‹ Alle Einträge

Ein Gespräch mit dem bekanntesten iranischen Blogger

 

DSC_0002.jpg

Hossein Derakshan (aka Hoder), letzte Woche im „Good Friends“, Berlin. Foto: JL

Letzte Woche war Hossein Derakshan, der bekannteste iranische Blogger, wieder einmal in Berlin. Wir trafen uns, um über die Lage zu debattieren. Vor fast zwei Jahren hatte ich Hoder (so sein nom de plume) in der Zeit vorgestellt. Er hat für uns auch einen Kommentar zur Wahl Achmadinedschads geschrieben.

Hossein hat das Bloggen im Iran populär gemacht und ist bis heute eine Legende (sein Blog hier). Er lebte einige Jahre in Toronto, zur Zeit ist er ein veritabler Nomadeder immer wieder bei Freunden unterkommt.
Im letzten Jahr hatten wir uns über den Fall des Philosophen Ramin Jahanbegloo zerstritten, der im Iran verhaftet worden und zu einem Geständnis gezwungen worden war. Hossein hatte dieses Geständnis als ein Zeichen wirklichen Umdenkens gedeutet und damit letztlich dem Regime Recht gegeben, das Jahanbegloo subversive Umtriebe und Kontakte zu feindlichen westlichen Agenturen unterstellte.

Wir haben uns auch diesmal nicht über den Fall und seine Implikationen einigen können: Hossein hält es für illegitim für Iraner, sich in der angespannten Lage mit irgendeiner ausländischen Organisation einzulassen, die für eine Änderung des iranischen Regimes eintritt – selbst auf friedlichem Weg.

Ich finde dies falsch, weil es am Ende darauf hinausläuft, die iranische Zivilgesellschaft ihrem Schicksal zu überlassen und jede Unterstützung aus dem Westen als „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“ auszuschliessen.

Hossein halt selbst einmal anders argumentiert.

Er wird mittlerweile wegen seines neuen Kurses, angesichts eines drohenden Krieges die Legitimität des iranischen Regimes zu verteidigen, im Internet als Agent des Iran denunziert. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass dieser unabhängige Kopf sich derart einspannen lassen würde.

Er meint was er sagt, wenn er ankündigt, er werde notfalls den Iran verteidigen, wenn es zum Krieg kommt. Er ist nicht der einzige Iraner, der mit dem Regime in Konflikt steht und dennoch so denkt. Das sollte im Westen zur Kenntnis genommen werden.

Hossein war kürzlich zum wiederholten Mal in Israel, um dort klarzumachen, dass es viele Iraner gibt, die jeden Antisemitismus ablehnen und doch zu ihrem Land stehen. Ich finde dieses Engagement mutig und fast heldenhaft, denn er weiss, dass ihm dies die Rückkehr in den Iran so lange unmöglich machen wird, wie dort der Antizionismus/Antisemitismus Staatsdoktrin ist.

Zugleich verteidigt Hossein heute im Prinzip das Recht Irans nicht nur auf ein ziviles Atomprogramm, sondern sogar auf eine Atombombe, weil dies schlicht den unleugbaren Sicherheistinteressen des Landes entspreche. In der westlichen Öffentlichkeit ist das eine tabuisierte Position, was uns vielleicht darüber hinwegtäuscht, wie viele Iraner sie unterstützen (ohne dabei notwendigerweise die Mullahs zu unterstützen). Ich finde diese Position falsch, aber ich denke, sie sollte zur kenntnis genommen werden. Jedenfalls wäre es falsch zu glauben, demokratisch gesinnte junge Iraner seien durchweg „gegen die Bombe“.

Vor einem Jahr hat Hossein immerhin noch argumentiert, nicht die Bombe per se sei das Problem, sondern die undemokratische, tyrannische Natur des Regimes, das nach ihr strebt. Jetzt ist solcher Vorbehalt aus seinen Thesen verschwunden.

Im Licht eines möglichen Angriffs auf Iran, im Licht der Rückkehr einer zynischen westlichen Realpolitik, die sich mit den Lumpenregimen der Region verbündet, hat die Islamische Republik Iran für Hossein Derakshan plötzlich wieder so viel Legitimität, dass er sie mit der Waffe in der Hand verteidigen würde. Und das sagt jemand, der ins Land nicht einmal einreisen dürfte, ohne verhaftet und verhört zu werden.

123 Kommentare

  1.   AM

    „The more the clash between the west and Iran escalates, the more convinced I become that the west’s real problem with the Islamic Republic of Iran is not its nuclear activities, its level of democracy, its human rights record, or its support for „terrorist“ groups. Pakistan, followed closely by Saudi Arabia, easily beats Iran on all these fronts.“
    Dem ist nichts hinzuzufügen. Wenn Hossein Derakshan das sagt, bedeutet es keineswegs, dass er irgendetwas mit dem Mullah-Regime zu tun haben muss. Aber natürlich wird auch jeder Eskimo, der sowas ausspricht, als Agent der Mullahs hingestellt.

  2.   Riccardo

    Hossein Derakshan führt vor, daß der Mensch von archaischen Programmen gesteuert wird. Beispielhaft dafür sind z. B. die rhetorischen Eiertänze deutscher Intellektueller im Vorfeld der Weltkriege. Da wird aus einem Pazifisten schon einmal ein Bellizist. Blut ist eben dicker als Wasser.

  3.   docaffi

    Lieber Herr Lau,
    bei allem Respekt vor dem tollen und mutigen Angagement vom Herren Derakhshan, bin ich sicher, dass nicht viele junge insbes. im Exil lebende Iraner seine Einstellung teilen. Ich kenne z.B. keine Iraner in Deutschland (und ich kenne wirklich viele), die bereit wären für die Mullahs in den Kampf zu ziehen, obwohl wir alle mittlerweile wieder ins Land einreisen dürfen. Das mag Feige sein und klingen aber das sind die Lehren, die man aus dem ersten Golfkrieg gegen Irak gezogen hat. Damals war diese patriotistische Einstellung vom Herren Derakhshan noch extremer, so dass viele junge Menschen im genannten Krieg gefallen sind, die eigentlich nicht für Mullahs kämpfen wollten. Außerdem ist mittlerweile das Leid unter dieser Regirung so groß, dass man froh ist wenn sie weg ist. Das soll aber nicht heißen, dass meine Freunde und ich einen Krieg herbeischwören möchten oder gut heißen. Denn ein Krieg ist m.E. die allerschlechteste Lösung des Konfliktes.

  4.   J.S.

    „er werde notfalls den Iran verteidigen, wenn es zum Krieg kommt. “
    Die Annehmlichkeiten des Westens nutzen, aber für die Mullahs kämpfen.
    Ich finde nicht das man die Texte von Leuten veröffentlichen sollte, die dafür sorgen das Leute wie docaffi sich „Feige“ vorkommen.
    „Zugleich verteidigt Hossein heute im Prinzip das Recht Irans nicht nur auf ein ziviles Atomprogramm, sondern sogar auf eine Atombombe, weil dies schlicht den unleugbaren Sicherheistinteressen des Landes entspreche.“
    Das ist gefährlich falsch! Man liest diesen Unsinn allerdings immer wieder. In einem Iran ohne Atomwaffen ist höchstens die Führung gefährdet, in einem Iran mit Atomwaffen das ganze Volk.

  5.   Mehran

    He wrote in Washington Post a while ago why he has chnaged his mind on Iran’s nuclear program:

    Iran Needs Nuclear Weapons
    http://newsweek.washingtonpost.com/postglobal/hossein_derakhshan/2006/08/iran_needs_nuclear_weapons.html

    Paris, France – Two years ago I did not want Iran to produce nuclear energy for electricity, let alone for its military. Today I’ve changed my mind. Iran needs nuclear weapons to defend itself.

    Back in 2004, I had environmental and political worries about nuclear energy. Low safety standards in Iran, evidenced for example in the extremely high incidences of road accidents, would make anyone nervous about the possibility of another Chernobyl occurring in Iran. Politically, I argued that possessing nuclear weapons would embolden the new government of Iran, which was already exhibiting an unimpressive record on democracy and human rights.

    But the events of the past two years — most notably with what’s happening in Iraq, along with last year’s presidential election and other unfortunate events in the region — has left no doubt in my mind, and in the minds of lots of secular Iranians, that the U.S. is behaving more and more like a reckless imperial force in search of new sources of energy and new markets to expand to economically. Therefore, even if Iran becomes the most peaceful, secular and progressive, yet still independent state on the planet, the U.S. would be unable to tolerate it. The U.S. would seek new excuses to topple Iran’s government and install their favorite instead.

    For this reason, I believe Iran needs to produce nuclear weapons as a defensive mechanism, to deter the U.S. today and the ever-expanding and equally energy-hungry China tomorrow.

    Moreover, a nuclear Pakistan has always been a threat to Iran and a source of instability. Radical Wahabi and anti-Shia groups such as Sepah-e Sahabeh have murdered Iranian citizens or diplomats in the past twenty years. They helped create the Taliban, which almost got into war in Iran in late in late 90s.

    But making nuclear weapons even for totally defensive purposes is not easy now. Iran could only get away with it by stopping enrichment now, voluntarily normalizing relations with Israel and the U.S., and withdrawing from the NPT. Then it could start making the weapons — secretly or maybe even publicly. It’s only then that the world would tolerate a nuclear Iran.

  6.   Joerg Lau

    @ Mehran: So what do YOU say? You agree with Hoder?

  7.   iceman

    @ Mehran

    THANK YOU!!!

    Thank you very much, people like you are absolutely invaluable.
    Thank you for covering up lies, for covering up false propaganda, and give warnings to false friends.

  8.   J.S.

    WDR Fernsehen heute 22.30

    „Tod durch Erhängen, so lautete das Urteil gegen die 16jährige Atefeh R. Ihr wurde „unkeusches Verhalten“ vorgeworfen. Der Richter hatte dem Teenager den Strick eigenhändig umgelegt. Der Galgen stand mitten in der nordiranischen Stadt Neka, und die Bevölkerung durfte zuschauen.“

  9.   Mehran

    I do partly agree with him. Especially when he writes:

    „But the events of the past two years — most notably with what’s happening in Iraq, along with last year’s presidential election and other unfortunate events in the region — has left no doubt in my mind, and in the minds of lots of secular Iranians, that the U.S. is behaving more and more like a reckless imperial force in search of new sources of energy and new markets to expand to economically. Therefore, even if Iran becomes the most peaceful, secular and progressive, yet still independent state on the planet, the U.S. would be unable to tolerate it. The U.S. would seek new excuses to topple Iran’s government and install their favorite instead.“

  10.   J.S.

    @Mehran
    It is the US that bans Energy Imports from Iran to the US, not the other way around.
    Consequently your argument about energy ist plain wrong. You will have to face reality. Which mens, you can not shout „death to america“ and develop nuclerar weapons at the same time. You can not sponsor Anti Western Terrorism and think you get away with it, after 9/11.
    And Iran is not a „peaceful, secular and progressive“ state but an islamofashist terror sponsoring regime. So if you think this is about „imperialism“ you just repeat what antidemocrats lie since about 100 years.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren