‹ Alle Einträge

Gerechtigkeit für Harvey Milk

 

Ab und zu darf ich in meiner Zeitung auch über die Dinge schreiben, die mir wirklich wichtig sind. Filme zum Beispiel. Ich sehe im Schnitt jährlich weit über 300 Filme. Idealerweise jeden Tag einen.

Und dies hier ist mein Kommentar zur diesjährigen Oscar-Saison aus der morgigen ZEIT:

 

Eine Nachricht an die Damenwelt vorweg: Dieser Oscar-Jahrgang ist ein Triumph der Kerle. Lange gab es nicht mehr so viele interessante Männerrollen. Zwei alte Bekannte – Sean Penn und Mickey Rourke – feiern großartige Comebacks, als schwuler Bürgerrechtler der eine, als abgehalfterter Profi-Wrestler der andere. Zwei Kämpfe um männliche Würde: Dem einen wird sie von der Mehrheitsgesellschaft abgesprochen, dem anderen droht sie beim Abstieg im Alter zu entgleiten. Wenn es mit rechten Dingen zugeht, muss Sean Penn als Harvey Milk, der erste offen schwule Politiker Amerikas, den Oscar bekommen. Und Gus Van Sant für seine historisch genaue und politisch mitreißende Regie gleich noch die Trophäe für den besten Film dazu. 

Milk, der jetzt in unsere Kinos kommt, ist mit Abstand der bedeutendste amerikanische Film des Jahres. Und der einzige, der seine Nominierung wirklich verdient. Wahrscheinlich werden Slumdog Millionaire und Benjamin Button das Rennen machen – zwei Märchen für Erwachsene, die bedeutsam tun, gerade weil sie eher schlicht gestrickt sind. Doch an Milk wird man sich noch lange erinnern. Und Sean Penn ist sein Kraftzentrum: Er hätte den Märtyrer Harvey Milk – erschossen von einem konservativen -Expolitiker – als heiligen Sebastian der Schwulenbewegung spielen können. Das Thema hat einen enormen Sog zum Kitsch, weil Milk längst kein Mensch mehr ist, sondern eine Ikone der schwulen und lesbischen Bürgerrechtsbewegung. Doch Penn zeigt uns den Liebenden, den Empörten, den Mitfühlenden, der das Recht aufs Anderssein erkämpft und doch über die Min-derheitenpolitik hinauswill. Nicht normal sein müssen und doch das Anderssein nicht feti-schisieren: Ohne Angst anders sein, darum
geht es. Das ist kein Minderheiten-, sondern ein Menschheitsthema. 

Mickey Rourke als Wrestler – das klingt nach einer geballten Ladung Camp. Doch in dem ledrig-maskenhaften Fleischklops von einem Mann zuckt ein empfindsames Herz, das durch einen Infarkt sein Recht verlangt. Früher hätte Rourke diesen Typen mit einer Überdosis Pathos und Selbstmitleid gespielt – Marlon Brando auf Anabolika. Irgendetwas ist mit Rourke in der langen Zeit seiner Leinwandabstinenz passiert. Im altern-den Körper des Testosteronmonsters regt sich See-lenhaftes. Ein echter Mann darf keine Angst vor den eigenen Gefühlen haben. Wer Paul Mazurskys The Wrestler (Kinostart: 26. Februar) sieht, wird schmerzlich daran erinnert, dass die weiße Unterschicht aus dem amerikanischen Kino nahezu vollständig verbannt ist. Dass sie ausgerechnet in diesem Krisenjahr mit Rourke zurückkehrt, könnte man für Vorsehung halten.

Noch drei große Männerrollen sind zu erwähnen: Heath Ledger wird zu Recht postum für seinen abgründigen Joker geehrt werden, der im guten Batman das Schlimmste hervorbringt. Frank Langella weiß aus Richard Nixon (Frost/Nixon) einen fast sympathischen, unglücklichen Aufsteiger herauszupräparieren. Und Richard Jenkins, bekannt aus Six Feet Under, hat endlich eine Hauptrolle (The Visitor) als verstockter Professor aus Neuengland, der durch ein Pärchen illegaler Einwanderer seine lange verschüttete Menschlichkeit wiederfindet. 

Um die Frauen muss man sich in diesem Jahr Sorgen machen. Und dafür steht leider der Erfolg Kate Winslets, die auf dem besten Weg ist, sich selbst auf die Verkörperung des attraktiven Opfers festzulegen. Sie ist gleich mit zwei Studien- über zu kurz gekommene Weiblichkeit auf dem Markt: In Revolutionary Road gibt sie eine Ehefrau, die an den engen fünfziger Jahren zuschanden geht, und selbst die NS-Täterin Hannah im Vorleser (Kinostart 26. Februar) gerät ihr zur Studie über zu spät erblühte Weiblichkeit. Das sollte bei einer klugen und schönen Frau, die auch anders kann, den Kitsch-Alarm auslösen.

Debra Winger in den achtziger Jahren

Ob die Akademie den Mumm hat, statt Wins-let die junge Anne Hathaway für ihre Bravourleistung in Rachels Hochzeit zu belohnen? Seit Brokeback Mountain weiß man, dass Hathaway mehr kann als betörend mit ihren Rehaugen funkeln. Sie spielt die Exjunkie-Schwester, die Schuld auf sich geladen hat und nun in Selbsthass und -mitleid zu versinken droht, mit befreiender Energie. Jonathan Demme ist mit diesem Film endlich wieder da. Und er hat die große Debra Winger für eine Nebenrolle mitgebracht (wo war sie bloß?). Das ist kein geringer Trost in diesem eher schwachen Oscar-Jahr. 

… und heute, mit 52 Jahren

5 Kommentare


  1. „In Revolutionary Road gibt sie eine Ehefrau, die an den engen fünfziger Jahren zuschanden geht..“

    Jaja, die engen miefigen Fünfziger, da haben ja alle drunter gelitten. Letztens habe ich ein Interview mit Gewerkschaftsboss Michael Sommer gehört, in dem er kundtat, dass auch er unter der miefigen Andenauerzeit gelitten hat- obwohl der erst 1952 geboren wurde. Mit sechs Jahren schon unter dem Mief der Adenauerzeit leiden -ein echtes Kunststück.

    Rourkey gönne ich übrigens ein Comeback wegen seiner wundervollen Filme „Im Jahr des Drachens“ und „Barfly“.
    Auf den „Schwingen des Todes“ war auch nicht schlecht, obwohl das Ende dann zu kitschig geraten ist.

  2.   docaffi

    @Lebowski

    Stimmt, für Barflay hätte er schon einen Oskar verdient.

    @Lau

    Was Frauen in diesem Jahr angeht, darf man Angelina Jolie in „The Changeling“ „der fremde Sohn“ nicht vergessen. Außerdem glänzt Clint Eastwood wieder Mal. In „Gran Torino“ ist er einmalig.

  3.   docaffi

    Barfly, natürlich!!


  4. […] 24.02.2009 Curiosa  Medienkritik Noch ein Holocaust-Oscar Von Jörg Lau | 3:38 Gegen meinen ausdrücklichen Wunsch hat die Academy Kate Winslet einen Oscar für ihre Darstellung der Hanna in “Der […]

  5.   bofrost

    Neulich las ich irgendwo: „Für eine Oscar-Nominierung muss man schwul, hässlich oder tot sein“. Passt doch.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren