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Die doppelte Empathielücke

 

Michael Thumann, unser Mann in Istanbul hat Recht mit seinem Kommentar:

In Deutschland klafft eine Empathielücke, sogar eine doppelte: gegenüber den Türken und gegenüber der Türkei. Bei allen Bemühungen und Konferenzen fehlt es an einer vorbehaltlosen Umarmung der Deutschtürken durch die Regierung. An dem feierlichen „Ihr gehört zu uns, ohne wenn und aber.“ An dem „Wir“ von Deutschdeutschen und Deutschtürken.

Allerdings ist das ein Versäumnis beider Seiten. Es gibt auch zu wenig öffentliche Identifikation der Deutschtürken mit diesem Land hier. „Germany’s been good to me“ – das möchte man eben auch einmal hören. Und da gibt es eine merkwürdige innere Schwelle bei vielen Türken. Der türkische Ministerpräsident versucht diese Identifikationslücke auszunutzen, indem er sich als zuständig für die Auslandstürken erklärt, egal in wievielter Generation sie bereits hier leben. Immer mehr von ihren Sprechern wehren sich dagegen und spielen nicht mehr mit. Das ist gut so.

Die Identifikationslücke kann nur von beiden Seiten geschlossen werden.

Dass sich massenhafter Widerstand gegen die Türkei als EU-Mitglied erhebt, nachdem wir lauter halbreformierte und korrupte Balkanstaaten aufgenommen haben, ist eine historische Dummheit und Ungerechtigkeit. Die Türken wäre ein viel besseres Mitglied als die christlichen Brüder aus Griechenland, die unseren Euro fast vor die Wand gefahren haben.

Die Türkei könnte, wie die WELT schreibt, die Maastricht-Kriterien erfüllen, die Griechen konnten das nur mit „kreativer“ Buchführung“. Solche Absurditäten der europäischen Politik führen zu einer Verbitterung auf der türkischen Seite, die völlig unnötig ist.



28 Kommentare

  1.   riccardo

    Na toll. Die WELT schreibt was über Maastricht-Kriterien. Wer glaubt eigentlich daran, dass der EU-Beitritt der Türkei von irgendwelchen Wirtschaftdaten oder gar Verträgen abhängt. Sowas erledigt die EU, wie immer völlig faktenfrei, durch politischen Entscheid. Allerdings ist auch deutlich zu sehen, dass die Beitrittsgegner auf einen freiwilligen Verzicht der Türkei hoffen, d.h. die Türkei muss bis zum St.Nimmerleinstag warten.

  2.   Bakwahn

    Die Türkei hat in der EU nichts zu suchen!
    Und damit basta!

  3.   FreeSpeech

    Empoathie? Ist Politik sowas wie ein Kuschelkissen?

  4.   PBUH

    >unser Mann in Istanbul

    „Erdogans Mann bei der Zeit“ muss es heissen.

    Türkeilobbyist Michael Thumann kann sich die Finger wundschreiben, kein vernünftiger Mensch will die Türkei in der EU.

    Griechenland ist klein, die Bevölkerung in der Türkei ist fast 10 mal grösser. Politisch wäre die Türkei in der EU ein Schwergewicht. Die Auswirkungen auf den Euro bei politischen Problemen dementsprechend grösser.

    Die Türkei und ihre politische Führung ist mental auch gar nicht bereit für einen Beitritt und das wird sich auch in 50 Jahren nicht ändern.

    Das Problem war schon bei den Balkanstaaten das gleiche, die Hauptmotivation sind die Futtertröge der EU.

    Erdogan zeigt es ja in Bezug auf die Auslandstürken, er will über sie verfügen, die anderen sollen die Sozialhilfe bezahlen.

    „Ehrlose Hunde“ wo mann hinsieht.

  5.   Krause

    @ JL
    „Immer mehr von ihren Sprechern wehren sich dagegen und spielen nicht mehr mit. “

    Ist das tatsächlich so? Migazin behauptet heute, dass sich Funktionäre in der Gymnasialfrage in türkischen Medien anders geäußert haben als in deutschen Medien.

    http://www.migazin.de/2010/03/30/eine-chance-und-keine-gefahr-2/

  6.   PBUH

    @Krause

    „Immer mehr“ mag sogar zutreffen, es bleibt aber eine kleine Minderheit.

  7.   Delta Zwo

    Die „vorbehaltlose Umarmung der Deutschtürken durch die Regierung“ und das „feierliche “Ihr gehört zu uns, ohne wenn und aber.” sollte am Ende des Assimilationsprozesses stehen, wenn die Neubürger sich das Vertrauen ihrer neuen Heimat erworben haben. Dieses Vertrauen ohne Vorleistung zu gewähren, wäre naiv. Und warum sollte jemand, der keinen Gewinn für seine neue Heimat darstellt, von dieser „ohne wenn und aber“ willkommen geheißen werden? Warum soll ich z.B. jemanden willkommen heißen, der absehbar sein Leben lang von Transferleistungen leben wird? Nein danke.

  8.   N. Neumann

    Die Türken wäre ein viel besseres Mitglied als die christlichen Brüder aus Griechenland, die unseren Euro fast vor die Wand gefahren haben.

    @ Jörg Lau

    Rein ökonomisch betrachtet wären sie das sehr wahrscheinlich. Die Frage ist allerdings, ob sie eine Regierung haben, die es europa- und außenpolitisch betrachtet ist.

    Wenn sich der türkische Ministerpräsident weniger als guter Europäer (Forderung nach doppelter Staatsbürgerschaft), sondern vielmehr als strammer türkischer Nationalist in die deutsche Innen- bzw. Integrationspolitik einmischt, dann kommen mir daran starke Zweifel. Man stelle sich vor, was los gewesen wäre, wenn Angela Merkel als Antwort auf Erdogans jüngste Forderung ihre Diplomatie suspendiert und kurdische Schulen in der Türkei gefordert hätte.

    Ist Ihnen darüber hinaus entgangen, dass er vor ein paar Monaten dem islamistischen Massenmörder Umar al-Bashir (weil Muslim) einen Persilschein ausgestellt hat und Sanktionen gegen den Iran prinzipiell ablehnt (mit dem Hinweis auf Israel) bzw. faktisch torpediert?

    Dergleichen hat nun nichts mit der Einhaltung/Nicht-Einhaltung der Maastricht-Kriterien zu tun. Aber deshalb kann man es nicht ignorieren, zumal es bedenklicher stimmt als das vergleichsweise ritualisierte Gebahren der türkischen Regierung mit Blick auf den Genozid an den Armeniern. Und mit dem zum Teil berechtigten Unmut in der Türkei mit Blick auf die schwarzen Schafe unter den EU-Mitgliedern ist es nicht zu erklären.

    Unter der Brückenfunktion eines EU-Mitglieds Türkei zwischen Orient und Okzident haben sich die meisten der alteuropäischen Beitrittsbefürworter wohl etwas anderes vorgestellt als diese türkische Außenpolitik, die ihr Leitprinzip „Gute Beziehungen mit allen Nachbarn“ auch auf sehr bedenkliche Weise auslegt.

    Unter diesem Erdogan hielte ich die EU-Mitgliedschaft der Türkei für ein großes Risiko. So könnte sie Probleme und Konflikte zu Folge haben, die größer sind als jene mit den schwarzen EU-Schafen. Wieso sollte Erdogan von seinen merklich EU-fernen Eskapaden lassen, wenn er das Ziel der EU-Mitgliedschaft erreicht hat?

    Abgesehen davon ist der Hinweis auf eine (mögliche) Ungleichbehandlung der Türkei gegenüber den schwarzen EU-Schafen zwar ein faires Argument, aber eben alles andere als zwingend. Wenn sich die EU weiterhin intensiv um ihre schwarzen Schafe kümmern müssen sollte, könnte sie erst recht keinen neuen Bock brauchen, der nur seine ganz eigene Außenpolitik betreibt, die sich wenig mit den Interessen und Werten der EU deckt.

  9.   tati

    @Jörg Lau

    Sind Sie jetzt unter die Satiriker gegangen?

  10.   Leutnant Gustl

    Umarmen Neumann, Herr Lau hat ja schon mehrfach betont, dass er diese Bruchlinien als nicht schlecht in Europa -aufgehoben- sieht.

    https://blog.zeit.de/joerglau/2009/10/16/ein-schones-motto_3147
    Doppelt gedacht -> Scherbenhaufen und Mosaik.

    Viele Gruesse, der Flieger geht bald. Karfreitag und Ostern in Notre Dame.

 

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