‹ Alle Einträge

Wiedergeborene Muslime

 

Dies hier ist der bahnbrechende Aufsatz von Malise Ruthven, gleich nach dem 11. September 2001 veröffentlicht, in dem der Begriff born-again-muslims geprägt wurde. Von Ruthven stammt übrigens auch die Prägung „Islamofascism“ – und zwar schon aus dem Jahr 1990.
jihad_08_Malise_Ruthven.jpg

Malise Ruthven

0 Kommentare

  1.   lebeding

    Ich darf auf ein Interview mit Malise Ruthven (MR) hinweisen, das wohl aktueller ist als o.g. Artikel. Hier finde ich den folgenden Ausschnitt besonders interessant, weil auch in diesem Blog gerne eine generelle Kritik an Moslime als homogene Gemeinschaft geübt wird und der Islam als solcher mit verantwortlich gemacht wird für Entstehung des islamistischen Terrors, welches MR differenziert:

    >>JM Teilen Sie die Ansicht, dass die Extremisten zu verurteilen sind, die breite Masse der Muslime aber schuldlos ist?

    MR Ich glaube nicht, dass eine religiöse Tradition als Ganzes freigesprochen werden kann. In diesem spezifischen Fall haben verantwortungsbewusste religiöse Führer die Taten verurteilt. Doch insbesondere im sunnitischen Islam hat die religiöse Obrigkeit keine entscheidende Macht. Der sunnitische Islam in seiner Hauptrichtung ist eine Art Priesterschaft der Gläubigen, sodass die formelle Verurteilung von einigen hochrangigen islamischen Autoritäten – vor allem, wenn sie im Dienst der Regierung stehen – nicht viel Gewicht hat.

    Man muss wirklich über die Verlautbarungen der Führer hinaus auf die Haltung des Volkes schauen, und die, denke ich, ist weit weniger eindeutig. Es gibt zum Beispiel in der Bevölkerung Saudi-Arabiens, insbesondere bei den Jüngeren, und in der Welt des Islam allgemein einen Nationalismus, der an der militärischen Präsenz der Amerikaner dort Anstoß nimmt. Hinzu kommt das Wissen um die Korruptheit der herrschenden Dynastie. Dann die Tatsache, dass sie Milliarden für Waffen ausgegeben haben, und als sie den ersten Pulverdampf rochen, als Saddam Hussein in Kuwait einfiel, versteckten sie sich voller Angst unter Amerikas Rock, weil sie lauter Waffen gekauft hatten, mit denen sie nicht umgehen konnten.

    All dies lässt auf ein vielschichtigeres Meinungsbild schließen. Tatsächlich sind viele Muslime so wütend darüber, wie die Dinge in den letzten zehn oder mehr Jahren gelaufen sind, dass sie leider einen Angriff auf die Vereinigten Staaten als etwas sehen, das die Amerikaner herausgefordert haben. Individuell gesehen würde die große Mehrheit der Muslime aber wohl den Tod der einzelnen Menschen bedauern.<< http://visionjournal.de/02-4/Artikel1_02-4.htm

  2.   Molinocampo

    Ich bin nicht sicher, ob Ruthven als Erster den Begriff „Islamfaschismus“ gebraucht hat – vielleicht im englischsprachigen Raum. Albern ist jedenfalls die Kritik am Begriff „Islamfaschismus“ durch Journalisten (sic!) wie z.B. in der Süddeutschen, Islamismus könne nicht mit dem Faschismus verglichen werden, da Islamismus weder rassistisch, noch nationalistisch orientiert sei! Die zeigt, für ein albernes, verkürztes und uninformiertes Faschismusdefinition sich gerade in Deutschland breit gemacht hat. Faschismus ist ein DENKSTIL über die historische und erwartete Gesellschaftsentwicklung, und muß keineswegs mit rassistischen oder nationalistischen INHALTEN gefüllt sein.

    Bei dieser Gelegenheit möchte ich daran erinnern, daß Historiker wie Reinhard Schulze und Islamwissenschaftler wie Prof. Dr. H. Halm vom Orientalischen Seminar der Universität Tübingen schon vor über 10 Jahren auf die Parallele von Islamismus und Faschismus ALS DENKSTIL aufmerksam gemacht haben:

    Ein zentraler Beitrag zur notwendigen Begriffsklärung von Halm:

    Prof. Heinz Halm, Leiter des Seminars für Orientalistik an der Universität Tübingen: Islam und Islamismus
    – Eine notwendige Begriffsklärung, in: Evangelische Kommentare 3/95

    Eine Auswahlbibliographie zur auch zeitlichen Parallele von Islamismus und Faschismus im historischen Kontext von Schulze:

    Bücher / Books
    4. Die Rebellion der ägyptischen Fallahin 1919. Zum Konflikt zwischen der agrarisch-orientalischen Gesellschaft und dem kolonialen Staat 1820-1919, Berlin: Baalbek 1981.
    5. Islamischer Internationalismus im 20. Jahrhundert. Untersuchungen zur Geschichte der islamischen Weltliga, Leiden: Brill 1990.
    6. Menschenrechte in der islamischen Diskussion, Wuppertal 1991 (Institut für internationale Politik, Arbeitspapier Nr. 12).
    7. Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert, München: Beck 1994; 2., erweiterte Ausg. 2002; 3. ed. 2003.
    8. Il mondo islamico nel xx secolo. Politica e società civile. Traduzione di Andrea Michler, Milano: Feltrinelli 1998, 2003 [erw. Ausg. v. n° 7]
    9. A Modern History of the Muslim World, London: I.B. Tauris; New York: New York University Press 2000 [erw. Ausg. von n° 7]; erweiterte Ausg. 2002.
    10. Dějiny islámského světa ve 20. století. Z němčiny přeložil Vladimír Petkevič, Prag: Atlantis 2004 [erw. Ausg. von n° 7].
    Artikel in Zeitschriften / articles published in journals
    11. „La rébellion des paysans égyptiens 1919“, Revue tunisienne de sciences sociales 20 (1983), p. 19-32.
    12. „Eine islamische Alternative zwischen den Blöcken? Die Organisation der islamischen Konferenz in den internationalen Beziehungen”, Vereinte Nationen 3/1984, p. 92-96.
    13. „Kolonisierung in der arabischen Welt”, Orient 25 (1984), p. 16-21.
    14. „Die Politisierung des Islam im 19. Jahrhundert”, Die Welt des Islams 22 (1982, published 1984), p. 103-116.
    15. „Islamische Kultur und soziale Bewegung”, Peripherie 18/19 (1984/5), p. 60-84.
    16. „Attraktiv als Staatsideologie: Der Islam als geistige und politische Kraft in Afrika”, Das Parlament 30/31 (1987), p. 17.
    17. „Die islamische Weltliga (1962-1987)”, Orient 29 (1988), p. 58-67.
    18. „Der politische Islam im 20. Jahrhundert”, Entwicklungspolitische Korrespondenz 5/6 (1988), p. 7-11.
    19. „Männerbilder und Männertypen in den Erzählungen aus 1001 Nacht”, Saeculum XXXIX (1988), p. 340-349.
    20. „Der lange Bart des Propheten”, Kursbuch 93 (1988), p. 58-67.
    21. „Das islamische 18. Jahrhundert. Versuch einer historiographischen Kritik”, Die Welt des Islams XXX (1990), p. 140-159.
    22. „Politischer Islam und westliche Mißverständnisse”, Blätter des iz3w (Freiburg) 172 (1991), p. 19-21.
    23. „Vom Anti-Kommunismus zum Anti-Islamismus. Der Kuwait-Krieg als Fortschreibung des Ost-West-Konflikts”, Peripherie 41 (1991), p. 5-12.
    1
    24. „Wie friedensfähig ist der Islam?”, Zeitschrift für die Praxis des Religionsunterrichts 22 (1992) 4, p. 121-125.
    25. „Islam: Theologie der Sanftmut oder Praxis der Gewalt?”, Universitas 48 (1993) 2, p. 140-153.
    26. „Islam und Menschenrechte: Fundamentalistische Argumente von beiden Seiten”, Das Parlament 17 (23.4.1993), p. 11.
    27. „Schauspiel oder Nachahmung? Zum Theaterbegriff arabischer Reiseschriftsteller im 19. Jahrhundert”, Die Welt des Islams 34 (1994), p. 67-84.
    28. „Was ist die islamische Aufklärung?”, Die Welt des Islams 36 (1996), p. 276-325.
    29. „Gräber, Kaffeehäuser und Salons: Räume und Orte islamischer Kultur im 18. Jahrhundert”, Asiatische Studien 50 (1996), p. 761-778.
    30. „The Birth of Tradition and Modernity in 18th and 19th Century Islamic Culture. The Case of Printing”, History and Culture 16 (1997), p. 29-71.
    31. „International Islamic Organizations and the Muslims in Europe”, Migration 28 (1998)
    32. „Neuzeit in Aussereuropa”, Periplus (1999), p. 117-126.
    33. „Rasse, Klasse und Kultur”, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 52 (11-12/2001), p. 670-678.
    34. „Islamismus im Kontext der Globalisierung. Politische Widerstandsideologien zwischen Utopie und Pragmatismus“, Der Bürger im Staat 53 (2003), 2/3, p. 104-109.
    35. „al-islamiyun al-judud wa-l-harb ath-thaqafiya“, Prologue 26 (2003), p. 56-60.
    36. „Orientalismus. Zum Diskurs zwischen Orient und Okzident“, kunst und kirche 4 (2004), p. 200-208.
    37. „Wer war Muhammad?“, Leben & Glauben 3.2.2005, p. 10-12.
    38. „Islamische Welt: Zivilgesellschaft als Gradmesser für die Demokratie“, UniPress. Forschung und Wissenschaft an der Universität Bern 129 (Juni 2006), p. 11-12.
    39. „Islamistischer Terrorismus und die Hermeneutik der Tat“, Soziale Welt 57 (2006) 4.
    Buchkapitel /

  3.   lebeding

    @Molinocampo, vielen Dank für die Hinweise, auch den auf Halms. Dessen Einlassungen zur Frage, ob Islam kompatibel sei mit Rechtsstaat, also ob es historisch verbrieft sei, dass im Islam Religion und Staat untrennbar miteinander verknüpft seien, sind hochinteressant. Denn er kommt zum Schluss, dass diese Einheitsthese von Staat und Religion, die immer wieder dem Islam vorgeworfen und damit verbunden wird, er sei nicht in der Lage, rechtsstaatlich sich auszurichten, nicht ursprünglich mohammedanisch und sogar zweifelhaft sei.

    >>Die Frage ist nun, ob diese enge historische
    Verbindung tatsächlich unauflöslich ist; ob
    der Islam wirklich, wie manche seiner
    Anhänger behaupten, ohne die enge
    Verflechtung mit der Staatsgewalt nicht
    existieren könne. An dieser These sind
    Zweifel angebracht. Zunächst einmal enthält
    der Koran selber keinerlei Vorschrift über
    eine gottgewollte Staatsform.<<

    und erschließt seinen Aufsatz mit:
    >>Auch in der christlichen Welt hat sich die
    Säkularisierung des Staates gegen den zähen
    Widerstand der Kirchen durchsetzen müssen;
    sie mußte erkämpft werden, und das hat
    lange gedauert.<< http://www.uni-tuebingen.de/orientsem/download/halm.pdf

    Der Islamfaschismus aber hat sich genau aus dieser Staatsideologie extremistischer Islamisten entwickelt. Man kann also durchaus feststellen, dass diese Islamfaschisten mit dem Islam so wenig zu tun haben wie Mussolini und die Nazi-Faschisten mit dem Christentum.

    Malise Ruthven hat sich nicht nur mit dem Problem der „wiedergeborenen Moslime“ beschäftigt sondern auch mit dem der „wiedergeborenen Christen“; Malise Ruthven, Der göttliche Supermarkt, Frankfurt 1991, berücksichtigt u.a. hier:

    http://www.theologe.de/billy_graham.htm

    Insofern kann man die Lektüre Ruthven’s und auch Halms nur empfehlen.

  4.   Sebastian Ryll

    @Lebeding:
    „Zunächst einmal enthält
    der Koran selber keinerlei Vorschrift über
    eine gottgewollte Staatsform.“
    Wie denn auch, wenn er unseren Staatsbegriff nicht kennt? Der Islam hatte seine Herrschaftsform doch schon in der späten Zeit der Niederschrift des Korans gefunden.

    Ihr Vergleich mit Mussolini ist…überraschend. Wo war denn bitte schön bei dem strammen EX-SOZIALISTEN die „christliche Programmatik“?

    Nochmal: Sie können die Raster „dar al-harb/dar al-islam“ auf der einen Seite und „weltliches/geistiges Regiment“ auf der anderen Seite nicht so ohne weiteres gleich setzen. Der Koran geht mit weltlicher Herrschaft ganz anders um.
    Das Christentum konnte erst „säkularisiert“ werden, weil es lange VORHER, Jahrhunderte nach Christus, durch verschiedene Gründe römische Staatsreligion geworden war.
    Der Islam war schon zu Mohammeds Zeiten in „Amt und Würden“.^^

    „“Für das Reich der Welt hat Gott das weltliche Regiment des Schwertes eingesetzt, das durch die Androhung und den Vollzug von Gewalt für Frieden sorgen soll (vgl. den politischen Gebrauch des Gesetzes). Das weltliche Regiment wird durch die Obrigkeit ausgeübt, die sich an der VERNUNFT orientieren soll.““
    http://www.uni-saarland.de/fak3/huettenhoff/EthikSkript.doc

    @Molino:
    Oder argumentiere ich jetzt ZU lutherisch???
    Schön, dass Sie wieder da sind.

  5.   lebeding

    @S.R,: <<Wo war denn bitte schön bei dem strammen EX-SOZIALISTEN die “christliche Programmatik”?>>
    Nicht christl. Programmatik! Sondern er kam doch aus dem chrristlichen Milieu – oder war er Kommunist?
    Also, kurze Rede langer Sinn: letztl. spielt es keine Rolle, ob Faschismus so oder so gerichtet oder aus dieser oder jener Programmatik (Ideologie, Religion) getrieben ist: er bleibt unvereinbar mit Menschlichkeit.

    Man muss, denke ich mal da hinkommen, die Historie vom Menschsein und nicht von irgendeiner Ideologie her zu betrachten. Es ist unerheblich, ob man sie lutherisch – auch noch ZU oder gar zu sehr -, vom millerischen oder ob man sie vom ratzingerischen Standpunkt aus betrachtet. Immerhin leben wir im 21. Jhd. Da sollte man mal nach neuen Formen der Betrachtung, nämlich nach neutralen Formen Ausschau halten ….

  6.   Sebastian Ryll

    @Lebeding
    Was sollte dann ihr Mussolini-Vergleich???
    „“ dass diese Islamfaschisten mit dem Islam so wenig zu tun haben wie Mussolini und die Nazi-Faschisten mit dem Christentum.““ habe ich nicht verstanden, weil die Argumentation zur Behauptung fehlt und Sie danach gleich den Schwenk zu amerikanischen Evangelikalen machen. Was wollen Sie eigentlich sagen???

    Und zu „neutrale Formen“:
    Danke, kein Bedarf an bekindergärtnernden Allgemeinplätzen im Moment. Späte Geburt macht nicht automatisch gebildet.^^
    Ich hatte mit Absicht Molino gefragt.

  7.   Rafael

    @Lebeding

    Er war Kommunist. Seine Eltern waren Kommunisten. Die ganze Familie war extrem antiklerikal und atheistisch. Als Mussolini merkte, dass es mit dem Kommunismus auch nicht klappt, wollte er eine von Religion befreite Ideologie und Regierungsform etablieren, die sich hauptsächlich auf die humanistische Philosophie des Altertums stützte. Er nannte es Faschismus. Benito ist überigens der Name eines mexikanischen Revolutionärs, der erfolgreich die Herrschaft der Kirche in Mexiko gebrochen hat. Daher sehr beliebt als Vorname für die Söhne derer, die das Christentum hassen.

  8.   lebeding

    @rafael, das ist schon klar. Es ist auch klar, dass Nazis nicht immer atheistisch oder sozialistisch orientiert waren. Also, mich stören einfach immer diese einseitigen Zuordnungen, um heutige politische Bewegungen zu diffamieren: der Typ X war ein ex-Sozialist und also sind auch die heutigen Sozis tendenziös X-gefährdet. Mich stören diese dilettantischen Schubladeninterpretationen von Geschichte. Denn auch Hindenburg, der das Ermächtigungsgesetz unterzeichnete, kam aus dem sozialistischen Lager, war aber doch ein Chamäleon und tanzte überall mal … Seneca war Lehrer des Nero. Aber Nero ist nicht ein Schlächter geworden, weil Seneca ein Weiser war. So, wie sich Seneca von Nero abgewandt hatte, so wenden sich auch Atheisten und Sozis, Christen und Moslime von denen ab …, – na, Sie wissen schon, Rafael.

  9.   Sebastian Ryll

    Lebeding, was Sie gegen „diletantisches Schubladendenken“ anführen ist einfach faktisch falsch.
    Hindenburg kam nicht aus dem „sozialistischen Lager“, ganz im Gegenteil.
    Einmal wenigstens den Wiki-Artikel vorher lesen und man würde nicht so daherfabulieren…
    Atheisten, Sozis, Christen, Muslime = Seneca. Jaja…

  10.   Lebeding

    Hindenburg hatte aber nur mit Hilfe der Sozialisten die Mehrheit ergattern können als Gegenkandidat zum katholischen Wilhelm Marx; und deswegen wird er historisch gerne als letzter sozialistischer Kanzler der WR gesehen … – Dass das naklaro auch anders gesehen werden kann … Mann, Herr Ryll! Um mit Ihnen zu denken, könnte man denken: hätten die Sozis den Katholen Wilhelm Marx unterstützt, dann wäre alles anders gekommen. Aber Marx hatte die NSDAP hinter sich …. – Historie und Konjunktiv = unerlaubt.

    Aber Ihre Gleichung – Atheisten, Sozis, Christen, Muslime = Seneca – ist vorbildlich für Schubladinismus. Meinen Sie nicht so, weiß ich. Dennoch denken Sie mal nach …

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren