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Hochschuldebatte

Wir Mittelmäßigen

 

Die Wissenschaftspolitik verliert sich im Klein-Klein. Es fehlt ein Konzept, das griffig erklärt, wo es künftig eigentlich hingehen soll.

Dieser Debattenbeitrag ist in der ZEIT:Hamburg vom 26. Juni erschienen. Der Themenschwerpunkt der aktuellen Ausgabe beschäftigt sich mit dem Hamburger Wissenschaftsstandort 2025. Unter anderem schreiben zwölf Experten, was endlich zu tun ist.

Ein kurzer Fingerzeig in Richtung Präsidium, ein Kopfschütteln, dann war die Debatte beendet. Nein, Wissenschaftssenatorin Dorothee Stapelfeldt wollte sich am Mittwoch letzter Woche in der Bürgerschaft nicht zu den Thesen der drei alten Herren äußern.

Vor drei Monaten haben Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) und die Altsenatoren Willfried Maier (Grüne) und Wolfgang Peiner (CDU) ihre "Sorge um Hamburg" in einen Appell gefasst. Der Stadt drohe die Zweitklassigkeit, wenn sie nicht endlich zur attraktiven Wissenschaftsmetropole werde, schrieben sie. Leitlinien für eine "Wissenschaftsstadt 2025" zu finden, das sei eine zentrale Aufgabe für die ganze Stadt: für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Deutliche Worte. Nur: Reden will über diese Aufgabe seither kaum jemand.

Universitätspräsident Dieter Lenzen erklärte die Debatte schlicht für überflüssig. Die Autoren hätten sich besser einmal bei ihm erkundigt. Die Universität sei auf einem hervorragenden Weg, was man brauche, sei vor allem weniger Einmischung durch die Politik.

Senatorin Stapelfeldt traf sich immerhin mit den Kritikern und ließ anschließend ausrichten, man habe ein "sehr intensives und anregendes Gespräch" geführt, niemand wolle "pauschal kritisieren", einig sei man sich, dass es gelte, die Wissenschaft so zu "positionieren, dass sie für die Aufgaben der Zukunft sehr gut gerüstet" sei.

Die Opposition müht sich seither, das Thema hochzuhalten. Zuletzt hatte sie das Papier für vergangenen Mittwoch zur Diskussion auf die Tagesordnung der Bürgerschaft gesetzt. Doch die vorhergehende Debatte über das neue Hochschulgesetz hatte die Besucher- und Pressetribünen bereits vor den ersten Rednern weitgehend entvölkert.

Es stellt sich also die Frage: Warum interessiert sich niemand für die Debatte? Ist sie so überflüssig?

Der Blick auf die Zahlen zeigt: Hamburg ist weniger Wissenschaftsstadt als andere deutsche Städte. Klar, Universitätsstädtchen wie Heidelberg oder Tübingen haben mehr Forschung in den Genen. Aber auch Berlin und München spielen in einer anderen Liga, weil sie schon vor Jahren ihre Hochschulen förderten. Und Frankfurt und das Ruhrgebiet haben die Bedeutung von Wissenschaft erkannt, investieren heute in großem Ausmaß und könnten künftig enteilen.

Reflexartig würden Lenzen und Co. nun wohl aufzählen: die Teilchenforscher vom Desy, der KlimaCampus, das Giga-Institut, das Hamburger Institut für Sozialforschung, es gibt Spitzenforschung in Hamburg. Stimmt. Das ist aber am Ende für die Debatte gar nicht relevant.

Denn obwohl es teilweise exzellente Forschung gibt, ist der Ruf Hamburgs als Wissenschaftsstandort miserabel – in der Hansestadt wie anderswo. Die Universität gilt als unübersichtlicher Moloch, der vor sich hindümpelt; die Technische Universität Harburg und die Hochschule für Angewandte Wissenschaft haben den Ruf, ganz pfiffig zu sein, aber bedeutungslos. Und der HafenCity Universität sagt man nach, ein unterfinanziertes Möchtegern-Zukunftskonzept zu sein.

Das mag alles weit überspitzt sein und im Detail so gar nicht stimmen. Aber das sind die Geschichten, die man hört, wenn man mit Hamburgern über Wissenschaft redet und wenn man mit Wissenschaftlern über Hamburg redet. Und das ist der Kern des Problems.

Der Ruf Hamburgs als Wissenschaftsstandort ist miserabel. Das ist der Kern des Problems

Dohnanyi, Maier und Peiner haben in ihrem Papier ein wichtiges Thema angesprochen, da herrscht große Zustimmung – sogar bei Bürgermeister Olaf Scholz, der vor Monaten selbst noch für einen Aufbruch der Wissenschaftslandschaft warb.

Doch die drei Altpolitiker haben einen strategischen Fehler gemacht. Sie schreiben, Hamburg sei kaum vertreten in der Forschungsspitzenliga, für eine Verbesserung brauche es aber nicht mehr Geld, sondern mehr Prioritätensetzung. Das dürfte Scholz freuen, dessen wichtigstes politisches Ziel der schuldenfreie Haushalt ist. Aber es verärgert die Betroffenen. Denn mehr Prioritäten bei gleichem Geld, das heißt für viele: kürzen!

Oder um es aus Sicht der Beteiligten zu sagen: nach jahrelangen Kürzungen noch weiter zu kürzen, nach jahrelanger Mehrarbeit noch mehr zu arbeiten! Dohnanyi und seine Mitstreiter haben es damit geschafft, dass diejenigen, die ihrem Appell eigentlich zustimmen, nun Interviewanfragen ablehnen.

Und sie haben es geschafft, dass die wichtigen Fragen vergessen wurden: Wie soll die Wissenschaftsstadt Hamburg 2025 aussehen? Oder besser: Welche Geschichte sollen die Hamburger über ihre Hochschulen erzählen, welches Bild die Menschen anderswo von der Wissenschaftsmetropole Hamburg haben?

Symptomatisch für die Situation der Möchtegern-Wissenschaftsmetropole Hamburg ist das neue Hochschulgesetz, das nächste Woche verabschiedet werden soll. 2010 hatte das Bundesverfassungsgericht das alte Gesetz für verfassungswidrig erklärt, weil es die Freiheit der Forschung einenge. Zweieinhalb Jahre hat Senatorin Stapelfeldt nun an dem Gesetz gearbeitet – deutlich länger als geplant. Zwischenzeitlich hielt die juristische Fakultät den neuen Entwurf gleich wieder für verfassungsrechtlich bedenklich, dann wurde in sämtlich möglichen Konstellationen und Gremien debattiert. Alle Einwände von Bedenkenträgern sollten berücksichtigt werden, doch am Ende sind alle unzufrieden, so scheint es. CDU und FDP finden, die Behörde traue den Universitäten nicht und reiße sämtliche Kompetenzen an sich. Linke und Grüne finden, bei Entscheidungen würden die Gremien der Hochschulen nicht genug einbezogen.

Das Bittere ist, dass viele Betroffene abseits des Politikbetriebs gar nicht so unzufrieden sind. Nur: Wenn etwas hängen bleibt von diesem Gesetz, dann wieder die Mittelmäßigkeit, das Klein-Klein, mit dem bar jeder Geduldsgrenze über Gremienstrukturen, Entscheidungswege, Exmatrikulationsbedingungen diskutiert wurde.

Der Hochschulpolitik fehlt das Narrativ, das griffig zeigt, wohin Hamburg sich entwickeln soll. So simpel es klingt, nur eine solche Geschichte wird künftig einige der besten Studenten und Wissenschaftler nach Hamburg locken, Unternehmen überzeugen, sich hier anzusiedeln, Studenten den Mut machen, sich mit ihren Ideen selbstständig zu machen. Das sind die Standortfaktoren der Zukunft – eine Binsenweisheit, seit jede Kreisstadt diskutiert, ob sie fit für die "kreative Klasse" ist.

Wie könnte sie nun aussehen, die Wissenschaftsmetropole Hamburg 2025?

Wir haben zwölf Insider aus der Wissenschaft und Repräsentanten der Stadtgesellschaft gebeten, uns Thesen zu schicken. Diese finden Sie in der aktuellen Ausgabe der ZEIT:Hamburg. Und in der kommenden Woche wird Dorothee Stapelfeldt im Interview mit uns über die Vorschläge diskutieren – und über die drei alten Herren.

2 Kommentare


  1. Exil-Hanseaten sind also wieder aufgeschmissen.


  2. Lieber OH,

    kann man die Diskussion auch online verfolgen?

    Beste Grüße – und besten Dank für die Recherche zu diesem wichtigen Thema,

    Leni

 

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