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Another Brick in The Wall. Antisemitismus und Pop-Kultur

 

Cartoon-Sunday-Times

Dieser Cartoon ist am Sonntag in der Londoner Sunday Times erschienen – am internationalen Holocaust-Gedenktag, mit dem der Befreiung des Lagers Auschwitz gedacht wird.

Benjamin Netanjahu baut eine Mauer, in der arabisch aussehende Menschen elendig zugrunde gehen. Der Zement dieser Mauer ist das Blut dieser (palästinensischen?) Opfer. Die Darstellung des wahrscheinlich auch nächsten israelischen Premiers erinnert an alte antisemitische Klischees.

Es ist schockierend, dass eine einstmals seriöse Zeitung wie die Times ein solches Stück Hasspropaganda veröffentlicht. Nachdem einige jüdische Organisationen protestiert haben, verteidigt sich die Times mit dem merkwürdigen Argument, es handele sich zwar um eine „typisch robuste“ Karikatur von Gerald Scarfe, aber ihr Erscheinen am Holocaust-Gedenktag sei „rein zufällig“. Schwer zu glauben, denn die Times enthält einen anderen Beitrag zum Gedenktag (in dem der Antisemitismus des Holocaustleugners David Irving kritisiert wird). In Wahrheit sei das hier ein Beitrag zu den israelischen Wahlen in der Vorwoche.

Es gibt aber überhaupt keinen Bezug zu den Wahlen. Dass Netanjahu durch das Ergebnis geschwächt hervorgeht und eine neue Koalition bilden muss, ist nicht Thema. Nein, er baut eine Mauer mit dem Blut der Palästinenser. Das ist eine kranke Verdrehung der Tatsachen: Die israelische Sperrmauer ist errichtet worden, um nach der Erfahrung der „Zweiten Intifada“ das Einsickern palästinensischer Terroristen nach Israel zu verhindern – ganz offenbar erfolgreich, wie die Bilanz der letzten Jahre zeigt. Dass der Verlauf dieser Mauer auch teilweise problematisch ist, weil sie palästinensisches Gebiet durchkreuzt („land grab“) ist wohl wahr. Aber auch das ist hier nicht Thema.

Nein: Das Thema „Mauerbau“ wird hier mit einer der ältesten antisemitischen  Legenden vermischt, mit dem Ritualmordmythus vom  „Blut in den  Matzen“. Die Times hätte diese Karikatur nicht drucken dürfen.

Gerald Scarfe ist ein Promi unter den Karikaturisten. Er ist weltberühmt durch die Cover Art für Pink Floyds „The Wall“. Offensichtlich hat er hier seine eigene Ideenkiste geplündert : „Another Brick in the Wall“, ein Emblem der Popkultur, ist nun verschmolzen mit antisemitischer Propaganda. Man kann hier musterhaft sehen, wie „linker“ Antizionismus mit schierem, altmodischem Antisemitismus fusioniert.

Roger Waters, der Pink-Floyd-Kopf, hat in den letzten Jahren seinerseits durch ein Spiel mit antisemitischen Symbolen auf sich aufmerksam gemacht, das natürlich im Geiste politisch korrekter Israelkritik daherkam. Die Animation zum Lied „Goodbye, Blue Sky“ aus „The Wall“ zeigte Flugzeuge, die (neben anderen totalitären oder religiösen Symbolen) Davidsterne und Dollarzeichen als Bomben abwarfen.

Ich muss sagen, dass ich „The Wall“ immer abstoßend und dumm fand, und die Animationen von Gerald Scarfe abscheulich. Die Glorifizierung der unschuldigen Kindheit, das krude anti-zivilisatorische Ethos („education=thought control“), die primitive Faschismustheorie (mother built a wall around me), das Schillern zwischen Faszination durch den Totalitarismus und primitiv-anarchistischer Ablehnung jeglicher Autorität: ein unerträglich pompöses, humorloses und dämliches Machwerk des Art Rock in seiner Spätphase.

Gerald Scarfes Entgleisung mit seiner Netanjahu-Karikatur bestätigt diese Abneigung. Aber was heißt schon Entgleisung? Eigentlich war der Hass schon in seiner Arbeit für Pink Floyd angelegt. Antizivilisatorisches Ressentiment endet allzu oft im Antisemitismus.

439 Kommentare

  1.   Thomas Holm

    @ Lionel

    Gemeint ist die Freiheit, sich gegen die Hölle zu entscheiden, die man aus Barmherzigkeit keinem Menschen, dem man nahe steht, nicht dicht genug ans Herz legen kann.

    Auch erscheint es angezeigt, unter diesem Vorzeichen möglichst vielen Menschen in der sozialen Umgebung, verwandschaftlich möglichst nahe zu stehen – zur Vermeidung eines Klimas von KÄLTE, welches entstünde, den Menschen als (auch biologisch) FREMDEN so indifferent-westlich (Freiheit zur Hölle, etc.) begegnen zu müssen.

    Das ist alles schon doch etwas umsichtiger geregelt, als im Christentum.

    Da ist jeder angehalten, päpstlicher, als der Papst zu sein – auch Renaissance-päpstlicher übrigens. Und das macht das ganze sogar auch wieder attraktiv.

    Zumindest, solange andere die Arbeit tun und die Kosten tragen.

    Man merkt, wie dieses ganze Herz-, Eier-, Kälte- und von sonst was Gequassel weiter Kreise unserer Migranten: doch sehr tiefe – eben bis ins spirituelle – reichende Wurzeln aufweist.

  2.   Thomas Holm

    Eintracht-Fanclub in Dubai gegründet – Bembel-Beduinen drücken die Daumen

    Irgendwas von Hessisch-halal auch …

    http://www.hr-online.de/website/radio/hr-info/index.jsp?rubrik=54163&key=standard_document_47424057

  3.   Thomas Holm

    AJE zeigt die inzwischen vielfach überholte Mutter aller Schamkulturen

    „Minami Minegishi shaved her head after breaking her management company’s most important rule – no dating.“

    Säure im Gesicht ist schamkulturell ein wesentlich glaubhafteres Statemant

  4.   Thomas Holm

    @ by

    „Ehrlich Holm, wie richtig soll man sie denn verstehen?“

    Es sind schnodderige Doktrinäre (wie Sie) einer elenden geistigen Fron-Vogtei (wie hier streckenweise) denen es zu danken ist, dass mit gefühlter 70% er Wahrscheinlichkeit der nächstbeste Abkömmling der prophetisch gesegneten Patronatsregion des Vereinten Gutmenschentums, der einem über dem Weg läuft, ein gottverdammtes Arschloch ist.

    Und stellen Sie sich vor: Ich wünschte, es wäre anders.

  5.   Thomas Holm

    „“Syrien ist auf dem Weg in die Hölle“, so sieht es der UN-Sondergesandte Brahmi. Es drohe die „Somalisierung“. Bis Ende des Jahres werde die Zahl der Toten die Marke von 100.000 überschreiten.“

    Da kann er aber locker noch ’ne Null ‚dranmachen.

    „Daran hat die Weltgemeinschaft ihren Anteil. Die Uneinigkeit im Sicherheitsrat“ …

    welche durch das Ensemble des outgesourcten Neo-Autoritarismus des vereinten Gutmenschentums hierzulande perfekt reflektiert wird,

    „hat die Brutalisierung erst möglich gemacht.“

    Ihr erst Raum gegeben; ansonsten ist sie durchaus dortselbst zu hause.

    „Und je länger dieser Krieg dauert, desto schwerer ist er zu stoppen. Derzeit sehe es so aus, so formulierte es Brahimi kürzlich in einem UN-Bericht, als gebe es keine Lösung, die Syrien nicht komplett zerstören würde.“

    Korrekt. Komplett zerstören, ist korrekt.

    „Die Konfliktparteien, sagte Brahimi, seien inzwischen so sehr in den Kampf verstrickt, sie könnten das Problem nicht lösen.“

    Absolut korrekt.

    „Ebensowenig könnten dies die regionalen Mächte.“

    Aber den Versuch werden sie gleichwohl zu unterlassen nicht vermögen … und dann kommt das eigentlichen Popcorn-Programm.

    „Oppositionsführer al-Chatib machte der internationalen Gemeinschaft schwere Vorwürfe: Sie handle nicht, sie messe bloß die Länge der Bärte der Rebellen, rede von Dschihadisten und Terroristen, anstatt Assads Massaker zu thematisieren.“

    Während man auf Kirchentagen davon schweigt und den Arabischen Frühling bejubelt: und so sieht das ganze dann aus, wie eine Falle. Kann man verstehen.

    „Der Oppositionsführer sagte, man sei bereit, unter bestimmten Bedingungen mit dem Assad-Regime über einen friedlichen Wandel zu verhandeln.“

    Bingo. Und die Zukunft des tafsir liegt in Moskau.

    „Zu viele Fraktionen kämpfen inzwischen um Einfluss, sie haben zu viel investiert und zu viele Opfer gebracht und zu viele Verbrechen begangen, um einfach aufzugeben.“

    Ja. Exakt – und das sieht man schon nach 30 Sekunden Youtube.

    Aber nur, wenn man nicht völlig blind ist.

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-02/syrien-krieg-sicherheitskonferenz/komplettansicht

  6.   fse69

    @mrx (#250), denken Sie, dass Sie der erste sind, der es in dieser Angelegenheit mit Bauernschläue versucht? Zur TRNZ hatte ich deutlich weiter vorne schon geschrieben. Blättern Sie sich halt nach vorne durch, wenn es Sie interessiert, auch wenn es nervig und umständlich ist. Beschwerden richten Sie bitte an diejenigen, die durch km-lang aneinandergereihte sinnfreie Einzeiler und zusammenhanglose links das Lesen im Kommentarbereich dieses Blogs regelmäßig zu einem Fall für die Antifolter-Kommission der UN machen.

  7.   fse69

    #276 (SB)

    „…Der Gang der PA zum ICC dürfte problematischer werden, als Sie vielleicht annehmen….“

    Nö. Dass der IStGh erst zum Zuge kommen kann, wenn die nationale Strafverfolgung ausbleibt, ist zwar richtig, ist allerdings gerade hinsichtlich der Siedlungspolitik kein Thema, da diese Teil der Staatsräson ist und nicht gegen nationales israelischen Recht verstößt, so dass es in dieser Frage auch keine nationale Strafverfolgung gibt, der Vorrang eingeräumt werden müsste.

    Israel muss auch nicht dem Rom-Statut angehören, es reicht vollends, wenn das Territorium desjenigen, auf dem das mutmaßliche Verbrechen begangen wird, diesem angehört (in diesem Punkt liegt die eigentliche Bedeutung der Anerkennung einer wie auch immer gearteten Staatlichkeit durch die UN-Vollversammlung).

    Drei und Vier sind vollkommen irrelevant. Der Art. des Rom-Statuts, der Siedlungspolitik in besetzten Gebieten dezidiert als Kriegsverbrechen definiert, wurde hier bereits zitiert. Selbstredend müsste der IStGh dann auch solche Fälle verhandeln, so denn die übrigen Voraussetzungen zur Begründung seiner Zuständigkeit erfüllt wären.

    Der Punkt fünf ist prinzipiell richtig. Natürlich könnten theoretisch auch von Palästinensern begangene Kriegsverbrechen vor dem IStGh landen. Praktisch sehe ich nicht so ganz, wo da ein Hindernis für einen etwaigen palästinensischen Beitritt zum Rom-Statut liegen soll. Um jemanden in Den Haag vor Gericht zu stellen, muss man seiner erst einmal habhaft werden. Und ob nun die PA oder die israelische Institutionen selber: es ist wohl kaum davon auszugehen, dass ein mutmaßlicher Terrorist, wenn man erst einmal seiner habhaft geworden ist, in den vorgeschalteten nationalen Instanzen unbehelligt bleiben würde.

  8.   Staltmeir Christian

    Natürlich kann man über die gezeigte Karikatur von Gerald Scarfe streiten. Was Herr Jörg Lau aber über Pink Floyd und Roger Waters schreibt, zeigt, dass er sehr wenig bis gar nichts von „The Wall“ verstanden hat. Mit diesem Werk wird jegliche Form von Gewalt radikal abgelehnt, egal von welcher Seite sie ausgeht. Aus den erwähnten Bombern bei „Goodbye, Blue Sky“ werden eben auch Kreuze und arabische Halbmonde abgeworfen, die Davidsterne und Dollarzeichen sind demgegenüber in keiner Weise besonders hervorgehoben. Um seinen eigenen Standpunkt zu untermauern, setzt Herr Lau aber in Klammern: „..(neben anderen totalitären oder religiösen Symbolen)..“ Die Botschaft von „Goodbye Blue Sky“ ist meiner Meinung nach ganz eindeutig: Es führt immer in eine Katastrophe, wenn Menschen versuchen, ihre Ideologien anderen aufzuzwingen. Ich halte „The Wall“ für ein sehr beeindruckendes Werk. Freilich läßt Kunst immer Spielraum für jeden, sich seine eigenen Gedanken zu machen. So ist meine ganz persönliche Auslegung von „The Wall“, dass in diesem Werk, tief berührend gezeigt wird, was alles passiert, wenn sich der Mensch von Gott abwendet, (wie gesagt, meine persönliche Auslegung). Übrigens, Herr Lau, der Satz „mother built a wall around me“, kommt so im gesamten „The Wall“- Album nicht vor, also: Setzen, Sechs. und falls Sie „humorvolleres“ als Pink Floyd suchen: Schauen Sie doch einfach „Wetten Dass?“ an, kleiner Tipp von mir, am Rande.

  9.   Serious Black

    @ Sultan

    1. Der betreffende Staat muß unwillig sein, den Fall zu verfolgen.
    2. Der Staat ‚Palästina‘ hat kein definiertes Territorium und dessen international anerkannten Vertreter haben nicht die volle Kontrolle darüber.
    3. und 4. Werden sehen.
    5. Hamas hat bislang nicht ein einziges Kriegsverbrechen verfolgt. Können Sie sogar im Goldstone-Report nachlesen.

 

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