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Fukuyama: Mehr Karotten für Iran

 

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Francis Fukuyama, Theoretiker des „Endes der Geschichte“ und reuiger Ex-Neocon

Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, ein anfänglicher Befürworter des Irak-Kriegs, der sich zum scharfen Kritiker der Bushies entwickelt hat, mischt sich jetzt auch in die amerikanischen Strategiedebatte über Iran ein.

Bei einem einem Auftritt vor der Iranischen Lobbyorganisation NIAC (National Iranian American Council) plädierte er für eine Rücknahme der Maximalforderungen gegenüber Iran (Aussetzen der Anreicherung als Bedingung für Gespräche) und für ein „ernsthaftes politisches Angebot“ seitens der USA an Iran. Ich finde, er hat Recht. Link hier.

Wie will man den Eiszeit-Kurs gegenüber Iran noch länger rechtfertigen, wenn man nun selbst mit einen Horror-Regime wie Nordkorea einen Deal macht? Die US-Politik gegenüber Iran blickt auf mehr als ein Vierteljahrhundert Totalversagen zurück. Zeit, etwas Neues zu versuchen.
Zitate:

Fukuyama challenged America’s unilateral approach to Middle East foreign policy over the past 6 years, criticizing the Bush administration’s reliance on: overwhelming military might; preventive war as a nonproliferation strategy; democratization as a method of securing strategic goals, unilateralist approaches to international affairs; and what he called a lack of competence in carrying out policy objectives.

Asserting the importance of preventing Iran from acquiring nuclear weapons, Fukuyama reasons that stepping up economic pressure on Iran can only work if the US also pursues a „path out that involves a serious political offer.“

The theory that Iran would not respond to a deterrence strategy was questioned by Fukuyama, who described Iran as a cautious regional actor in its approach to national interests, „Iran has actually been quite pragmatic,“ he said. Fukuyama referenced the country’s dealings in the past with Israel to support his view.

Cautiousness and skepticism about forging a US-Iran alliance was expressed by the nationally renowned academic; nevertheless, he supported the advancement of more positive incentives or „carrots“ coupled with greater sticks to achieve US strategic aims with respect to Iran. For example, he preferred the forswearing of the US’s regime change ambitions in Iran and a restoration of diplomatic relations, rather than the Security Council and Germany’s (the P5+1) proposal preconditioned on a suspension of enrichment even before the talks begin.

38 Kommentare

  1.   docaffi

    Es ist viel Wahres in Fukuyamas Worten.
    Übrigens hier ein Artikel von der Tagesschau, der zeigt, dass GW doch nicht so einfach hat, einen Krieg gegen den Iran zu legitimieren:
    http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID6419574_TYP6_THE_NAV_REF1_BAB,00.html

  2.   docaffi

    Liebe Leute,
    übrigens hier ein TV-Programmtip über die Geschichte des iranischen Atommprogrammes:
    ARD Donnerstag, 22.02.2007 , 23:45 Uhr „Die Story – Der Physiker der Mullahs“

  3.   docaffi

    @JS
    Kann man denn so überhaupt noch einen neuen Krieg beginnen:
    http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID6422368_NAV_REF1,00.html

    Oh, das sieht schlecht aus JS!!!

  4.   J.S.

    @docaffi
    Glauben Sie die Demokratische Partei möchte das Iran-Irak Problem von Bush erben?
    Im Stillen sind die auch begeistert davon, das Bush bereits die Iraner gezwungen hat ihre Vasallen, nämlich die Mahdi Armee, aus dem Irak abzuziehen. Und zwar genau weil Teheran Angst hat den Amerikanern einen Casus Belli zu liefern. Aber was wenn Teheran durch die Abstimmung im Repräsentantenhaus wieder ermutigt wird und die Mahdi Armee wieder in den Irak zurück schickt?
    Es liegt ganz in der Hand der Iraner. Die Iraner müssen jetzt dafür sorgen, das ihre Führung nicht auf so gefährliche Ideen kommt.

  5.   iceman

    Herr Lau, passen Sie auf, dass Sie nicht abdriften.
    Eine gewisse Polarisierung ist in Krisenzeiten normal, aber Ihr Beitrag erinnert mich fatal an den aktuellen Kommentar von Iran-Now mit dem Titel: „Geister aus der Flasche“, siehe:
    http://iran-now.net/
    Sie können Norkoreas pummeligen Egomanen nicht vergleichen mit einem Mullah-Regime, hinter dem ein 1.400 Jahre altes Konzept an religiös-faschistoiden Gedankengut steht.

    Zu Fukuyama:
    Manche Leute haben das Talent, immer auf der falschen Seite zu stehen.
    Wenn das so ist, kann man fast sicher sein, dass es eine Schwäche im analytischen Denken gibt.
    Das ist nicht so schlimm bei Leuten, die in technischen Berufen arbeiten (auch Herr A. in T. hätte besser Ingenieur bleiben sollen).
    Aber das ist tödlich für Personaler, Firmenchefs, Soziologen und Politiker.
    Tödlich auch für ganze Völker, wenn Letztere regieren.

    In dem Artikel von niac heisst es:
    „Dr. Francis Fukuyama described Iranian foreign policy as pragmatic and rational“.
    Da fallen unsereinem die restlichen Haare aus!
    Was ist mit „Juden ins Meer treiben“, oder mit dem Holocaustgipfel?
    Und warum kann das Regime nicht so „pragmatisch“ sein, Uran in Russland anreichern zu lassen – um dadurch einen Krieg (und den eigenen Machtverlust) zu verhindern?
    Wenn DAS alles rational ist, mein lieber Scholli, dann gibt es für Mutter Erde keine Hoffnung mehr.

    „Our hand is weaker than four years ago“, meint Fukuyama.
    Richtig, und deshalb warten Republikaner UND Demokraten ab, bis die Hand in weiteren vier Jahren wieder stärker geworden ist.

    Als nächstes kritisiert Fukuyama den zunehmenden ökonomischen Druck auf Iran, empfiehlt das Gegenteil („carrots“), rät sogar zur Vorsicht bei der Stärkung oppositioneller Gruppen („too dangerous“), um am Ende zu konstatieren, dass eine strategische Partnerschaft mit dem derzeitigen Regime nicht möglich sein wird.

    Der Mann tut mir leid!


  6. @ iceman: Abdriften? Ich habe nicht jahrelang gegen politische Korrektheit polemisiert, um mich nun selber in ein neues pc-Netz einfangen zu lassen. Und bitte: 1400 jahre „religiöser Faschismus“, mit solchen Begriffen begreifen wir nichts. Fukuyama bezieht sich auf die tatsächliche Aussenpolitik Irans, nicht auf die antizionistische Ideologie. (Sie mögen Zweifel haben, ob man das völlig trennen kann – die habe ich auch. Aber identisch sind diese Dinge auch nicht. und es ist einen Versuch wert, den Unterschied zwischen beidem durch Druck und Angebote weiter herauszuarbeiten.)

  7.   J.S.

    Könnten die Mullahs die „antizionistische Ideologie“ ablegen, ohne ihre Existenz zu gefährden?
    Ich behaupte, dass die Theokratie im Iran nur noch dank ihrer Feindbilder funktioniert.

  8.   Wachtmeister

    @J.S.
    In meinen Augen trifft das völlig zu. Wer über Jahrzehnte erzählt, daß Israel der Feind schlechthin sei, kann diese Position nicht aufgeben, ohne seine Glaubwürdigkeit aufzugeben. Im Fall der Hamas ist es genauso. Weltanschauungen dieser Art sind daher nur sehr bedingt flexibel. Wenn sie extreme Positionen aufgeben, dann meist mit Begründungen wie „Der Feind ist noch zu stark, deshalb müssen wir vorsichtig und pragmatisch sein und den eigentlichen Kampf auf später verschieben“.

    Daraus folgt: Extremisten mäßigt man, indem man sie unter Druck setzt. Kommt man ihnen entgegen und erscheint als schwach, dann haben sie keine Möglichkeit mehr, mit ihrer eigenen Weltanschauung gemäßigtes Handeln zu legitimieren.


  9. @ Wachtmeister, J.S.: Würden Sie zustimmen, dass der Westen zur Zeit schwach aussieht, weil wir es mit Draufschlagen versucht haben und dabei unsere Kräfte überschätzt haben? Der Irak-Krieg hat uns in Teheran jedenfalls keinen Respekt verschafft. Dort hat man nach anfänglichem Schrecken angefangen sich zu wundern, wie die USA so dumm sein können, erst den einen und dann den anderen Feind abzuräumen – und dabei zu glauben, man werde gegenüber Iran nun auch noch auftrumpfen können.

  10.   Wachtmeister

    Nochmal zu Fukuyamas These:

    – Rationalität der iranischen Politik: Die Politik ist rational, die Weltanschauung nicht. Der Iran handelt durchaus rational, wenn er Phasen der wahrgenommenen Schwäche seiner Gegner für Offensiven nutzt und versucht, ein Atomwaffenprogramm aufzubauen. Fukuyama hat m.E. Recht wenn er darauf hinweist.

    – Abkommen zwischen USA und Iran: Es gab in der Vergangenheit ja geheime Übereinkünfte. Offizielle Abkommen kann sich der Iran kaum leisten, ohne seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Solange der Iran die USA für schwach hält, wird er ohnehin keinen Grund für ein Abkommen sehen. Die iranische Führung glaubt momentan, alle ihre Ziele auch so erreichen zu können. Wenn sie die Ziele erreicht hat, wird sie diese möglicherweise durch ein Abkommen sichern wollen. In der gegenwärtigen Phase kann der Iran nur zu einem Abkommen bewegt werden, wenn man seine Ziele gefährdet bzw. die Kosten für deren Erreichung erhöht.

    – „Sticks“ wären angedrohter Schaden durch Sanktionen, Zerstörung des Atomprogramms etc. „Carrots“ wären ein Ende von Sanktionen und die Zustimmung zu einem Atomprogramm, bei dem die Herstellung von Waffen technisch ausgeschlossen ist.

    – Fukuyama ist möglicherweise vorsichtig geworden, weil die „Regime Change“ Rhetorik im Falle des Irak eher kontraproduktiv war. Wer ohnehin beseitigt werden soll, der ist auch nicht mehr zu Konzessionen motiviert.
    Das bedeutet nicht, daß Regime Change falsch ist, man sollte ihn als Politiker nur nicht öffentlich erwähnen.

 

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