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CR-Gas gegen Demonstranten: Ärzte vom Tahrir-Platz erheben schwere Vorwürfe

 

Ein zweiter Augenzeugenbericht von Kristin Jankowski aus Kairo:

„Er spricht nicht“, sagt die junge Ärztin Hend Khattab. Vor ihr sitzt ein Mann, eingewickelt in eine Wolldecke. „Er hat einen Schock“, spricht die 26-Jährige weiter. Er verdreht die Augen, zittert. Hend Khattab zählt zu den Ärzten, die die verwundeten Demonstranten in dem Stadtzentrum in Kairo versorgen. Die Omar Makram Moschee, die sich hinter dem Tahrir-Platz befindet, wurde zu einem Lazarett umgebaut. An der Wand stehen acht Liegen. Am Ende des Raumes liegen Handschuhe, Spritzen, Flaschen. Medikamente. Sogar kleine Milchpakete und Schokolade. „Das sind alles Spenden“, erklärt die Ärztin Nermeen Refaat Ayad. Sie trägt eine Atemschutzmaske um den Hals. „Ich habe schon fünf Männer sterben gesehen. Jeden Tag kommen rund 500 Patienten zu uns.“

Plötzlich wird das Zittern des jungen Mannes, der vor den beiden Ärztinnen sitzt, immer stärker. Er schließt die Augen. Seine Beine schlagen gegeneinander. Ärzte kommen hastig angelaufen, greifen ihn und tragen ihn zu einer Liege. Sie drehen ihn zur Seite, hauen ihm auf den Rücken. Er bekommt eine Injektion. „Das kommt von dem Tränengas“, kommentiert Hend Khattab und schüttelt den Kopf. „Wir bezahlen gerade den Preis dafür, dass wir 30 Jahre lang leise waren. Und das Regime einfach akzeptiert haben.“

Nermeen Refaat Ayad zieht Hend Khattab am Ärmel: „Wir gehen jetzt.“
Gemeinsam mit zwei weiteren Ärzten verlassen die beiden Frauen das Lazarett. Sie tragen Atemschutzmasken, Schutzbrillen, Helme, weiße Handschuhe.

Hend Khattab und Kristin Jankowski gestern abend in Kairo  Foto: privat

 

Ahmed Khattab, der Cousin der Ärztin Hend Khattab, folgt ihnen. Er sammelt Spenden für das Lazarett. Nun begleitet er das Team zu den Ausschreitungen in den Seitenstraßen. Der Ingenieur ist müde. Er hatte die Nacht zuvor nicht geschlafen. „Und ich muss heute Nacht noch weitere Spenden abholen“, sagt Ahmed Khattab. Das Team geht durch die Massen auf dem Tahrir-Platz. Sie stoppen an einem weiteren Lazarett, das sich am Rande des Platzes befindet. Sie tauschen sich mit ihren Kollegen aus.

Nur einige Meter weiter reiben sich die Menschen die Augen. Sie husten, beugen sich nach vorne. Tränengasangriff. Einige der Demonstranten fallen einfach in sich zusammen. Hend Khattab und Nermeen Refaat Ayad atmen durch die Atemschutzmasken. Ihre Augen sind trotz Schutzbrille gerötet. Starkes Husten ist zu hören. „Das ist der Horror“, sagt Hend Khattab.

Das Team macht sich auf den Weg zu den Ausschreitungen am Falaky-Platz. Am Straßenrand befindet sich Müll, kleine Feuer sind gelegt. „Wir gehen direkt zu den Ausschreitungen“, fordert Nermeen Refaat Ayad das Team auf.
Sie gehen in die enge und dunkle Straße hinein. Nur einige Meter weiter stehen die ägyptischen Sicherheitskräfte. Auf der Straße werfen Demonstranten mit Steinen. Molotowcocktails.

Die Polizei verschießt Tränengas. Die jungen Ärzte stellen sich schützend an den Rand. Doch die Wirkungen sind zu intensiv. Sie müssen fliehen, drängen sich durch die Menge, halten sich die Atemschutzmasken dicht an den Mund. Sie rennen davon, da das Atmen kaum möglich ist. Herzrasen.

Nach rund 300 Metern können sie endlich stehen bleiben, nehmen sich die Masken vom Gesicht und atmen tief ein. „Das ist CR-Gas„, sagt Nermeen Refaat Ayad. „Das wird auch als chemische Waffe eingesetzt“, fügt ein junger Arzt aus Alexandria hinzu. „Das Gas ist ganz merkwürdig hier. Wir brauchen unbedingt internationale Beobachter, die das Zeug überprüfen“, fordert Hend Khattab.

Die Ärzte sind bereits wieder auf dem Weg zu den Ausschreitungen. Um die Straßenecke taumelt ihnen ein junger Mann entgegen, er hustet, spuckt auf den Boden. Er wird von Demonstranten gestützt, die Ärzte nehmen ihn entgegen. Er bricht zusammen. Nermeen Refaat dreht den Mann zur Seite, fühlt seinen Puls. Er würgt. „Huste, huste!“ fordert sie ihn auf. Er beginnt an zu zittern. Immer mehr. Dann verliert er das Bewusstsein.
„Motorrad, Motorrad“ ruft die 31-Jährige. Sie dreht sich um. Männer kommen angelaufen. Sie heben ihn auf den Sitz eines Motorrades, das den Bewusstlosen zu einem Lazarett fahren wird.

„Das ist ein Verbrechen!“ sagt Hend Khattab. Und sieht das Motorrad davon fahren.

48 Kommentare

  1.   Mete

    Anscheinend kommt jetzt noch die „Oktoberrevolution“ der Aegypter, nur diesmal eben berechtigt und nicht von den Radikalen, wie es in Russland der Fall war.

    Alle Achtung und dickes Daumendrücken für diese.

    Auf der anderen Seite verstehe ich die Zurückhaltung des Auslandes hierbei nicht. Ist diese etwa getragen von den Befürchtungen der Eliten der jeweiligen Laendern, ein noch mehr an „Freiheitsbestreben“, würde die eigenen repraesentativen Demokratien mit in Frage stellen?


  2. @ Mete – Auf der anderen Seite verstehe ich die Zurückhaltung des Auslandes hierbei nicht.

    Eher scheint mir, die Gründe sind in Bereichen wie ‚völlige Überraschung‘, ’noch nicht geleistete Verarbeitung dessen, was da vor den Augen der Welt abläuft‘, ‚allgemeine Verwirrung‘, ‚allgemein mangelnde Detail-Informationen‘, ‚was passiert da eigentlich wirklich und insgesamt?‘, ‚was wird das werden?‘ [plausible Fragen angesichts der Erfahrungen mit den Entwicklungen nach dem Sturz des Schahs] zu suchen/zu finden.

    Andererseits ist mein Eindruck, dass – sehr und ganz behutsam – man schon (seitens Europa und den USA) versucht,
    auf das Militär mäßigend-rational einzuwirken.

    ( – soweit Ergebnisse meiner Lektüre diverser Zeitungen, Zeitschriften sowohl in Papierform als auch Online,
    wobei auf diesbezügliche Zitate/Belege hier zunächst verzichtet wird)

    Persönlich fände ich wie Sie selbstredend eine profiliertere (, also deutlichere Verbalisierung der) Unterstützung der demokratischen Kräfte und Bestrebungen angebracht

    [ – denke aber, das sollte kein eminenter Vorwurf sein:
    Je mehr die Demokratisierung auf im Wesentlichen eigenen Kräften, Massenaktionen und Taten – das ist ja die Geburt der Demokratisierung – beruht, umso nachhaltig-erfolgreicher ‚on the long run‘ wird die Demokratisierung sein]

  3.   Publicola

    @ Mete – PS – Übrigens sind Sie nicht der Einzige, der sich diese Frage stellt:

    … The [US-]administration must be far more publicly vocal in condeming the regime’s violence against protestors — particularly in light of its definition of such violence against civilians as a red line across the region in places such as Syria, Libya and Yemen.
    And it needs to communicate in private to the SCAF
    that the use of violence risks a fundamental rupture in relations with the U.S., and
    that the weekend’s horrors will not permit a return to business as usual …

    http://lynch.foreignpolicy.com/posts/2011/11/22/the_egypt_game_has_changed

  4.   Mete

    @ Publicola

    natürlich kann man anführen, dass im Vergleich zu Yemen und Syrien die Reaktion des Staatsapparates noch „human“ ist, bzw. man überrascht ist von den Aktionen jetzt, bzw. der „Terror“ von paar Börsenbewertern (Fitch, etc.) an den Finanzmaerkten schwerer wiegt, als paar Demos in Aegypten,

    aber

    zum einen ist es schon eine maasslose Widerspruchshaltung seitens bestimmter Staaten in Bezug auf Yemen und Syrien (aus unterschiedlichen politischen Faktoren heraus) und somit nicht als Argument dienlich,

    zum anderen sollte die Überraschung nach der ersten Überraschung zu Anfang eigentlich net so alzu gross sein (es sei denn da arbeiten wirklich unterqualifizierte Leute in den auswaertigen Aemtern und letztlich sollten Staaten im Stande sein mehrere verschiedene Probleme auch anzugehen.

    Bei mir entsteht eher der Eindruck, dass mitunter nach den spanisch-griechisch-wall-street Protesten man eher vorsichtig ist, wen man wie unterstützt. Zumindest als ein Beweggrund für das Schweigen jetzt, unter eventuell vielen anderen.


  5. „Wir bezahlen gerade den Preis dafür, daß wir 30 Jahre lang leise waren“: Der Preis ist zu hoch. Weg mit Regierungen, die nicht sorgsam mit ihrer Macht und ihrem Volk umgehen.

  6.   S. Frenslau

    Die Österreicher haben im ORF eine interessante „Verschwörungstheorie“ zu den Revolten gesendet.

    http://www.youtube.com/watch?v=cY8xFCltdtE

  7.   Serious Black

    @ Publicola

    Marc Lynch (FP) kapiert nicht was in Ägypten los ist. Die Wirtschaftslage des Landes läßt er völlig außen vor, obwohl die Probleme bald nicht mehr durch die Zentralbank ausgeglichen werden können.

    What’s really needed is the immediate formation of a civilian government with real power, with the SCAF pulling back from governing and with an iron-clad commitment to Presidential elections by the middle of next year. This interim government has to include significant representation for all trends, including the Islamists.

    Die Opposition sitzt momentan zwischen Hammer (MB) und Amboß (SACF). Frühe Wahlen wären ein Vorteil für die MB, die am Besten organisiert ist, während die Liberalen (wenn man das so bezeichnen will) noch weit entfernt davon sind. Auch wenn die Stadtbevölkerung jetzt gegen die MB demonstriert, sagt das nichts über deren Beliebtheit bei der Landbevölkerung aus.

    Wir dürfen dennoch von einem Wahlsieg der MB ausgehen. Es fragt sich nur wie hoch er ausfällt.

  8.   Musto

    Otpor ist keine Theorie, und Otpor ist sehr wichtig für die demokratisierung des ganzen Globus.
    Siehe Lybien…
    Unterstützt Otpor Occupy Wall Street? Wohl kaum, aber ich denke sie würden gerne mitmischen. Ich habe den Überblick verloren, und eigentlich interessiert es fast niemanden was genau passiert.
    Schade


  9. Ägypten – Momentaufnahme der wirtschaftlichen Situation am Vorabend der ersten Wahlen –

    „On the economic front, Egypt’s most important sources of income remain steady, with tourism the notable exception.
    The other pillars of the economy
    — gas and oil sales; Suez Canal revenues and remittances from workers abroad —
    are either stable or growing, according to Central Bank figures.

    But those sources of income have accomplished little more than propping up an ailing economy.
    Over all, economic activity came to a standstill for months,
    with growth expected to tumble to under 2 percent in 2011 from a robust 7 percent in 2010.
    Official unemployment rates rose to at least 12 percent from 9 percent.
    Foreign investment is negligible.

    Part of the blame for Egypt’s economic malaise rests with the caretaker cabinet …
    The ministers, mindful that several businessmen who served in the Mubarak government sit in jail on corruption convictions,
    are reluctant to sign off on new projects.“

    from: ‚Egypt News — Revolution and Aftermath‘
    The New York Times – Thursday, November 24, 2011
    http://topics.nytimes.com/top/news/international/countriesandterritories/egypt/index.html


  10. # 4 – @ Mete – zum anderen sollte die Überraschung nach der ersten Überraschung zu Anfang eigentlich net so alzu gross sein

    Es ist wohl tatsächlich so, wie Sie andeuten,
    dass sich Europa darüber klar werden muss (und z.T. ist das in Europa auch schon verstanden worden),

    ob man die rebellierende und nach Demokratie rufende Jugend der „Arabellion“
    untätig und schweigend
    der polit-religiös-islami(st)ischen Agenda von Saudi-Arabien, Qatar, Bahrein oder Iran überantworten will

    oder ob man sie in ihrem Hoffen und Streben nach Demokratie, Bürgerrechten und einer Zivilgesellschaft bemerkbar und merklich (be)stärken will.

    Die Türkei, bzw. Erdogan, hat wahrgenommen, dass und was die Stunde der Arabellion geschlagen hat.

    Ob die EU, insbesondere ob Deutschland, den Stundenschlag der Arabellion mit der notwendigen Intensität gehört hat, hoffe ich doch im Interesse der Demokratie, der Arabellion-Jugend und Europas sehr.

 

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