrikanisches Land importiert so viele Altgeräte wie Nigeria. Das bedeutet gleichzeitig, dass Reparatur und Recycling von Alt- und Schrottgeräten wichtige Arbeitsmärkte für die Menschen sind. Allein auf den zwei größten Märkten des Landes – dem Alaba Market und dem Ikeja Computer Village – reparieren und verkaufen 15.000 Menschen in 5.500 Kleinbetrieben gebrauchte elektrische und elektronische Geräte“, sagt Manhart.

UNEP betont daher in der Studie, dass es keinen Sinn macht, einfach den weltweiten Handel mit Altgeräten zu verbieten, um Umweltsünden zu vermeiden.

„In addressing this issue, one major challenge for West African countries is to prevent the import of e-waste and near-end-of-life equipment without hampering the meaningful and socio-economically valuable trade of used EEE of good quality. Refurbishing of EEE and the sale of used EEE is an important economic sector in some countries of West Africa (e.g. Ghana and Nigeria). It is a well-organized and dynamic sector that holds the potential for further industrial development. Indirectly, the sector has another important economic role, as it supplies low and middle income households with affordable ICT equipment and other EEE.“

(ICT: Informations- und Kommunikationstechnologie; EEE: elektrische und elektronische Geräte)

Also geht es – neben effektiven Ausfuhrkontrollen, um Kriminellen das Handwerk zu legen – vor allem um den Aufbau besserer Recyclingcenter vor Ort. Wer die Altgeräte besser, umwelt- und fachgerechter zerlegt, der kann etwa noch mehr Rohstoffe gewinnen und weiterverkaufen. Für Manhart ist daher klar, dass Afrika hier einen anderen Weg gehen muss als etwa Deutschland mit seinen Hightech-Recyclingcentern:

„In Europa sind die Verfahren oft auf einen möglichst geringen Arbeitskräfteeinsatz optimiert. Dies wäre in West-Afrika einerseits aus sozialen Gründen nicht akzeptabel, andererseits gehen bei vielen mechanisierten Verfahren auch wertvolle Rohstoffe unwiederbringlich verloren.“

 

15 Kommentare

  1.   iboo

    Dass in Ghana etc. viel Elektroschrott recycled wird ist bekannt. Bekannt ist aber auch, dass es dort praktisch keinen Arbeitsschutz gibt und damit auch viele Kinder ihren Lebensunterhalt verdienen und unter Gesundheitsschäden leiden, z. B. weil sie ständig die Dämpfe der verbrennenden Plastikteile einatmen und die Materialien am Brandgeruch unterscheiden…


  2. Hallo iboo
    danke für Ihre Anmerkung. Auf Seite 32 finden Sie mehr dazu in der Studie:
    „While child labor is not common in the refurbishing sector it is observed in the scrap metal business. Collection and
    dismantling activities are carried out by children from the age of 12, however younger children from the age of 5 are
    sometimes engaged in light work, including dismantling of small parts and sorting of materials.“
    Beste Grüße
    M.Uken


  3. Die Vorteile dieses „guten Geschäfts“ die ja auch noch die Transportkosten überkompensieren müssen, beruhen auf dem Verbrauch der Waren Umwelt und Mensch.
    Find ich auch gut, dass dieser in Afrika billig zu haben ist und nicht bei uns stattfindet. Der letzte Satz war jetzt rabenschwarzer Sarkasmus, aber mehr fällt mir zu sowas echt nicht ein.
    Vielleicht könnte man in Deutschland mal weitgehende Rohstoffkreisläufe aufbauen, auch wenn so ein Handy dann 10 Euro teurer ist?


  4. Neoliberaler (verlogener) geht’s kaum noch. Zuerst klauen wir dem nigerianischen Volk sein Erdöl, mit dem „Nebeneffekt“ das die dafür erforderliche Korruption gefördert und instand gehalten wird, und die Nigerianer in Armut und Elend versinken; weil sie dann natürlich kein Geld haben, um sich ihre Elektrogeräte auf normale Weise zu beschaffen, setzen wir dann eine Studie in die Welt, die die Nigerianer geradezu zur Fröhlichkeit über die zu ihnen verschobenen und sie vergiftenden Altgeräte zwingt, weil das ihre einzige Chance ist, überhaupt an moderne Technik zu kommen.

    Gleiches für Ghana, deren Boden- und Naturschätze wir ebenso scheißbillig kaufen, weil IWF und Weltbank, die dortigen Strukturen ebenfalls so zerrüttet haben, dass die dortige Elite die einzigen sind, die wir bezahlen müssen und das Volk von den Exporten nichts abbekommen.

    Neoliberalismus (Verlogenheit) so geschickt mit Propaganda untermauert, dass wir uns noch richtig gut vorkommen können, wenn wir Handelsgesetze brechen und sehr unmittelbar dafür verantwortlich sind, dass in Afrika Mensch und Natur vergiftet werden.

    Leben und Gesundheit wird dort verspielt, wenn die Menschen über unsere Guttaten herfallen und im PCB-Qualm das Kupfer ausbrennen und das Blei und das Quecksilber das Blut der Kinder schwer macht.


  5. […] Elektroschrott aus Industrieländern geht oft nach Westafrika. Dort landet er nicht immer auf Müllkippen. Reparatur und Recycling schaffen viele Jobs, bloggt M. Uken. mehr lesen: Elektroschrott: Afrikas florierendes Recycling-Geschäft… […]


  6. […] Elektroschrott: Afrikas florierendes Recycling-Geschäft […]

  7.   MegaMega

    Zumindest aus der EU dürfen keine Kühlgeräte, die FCKW enthalten ausgeführt werden.

  8.   Sam

    Auch in Europa sollten wir mehr mit Second Hand Geräte machen. In der ITK ist es z.B. so dass oft Geräte durch neuere Versionen ersetzt werden obwohl dies gar nicht nötig ist. Ausserdem gibt es fast alle Geräte die Unternehmen neu einkaufen auch als gebraucht, und da es exakt dasselbe Gerät ist, hat man auch die gleiche Funktionalität. In den USA ist das sogenannte refurbishing, also das wiederaufbereiten von gebrauchten Geräten eine Milliardenindustrie, in Europa laufen wir da allerdings noch hinterher. Der Einsatz von gebrauchten Geräten ist auch gut für die Umwelt – so spart mann beim Einsatz von gebrauchten Netzwerkgeräten bis zu 80% auf den totalen CO2 Ausstoss gerechnet über den gesamten Lebenszyklus des Gerätes – mehr infos: http://www.durabilit.de/Plone/unsere-dienstleistungen/durabilit-greener-network-calculatora9

  9.   Volker Seitz

    Thomas Mättig von der Friedrich Ebert Stiftung in Abuja sagte in einem Interview mit der Deutschen Welle am 10.1. 2012:”Nigeria exportiert pro Tag ungefähr 2,5 Millionen Barrel Öl. Das Geld wird von den Eliten gestohlen.” Auch in Gabun und Äquatorialguinea profitierten nur die kleine Eliten von den Reichtum, die den beiden Ländern durch riesige Ölvorkommen vor der Küste beschert werden. In Nigeria ist alles mit Geld zu regeln. Das Grundübel ist nicht, dass „wir das Öl klauen“ sondern die menschenverachtende Haltung in der politischen Klasse.Ghana hingegen zählt zu den poteniellen Reformländern
    Elektroschrott: Rückstände wie Quecksilber, Blei, Cadium vermutzen Böden und Wasser und gefährden die Gesundheit der Bevölkerung.
    Volker Seitz, http://www.Bonner-Aufruf.eu

  10.   samson huber

    Natürlich hat das thema Recycling in Afrika zwei Gesichter. Gut ist, dass es Arbeit schafft und Recycling statt findet. Schlecht die Arbeitsbedingungen und die wirtschaftliche Ausbeute! Generell sollte sich jeder mehr mit dem thema beschäftigen!In Deutschland werden mittlerweile 7,8 Kilogramm pro Kopf und Jahr recyclet. Das ist schoneinmal ein guter Anfang, auch wenn ich denke, dass das steigerungsfähig ist und mehr werden MUSS! Viel bedenklicher empfinde ich die Konsum- und Wekwerfmentalität der Menschen, woran die Industrie nicht schuldlos ist!
    Neugeräte beim Kauf schon veraltet? Wozu braucht man so schnell neue Modell, die sich nur amrginal von ihren Vorgängern unterscheiden? Diese Frage muss sich die Profit orientierte Industrie, aber auch der Konsument gefallen lassen! Die Wegwerfmenatlität der Deutschen stört mich schon beim Thema Essen ungemein, aber dass man plötzlich in kürzesten Zeitintervallen neue Fernseher oder Kühlschränke braucht, ist für mich nicht nachvollziehbar! Auch dass die Neugeräte bei weitem nicht merh so langlebig wie ihre Vorgänger sind stößt mir sauer auf! Ich persönlich repariere ja gerne meine alten Geräte. Zum einen weil es billiger ist, als sich ertwas neues anzuschaffen, zum anderen hänge ich an meinen Geräten. So habe ich letztens mein Abluftsytsem kostengünstig selbst mit Ersatzteilen repariert. Gute und günstige Ersatzteile gibt es wie Sand am Meer. Meine Empfehlung: http://www.ersatzteilpartner-shop.de/Warengruppe-Zubehoer-100er-Abluftsystem-Rechteck-Rundsystem?id=1466
    Eine Rückgabe alter oder defekter Geräte löst dieses gesellschaftliche Phänomen natürlich nicht, ist aber ein richtiger Einschlag um Elektroschrott zu reduzieren.
    Aber ein generelles Umdenken wäre mir lieber!

 

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