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Vergangenheitsbewältigung in Argentinien

 

Gestern beim Spaziergang durch Buenos Aires fand ich diesen versteckten Ort. Ich sah das Schild und dachte: Das erinnert dich doch an etwas?

Dann fiel mir die Gedenktafel gegenüber dem KaDeWe in Berlin ein, am U-Bahnhof Wittenbergplatz. Und da sah ich auch schon das Foto (links) eben dieser Tafel, das als Vorbild der argentinischen Gedenktafel hergehalten hatte: Offenbar hat man sich bewußt des deutschen Vorbilds bedient bei dieser Gedenktafel für die Opfer der Militärdiktatur.

Die Namen stehen für die Lager, in denen die Gegner der Diktatur festgehalten und oft auch ermordet wurden. (Hier eine Website, die mehr Info bietet.) Sehr merkwürdig, die deutsche Vergangenheitsbewältigung hier am anderen Ende der Welt als Modell behandelt zu sehen.

Foto: Jörg Lau


3 Kommentare

  1.   N. Neumann

    @ Jörg Lau

    Viel merkwürdiger als diese ästhetische Anleihe im Detail finde ich, dass die argentinische Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 im kollektiven politisch-historischen und massenmedialen Gedächtnis des demokratischen Westens eine vergleichsweise geringe Rolle spielt. Bekannt ist noch vor allem, dass die argentinische Generalität maßgeblich den Falklandkrieg provozierte, sich dabei – etwas ironisch, möchte man meinen – in der Person Maggie Thatchers schwer verkalkulierte und schließlich stürzte. Dass die Fuballweltmeisterschaft 1978 unter der nationalen Schirmherrschaft einer der grausamsten (wenn nicht: der grausamsten) lateinamerikanischen Militärdikaturen stattgefunden hat, ist hingegen wenig bekannt. Als die lateinamerikanische Militärdiktatur schlechthin gilt vielmehr die unter Augosto Pinochet zwischen 1973 und 1990. Doch wieviele politisch mehr oder weniger gebildete Zeitungsleser erinnern sich noch an Jorge Videla oder Leopoldo Galtieri? Das Pinochet-Regime ermordete ca. 3900 Menschen. Das argentinische Militärregime ermordete in kürzerer Zeit ca. 30.000.

    Die gewisse Unverhältnismäßigkeit im europäischen Erinnern mag nun vielleicht auch darauf zurückgehen, dass sich Mitglieder und Anhänger von länger vergangenen (sozial)demokratischen Regierungen oder Kommunistenfresser, die mit Diktaturen kein Problem hatten, solange sie eben nicht kommunistisch waren, während der Fußballweltmeisterschaft und in den Jahren danach nicht gerne vergegenwärtigten, dass dieses sportliche Großereignis offiziell weitgehend kritiklos von einer Militärdiktatur in der westlichen Hemisphäre ausgerichtet wurde – was heutzutage undenkbar wäre. Insofern und weil die argentinische Diktatur 1983 ein vergleichweise frühes und jähes Ende fand, entstand keine besondere, kontinuierliche Kommunikation über dieses Thema. Der bundesdeutsche Fernsehzuschauer erfährt im Auslandsjournal hin und wieder etwa ein wenig über zwangsadoptierte Argentinier, die sich auf die Spurensuche nach den Todesumständen ihrer ermordeten biologischen Eltern machen.

    Dass die journalistische Berichterstattung und Diskussionen über die chilenische Diktatur in Europa dagegen bis heute einen ungleich größeren Raum einnahmen und noch einnehmen, wurzelt hingegen weniger in der vergleichsweise langen Herrschaftszeit Augusto Pinochets, sondern mehr in der hartnäckigen Mystifikation Salvador Allendes, der chilenischen Demokratie vor dem Pinochet-Putsch und der (vermeintlichen) Rolle der CIA. Sogar mein im Allgemeinen gegen politische Romantik von links gefeiter Geschichts-LK-Lehrer glaubte noch in den 90ern, dass es sich bei Allende um das lateinamerikanische Äquivalent zu Willi Brandt gehandelt hätte. Dabei stellt dies nüchtern betrachtet eine Beleidigung Willi Brandts dar. Allende wurde aufgrund einer Besonderheit des damaligen chilenischen Wahlrechts mit gut 30% der Stimmen zum Präsidenten gewählt und trieb das Land (u.a. durch Zwangsverstaalichung auch mittelständischer Unternehmen) in den ökonomischen Ruin. Kaum eine andere Politik hätte einem stramm rechtsgerichteten Militär einen triftigeren Vorwand für einen Putsch liefern können sowie etlichen weniger finster gesinnten chilenischen Bürgern für ihre politische Passivität zur Zeit der Diktatur. Ohne den Putsch wäre Allende mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sang- und klanglos abgewählt worden und als politischer Dilettant sondergleichen in die Geschichte des Landes eingegangen.

    Ende des Jahres habe ich mit einem ehemals erzlinken, schon lange stark wirtschaftsliberal orientierten alten Freund meiner Eltern über die hier sikzzierten Zusammenhänge diskutiert – bzw. es versucht. Dass die argentinische Junta so schlimm war, wollte er nicht glauben, und er bestand darauf, dass die chilenische Diktatur die schlimmste Lateinamerikas war. Schon gar nicht wollte er wahr haben, dass die CIA, wie lange Zeit vorausgesetzt, beim Putsch keine Rolle spielte und dieser auch von einer breiteren Bevölkerungsschicht begrüßt oder zumindest nicht grundsätzlich verdammt wurde. Meine Gegenfrage, wieso denn dann die Concertation, das Bündnis aus chilenischen Christdemokraten, Sozialdemokraten und demokratischen Sozialisten, in den zwei Jahrzehten nach Ende der Diktatur das Präsidentenamt teils nur mit sehr knapper Mehrheit gegen Pinochetisten und bedingt demokratische Bürgerliche verteidigen konnte, änderte daran nichts. Allende ist demnach nicht nur ein tragischer Held der europäischen 68er-Generation, sondern auch der chilenischen Volksmassen.

  2.   Zagreus

    @ neumann

    Geschichte (anhand überprüfbarer Fakten) ist eines, gescichte als argument in einer politischen auseinandersetzung ein anderes – und ejde bewegung/politische richtung benötigt ihre helden und strickt sich die geschichte zurecht, gerade auch im bezug auf dem rahmen (~was ist vorher geschenen z. b.)
    Zuzugeben, daß das alles fragwürdig, ja gar falsch sein könnte, was man so im kopf diesbezügl hat hinterfragt dabei die stabilität de eigenen geschichts- und weltbildes.
    Allende eignet sich als Mythos, als sozialistischer Hero – der, wenn nicht die cia und pinocchett, dann…. südamerika errettet hät…
    Denken sie an die übrigen heroisieruzngen und ausblendungen, wie sie z. b. stattfanden bzl. maos oder dem roten vietnam, oder aber gegenüber dem aufstand der tschechen oder jüngst: der iranischen revolution, wie manche da von den linken zu im grunde diktatoren gehalten haben. Rechts ist nicht besser, nicht bitte mich hier missverstehen, nur: in den (deutschen) medien scheinen prozentual mehr menschen mit linken weltsichten vertreten zu sein und dementsprechend auch zu berichten. Meiner meinung nach ist die politisiertende Form der Geschichtsbetrachtung auch die primäre – und die faktenorientierte und um möglichst alle aspekte erfassende eine, die hauptsächlich von gelehrten betrieben wird, und idR. keinen zugang zu politischen diskursen findet.

  3.   Saki

    Neumann,

    ich würde sagen, dass die Zuordnung der chilenischen und der argentinischen Militärdiktaturen in das große, linke, antikolonialistische Narrativ eben eine grundsätzlich andere ist. Pinochet ist demnach ein fieser Faschist, der auf direkten Befehl Henry Kissingers und beraten von den Chicago boys um Milton Friedman eine neoliberale Revolution von oben durchgeführt hat, während Galtieri & Co. vielleicht unter Bauchgrimmen, aber irgendwie doch noch, als Befreier vom Kolonialen Joch gesehen wird und zwar vermutlich genau wegen dem Falkland Krieg, den ja die oberneoliberale Maggie, als Premierministerin der Kolonialmacht schlechthin gegen Argentinien geführt hat. Dass solche nationalen, „indigenen“, Befreier um des guten Zwecks natürlich, recht brutal vorgehen, hat die Linken ja im Grunde noch nie ernsthaft gestört.

    Mir scheint es, das große Teile der westeuropäischen Linken noch immer sehr an diesem Weltbild hängt. Es beeinflußt vermutlich in nicht unerheblichem Ausmaß die Bewertung des israelisch-palästinensischen Konfliktes und strahlt hier insbesondere auch weit aus dem linken Milieu in die Gesellschaft.

    Was schließlich die besondere Aufmerksamkeit und Einschätzung Chiles betrifft, so denke ich, dass die historische Wahrnehmung gerade der eher gebildeten und kulturbeflissenen Klientel, durch Kunst und Kultur stark geprägt wird (jedenfalls viel stärker als durch irgendwelche „Fakten“). In Erinnerung ist mir persönlich ein Film von Constantin Costa Gavras, „Missing“ der auf äußerst sentimentale Art und Weise den Putsch in Chile – unter besonderer Hervorhebung der selbstverständlich verdammenswerten Rolle der USA – darstellt. Auch die Romane der Schriftstellerin Isabel Allende dürften da eine große Rolle gespielt haben. Chile dürfte einfach im kulturellen Gedächnis viel tiefere Spuren hinterlassen haben als Argentinien.

    Dass die deutsche Form der Vergangenheitsbewältigung irgendwie stilbildend wirkt, mag zwar merkwürdig sein, ist aber andererseits nicht wirklich überraschend. Adolf Hitler soll die bekannteste Person der Welt sein, habe ich mal gelesen.

 

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