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Warum unterdrückt der Iran seine Frauen so brutal?

 

Warum hat die Islamische Republik den Frauen den Krieg erklärt, die für ihre Rechte eintreten? Akbar Gandschi, der bekannteste iranische Dissident, hat eine brillante Erklärung (sein Essay hier): Die Geschlechtersegregation ist wichtig, um zu simulieren, dass der Iran eine Gesellschaft sei, in der die Scharia gelte.

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Zu simulieren! Denn wie Gandschi schreibt, die wesentlichen Bestimmungen der Scharia werden im Iran de facto gar nicht angewendet:
1 Dieben werden die Hände nicht abgeschnitten.
2 „Gegnern Gottes“ werden nich je ein gegenüberliegendes Bein und ein Arm amputiert.
3 Das Talionsgesetz – Auge um Auge, Zahn um Zahn – wird nicht angewendet.
4 Die Steinigung wird nicht angewendet.
5 Die Gesetze gegen Apostasie werden nicht angewendet.
6 Die Vorschrift über den Dschihad werden nicht angewandt.
7 Die Besteuerung von Nichtmuslimen wird nicht praktiziert.
8 Die Auspeitschung bei islamisch unkorrektem Verhalten wir nicht angewandt.
9 Das Zinsverbot wird nicht beachtet, sondern durch findige Weisen, Zinsen zu „Porfit“ zu erklären, umgangen.
10 Die Zahlung des Zehnten wird vernachlässigt.
Gandschis sarkastische Folgerung:

Only one thing remains that suggests that the system is Islamic: women’s hijab. The Islamic Republic’s regime makes women wear the hijab by force so that, one, the country is considered Islamic and, two, there can be a justification for continued rule by the vali-ye faqih [supreme Islamic jurist/cleric].

Die Unterdrückung der Frauen mit allerlei Vorschriften über islamische Kleidung, vor kurzem abermals heftig in Szene gesetzt, hätte also nicht die Funktion, die Scharia durchzusetzen, sondern sie wäre ein Versuch, die Nichtbeachtung der Scharia zu bemänteln und damit eine Schein-Legitimation der Theokratie zu liefern:

Today, the Islamic Republic stands naked and without a cover, because, based on to the criteria of the fuqaha (Rechtsgelehrte, J.L.), the country is not Islamic; because there is no justification for the continuation of the fiqh-based State; because it is brute force that has made the survival of rule by the fuqaha possible. There is no reason or logic for covering up the naked oppression and intimidation. So, they cover up women in order to put their Islamism on display. It is that simple.

Gandschi geht noch weiter: Er fragt, warum die Frauenfrage für das Regime eine so existentielle Frage geworden ist, dass es zu immer brutalerer Unterdrückung greift:

The State is opposing women’s demands because the only thing that justifies the authority and guardianship of the fuqaha is the implementation of the precepts of fiqh and the only precepts that remain are the precepts that rule out freedom and equality for women. So, the quarrel is essentially not over religiosity or irreligiosity. The quarrel is over democracy or dictatorship, since equality is the shared foundation of democracy and human rights. Anyone who is opposed to the equality of women and men, believers and unbelievers, clerics and non-clerics, etc. is opposed to democracy and human rights. And anyone who fights for equality in any arena is, knowingly or unknowingly, fighting for democracy and human rights.

Die Frauenfrage ist im Grunde die demokratische Frage. Am Ende zieht Gandschi eine interessante Parallele. Die Kemalisten mit ihrem Kopftuchbann und dien Mullahs mit ihrer Kopftuchvorschrifte werden von ihm als zwei verschiedene, beide zum Scheitern verurteilte, Wege des Umgangs mit der Frauenfrage bezeichnet:

Women’s liberation will be achieved when the plurality of women’s social identities is officially recognized and when the State – any State – stops imposing on women norms that suit the ruling elites and trying to create ‚a woman in line with the ideology‘. Turkey’s Kemalists see women who observe the hijab as barbarous and Iran’s fundamentalists consider women who do not observe the hijab or who do so improperly as barbarous. But is barbarity anything other than a State that drives its citizens in a direction that they do not want to go by brute force and makes them wear clothes that they do not want to wear? We must accept human beings‘ right to choose their own customs. Women must not be used as a means for achieving States and ideologies‘ ends. Freedom and equality have to be accepted so that everyone can live their lives on the basis of their own understanding of the good. The modern individual is someone who creates him/herself as a work of art. Every work of art is different from every other work of art. Democracy means recognizing differences and the right to be different and to think differently.

Ich würde dennoch einen Unterschied zwischen dem Kopftuchverbot der Kemalisten und dem Haarzeigeverbot der Mullahs sehen wollen: Denn das erste – wie auch immer autoritär – eröffnet den Frauen (jedenfalls der Tendenz nach) alle gesellschaftliche Möglichkeiten, das zweite verschließt ihnen ganze Welten. Das erste definiert die Frau als gleichrangig (jedenfalls ideell), das zweite definiert sie als das ganz andere, den Männern untergeordnete und zweitrangige Wesen.

Trotzdem: Gandschi hat wieder den Nerv getroffen.

0 Kommentare

  1.   docaffi

    Man darf nicht vergessen, dass es im Iran zur Zeiten von Reza Shah Pahlawi (Vater von Moahammad Reza Pahlawi) einen Kopftuchverbot herrschte. Reza Shah, der ein guter Freund von Atatürk war, setzte den Verbot brutal durch.
    Bei aller Brutalität war dies der Beginn der weiblichen Emanzipation im Iran und wurde später von vielen iranischen Frauen gerne angenommen. In den siebziger Jahren hat Khomeini den durch Reza Shah durchgesetzten Kopftuchverbot immerwieder als Propaganda gegen Pahlawis benutzt und hiermit insbesondere im religiösen Bevölkerungsanteil gepunktet.

  2.   Wachtmeister

    „Denn wie Gandschi schreibt, die wesentlichen Bestimmungen der Scharia werden im Iran de facto gar nicht angewendet“

    Man gewinnt den Eindruck, daß das iranische System, gemessen am islamischen Ideal, noch als moderat bezeichnet werden muß.

  3.   Riccardo

    Kleriker hassen Frauen immer.

  4.   Fritzfernandos

    Schlägt Tony Blair und viele Briten ihre Kinder um zu beweisen das biblische Strafen auch in Grossbritanien noch gültig sind ?

    Großbritanien als Gottesstaat mit der Queen als Oberhaupt der Staatskirche. Das wär dochmal ein Thema ;-l

  5.   iceman

    Finde ich gut, dass Gandschi die Demokratiefrage so stark an die Emanzipationsfrage koppelt – da liegt die Wurzel aller Übel.
    Was das Kopftuch angeht:
    Eine gute Regelung wäre, wenn man das Kopftuch nur für weibliche Lehrkräfte untersagen würde (und nur an Regelschulen).
    Darüber hinaus noch für Kinder bis zu einem bestimmten Alter – auch das sollte gesetzlich geregelt werden, damit Eltern ihre Kinder nicht zu früh schon durch reine Gewöhnung prägen.
    Ansonsten sollte man entspannter damit umgehen, denn ist die Möglichkeit zur freien Entfaltung und Selbstbestimmung erst gesichert, so sollte das genügen.

  6.   iceman

    Schon gelesen?

    http://www.welt.de/politik/article880618/Teheran_druckt_taeuschend_echtes_Falschgeld.html

    Mit Hilfe westlicher Technologie wird zuerst Geld gefälscht, und dann wird das Atomprogramm damit finanziert.
    Hierzu passt die Meldung:
    Auf einigen iranischen Geldscheinen (50.000 Rial) präsentiert die iranische Friedensrepublik auf der Vorderseite den Ayatollah Chomeini, und auf der Rückseite das Atomsymbol:

    http://iran-now.net/$205078

    Als was soll man so eine Farce bezeichnen?
    Als „iranischen Geldkreislauf“?
    Ein noch so kranker Kopf hätte sich kaum ein schlimmeres Regime ausdenken können als das iranische.
    Wenn die Jungs erst Atomwaffen haben, dann Gute Nacht!

  7.   Fritzfernandos

    Also ich fände es witzisch, wenn die Iraner Falschgeld fälschen würden 😉

    Aber leider bloß ne Propagandameldung 🙁

  8.   docaffi

    @iceman
    Du darfst Ahmadinejad und die Mullahs nicht unterschätzen!!
    Wie war es noch mal mit dem Mussolini-Syndrom??

  9.   iceman

    @ Boccanegra

    Klar, liberalisieren wir alles!
    Schaffen wir das Alkoholverbot für unter 18jährige ab, damit sich 10jährige mit süssem Eierlikör oder Apfelschnaps besaufen können.
    Diskutieren wir nicht mehr über Werbeverbote für Nikotinverbote, damit 10jährige weiter den coolen Marlboro-Mann mimen können.
    Legalisieren wir Drogen, damit sich verhaltensgestörte Jugendliche ihre Psychopharmaka gleich selbst besorgen können (wer Geld hat für Klingeltöne, der hat auch Geld für Ecstasy, zumal wenn die Preise in den Keller fallen).

    Die Voraussetzung, die ein Mensch besitzen muss, um frei entscheiden zu können, ist das Kriterium der geistigen Reife.
    Unser Justizsystem entspricht dem in Form der altersgestaffelten Geschäfts- und Straffähigkeit.
    Solange das nicht gewährt ist, entscheiden die Eltern für das Kind.

    Es gibt aber einen Unterschied zwischen der Verpflichtung von Eltern, ihre Kinder wettergerecht anzuziehen und zu ernähren, und einem seitens der Eltern verordneten Kopftuchverbot.
    Die Möglichkeit, dass sich ein Mensch frei entfalten kann, lässt sich nämlich sehr gut verhindern, indem man Kinder frühzeitig indoktriniert.
    Wenn ein Kind frühzeitig unter´s Kopftuch gezwungen wird, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es dieses nach einiger Zeit als Teil des eigenen Körpers empfindet, und damit als kaum verzichtbaren Teil der eigenen Identität.
    Und dass das Kopftuch eine isolationistische oder distanzierene Funktion hat, das steht wohl ausser Frage – denn darin liegt ja sein Sinn.
    Und genau das gefällt mir nicht.

    Was Sie uns als ein Plus an Freiheit und multikultureller Vielfalt verkaufen wollen, ist etwas zutiefst Illiberales.
    Elterliche Indoktrinationen kann man kaum über Gesetze verhindern, und deshalb sind die Regelungen in den Schulen umso wichtiger.
    Bekopftuchte Lehrerinnen geben ein eindeutiges Bekenntnis zu einer sehr zweifelhaften religiösen Auslegung ab, und in einem deutschen Klassenraum hat so etwas nichts verloren, da ist Neutralität gefordert.

    P.S.
    Dass ein Kopftuch vor zuviel Fernsehkonsum schützt, ist mir neu.

  10.   Wachtmeister

    @Boccanegra:

    Die Entscheidung zum Tragen des Kopftuches v.a. durch junge muslimische Frauen und Mädchen ist in europäischen Gesellschaften eher das Ergebnis sozialen Drucks als das Ergebnis freier Entscheidungen. Es gibt dazu Umfragen u.a. aus Frankreich, die das belegen.

    Islamisten propagieren das Tragen des Kopftuches, um eine Integration von Muslimen zu erschweren und sichtbare Zeichen des Dominanzanspruchs ihrer Weltanschauung über Muslime zu schaffen. Das Kopftuch negiert individuelle Verantwortung (die Frau ist für die sexuelle Selbstbeherrschung des Mannes verantwortlich) und negiert die Individualität der Frau (ihr werden individuelle Merkmale verweigert). Das Kopftuch steht somit für eine Weltanschuung, welche die Grundlagen der freiheitlich-säkularen Demokratie angreift.

    Um muslimischen Frauen zu helfen, dem von Islamisten ausgeübtem sozialen und teilweise auch gewalttätigen Druck zu widerstehen, und um die Ausbreitung von Symbolen zu verhindern, die für gegnerische Weltanschauungen stehen, ist Regulierung angebracht.

    In öffentlichen Schulen und im öffentlichen Dienst ist das Tragen dieses politischen Symbols so zu verbieten wie das Tragen anderer Sybole extremistischer Ideologien. Auf Passphotos, vor Gericht etc. ebenfalls. Im privaten Berich würde eine gesetzliche Regulierung jedoch nicht greifen.

    Hier kann die Zivilgesellschaft ansetzen: So wie rechtsradikale Symbole gesellschaftlich geächtet werden, muß das Kopftuch als Symbol für eine gegnerische und rückständige Weltsicht geächtet werden. Das Kopftuch steht für Ignoranz, Unfreiheit, Leugnung von Individualität und die Moral des Mittelalters.

 

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