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Die deutsche Liebe zu den Diktatoren

 

Mein Beitrag aus der ZEIT von heute, S.7:
Man hört ihn in Berlin immer häufiger, den Begriff »schwieriger Partner«. Was eigentlich damit gemeint ist: Schurken, an denen wir nicht vorbeikommen; Halunken, mit denen wir kooperieren müssen. Wann immer deutsche Außenpolitiker von Ländern wie China, Russland, Saudi-Arabien, Aserbaidschan oder Kasachstan reden, benutzen sie diese verdruckste Formulierung.
Er soll ein Dilemma bemänteln. Angela Merkel nimmt für sich in Anspruch, die Außenpolitik nicht nur an Interessen, sondern auch an Werten auszurichten: »Interessengeleitet und wertegebunden« zugleich. Geht das überhaupt in einer Welt voller schwieriger Partner? Lässt sich eine unaufgeregte, selbstbewusste Menschenrechtspolitik durchhalten, die Deutschland nicht kleiner und nicht größer macht, als es ist?
Regelrechte Feinde haben wir nur wenige. Es gibt kein »Reich«, ja nicht einmal eine »Achse des Bösen«. Aber die Tyrannei ist nicht verschwunden. Sie hat sich in viele Varianten von Machtmissbrauch, Unfreiheit und Unterdrückung ausdifferenziert. Mit vielen dieser Klepto-, Theo- und Autokraten ist Deutschland wirtschaftlich verflochten. Die Exporte wachsen seit Jahren am meisten in den Schwellenländern. Kaum ein Weltproblem lässt sich lösen – weder die Finanzkrise, noch der Syrienkonflikt, noch der Streit um Irans Atomwaffenprogramm – wenn undemokratische Mächte wie Russland, China oder Katar nicht mitspielen. Dazu eine realistische, aber nicht zynische Haltung zu finden, ist eine Herausforderung für die deutsche Regierung.
Nicht nur, weil wir die Schurken nun einmal brauchen. Es gibt einen Deutungskampf um die Ausrichtung der deutschen Außenpolitik. Und da wird zurzeit eine dunkle Seite sichtbar: die Neigung, sich Despoten schönzureden. Man findet sie bei Elder Statesmen, Vordenkern in regierungsnahen Thinktanks und auch bei einflussreichen Abgeordneten. Sie plädieren für Leisetreterei gegenüber Tyrannen und glauben, dass Deutschland sich mit seiner »Wertegebundenheit« selbst im Weg steht. »Russlandknutscher« nennt ein kritischer Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes diese Leute mit Blick auf Gerhard Schröders Verbindungen zum Kreml. Aber die deutsche Liebe zu den Anti-Demokraten ist nicht auf Putin beschränkt.
Dafür steht Hans-Dietrich Genscher, 18 Jahre lang deutscher Chefdiplomat und FDP-Ehrenvorsitzender. Er ist bis heute das Inbild des deutschen Außenministers, er hat den Korpsgeist des diplomatischen Dienstes geprägt wie kein anderer, und er gilt als moralische Autorität. Genscher hat, wie der Spiegel herausfand, dem kasachischen Präsidenten Nasarbajew seinen guten Namen zur Verfügung gestellt, indem er ihn in einem Geleitwort »als Glücksfall für sein Land« pries. Nasarbajew ist ein Despot. Es wird gefoltert in Kasachstan, es gibt keinen Rechtsstaat, keine Pressefreiheit, und die Demokratie ist eine Potemkinsche Fassade. Genscher war mehrfach mit deutschen Wirtschafts-delegationen im Land. Er öffnet der deutschen -Wirtschaft Türen und hilft im Gegenzug als Ehrenvorsitzender im Beirat des PR-Unternehmens Consultum Communications Schurkenstaaten, ihr Image bei uns aufzubessern: etwa der Kaukasus-Republik Aserbaidschan. Mit dem aserbaidschanischen Botschafter in Berlin hat er sich beim Fußballgucken, mit dem Präsidenten Ilham Alijew jüngst erst wieder bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Zwiegespräch fotografieren lassen. Alijew ist ein Kleptokrat, der das Land aus den Händen seines Vaters übernommen hat und mit einem mafiösen Familienclan beherrscht.
Genschers Geschäfte sind ein Politikum, weil er für seine Kunden natürlich nicht als Privatmann attraktiv ist, sondern als lebende Legende, als eine Art Ehren-Außenminister, der für das wiedervereinigte Deutschland steht. Wenn der Eindruck entsteht, selbst schwierigste Partner können einen Genscher zu Werbezwecken leasen, höhlt das die Idee der »Wertebindung« deutscher Außenpolitik aus.
Es gibt jüngere Akteure, die neuerdings ganz offen einem brachialen Pragmatismus das Wort reden. Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Philipp Mißfelder, schreibt in einem Aufsatz für die regierungsnahe Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik: »Es ist die Aufgabe der Außenpolitik, für eine Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen und des Investitionsklimas in den jeweiligen Ländern zu sorgen.« Es folgt der programmatische Merksatz: »Die Bundesregierung übernimmt dabei die Rolle des flankierenden Partners für die deutsche Wirtschaft.«
Mißfelder war einmal ein frecher, etwas vorlauter, aber oft erfrischender Quertreiber. Seit er im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages sitzt und für die Union die aktuelle Weltlage in allen Medien kommentiert, hat eine Wandlung stattgefunden. Er trommelt nun bei jeder Gelegenheit für einen milden Umgang mit der russischen Regierung.
Eine beachtliche Wende: Keiner höhnte schärfer über Gerhard Schröder, als der sich in den Dienst eines russischen Energiekonzerns begab: »Dass Gerhard Schröder ausgerechnet jetzt für Gazprom arbeitet«, so Mißfelder, »ist ja nur der erste Vorbote dafür, dass die russische Diktatur versuchen wird, immer mehr Einfluss auf Deutschland auszuüben.«
Doch als Putin im vergangenen Jahr nach manipulierten Wahlen ein drittes Mal Präsident wird, verbittet sich Mißfelder »übereilige Bewertungen«. Das harte Urteil gegen die jungen Frauen von Pussy Riot kritisiert er, weil es »dem Ruf Russlands schaden« werde – und betont, dass die russische Justiz besser beurteilen könne, ob ein Verbrechen vorliege. Mißfelder stört »der zum Teil religiöse Antrieb, den manche Russland-Kritiker haben«. Sie »benehmen sich jetzt wie Neokonservative. Regimewechsel um jeden Preis.«
Im November 2011, als die Opposition in Moskau täglich gegen Putin auf die Straße geht, stellt Mißfelder im Bundestag die rhetorische Frage: »Was ist die Alternative zu Putin oder zur Putin-Partei? Die Alternative ist häufig Separatismus, Rechtsradikalismus, Nationalismus oder eben Kommunismus. Das ist nicht in unserem Interesse, weder außenpolitisch noch von unserem Grundverständnis für Demokratie her.«
Heißt das also, Putins Herrschaft ist in unserem Interesse? Wehe, was nach ihm kommt? Das ist seit je die Propagandastrategie autoritärer Machthaber: nach mir das Chaos. Mißfelder übernimmt sie. So wird im Zeichen des außenpolitischen »Realismus« die Leisetreterei gegenüber Despoten gerechtfertigt. Das ist ein altes Muster, das man schon von früheren Fällen kennt – vom Umgang mit Chiles Diktator Pinochet, Polens General Jaruzelski oder Ägyptens Präsidenten Mubarak. Wie wenig Stabilität taugt, die auf Kosten von Freiheit und Menschenrecht geht, zeigen heute die Eruptionen in den arabischen Ländern. Die fortschreitende Implosion der Staatenwelt des Nahen Ostens stellt auch einen vermeintlichen Realismus bloß, der sich nicht traute, über die Gewaltherrscher hinauszudenken. Das einflussreiche Milieu der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, dem auch Genscher und Mißfelder angehören, wäre eigentlich der Ort für solche Reflexionen.
Die DGAP, von Regierung und Industrie gefördert, ist gleichzeitig Honoratiorenverein, Thinktank und elitärer Salon, der durchreisenden Präsidenten, Ministern und Botschaftern eine Bühne bietet. Ihr intellektueller Kopf ist der Leiter des Forschungsinstituts, der Politikwissenschaftler Eberhard Sandschneider, ein angesehener China-Experte. Im Frühjahr 2012 hat er einen programmatischen Aufsatz über Deutschland als »Gestaltungsmacht in der Kontinuitätsfalle« veröffentlicht. Er fürchtet, die deutsche Außenpolitik könnte »durch eine zu starke Orientierung an historischer Kontinuität und einen überfrachteten Wertediskurs unfähig sein, schnell und effizient auf neue Herausforderungen zu reagieren«.
Wer die DGAP unter Sandschneiders Leitung verfolgt, erkennt ein Leitmotiv: Kritik an »unrealistischen Wertebezügen«. Man kann das so übersetzen: Deutschlands Außenpolitik leidet unter allzu vielen moralischen Bedenken. Kaum ein Strategiepapier kommt ohne die unterschwellige Botschaft aus, Deutschland stehe sich mit seinen Rücksichten auf Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat selber im Weg. Wenn Sandschneider einmal kritische Worte für die Merkelsche Politik findet, dann »für den Bezug auf die Wertegeleitetheit deutscher Außenpolitik, die von der derzeitigen Bundesregierung besonders nachdrücklich betont wird«.
Krankt die deutsche Außenpolitik an Hypermoralismus? Die Waffendeals mit Saudi-Arabien passen kaum in dieses Bild. Doch Sandschneider empfiehlt, die Ansprüche weiter zu senken und »Anpassungsnotwendigkeiten auszuloten«. Der Aufstieg der Schwellenländer, vor allem Chinas, zeige, dass Demokratiedefizite Wettbewerbsvorteile im Kampf um globale Vormacht sein können: Man habe »größere Planungsräume« zur Verfügung und müsse sich nicht am widerborstigen Bürgerwillen abarbeiten. Den Westen hingegen hält Sandschneider für »machtpolitisch erschöpft«. Statt Konfrontation sei »Ko-Evolution« an der Zeit. Deutschland solle aufhören, Chinesen und Russen »Wertelektionen zu erteilen«.
Menschenrechtspolitik ist in dieser Sichtweise Schwäche – westliche Selbstfesselung in einer amoralischen Welt voller harter Interessenpolitik. Zugleich ist sie ein Symptom postkolonialistischer Überheblichkeit gegenüber dem Rest der Welt. Die chinesische Regierung zu kritisieren, das heißt für Sandschneider, »überkommene Gefühle westlicher Überlegenheit zu zelebrieren«, statt endlich »China als gleichberechtigten Partner (zu) akzeptieren«. Letzteres werde erst möglich, wenn der Westen aufhöre, »den Schulmeister der Welt spielen zu wollen«.
In diesem verzerrten Bild fehlen auffällig die Dissidenten, die mit ihrer Führung viel härter zu Gericht gehen, als die deutsche Regierung es sich traut. Und: An »schwierige Partner« gleiche Maßstäbe anzulegen, ist das nicht auch eine Form der Akzeptanz? Liegt umgekehrt nicht viel mehr Herablassung in der Annahme, dass Russen, Chinesen, Kasachen und Aserbaidschaner per se für Vollmitgliedschaft im Club nicht taugen und darum die Satzung für sie nicht gelten sollte?
Es sind immer die gleichen Redefiguren, mit denen die Tyrannen für unantastbar erklärt werden: Sie stehen für Stabilität. Wer sich in die Pose des Anklägers wirft, verspielt Einfluss und Marktzugang. Wir brauchen ihre Kooperation zur Lösung weltpolitischer Probleme. Die deutsche Geschichte (der Kolonialismus oder eine sonstige abendländische Schuld) mahnt uns zu Zurückhaltung und Respekt.
Bei genauerem Hinsehen sind das Ausreden fürs Nichtstun: Historische Schuld verpflichtet mindestens so sehr zum Eintreten für das Recht wie zur Mäßigung dabei. Dass »schwierige Partner« weltpolitischen Einfluss haben, stimmt zwar: Doch wäre es eine Illusion, zu glauben, dass sie durch Milde kooperativer würden. In Syriens Bürgerkrieg steht Russland auf der Seite des befreundeten Diktators Assad, und beim Streit um das Atomprogramm des Irans lassen Russen und Chinesen kaum eine Gelegenheit verstreichen, eine Lösung zu hintertreiben. Sie folgen schlicht ihren eigenen Interessen. Nettigkeit wird sie davon nicht abbringen. Die Diktatorenknutscherei ist nicht nur unwürdig. Sie bringt auch nichts.
Umgekehrt wird die Konsequenz westlicher Kritik übertrieben. Unser Marktzugang – das zeigen immer neue Exportrekorde – ist nicht in Gefahr. Deutsche Produkte sind so gut, dass auch heftig kritisierte Länder sie haben wollen. Angela Merkel pflegt zwar eine größere Distanz zu Putin, aber der »Geschäftsklimaindex« beim Handel mit Russland war, laut dem Ostausschuss der deutschen Wirtschaft, nie besser als heute. Der Dalai Lama wurde im Kanzleramt empfangen, und Deutschland hat sich auch vehement für den verfolgten Künstler Ai Weiwei eingesetzt. Trotzdem werden jedes Jahr mehr Audi nach China verkauft.

Es gibt einen Zielkonflikt zwischen Werten und Interessen. Doch der Schluss liegt nahe, dass Deutschland ungestraft noch viel deutlicher in der Welt für seine Werte eintreten könnte.

689 Kommentare

  1.   Thomas Holm

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-02/indien-anschlag-hyderabad

    „Die Behörden lasten die Attentate in der Regel muslimischen Extremisten an.“

    So muss schreiben, wer was werden will.

    Mit Angriffen auf die Indische Softwareindustrie könnte sogar die etwas durchhängende pakistanisch-chinesische Freundschaft wieder aufleben.

  2.   Thomas Holm

    Tyrannen an sich sind als Thema längst überholt:

    http://www.economist.com/news/leaders/21572193-syria-disintegrates-it-threatens-entire-middle-east-outside-world-needs-act

    „Bashar Assad, Syria’s president, will collapse in chaos; for some time it could well fight on from a fortified enclave, the biggest militia in a land of militias. Either way, Syria looks increasingly likely to fall prey to feuding warlords, Islamists and gangs—a new Somalia rotting in the heart of the Levant. …

    By getting his Alawite brethren to massacre the Sunni majority, he has drawn in jihadists and convinced Syrians from other sects to stick with him for fear that his own fall will lead to terrible vengeance.

    Syrian blood now flows freely and sectarian hatred is smouldering. The fight could last years. Rebel groups … are beginning to target each other, as well as the government’s troops. …

    Assad … still enjoys the cultlike devotion of some of his Alawite sect and the grudging support of other Syrians who fear what might come next. …

    He is backed by Russia, Iran and Iraq, which between them supply money, weapons, advice and manpower. Hizbullah, Lebanon’s toughest militia, is sending in its fighters, too. …

    So far the fighting has claimed 70,000 or more lives; tens of thousands are missing. The regime has locked up 150,000-200,000 people. More than 2m are homeless inside Syria, struggling to find food and shelter. Almost 1m more are living in squalor over the border. …

    Obama has suggested that saving lives alone is not a sufficient ground for military action. Having learnt in Afghanistan and Iraq how hard it is to impose peace, America is fearful of being sucked into the chaos that Mr Assad has created. Mr Obama was elected to win economic battles at home. He believes that a weary America should stay clear of yet another foreign disaster. …

    If the fight drags on, Syria will degenerate into a patchwork of warring fiefs.“

    Als Wenn es noch irgendwo um intakte Tyrannen gehen würde; Fast überall steht bereits Fanatismus gegen Zynismus; eine völlig andere Herausforderung, als der alte Stabilitäts-Kater.

  3.   Thomas Holm

    Va banque spielende Spoiler-Tyrannen gegen fanatische Sakral-Nihilisten.

    Das ist das Dirty Great Game – nicht, dass es irgendwo Toleranzprobleme gäbe.

  4.   ernsthaft

    Die DEUTSCHE liebe zu den diktatoren.
    Ist die liebe zu diktatoren typisch deutsch ?
    Typisch deutsch gibt es doch garnicht, das wäre ja sonst eine deutsche identität. Also die überschrift ist eindeutig rechtspopulistisch.

  5.   Bredow

    Deutschland ist schon überfordert wenn es darum geht die eigenen Werte im eigenen Land durchzusetzen. Sorry, welche grandiose Überschätzung der eigenen Möglichkeiten.

  6.   Hans Joachim Sauer

    @ ernsthaft

    „Ist die liebe zu diktatoren typisch deutsch ?“

    Wenn es darum geht, Diktatoren zu stürzen, hält sich Deutschland meist auffallend zurück.

  7.   Thomas Holm

    Russland und Deutschland sind gebrannte Kinder beim Thema Sturz von Diktatoren. In Russland ging hinterher* alles schief und bei den Deutschen klapptes es gefühlte 43 mal nicht.

    *das sagen sie bei AJE immer, dass sie so skeptisch mit Revolutionen geworden seien. Am posthumen Sturz von Stalin findet ja mancher auch einiges zu bedauern.

  8.   Jörg Lau

    @ T. Haupts: „Was ein echter ZEIT-Bellizist ist, der hat mit 20 verweigert (aus Gewissensgründen) und entdeckt mit 40 spontan (weil selbst nicht mehr betroffen), dass so ganz ohne Militär das eigene Gewissen zwickt, wenn anderswo Leute massakriert werden. Und will da sofort jemanden hinschicken, der natürlich nicht er selbst oder seine Kinder sind.“
    Da machen Sie sich’s aber auch einfach. Ich habe zugegeben, dass mein ganz persönlicher Pazifismus, der einer Weltkriegserfahrung meiner Eltern, dem apokalyptischen Zeitgeist der 70er und einem rheinischen Linkskatholizismus entsprang und im Kalten Krieg zur Verweigerung führte, für heute nicht mehr taugt. „Spontan“ ist daran gar nichts. Es ist ein Umdenken über zwei Jahrzehnte, mit argen Zweifeln. Gegen Saddam Hussein musste man vorgehen, fand ich 1990. Hat mich einige Freunde gekostet. Ruanda tat auch etwas dazu. Auf dem Balkan war ich lange nicht sicher – da waren dann auch schon Tausende tot, als mir klar wurde, dass eine Intervention die richtige Lehre aus der dt. Geschichte war. Afghanistan: Immer noch richtig, dort Al-Kaida militärisch angegriffen zu haben (anderes natürlich falsch, aber das änder t nichts daran, dass es keine pazifistische Option gab). Irak: Wahrscheinlich falsch (falsche Ziele, falsch Mittel, falsche Begründung…), obwohl ich immer noch denke, Saddams Sturz war ein Segen und wird sich auch für die Iraker in langer Frist als solcher zeigen.
    Ihre Warnung, dass Armchair-Generals sich den Ruf zum Krieg zu leicht machen, ist absolut ernst zu nehmen. Aber Nichteingreifen kann eben auch ein Verbrechen sein. Aleppo sieht zum Teil aus wie Dresden.

  9.   Thorsten Haupts

    @17 TH – „Russland und Deutschland sind gebrannte Kinder …“

    Zu den Russen kann ich nichts sagen. Für die Deutschen ist die Erklärung ziemlich einfach – sie haben niemals von sich aus eine Diktatur/Fürstenherrscjaft/Monarchie beseitigt und eigentlich (prä 1914) mit autoritären Regimes nicht die schlechtesten Erfahrungen gemacht, zumindest im verklärenden Rückblick.

    Und seitdem unterstellen sie instinktiv auch allen anderen autoritären Regierungen das Verantwortungsbewusstsein der preussischen Monarchie.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  10.   Zagreus

    Guter Artikel @ Lau

    Man sollte aber ein paar Dinge bedenken

    – es gibt zwei gegeneinander streitende Forderungen:
    Allgem. Wohlstand versus Moralische Ideale (wie Menschenrechte etc.)

    Man sieht es ja gerade in Frankreich mit der reifenherstellerfabrik. DerAmi hat sich das angeschaut und meinte, die Franzosen seien einfach faul und würden nur 3 Std. arbeiten – er lasse lieber Reifen in Indien oder China produzieren …
    Nun, sind die Franzosen faul? Nun, genauso wie wir anderen Mitteleuropäer sind wir im vergleich mit einem Inder, Chinesen etc… wirklich allesamt ‚faul‘. Damit meine ich: für unsere Arbeitsleistung im Verhältnis zur Entlohnung können wir nicht mithalten mit indern, chinesen etc…, die teilweise nur einen Euro pro std. bekommen. Unser Vorteil liegt in unserem Vorsprung in diversen techniken, die es uns ermöglichen Dinge zu produzieren, die diese Leute nicht oder noch nicht produzieren können. Und letztlich machen wir damit unser geld auch – durch den verkauf solcher Dinge. Sobald aber die schwellenländer aufgeholt haben bzw. sich die technik angeeignet haben, produzieren sie diese , nur viel billiger halt aufgrund des Lohngefälles; schlagendes beispiel ist ja die Solaranlagentechnik, die mittlerweilen fest in chinesischer Hand liegt.
    Wenn wir also in Deutschland unseren allgemeinen Wohlstand aufrecht erhalten wollen, müssen wir entweder einen derart breiten wissenchaftlich-technischen Vorsprung bewahren, dass wir über den Verkauf der darüber erzeugten produkte unseren wohlstand finanzieren können, oder wir müssen anfangen dieen wohlstand zurückzufahren. Bis vor nicht allzulanger Zeit haben wir einen deutlichen Vorsprung in vielen Bereichen noch gehabt – wir haben mehr als wir tatsächlich benötigten, eingenommen mit dem auslandshandel. D. h. wir konnten usn bis zu einem gewissen Grad aussuchen, mit wem wir geschäfte machen wollen (es ist trotzdem mit ’schurkenstaaten‘ geschäfte gemacht worden). Aber: dieser Vorsprung ist immer mehr geschrumpft, und damit einhergehend ist die Möglichkeit ein gutes Geschäft mit einem zwielichten oder moralisch verwerflichen Geschäftspartner auszuschlagen, geschrumpft. Es besteht – so nehme ich das wahr – mittlerweilen anscheinend eine gewisse notwendigkeit auch mit ‚despoten‘ geschäfte zu machen, solange wir gleichzeitig unseren allgemeinen Wohlstand auf dem hohen Niveau, das wir haben, bewahren wollen. Verstärkt kommt hinzu, dass immer mehr andere mögliche geschäftspartner, die selbst zwielicht sind wie eben Russland, China etc., ebenfalls mittlerweilen in der lage sind entsprechend technisch hochwertige Waren anzubieten (und am Technologie-transfer sind wir, der westen, selbst schuld: man denke nur an China mit eienrseits seinem markt und andererseits seienr auflage, dass jede ausländische Firma einen inländischen partner benötigt (und damit so manche technologie einsehbar für diesen wird)).

    Ein zweiter faktor ist, dass in Teilen der bevölkerung, gerade auch im Linken und im links-alternativen, es herzlich wenig bewusstsein für mörderische Ideologien und Despoten gibt. Denken sie nur an die gute Claudia, die mit einem massenmörder wie den iranischen Botschaften shake-hands macht (und schauen sie mal auf die gesichtsausdrücke beider dabei). Egal, wohin man sieht, aber wenn man einen spinner sucht, durchaus auch in machtposition, der so herzlich wenig berührungsängste gegenüber mördern und unterdrückern hat, wird man bei den linken/alternativen fündig. Ist einfach so: sie sind die ersten, die ‚reden‘ wollen und die gemäßigten Talibans zum gemeinsamen gebet auffordern, sie hegen sympathien für alle möglichen revolutzer – ob gegenüber südamerikanischen Utwaldspinern, ob gegen fidel castro, egal. Wer war bei Gaddafi? Joschka Fischer und andere grünen vor einigen jahren? Wer schrie Ho-Chi-Ming in den 70ern? Wer findet die hamas als gesprächspartner akzeptabel und verteidigt pälstinensiche Massenmörder? Wer versuchte als erster nach dem WKII Juden zu ermorden per Bombe und wer selektierte Juden zuerst wieder aus?
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/der-vergessene-antisemitismus-terror-gegen-juden-bei-raf-vorlaeufern-a-884099.html

    Die sache ist die – einerseits wird von einem bestimmten seite eine regelrechte hyper-moral gefahren (und sich dabei immer slebst als besonders moralisch hingestellt) – eine seite, die selbst aber allzuoft sehr viele Leute beheimatet, teilweise bis in die höchsten kreise hinein, die durch wort udn tat gezeigt haben, dass sie sich auf die seiten von despoten, ja regelrechten mörderregimen stellen.
    Und diese Leute, wenn sie in der regierung sind, haben nunmal auch wenig hemmungen dann ihre lieblingsdespoten zu unterstützen. Schröder ist nicht so ganz ohne grund bei Putin gelandet – denn bei allen ‚vorteilen‘ russlands, war dieser für ihn ‚moralisch‘ nicht so problematisch, dass sich da keine zuneigung entwickeln konnte.
    Ich denke, dass hängt damit zusammen, dass wir hier meist keine relaisten, sondern eben Idealisten vor uns haben, die sehr oft eienr ideologie oder entsprechenden weltanschaulichen versatzstücken anhängen, mit der sie die welt schön in schwarz (USA-Israel-Deutschland-Überhaupt der Westen, der kapitalismus, der Imperialismus, die Umweltzerstörung, die Herrschenden…) und weis (alle von ’schwarz‘ unterdrückten, auch gerne die ’nachfahren‘, dieser welt) aufteilen udn dabei eben die mörderischen und despotischen handlungen ihrer ‚Schützlinge‘ marginalisieren oder leugnen. Und ich denke, das hat auch viel mit dem Diskurs hier vor ort, im ‚Westen‘, zu tun – man erweist sich vor sich selbst und der gesellschaft als ‚rebell‘, wenn man hinstellt und eigentlich einer völlig absurden figur zujubelt oder ‚mit ihm reden will‘ – denn erst einmal steht man nicht vor diesr figur und redet nicht mit ihr, sondern man steht hier vor der Gesellschaft in ihren verschiedenen segmenten als jemand, der ‚außergewöhnliches‘ sagt. Und dabei damit nicht von allen eben als moralischer spinner und weltfremder idiot wahrgenommen wird, sondern als jemand, der eben sich gegen die mehrheit stellt (und damit auch andere, die gerne sich als rebellen sehen würden oder sehen ‚bedient‘ mit einem rebellischen Akt wie einer künstlerischen Performance, gerade auch dann, wenn er vom ‚Otto-Normal-Bürger‘ eben als tabubrecher und spinner angegangen wird).

 

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