‹ Alle Einträge

Blindgänger bei der Energieeffizienz

 

Deutschland setzt alles daran, das von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2007 durchgesetzte Energieeffizienzziel der Europäischen Union zu verfehlen. Damals hatte Merkel dafür gesorgt, dass die EU bis 2020 ihren Treibhausgasausstoß um mindestens 20 Prozent im Vergleich zu 1990 senkt, den Anteil erneuerbarer Energien am Energieverbrauch auf 20 Prozent steigert und die Energieeffizienz um 20 Prozent erhöht. Während die ersten beiden Ziele verbindlich vereinbart wurden, blieb das Effizienzziel unverbindlich – bis heute.

In den vergangenen zwei Tagen haben die Energieminister bei ihrem informellen Treffen in Horsens/Dänemark über die europäische Energiepolitik bis 2020 und insbesondere über die EU-Energieeffizienzrichtlinie diskutiert. Vor bald einem Jahr hat EU-Energiekommissar Günther Oettinger seinen Entwurf einer EU-Effizienzrichtlinie vorgelegt, weil die Prognosen der Kommission zeigten, dass die EU bis 2020 allenfalls um zehn Prozent effizienter werden könnte, wenn nichts weiter passiert. Das Kernstück der Richtlinie ist Artikel 6, mit dem Oettinger einen Energieeffizienzmarkt schaffen wollte. Nach seinen Vorstellungen sollten Energiehändler verpflichtet werden, im Wert von 1,5 Prozent ihres Energieabsatzes in Energieeffizienz bei ihren Kunden zu investieren. Diese Idee wird weltweit schon lange praktiziert, in der EU in Großbritannien, Dänemark und Frankreich.

Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) beharrt jedoch seit einem Jahr darauf, dass diese Vorgabe eine Wachstumsbremse sei. Ob er die Richtlinie absichtlich missverstanden hat, weil das so ein großartiges Totschlagargument ist, sei dahin gestellt. Jedenfalls hat es gewirkt. Anstatt die Chance zu nutzen, Investitionen in die Gebäudesanierung unabhängig vom Bundeshaushalt anzureizen, hat Rösler die Richtlinie an den Rand der Wirkungslosigkeit gebracht. Robert Pörschmann vom Umweltverband BUND sagt dazu: „Rösler sägt am Grundpfeiler der Energiewende, und die Kanzlerin greift nicht ein.“ Christian Noll vom Effizienzunternehmensverband Deneff versteht diese Hartleibigkeit nicht. „Der volkswirtschaftliche Nutzen der Effizienzrichtlinie ist unbestritten.“

Deutschland untergräbt den Vorschlag in Brüssel seit Monaten. Erst konnten sich Rösler und Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) monatelang nicht einigen, mit welcher Position sie eigentlich in die Verhandlungen eintreten wollen. Und dann haben sie im Kontext des Streits um eine weitere Kürzung der Solarförderung einen Kompromiss Rösler/Röttgen geschlossen, der Röslers Verhalten nun auch noch zur Regierungsposition gemacht hat. Seit einigen Wochen verhandeln nun der Europäische Rat, die Kommission und das Europaparlament darüber, wie die Richtlinie am Ende aussehen soll. Die EU-Kommission hat in einem inoffiziellen Papier berechnet, was die Richtlinie noch bringen würde, wenn sich der Rat durchsetzt, nämlich nahezu nichts. 38 Prozent der von der Kommission angestrebten Energieeinsparung würde mit den Ratsvorschlägen noch erreicht.

Abgesehen vom Artikel 6 hat der Rat nämlich noch ein zweites Kernstück der Richtlinie bis zur Unkenntlichkeit abgeschwächt: Eigentlich sollten jedes Jahr drei Prozent der öffentlichen Gebäude in den EU-Staaten energetisch saniert werden, um die Vorbildfunktion der öffentlichen Hand zu demonstrieren. Geht es nach dem Rat, sollen lediglich Gebäude saniert werden, die der jeweiligen Zentralregierung gehören. Statt einer jährlichen Energieeinsparung von 4,2 Millionen Tonnen Öl-Äquivalent (Mtoe), würden lediglich 0,4 Mtoe erreicht.

Dass Deutschland noch nicht einmal dafür einen Plan hat, hat der Parlamentarische Staatssekretär im Bauministerium, Jan Mücke, in einer Antwort auf eine Anfrage der grünen Bauexpertin Daniela Wagner zugeben müssen. Seit mindestens zwei Jahren sammelt der Bund Daten über die rund 51 000 bundeseigenen Gebäude. Gerade mal für knapp 500 davon gibt es Energieausweise, die allerdings von unterschiedlich hoher Aussagekraft sind. Der versprochene Sanierungsplan für diese Gebäude soll frühestens im Sommer 2013 vorliegen. Nach Wagners Informationen liegen die Energiekosten der Bundesgebäude bei rund 3,5 Milliarden Euro jährlich.

Es gäbe also gute Gründe, das Tempo der Sanierung zu beschleunigen und endlich im großen Stil Contracting-Unternehmen das Energiemanagement der öffentlichen Gebäude zu überlassen. Doch offensichtlich hat die Regierung kein Interesse daran, Steuergelder für die Energieversorgung der Bundesliegenschaften oder gar aller öffentlichen Gebäude zu sparen. Bei der Energieeffizienz ist diese Regierung ein gefährlicher Blindgänger.

17 Kommentare


  1. […] Deutschland setzt alles daran, das von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2007 durchgesetzte Energi… […]

  2.   Quentin Quencher

    Es ist ein weit verbreiteter Trugschluss, zu meinen, mit erhöhter Energieeffizeinz würde insgesamt Energie eingespart, weil man Rebound- und Backfireeffekte nicht einkalkulieren kann. In einer Studie für die Enquete‐Kommission “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität” des Deutschen Bundestages (Dezember 2011) von Univ.‐Prof. Dr. Reinhard Madlener und Blake Alcott, MPhil, wurde dies klar festgestellt, ich zitiere:

    „Zurückgreifen konnte man dabei auf drei Jahrzehnte Forschung betreffend das bereits vor langer Zeit erkannten, in den vergangenen Jahren vermehrt erforschten Hauptproblems dieser Strategie, nämlich dem ‚Rebound‘ des Konsums von Gütern, Dienstleistungen und Ressourcen selbst, den der Einsatz einer erhöhten technischen Effizienz in Produktion und im Konsum erst ermöglicht. Es hat sich allmählich herausgestellt, dass das Problem nicht trivial ist, sondern, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit ein erheblicher Teil der möglichen Ressourcen-Einsparungen nicht stattgefunden hat.“

    Ich hatte diese Studie schon vor ein paar Monaten kommentiert:
    http://www.science-skeptical.de/blog/energieeffizienz-rebound-und-backfire/006439/

    Philipp Rösler hat völlig Recht, wenn er darauf hinweist, dass dieser Enerieeffizenzmarkt eine Wachstumsbremse ist. Ich zitiere noch mal aus der Studie:

    „Im Hinblick auf die zu Tage tretende Tatsache jedoch, dass Effizienzsteigerung allein keine absolute Verbrauchsreduktion bewirkt – vielleicht nur zur Hälfte, vielleicht noch weniger – gilt es unserer Meinung nach vermehrt, die oben genannten Themen betreffend effektiver, aber relativ unpopulärer Umweltmaßnahmen zu untersuchen. Aber wie genau wirken sich diese Maßnahmen auf die Größe und Gestaltung des BIPs aus? Sind Effizienzsteigerungen und erneuerbare Quellen in hinreichendem Ausmaß verfügbar, um den Wohlstand auch langfristig halten zu können? Wie viel Genügsamkeit (Suffizienz) würde von der Bevölkerung verlangt, und wäre dies überhaupt zumutbar?.“

    Es sieht so aus, als hätte Rösler die Studie gelesen und verstanden. Die ‚Blindgänger‘ sind demnach die anderen.

  3.   limauniform

    Zitat:“Es sieht so aus, als hätte Rösler die Studie gelesen und verstanden. Die ‘Blindgänger’ sind demnach die anderen“.
    Es stimmt schon, wer mehr Energieeffiziens durch Rösler-Bashing erreichen will, bewirkt leicht das Gegenteil.
    Das Thema sollte ausschliesslich nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten behandelt werden und nicht aus ideologischen. Auch in Der Zeit.

  4.   wd

    Wieder Schwachsinn!
    Habe 1200€ jährliche Ausgaben zur Heizung des Hauses. Meine Stadtwerke sollen also 16€/Jahr bei mir investieren. Habe seit 30 Jahren 3-fach Verglasung und Mauerwerk mit Isolationsschicht dazwischen.
    Welch ein Blödsinn! Was hilft ein Energiepass? Würde ich 20000€ investieren (wofür? Dachboden mit 20cm Styropor gedämmt), dann kostet mich das allein mehr Zinsen als ich sparen könnte. Von der Tilgung rede ich noch nicht einmal. (Plastikisolation, die nach 20 Jahren ruiniert ist und nichts Nennenswertes bringt, verdoppelt ungefähr die Heizkosten)
    Wahrscheinlich werden von dem Geld bei den Energielieferanten nur überflüssige Verwaltungsstellen eingerichtet.
    Das ist genauso sinnvoll wie die Frauenbeauftragte in Betrieben mit weiblicher Leitung und einem Frauenanteil von 90%.
    Diese Idee kann nur von den Grünen stammen!
    Die „armen“ Mieter von Wohnungen tun mir schon jetzt leid (Die Vermieter auch).

  5.   Petro69

    Was heisst grüne Geschäfte ? Es gibt nur Geschäfte, die einigen
    Leuten die Tasche füllen. Der Emissionshandel und andere Dinge die so
    toll dargestellt werden sind Verarschung, gespart wird nichts,
    nur Unsinn und unausgegorene Sachen werden veranstaltet.
    Wer die Macht hat bestimmt. So ist das. Mühselig weiter zu
    diskutieren.

  6.   sagacity

    „Sind Effizienzsteigerungen und erneuerbare Quellen in hinreichendem Ausmaß verfügbar, um den Wohlstand auch langfristig halten zu können? Wie viel Genügsamkeit (Suffizienz) würde von der Bevölkerung verlangt, und wäre dies überhaupt zumutbar?“

    Der Rebound-Effekt spielt in einem bestimmten Kontext eine Rolle. Man kann nicht einfach sagen, dass Energieeffizienz schlecht sei, nur weil vor kurzem jemand mal über den Rebound-Effekt geredet hat. Grundsätzlich ist eine Energieeffizienz auf dem geplanten Niveau keine Frage eines Rebound-Effektes. Der Effekt fängt an, wenn wir über viel viel höhere Effizienz-Raten nachdenken.

    Und zu den 2 Fragen oben:

    „Sind Effizienzsteigerungen und erneuerbare Quellen in hinreichendem Ausmaß verfügbar, um den Wohlstand auch langfristig halten zu können?“
    (1) Nein und das ist auch schon lange klar. Auf einem endlichen Planeten mit endlichen Ressourcen, können eine enorme Anzahl von Menschen nicht im Wohlstand Leben. Mich wundert es immer wieder, dass Leute immer noch auf ihren Wohlstand beharren, wobei doch schon längst unsere ganze Existenz auf dem Spiel steht.

    „Wie viel Genügsamkeit (Suffizienz) würde von der Bevölkerung verlangt, und wäre dies überhaupt zumutbar?“
    (2) Diese Frage empfinde ich als ziemlich provozierend. Ist es doch schon länge keine Frage mehr „ob“ oder „ob nicht“. Es muss zumutbar sein, die Frage ist nur wie.

    Mir scheint hier wäre wieder jemand am Werk, der noch auf dem Stand der Probleme von vor 20 Jahren argumentiert.


  7. Ein ganz gefährlicher Artikel für die Wahrheit. Deutschland hat die absurdesten Gesetze zur Schimmelbildung in den Häuser und der Autor verlangt mehr davon. Effizient wäre es die AKW´s wieder anzuschalten.

  8.   Quentin Quencher

    @ sagacity #6

    „Man kann nicht einfach sagen, dass Energieeffizienz schlecht sei,“
    Wer sagt denn, dass Enerieeffizienz schlecht sei? Im Gegenteil, effizientere Verfahren lösen ineffizientere Verfahren ab, so war das schon immer. Der Staat kann in ganz normale evolutionäre Entwicklungen in Wirtschaft und Technik eingreifen, und durch Abgaben und/oder Gesetze versuchen, diese Entwicklungen zu unterstützen. Da muss man sich aber genau überlegen, wie, wann und in welchem Umfang hier eingegriffen wird. Sie sollten also erst einmal die Studie lesen, bevor Sie sich derart äußern.

    „Auf einem endlichen Planeten mit endlichen Ressourcen,“
    Nun, diese Aussage entstammt einem Denken, welches älter ist als 20 Jahre und wurde erstmals im ersten Bericht des Club of Rome, Grenzen des Wachstums (1972), der eine Prognose des “superexpontiellen” Bevölkerungswachstums mit katastrophalen Ressourcen-Kämpfen (insbesondere um Wasser, Grundnahrungsmittel und fossile Brennstoffe) so formuliert. Diese Annahmen gelten als überholt, so wird in einer Studie für das BMU (Langfristszenarien und Strategien für den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland bei Berücksichtigung der Entwicklung in Europa und global) folgendes fest gehalten: „ist die Annahme der Energieprognose 2009, dass auch mittelfristig keine Verknappung von Rohöl zu befürchten seien, da „die Peak-Oil-Hypothese in die Kategorie statistischer Artefakte einzuordnen ist, die einer fundierten öko-nomischen Theorie entbehren.“ [EP 2010; S. 51).“ Das trifft weitestgehend auf alle anderen Peaks auch zu. Es ist auf dieser Erde noch nie ein Rohstoff zu Ende gegangen und immer schon lange bevor es zu einer Knappheit in nennenswerter Größenordnung gekommen ist, von neuen Rohstoffen oder Techniken substituiert worden.

    „“Wie viel Genügsamkeit (Suffizienz) würde von der Bevölkerung verlangt, und wäre dies überhaupt zumutbar?”
    (2) Diese Frage empfinde ich als ziemlich provozierend. Ist es doch schon länge keine Frage mehr “ob” oder “ob nicht”. Es muss zumutbar sein, die Frage ist nur wie.“
    Warum sollte die Frage provozierend sein? Wenn ein Gut (in dem Fall Energie) verknappt wird, dann kommen wir zu der spannenden Frage, wie dieses knappe Gut verteilt werden kann. Da gibt es zwei Lösungsmöglichen, Regelung über den Preis, oder planwirtschaftlich durch Zuteilung. Darüber muss man reden, und sich die Frage stellen, was zumutbar ist.

    Auf jeden Fall werden in diesem Denken einer Zukunft in knappen und knappsten Ressourcen Fragen nach der Verteilung wichtig. Ich empfehle hier einen weiteren Text von mir dazu:
    http://www.science-skeptical.de/blog/allokationsethik-ressourcen-und-der-tod/007401/

  9.   seys

    Wie Sie richtig bemerken, es ist EINE Studie, somit auch (zum Glück!) nur eine Meinung.

    Wir brauchen aber einen Wandel in unserer Gesellschaft, ein Umdenken, weg von dem Dogma, das Wirtschaftswachstum und der damit einhergehende ständig steigende Ressourcenverbrauch die einzige
    Möglichkeit sind, Wohlstand und Lebensqualität zu erzeugen.
    Wie erklären Sie Ihren Kindern und Enkeln, dass wir deren Lebensgrundlage weiter verprassen auf Grund höchst fragwürdiger Zielsetzungen?
    Und finden Sie es richtig, dass wir unseren Wohlstand zu Lasten eines Großteils der Weltbevölkerung so weiterführen wie bisher?

    Wer hier der Blindgänger ist bleibt offen…


  10. „Doch offensichtlich hat die Regierung kein Interesse daran, Steuergelder für die Energieversorgung der Bundesliegenschaften oder gar aller öffentlichen Gebäude zu sparen.“ Frau Dehmer, Frau Dehmer.
    Ihre „Einsparung von Steuergeldern“ muss mit Steuergeldern(!) finanziert werden die nicht vorhanden sind. Das hat der Herr Rösler kapiert. Und er weiss auch, daß dieses Geld nicht durch verbindliche EU-Effizienz-Richtlinien geschaffen werden kann. Auch steuerfressende notwendige lokale Effizienzverwaltungen dürfen
    das nicht selber drucken, es muss erwirtschaftet werden. Die Republik kann es sich nicht leisten 100Mrd auszugeben, um eine Mrd zu „sparen“. Das hat sogar die Rettungsschirmverteilerin erkannt und lässt Rösler in ihrem Sinn handeln.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren