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Der Öko-Flop des Jahres: die Biotüte

 

In meinem Bio-Laden ums Eck bekomme ich meine Einkäufe regelmäßig in einer Tüte ausgehändigt, auf der prangt „100 Prozent recycelbar“. Bitteschön – Dankeschön. Die Tüte ist aus einem Biokunststoff gefertigt, genauer gesagt aus Maisstärke.

Puppen aus Plastiktüten © Patrik Stollarz/Getty Images
Puppen aus Plastiktüten © Patrik Stollarz/Getty Images

Nun sind Plastiktüten ja erst einmal ein Ärgernis: Unglaubliche 5,3 Milliarden Plastiktüten verwenden wir Deutschen laut Deutscher Umwelthilfe jährlich. Das macht bei rund 80 Millionen Bundesbürgern im Schnitt etwa 66 Plastiktüten im Jahr. In der Regel landen sie einfach in der Müllverbrennungs-
anlage (so wie meine Plastiktüten, die erleben schließlich bei mir zu Hause ihre zweite Existenz als Müllbeutel).

Oder noch schlimmer: Die Tüten werden einfach achtlos weggeworfen, verstopfen Gullis und landen am Ende als schwimmender Müllteppich in den Ozeanen, wo sie Lebewesen und Ökosystemen schaden.

Und meine Bioladen-Plastiktüte? Die Bundesregierung förderte bislang solche Biotüten: Sie sind etwa vom Grüner-Punkt-System und den Lizenzgebühren an das Duale System Deutschland ausgenommen, um die Markteinführung zu fördern. Noch bis zum Jahresende gelten diese Ausnahmen.

Dabei entpuppt sich die Biotüte als alles andere als umweltfreundlich. Weder wird sie im großen Stil kompostiert noch hat sie einen Umweltnutzen. Das zeigt eine aktuelle Studie des Heidelberger ifeu-Instituts für das Umweltbundesamt. Das Ergebnis: Bio-Tüten sind nicht besser, sondern leider nur genauso schlecht wie herkömmliche Plastiktüten aus erdölbasierten Rohstoffen. Die Umweltexperten schauten sich nicht nur den Rohstoff an, sondern machen eine umfassende Ökobilanz. Sie schreiben:

Durch den Anbau und die Verarbeitung von Pflanzen für diese Verpackungen versauern Böden und eutrophieren Gewässer stärker als durch die Herstellung herkömmlicher Kunststoffverpackungen. Zudem entstehen höhere Feinstaubemissionen. Auch die vermehrt angebotenen Bioplastiktüten haben damit keinen Umweltvorteil.

Das ifeu kommt zu einem eindeutigen Schluss. Die Ausnahmeregelungen für die Biotüte in der Verpackungsverordnung müssten sofort beendet werden. Eine vernünftige Forderung, wenn man eine Bilanz des gesamten Lebenszyklus der Tüte macht. Der Präsident des Umweltbundesamts, Jochen Flasbarth, sagt:

Verpackungen auf der Basis von so genannten Biokunststoffen haben unter dem Strich keine Umweltvorteile. Die Klimabilanz von Biokunststoffen ist zwar günstiger, dafür gibt es Nachteile bei anderen Umweltbelastungen. Die Ergebnisse sprechen dafür, die Sonderregelung für solche Verpackungen, wie etwa die Befreiung von der Rücknahmepflicht des Handels, nicht zu verlängern.

Übrigens: Mein Bioladen gehört mit seinem Biotüten-Angebot offenbar zu einer seltenen Spezies. In der Masse konnte sich die vermeintlich grüne Tüte nicht durchsetzen. Im Jahr 2009 kamen Biokunststoffverpackungen in Deutschland gerade einmal auf einen Marktanteil von 0,5 Prozent.

20 Kommentare

  1.   Thomas S.

    ist doch klar, dass sich die biotüte nicht durchsetzten kann, sind sie doch ein vielfaches teurer als ihre plastikkollegen.

    wieso einem neuen produkt auch mal die chance geben, sich weiter zu verbessern? die biotüte steckt ja noch in ihrem „anfangsstadium“, solche studien sind zwar hilfreich, die umweltbilanz weiter zu verbessern, nur als flop würde ich die biotüte nicht bezeichnen.

    achja, und viele behaupten, dass die baumwolltasche um ein vielfaches besser sei. nur werden hier unmengen an pestiziden verwendet, die böden sind kaputt, auch das grundwasser und die nahegelegene natur.
    vor einiger zeit sah ich darüber eine dokumentation auf arte (oder phönix, oder zdfneo), erschreckend. auch die bio-baumwolltasche ist kaum besser.

  2.   Frank K.

    Wie wäre es denn mit Rucksack oder solider Tasche für die Einkäufe? Beim Bäcker sind sich viele auch zu fein einen eigenen Beutel mitzubringen, sondern nehmen lieber die Papiertüte, welche später zu Hause direkt in den Müll geschmissen wird.


  3. gemessen an dem giftigen Fertigesen das zumeist damit transportiert wird wie auch die Biolebensmittel deren Bio in den letzten Wochen gut angezeigt wurde im gegenteiligen Bereich passen auch Plastiktüten.

    Menschen die bewußt mit Ernährung um Umwelt umgehen nutzen diese sicherlich nicht.

    Auch bescheuert ist die Abart in Berlin frische knusprige Backwaren (vom Eindruck her Inhalt zumeist Chemie) direkt in ein Schwammteil durch eine Plastiktüe zu verwandeln.

    Das Bewußstsein startet am Anfang das Ende ist dann diese blode Plastiktüte.

  4.   54m574g

    naja auch wenn die böden versauern kauf ich die bio tüten schon alleine um den markt mit kunststoff aus erdöl möglichst wenig anzukurbeln.


  5. „Bio“-Kunststoffe für Plastiktüten sind wirklich ein Tropfen auf den heißen Stein. Anstatt sich mit solchen kleinen Prestigeprojekten ein sauberes Image zu verschaffen sollte viel mehr Energie in andere Projekte gesteckt werden.
    Dabei kann ja Kunststoff durchaus nützlich sein… Stichwort Dämmung und Leichtbau. In diesen Themen steckt ein viel größerer Beitrag zum Umweltschutz als in den paar tausend „Bio“-Tüten.

    Und zum einkaufen ist eine stabile und mehrmals nutzbare Ikea-Tüte optimal – oder für kleine Einküfe Kartons, die sowieso meistens in Supermärkten rumliegen.


  6. Einfach eine 20 €ct Steuer pro verkaufter Plastiktüte (meinetwegen auch gewichtsabhängig). Dann löst sich das Problem von selbst großenteils.

    Deswegen: Einfach mit Rucksack und/oder Baumwollbeutel zum Einkaufen, wo liegt das Problem?


  7. Es gab mal eine kurze Reportage aus einer Kompostieranlage für Bio-Müll. Da wurde gezeigt, dass auch die Biotüten herausgefischt werden und im normalen Hausmüll landen, denn sie brauchen viel zu lange fürs Kompostieren. Und wenn sie in die Umwelt gelangen und z.B. von Tieren gefressen werden, sind sie genauso verheerend wie die normalen Plastiktüten, denn ein Tier ist keine Kompostieranlage.
    Die verbleibt vielleicht die nötige Zeit zum Kompostieren im Tier, aber das ist dann inzwischen daran elend krepiert!
    Also, eigene Taschen mitnehmen, das hilft!


  8. Wird denn die ganze Welt wahnsinnig?

    Jeder der schon mal ein Maisfeld und ein Ölabbaugebiet – das muss nicht mal eines in Nigeria gewesen sein – gesehen hat, merkt, dass hier komplett irre Maßstäbe angelegt werden.

    Alleine das Methan und das Schweröl, das bei der Erdölförderung frei wird, wiegt sämtliche Nachteile, die beim Maisanbau auftreten zigfach auf.

    Der Biokunststoff ist vor allem deswegen zu bevorzugen, weil er sich recht schnell abbaut. In einer Kompostierungsanlage sind das etwa zwei Wochen, auf freie Feld oder im Fluss etwas länger. Bis die Tüte im Ozean wäre, wäre sie in ihre Grundstoffe zersetzt!

    Der normale Plastikmüll bleibt mehrere hundert Jahre erhalten. Dass das ein himmelweiter Unterschied ist, merkt doch wohl jeder, auch wenn er ein Mathegenie ist! … ?

  9.   hairy

    Würde her sagen, dieser Artikel ist der Flop des Jahres, echt.

    Wie wärs, mal die Studie genauer zu lesen. Zitat: „7. Ist eine Sonderbehandlung von Biokunststoffverpackungen aus ökologischer Sicht gerechtfertigt? Pauschalaussagen sind hier nicht möglich. Es ist klar erkennbar, dass sich die Umweltwirkungsprofile vieler Biokunststoffe seit ihrer Erstentwicklung stark verbessert haben und weiterhin beträchtliche Optimierungspotenziale bestehen.“

    Und genau darum gehts: Die Nachteile ausschalten, die Vorteile hervorbringen. Man ist da noch am Anfang. Die Studie belegt nur, wohin die Entwicklung gehen muss. Das ist kein Einwand gegen die Sache selbst. Die Bioverpackungen sind nur in gewissen Hinsichten nicht so vorteilhaft, wie man dachte. ZB beim Versauerungsproblem und beim Feinstaub. Also: wie bei wohl jeder technischen Entwicklung besteht Optimierungsbedarf.

  10.   starbug

    Solange eine Idee der Ideologie zuträglich ist, ist der Nutzen zweitrangig, das ist doch bei den Ökos nicht neu. E10 lässt grüßen.

 

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