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Erdogan als Faschismuskritiker

 

Damit das hier nicht untergeht:

„In der Türkei sind lange Zeit die Mitglieder nichtmuslimischer Minderheiten aus dem Land gejagt worden“, sagte der Ministerpräsident während einer Rede am vergangenen Wochenende. „Das war das Ergebnis einer faschistischen Haltung“, fügte Erdogan hinzu. Es gehe nicht an, ausländische Investoren zurückzuweisen, weil sie Juden seien, sagte er. Und er stellte die Frage, was die Türkei denn durch die Vertreibung von Christen und Juden in den vergangenen Jahrzehnten gewonnen habe. Mehrere zehntausend Griechen, Armenier und Juden haben in den vergangenen Jahrzehnten die Türkei nach Pogromen und staatlichem Druck verlassen.

Dass Erdogan nun als Ministerpräsident die Vertreibungspolitik verurteilt, wurde von vielen Zeitungen als „historische Selbstkritik“ gewürdigt.

Der Tagesspiegel schreibt zum Hintergrund: „Mit seiner Bemerkung reagierte Erdogan auf den Widerstand der Opposition gegen einen Gesetzentwurf, mit dem die Räumung von Landminen an der Grenze zu Syrien geregelt werden soll. Die von Erdogans Regierung vorgesehene internationale Ausschreibung des Auftrags sieht vor, dass das ausgewählte Unternehmen nach der Minenräumung das Recht hat, die betroffenen Landstriche entlang der fast 900 Kilometer langen Grenze 44 Jahre lang für die Biolandwirtschaft zu nutzen. Nach Presseberichten haben vor allem Firmen aus Israel gute Chancen, den Auftrag zu erhalten – und dagegen wehrt sich die nationalistische Opposition. Israel überwache demnächst die türkische Grenze, lautete ein Vorwurf.“

Israelische Biokost aus der Türkei, von Gnaden einer moderat islamistischen Regierung!


27 Kommentare

  1.   arne anka

    „Und er stellte die Frage, was die Türkei denn durch die Vertreibung von Christen und Juden in den vergangenen Jahrzehnten gewonnen habe.“

    na, das gibt das nächste verbotsverfahren — immerhin geht das direkt attatürk und inönu.


  2. „Mehrere zehntausend Griechen, Armenier und Juden haben in den vergangenen Jahrzehnten die Türkei nach Pogromen und staatlichem Druck verlassen.“

    Jahrzehnte? Das ist leicht untertrieben.

  3.   AM

    Da stellt sich die Frage, warum sich manche „Islamkritiker“ fast bedingungslos hinter den türkischen Nationalismus und das ihm treue Militär stellen, wenn es darum geht, die gewählte Regierung zu delegitimieren. Insbesondere die Heilige Hirsi ist mir da sehr schon negativ aufgefallen.

  4.   PBUH

    Kemalistenbashing, die Motivation Erdogans ist ja wohl allen klar – ausser den naiven Gutis natürlich.

    @AM

    Nationalisten können sich weiterentwickeln, Islamisten und Sozialisten nicht.

  5.   Zagreus

    @ JL

    Und er stellte die Frage, was die Türkei denn durch die Vertreibung von Christen und Juden in den vergangenen Jahrzehnten gewonnen habe. Mehrere zehntausend Griechen, Armenier und Juden haben in den vergangenen Jahrzehnten die Türkei nach Pogromen und staatlichem Druck verlassen.

    Wir halten fest: progrome und staatlicher Druck – der sich übrigens vor allem auch gegen nicht-muslimische religiönsausübung bzw. religiöse Einrichtungen richtete.
    Und wer war in den letzten jahren an der regierung? Erdogan und seine AKP – und unter welchen regierung hat sind viele säkulare Einrichtungen zurückgenommen worden?
    Welche regierung hat dafür gesorgt, daß es mittlerweilen wieder mehr moscheen im land gibt als Schulen?

    Nun läßt er in einem Interview als Schlag gegegn die Opposition los:
    In der Türkei sind lange Zeit die Mitglieder nichtmuslimischer Minderheiten aus dem Land gejagt worden“, sagte der Ministerpräsident während einer Rede am vergangenen Wochenende. „Das war das Ergebnis einer faschistischen Haltung“, fügte Erdogan hinzu. Es gehe nicht an, ausländische Investoren zurückzuweisen, weil sie Juden seien, sagte er.

    Aha – es geht also erst einmal um Investoren _ und deren religion/zugrhörigkeit zu einer religiös-kulturellen kreis (denn ob die Juden im Sinne von jüdisch gläubig sind oder säkular oder gar israelis mit muslimischer religion ist dabei wohl offen..) – und es geht nicht um religionsausübung in irgendeiner Form.

    Und nun wird die selbsterkenntnis ? (wer sagt denn, dass er meint, dass seine und dies einer regierung und Partei geföerten Auswirkungen auch nur irgendetwas damit zu tun haben, und das er nicht meint, dass die ‚Faschistischen taten‘ von oppositionellen Beamten/Politikern allein gemeint seien?) gleich hochgejubelt als…
    Israelische Biokost aus der Türkei, von Gnaden einer moderat islamistischen Regierung!

    Wie wäre es mit abwarten, bis auf die Worte taten erfolgt sind und wir siehen , wieviel die Worte wert waren udn was darunter genau wie zu verstehen sei und welche weitere relevanz das hat?.
    (geht es nur darum der Opposition eine reinzudrücken und um Investoren zu halten/bekommen – sich aber sonst nichts weiter ändert, dann wäre es ebenfalls ziemlich gleichgültig in meinen Augen).

    Erstmal Abwarten udn tee trinken – man wird sehen und keine vorschußlorbeeren.

  6.   AM

    @ PBUH
    „Nationalisten können sich weiterentwickeln“
    Tut mir leid, PBUH, dass ich Sie nicht auch namentlich genannt habe. Ehrlich gesagt, habe ich trotzdem auch intensiv an Sie gedacht:-)


  7. Das kann natürlich auch alles rein taktisch sein: ein Zuckerl für den Westen und Stärkung des Standorts Türkei bei gleichzeitiger Abwatschung der Nationalisten. Und wenn tatsächlich israelische Firmen als einzige in der Lage sind, den Grenzstreifen sauber zu kriegen, dann muss man die Auftragsvergabe an Juden ja auch ideologisch vorbereiten, nach den harschen antiisraelischen Tönen während des Gaza-Kriegs.

    Erst wenn der Selbstkritik auch Taten folgen werden, ist man schlauer. Abwarten!


  8. @ lebowski, PBUH, Zagreus: Googeln Sie mal „Mor Gabriel“.
    Unter Erdogan ist mehr für die bürgerlichen Freiheiten in der Türkei getan worden als seit vielen Jahren . Und in Sachen Minderheiten ist er der liberalste Regierungschef seit Gründung der Republik.


  9. @JL
    Hab ich. Viel lässt sich allerdings nicht herausfinden.

    „Und in Sachen Minderheiten ist er der liberalste Regierungschef seit Gründung der Republik.“

    Kunststück! Schlimmer gings ja kaum noch.

  10.   Miriam

    @ Jörg Lau

    Kennen Sie die Website?

    http://bianet.org/english

    Das Projekt wurde gefördert von der EU im Rahmen ihres European Initiative for Democracy and Human Rights (EIDHR)-Programm.

    Im folgenden Beitrag greift man Erdogans Bemerkungen auf, und gibt ihm ein Rat: „How to end fascism“

    http://bianet.org/english/minorities/114772-advice-for-pm-how-to-end-fascism

    auch lesenswert:
    http://bianet.org/english/religion/114770-writer-gursel-on-trial-for-novel
    mehr dazu in Today’s Zaman:
    http://www.todayszaman.com/tz-web/detaylar.do?load=detay&link=174852
    (Preisen will man Gürsel, nicht ihn begraben?)

 

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