‹ Alle Einträge

Gastbeitrag: Jugendüberhang und neuer Konfessionskrieg

 

Den Vielkommentierer Thomas Holm hatte ich vor meinem Urlaub gebeten, doch bitte mal einen Gastbeitrag zu schreiben, statt immer nur Schachtelsätze unter meine Posts zu hauen. Hier das Ergebnis, das ich leider erst verspätet posten kann, weil es hier am französischen Atlantik kein anständiges Wifi gibt. Ich gebe den Text nahezu unbearbeitet weiter, weil die Steinstufe vor dem Touristenbüro mir langsam den Rücken ruiniert. Und wer weiß, wann ich wieder ins Netz komme. Allen einen schönen Sommer, Herr Holm, the floor is yours:

Kein Islamismus hat im MENAP (Middle East, North Africa, Afghanistan, and Pakistan) verhindert, dass dort die bedeutendsten Länder, die Nationalstaaten sein sollten, sozial prekär wurden und vor einem Abgrund ethnisch konfessioneller Konflikte stehen.

Und außerhalb von Islamismus hat es auch niemand verhindern können. Keine Sowjetunion, keine Versuche in Faschismus, Demokratie, Traditionalismus, oder was auch immer. Weder märchenhafter Reichtum noch ein darbend knappes Auskommen haben verhindert, dass ein seit zehn bis zwanzig Jahren abgeflachter bis abgerissener Jugendüberhang nunmehr sozial vor dem Nichts steht gleichviel, ob akademisch gebildet, oder als Analphabeten. Zwischen steinreich und bettelarm klafft zudem eine Lücke, die als Hinweis auf den Problemumfang mit Blick auf diese Gesellschaften dienen kann.
Nach dem Fortfall von als Provokation zuvor weidlich genutzten (pro)westlichen Angriffsflächen, nach dem Sturz von Mubarak & Co., sowie dem Abzug der US-Truppen aus dem Irak, hat eine Gespenst sich in der Region erhoben: Innere etnisch-konfessionelle Feindschaftslinien sind plötzlich  blutig aufgebrochen. Anfangs noch vernebelt durch Erscheinungen von „Islamistischer Intoleranz“ gegen Christen, muslimische Häretiker und Säkulare, ist an den Bastionen von Damaskus eine Polarität von zwei feindseligen Lagern aufgebrochen, aus denen Kämpfer aus Tunesien, über den Jemen bis aus dem fernen Afghanistan in die Levante strömen, um sich (zunächst einmal) dort zu bekämpfen. Bei uns kommt das Thema als die bange Frage an: Was werden die 700+ Jihadisten machen, wenn sie nach Europa zurückkehren ?

Die Frage ist berechtigt, jedoch mit Blick auf die Region ist sie arg schmal aufgeworfen. Was machen Schiiten im Jemen, oder Afghanistan, wenn ihre Syrien-Krieger nicht heimkehren, was machen salfistisch inspirierte Sunniten vom Golf und aus aller Welt, wenn ihre Kämpfer tot sind ? Es sieht danach aus, dass sie für Nachschub sorgen. Zu der leidlich bekannten salafistisch-sunnitischen Internationale hat sich längst eine Schiitische beigesellt. Bzw.: auch das wurde gut vorbereitet, nur nicht so laut. Der westliche Syrien-Tourist bekam die Heranbildung einer Schiitischen Pilgerkultur, die zur Besorgnis vor Salafistischen Bestrebungen gegen ihre Heiligtümer sensibilisiert wurde, nicht mit. Und die Arbeitsteilung der konfessionellen Gehässigkeiten ging auf. Von Mali bis Syrien frönen Salafisten ihrer Obsession von „Bildersturm“. In Afrika half Frankreich aus, aber in die Levante strömt – parallel zu den Jihadisten – ein Wächter-Strom an die Pilgerstätten, welche sich in die Frontlinien der militärischen Behauptung eines dreimal totgesagten Assad-Regimes einfügen.

Eine westliche Kampfzone könnte man als „Syranon“ bezeichnen; weiter östlich könnte man vom IraNK sprechen. Der Fachwelt mögen sich die Haare stäuben, aber das sind die beiden Bastionen einer (westlichen) „Schiitischen Machtachse“, die man auch als Backen einer Zange interpretieren kann. Einer Zange, in der sich die levantinischen Sunniten befinden, deren Leumund von zuverlässig eintretenden Skandalen gebeutelt wird, und die von Konferenz zu Konfernz tiefer unter den Persischen Teppich gehämmert werden.

Ein Geat War IV. hat seinen Kern in der Levante gefunden. Einen blutigen, alles zerstörenden und immer explosiver werdenden Kern. Die Region braucht Syrien nicht als Sprengstoff, den gibt es im Irak, in Jordanien genug; der syrische Flächenbrand breitet sich aus und zündelt zugleich wie eine Lunte höchst eigenen Sprengladungen entgegen. Allerdings ist Syrien, genauer: sein Präsident, der Spaltkeil über den alles in der Region zerbricht.

Eloquent im Interview, schafft er einer westlichen Muslime-Phobie unerwartete Salonfähigkeit; Konservative, Anti-Imperialisten aller Regelstufen und (un)heimliche Dollar-Skeptiker: alle haben sie plötzlich einen vernünftig Sprechenden von dort unten vor sich. Jemand, der zudem die junge aufstrebende BRICS-Welt hinter sich hat. Wehe jemand macht eine Meinungsumfrage, wer „Putin for President“ haben will, falls ihn jemand an die Siegessäule einladen würde.

Wer in den letzten Monaten „zum Libanesen“ ging, tat gut daran, sich zu überlegen, zu welchem und zu beachten, was man dort nicht sagt. Jetzt hat es die Türken erwischt und die Kurden und da geht es schon los. Für den Historiker muss Erdogans (allerdings: geheimnisumwitterter) Ausgleich mit der PKK-Führung sein größter Geniestreich gewesen sein. Mit den Roten Linien konnte es für die Türkei nicht so weiter gehen. Bei so vielen Flüchtlingen musste irgendwer offiziell mal aufhören, Terrorist zu sein. Die Kurden traf das Glück. Andere wurden in der Türkei von Bombenanschlägen getroffen, die sich – lange vor dem Gezi-Park-Protest – die feindseligen Lager der türkischen Innenpolitik öffentlich gegenseitig zutrauen und nicht öffentlich gelegentlich an den Hals wünschen.

Erdogans episches Ungeschick mit dem Protest kam in diese brisante Gemengelage wie eine Brise von Mäßigung. Was sind 100.000 z.Tl. dubios angereicherte Tränengas-Granaten gegen 100.000 Tote im südlichen Nachbarland ? Ein Grund, sich präsentabel zu verkrachen, von Ankara bis Neukölln. 25+% in der Türkei wollen nicht mehr bei Erdogans auf ein 100:Null abzielendes Nicht-Teilhabe-Spiel zusehen. Der Park war einfach die falsche Salamischeibe, die er angeschnitten hat. Oder der Alkohol, oder was auch immer. Jedenfalls haben wir jetzt ein großes Anatolisches Ersatz-Theater zum größeren Spiel um die Macht in der Levante.

Unbenommen ist, dass man sich auch auf dieser überraschend aufgerichteten Anatolischen Bühne den Hals brechen kann. Vorbehalt von nationaler Katastrophe neben der regionalen Katastrophe.

Anders als bei den vorherigen youtube-Videos muss man sich nicht sofort angewidert wegdrehen, sondern kann sich endlich wieder nachvollziehbar empören und verkrachen. „Polizeistaat“ ist eingängiger als Schlachthaus, „die Bösen“ sehen so aus, wie bei uns und „die Unbesonnenen“ auch. Dem Ausgeflippten von Ankara fällt dabei zur Last, dass er ja Islamist sei und dass man in Syrien ja sehe, was die machen. Ohne Erdogan haben die Kurden keine Vereinbarung mehr (so muss man bis zur Darlegung des Gegenteils fürchten) und mit Erdogan haben sie eine, von der sie sich neue Horizonte versprechen. Die Türkische Seite dagegen dürfte bei der Vereinbarung eher auf ein Verschontbleiben von auswärtiger Unbill gesetzt haben

Gratuliert man so einem Hoffnungsträger ? Mursi bricht mit Damaskus und gibt Reisefreiheit für die Jugend in den Jihad; Erdogans Kommentator verweist auf „vergebliche Wahlen“ im Iran – ohne an die psychologische Auswirkung mit Blick auf die türkische 10% Hürde zu denken. Man wartet noch nicht einmal ab, bis Israel mit allfälligen Sicherheitsbedenken den Schwarzen Peter aufgreift. Bevor Ruhani irgendwen enttäuschen kann, sagen ihm diejenigen ab, mit denen man reden müsste, um den Brand der Levante unter Kontrolle zu bringen.

Wenn jemand keinen Konfessionskrieg wollte, dann könnte der es ja mal zeigen.

100 Kommentare

  1.   Thorsten Haupts

    Wenn TH das Gepostete unter einem kohärenten, zusammenhängenden und Überblick gebenden Beitrag versteht, möchte ich eigentlich niemals ein Buch von ihm lesen (müssen).

    Ein von zum Teil dreifach verschachtelten Metaphern durchzogenes Delta mäandernder Gedankengänge, (nicht)abgeschlossen durch Zen-Koans und durchdrungen von dem sinnlosen Versuch, dutzende unterschiedlichster Gesichtspunkte in ein paar dutzend Zeilen zu pressen, ist der Text genauso verknautscht wie das Gesicht eines Shar Pei Hundes.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2.   MRX

    Hier das Ergebnis, das ich leider erst verspätet posten kann, weil es hier am französischen Atlantik kein anständiges Wifi gibt. Ich gebe den Text nahezu unbearbeitet weiter, weil die Steinstufe vor dem Touristenbüro mit langsam den Rücken ruiniert.

    Eine Stufe härter wäre Internetcafé mit Frqnzqkentqstqtur.

  3.   ernsthaft

    1 haupts
    Der shar pei ist gut. Ich hab es zweimal gelesen, hat geholfen. Holm ist nichts für an eher schlichte texte gewöhnte schnelleser.

  4.   Marit

    Texte, die ich auf Anhieb verstehe, finde ich wenig genussvoll.Die Galoppaden von Thomas Holm bleiben mir oft schleierhaft, da mir die Anknüpfungspunkte von der mir zur Verfügung stehenden eigenen Infobasis hin zu seinen „alles-verbindenden“ Zustandsbeschreibungen abhanden kommen.Denoch lese ich viele seiner Kommentare mit Schmunzeln und auch Info-Zugewinn.
    Eines würde mich jetzt aber mal interessieren: Wie und unter welchen Umständen haben Sie Kenntnis von einer sich unbemerkt anbahnenden schiitischen Pilgerkultur in Syrien erlangt? (Ein Beispiel für Sätze, von denen ich nicht weiß, was Herr Holm wirklich darüber weiß)

  5.   Serious Black

    @ Marit

    Die ’schiitische Pilgerkultur‘ kam in diversen verlinkten Analysen zu Aktionen der Hizb’Allah in Syrien zur Sprache.

  6.   Marit

    Danke,S.B. Ich stelle fest, mir entgeht hier mehr als ich dachte!


  7. @ Marit

    „Wie und unter welchen Umständen haben Sie Kenntnis von einer sich unbemerkt anbahnenden schiitischen Pilgerkultur in Syrien erlangt?“

    Zunächst episodisch, später dann auch erhärtet. Episodisch:

    „Shia Randiyan Cursing_ Swearing & Abusing at Sahaba e Karam (r.a) …

    Hochgeladen am 12.01.2012 … dont worry bitches Taliban will sort you out….“

    Erhärtet: (wobei die Überschrift in die Irre führt: „Designing“ hätte Bezug zum Text)

    http://www.nybooks.com/blogs/nyrblog/2013/jun/12/syria-inventing-religious-war/

    „Sayyida Zainab only became a site of mass pilgrimage in the 1980s and 1990s, when a large shrine was built around the tomb with Iranian support.

    By the time I did fieldwork there in 2008, however, the suburb of around 150,000 people had become a meeting ground for Shia from around the world. During the summer months, the foreign Shia population would reach tens of thousands, with up to one million pilgrims visiting Sayyida Zainab every year.

    There were clerics and students from the Gulf, Lebanon, Iraq, Iran, Afghanistan, Africa, and South-East Asia, among other places. Publishers of cultural and religious magazines from Iraq and the Arabian Peninsula were having late-night discussions in the bookshops opposite the shrine. Young religious students were sitting in the Hawza Zainabiyya, a large center for Shia religious study there, or in one of the other smaller religious schools reading and discussing with their mentors. Iranian pilgrims could pay with Iranian currency, their thousand-tuman notes with the iconic picture of Khomeini bundled in the hands of the street vendors.

    It was a world apart from the coffee houses and government buildings of central Damascus, where the old rhetoric of secular Arab nationalism still dominated, and at the time, I found it difficult to fathom the government’s reasons for allowing a suburb full of foreign religious students and clerics to flourish. Most Syrians I met had never been to Sayyida Zainab, and whenever I told people I was going there, they advised me not to go, complaining about the Iranians and Iraqis living there and arguing that it didn’t belong to the Syria they knew. …

    In fact, the Syrian government had first discovered the strategic value of Sayyida Zainab back in the 1970s. When Hafez al-Assad, the father of Bashar al-Assad, became president in 1971, he was concerned about the legitimacy of his Alawite sect within Islam. While some Sunni scholars had issued fatwas recognizing the Alawites as Muslims, many senior Shia and Sunni clerics refused to do so.“

    Da musste man sich also etwas einfallen lassen.

    „Kuwaiti Shia investors, as well as Iranians, own hotels near the shrine, and many Gulf Shia own apartments there. … Lebanese and Iraqi Shia fighters who have already died in Syria are lauded at home as “martyrs in the defense of the holy shrines of Sayyida Zainab,” even if they were killed elsewhere in the conflict. The Shia fighters have started to resemble their Sunni compatriots, who travel to Syria to fight the “infidel” Assad regime. …

    it is a war about the future of the Middle East. Unfortunately, however, all the talk about sectarian war is fast becoming a self-fulfilling prophecy.“

    „(Ein Beispiel für Sätze, von denen ich nicht weiß, was Herr Holm wirklich darüber weiß)“

    Völlig normale Verunsicherung, wenn man von einem Außenseiter etwas vernimmt, was man doch zunächst aus Kreisen der Fachwelt erwarten würde.


  8. @ Marit – Quelle „episodisch“

    http://www.youtube.com/watch?v=1p4FUzadkjk

    Ergänzend erhärtend fand ich dann die Klagen aus salafistischen Kreisen, wonach im Irak Kinder, die Namen der konfessionell umstrittenen Figuren trugen, von der beanstandenden Seite allein deswegen getötet wurden.

    Brisant als Gerücht, kaum minder denn als Tatsache, wie man aus der Islamischen Wahrhaftigkeits-Ethik wissen kann.

    @ Publicola

    Keine Ironie, ernst gemeint.


  9. @ ernsthaft

    „Holm ist nichts für an eher schlichte texte gewöhnte schnelleser.“

    Eine Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass ich Ungereimtheiten aufgreife – und sodann verknüpfe – welche die Publizistik zu diesem Thema ganz überwiegend als geglättet verhandelt. Meine Interventionen können also zunächst durchaus – rein technisch wahrgenommen – wie verunklarend wirken.

    Manchmal aber stellt die Region die Verknüpfungen noch schneller und schärfer her, als ich mit das vorstelle:

    So wartet dann ein Mursi einen Ruhani noch nicht mal mehr ab, sondern bricht einfach mit Damaskus. Und man kann dann hinterherkramen, warum wohl:

    http://frontpagemag.com/2013/dgreenfield/obama-inc-met-with-qaradawi-deputy-while-deciding-to-arm-syrian-jihadists/

    Weil ein ägyptischer Islamismus-Intimus sich bei Obama über Syrien beklagen durfte ?

    Solch eine Nachricht muss man sich dann aus irgendwelchen Tiefengewässern von: „Obama-und-die-Islamisten …“ empor bergen, dabei geht es eben auch um die Frage, wieso Mursi plötzlich das ägyptische Schwergewicht gegen Iranische Interessen in Stellung bringt.

    Wo eine nahe liegende Frage ungestellt bleibt, da erscheint ein Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang dann zunächst als „weit hergeholt“.


  10. 4/6
    @Marit

    Ihren Worten hatte ich mich gestern schon mal vorausschauend angeschlossen:

    „… ohne einen enormen Zeitaufwand ist es nicht möglich, das alles zu lesen, zu entschlüsseln, den Links nachzugehen und sich selbst dazu zu positionieren.
    So empfinde ich es zumindest – und dennoch finde ich es schön, hier eine solche “Fundgrube” zu haben, die zumindest meinen Horizont um das ein oder andere erweitert hat…“
    https://blog.zeit.de/joerglau/2013/06/19/was-der-herbst-bringt_6035/comment-page-57#comments

    Ich vertraue darauf, daß Sie mir die Miss Piggy nicht streitig machen werden! 😉

    Thomas Holm

    Und vorgewarnt, daß ich den Text mehrere Male werde lesen müssen, vertage ich das erst einmal.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren