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Wie Israel seine chaotische Nachbarschaft sieht

 

Nun ja, in Israel haben bekanntlich zwei Leute drei Meinungen zum gleichen Sachverhalt. Insofern ist das Folgende natürlich nicht repräsentativ für die gesamte Öffentlichkeit, oder auch nur für ein politisches Lager. Es ist ein Kondensat aus Gesprächen, die ich in der letzten Zeit mit einflussreichen Menschen – eher aus dem mittleren rechten Spektrum – geführt habe, die sich nicht wörtlich zitieren lassen wollen. Das hat den Vorteil, dass sie – so geschützt – sagen, was sie wirklich denken. Ich gebe sie hier in meinen eigenen Worten wider. Diese israelische Position kommt in unserem hiesigen Diskurs kaum mehr vor, weil sie in fast allen Belangen quer zu den Annahmen und Einschätzungen der deutschen Eliten steht. Das scheint mir Anlass genug, sie hier wertungsfrei zur Debatte zu stellen.

Rund um uns herum brechen die künstlichen Nationalstaaten zusammen, sagt der israelische Politiker, und was übrig bleibt, sind Stämme, Ethnien und Religionsgruppen. Wir sind umgeben von Konflikten, die sich an diesen Linien entzünden. Einzig die verbliebenen Monarchien können dem Zerfall widerstehen – Jordanien, die Golf-Königreiche, im Westen Marokko. Sie haben einen Rest von Legtitimität bewahrt. Aber für wie lange reicht das? Niemand weiß es in Wahrheit.

Der Auslöser all der Konflikte ist – und wird es für lange bleiben – die desaströse ökonomische Lage in den Staaten um uns herum. Nicht abzusehen, dass sich da etwas Nachhaltiges entwickeln wird. Kein brauchbares Bildungssystem, keine Unternehmerkultur, keine politische Freiheit.

Nicht auszuschließen von heute aus gesehen, dass Syrien und Irak und vielleicht auch Libanon und Jordanien in Elemente wie Sunnistan, Schiistan und Kurdistan zerfallen.

Verstehen Sie mich recht: Wir würden gerne eine demokratische Entwicklung unter den Nachbarn sehen, aber wir glauben zur Zeit nicht daran. Schon seit die Hamas in Gaza demokratisch an die Macht kam, um dort sogleich ihre Tyrannei zu errichten, sind wir skeptisch. Alles Folgende, auch der so genannte Arabische Frühling, hat unsere schlimmsten Erwartungen bestätigt. Ich rede nicht durchweg von einem Arabischen Winter, die Situation weist viele Zwischentöne auf. Aber nirgendwo ist Anlass zur Hoffnung.

In der Region kämpfen drei Lager miteinander:

Israel und die moderaten sunnitischen Staaten, unterstützt von den Vereinigten Staaten stehen gegen das schiitische Lager, bestehend aus Iran, Syrien und Hisbollah-Libanon und alle zusammen gegen die Dschihadisten und Muslimbrüder, die von Katar und der Türkei unterstützt werden.

Mursis Sturz war ein mächtiger Schlag gegen den Islamismus, das Versagen der Muslimbrüder an der Regierung hat das türkisch-katarische Lager stark zurückgeworfen. In Jordanien und bei der Palästinensischen Autonomiebehörde, wo man ebenfalls schon eine Machtübernahme der Muslimbrüder fürchtete, hat das zu großer Erleichterung geführt, in Hamastan/Gaza herrscht bittere Depression. Wir Israelis sind nun die letzte Hoffnung für Gaza, nachdem die neue ägyptische Regierung im Rahmen ihres Kampfes gegen die Muslimbrüder Gaza alle Lebenslinien abschneidet, inklusive der Tunnelwirtschaft.

Die lahmende Wirtschaft in Ägypten ist die größte Herausforderung für das neue Kairoer Regime. Daran wird sich am Ende alles entscheiden. General, pardon Feldmarschall Sisi ist Patriot, er sieht sich als von Gott auserwählter Herrscher, dessen erste Aufgabe es sein wird, das Land zusammenzuhalten. Unwahrscheinlich, dass er Kraft zu strukturellen Reformen hat, dagegen stehen auch die wirtschaftlichen Interessen des Militärs. Er muss im Sinai gegen militante Islamisten kämpfen, er tut einiges, aber das ägyptische Militär ist diesem Kampf kaum gewachsen. Er wird Ägypten nicht demokratisieren, er hat genug damit zu tun, den Zerfall aufzuhalten und das Geld vom Golf weiter fließen zu lassen, dass er auch für den Kampf gegen die Muslimbrüder bekommt. Die Muslimbrüder sind keine Terroristen, jedenfalls noch nicht.

Assad kann schon allein deshalb nicht Syriens Präsident bleiben, weil er sich als Schlächter seines eigenen Volkes diskreditiert hat. Er wird früher oder später abtreten müssen oder abgeräumt werden. Wir planen langfristig nicht mit ihm.

Die Hisbollah im Libanon ist sehr geschwächt durch ihre Entscheidung, in den syrischen Krieg aufseiten Assads einzugreifen. Seither stellt sich im Libanon die Frage, welche Identität die Hisbollah hat – arabisch, schiitisch, muslimisch, dschihadistisch? Das alles ist nicht mehr glaubwürdig, es ist klar geworden, dass Hisbollah im Zweifel der lange strategische Arm des Revolutionsführers Chamenei ist. Damit fällt Hassan Nasrallah als Anführer der antizionistischen „Achse des Widerstands“ aus – denn für Sunniten ist er komplett unglaubwürdig geworden. Gut für uns.

Israel hat drei Rote Linien, die wir gegenüber Syrien immer durchsetzen werden: Keine Waffenlieferungen an Hisbollah, keine chemischen Waffen in Händen des Regimes, Unverletzlichkeit der Golanhöhen.

Iran ist immer noch der gefährlichste Störenfried der Region. Überall arbeiten seine Agenten und Proxies daran, moderate arabische Regime zu unterwandern und zu schwächen. Ziel bleibt der Export der Ideen der Islamischen Revolution. Das Wesen des Regimes hat sich nicht geändert, nur weil der Revolutionsführer Ruhani erlaubt hat, die Wahl zu gewinnen. Der neue Präsident hat es uns schwerer gemacht, für eine realistische Haltung gegenüber dem Iran zu werben. Mit Sorge sehen wir, wie sich unsere Freunde im Westen auf einen bloßen Wechsel der Tonlage hin mit dem iranischen Regime einlassen.

Dabei hatten wir gerade noch den Eindruck, dass wir mit unseren vier Druckmitteln Erfolg haben könnten: Sanktionen, diplomatische Isolation, verdeckte Operationen und die Förderung inner-iranischer Debatten. Die kombinierte Wirkung dieser Mittel hat Iran gesprächsbereit gemacht, es ist falsch, den Druck jetzt wegzunehmen.

Das aber ist nun passiert. Ruhani hat viel mehr aus den Verhandlungen herausbekommen, als er selber erhofft hatte, vor allem die de facto Anerkennung des Rechts auf Anreicherung. Die Iraner sind sehr froh darüber, dass ihre Isolation beim ersten Anzeichen von Entgegenkommen aufgehoben wurde. Herr Ruhani und Herr Zarif sind auf weltweiter Tournee und lassen sich feiern. Der Westen ist schockierend naiv und lässt sich vorführen. Unsere arabischen Freunde am Golf sehen das wie wir.

Erstaunlich, dass der Friedensprozess mit den Palästinensern nun in aller Augen endlich zu dem drittrangigen Thema geworden ist, als das wir ihn immer schon angesehen haben. Wäre da nicht John Kerrys unberatene Initiative, die Parteien jetzt zum Friedensschluss zu nötigen! Wir verhandeln eigentlich mehr mit den Amerikanern als mit den Palästinensern. Abu Mazen ist nicht fähig und nicht bereit, Frieden zu machen. Er ist nicht bereit, in der Frage des Rechts auf Rückkehr Kompromisse zu machen. Er scheut davor zurück, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen. Warum wohl? Sein Ziel bleibt Israels Delegitimierung auf kurz oder lang.

Wir werden die Verhandlungen nicht scheitern lassen. Niemand wird uns den Schwarzen Peter zustecken können. Aber einen Durchbruch kann und wird es nicht geben. Wer daran glaubt, versteht nichts von unserer Lage, von der Region und von den Palästinensern.

Abgesehen von all dem geht es Israel zur Zeit großartig. Wir haben keinen regionalen Konkurrenten, der unser Existenzrecht anders als rhetorisch in Frage stellen könnte. Wir haben eine kreative Hightechindustrie. Unsere Bevölkerung wächst, und unsere Abschreckung funktioniert.

116 Kommentare


  1. Sowas kann auch kein Politiker öffentlich sagen:

    „from 6.6 births per woman in 1977 to 1.6 births in 2012. .. has created … an „apocalyptic panic“ that fuels Tehran’s aggression.

    Poor schools, repressive governments, and archaic social mores assure abysmal rates of economic growth. Starvation haunts Egypt, Syria, Yemen, and Afghanistan.

    Vast reserves of oil and gas have distorted nearly every aspect of life. …

    Efforts to overthrow greedy tyrants lead to yet-worse ideological tyrants (as in Iran in 1979) or to anarchy (as in Libya and Yemen). One commonly roots for both sides to lose. Rule of law remains a fata morgana. …

    Middle Eastern life suffers from acute biases – often official – based on religion, sect, ethnicity, tribe, skin color, nationality, gender, sexual orientation, age, citizenship, work, and disability. Slavery remains a scourge.

    Conspiracy theories, political zealotry, resentment, repression, anarchy, and aggression rule the region’s politics. Modern notions of the individual remain weak …

    Those who make it bring their region’s maladies to such tidy countries as Sweden and Australia. …

    I nominate the whole Middle East the Sick Man of the World. The region’s hatreds, extremism, violence, and despotism require many decades to remedy.

    While this process perhaps takes place, the outside world is best advised not to expend blood and treasure to redeem the Middle East – a hopeless task – but on protecting itself from the region’s manifold threats, …“

    http://www.danielpipes.org/13977/sick-middle-east


  2. Danke Herr Lau für einen Beitrag der statt der üblichen Dramatisierung eines Vorkommnisses eine Übersicht über die Lage bringt in der sich Israel befindet.
    „der Friedensprozess mit den Palästinensern nun in aller Augen endlich zu dem drittrangigen Thema geworden ist“
    Wenn ich auf die Menge der Beiträge zu dem Thema und die Postings schaue kommen mir Zweifel an Ihrer Aussage. Wenn ich bei ZON „Israel“ eingebe bekomme ich 1389 Seiten mit Beiträgen. Gibt es einen anderen Konflikt zu dem sich mehr Beiträge finden? Mir scheint es liegt an den Elementen aus denen dieser Territorialkonflikt zusammengesetzt ist. Nähe, gute Infrastruktur, die Möglichkeit relativ frei zu berichten, Heilige Stätten, Araber = Orient = Tradition gegen Juden = Okzident = Innovation; die nun plötzlich den starken Mann spielen. Und so wird aus zwei Gruppierungen die sich um 5640 QKm streiten, von denen lediglich 980 QKm Bebaubare Fläche sind, der Stoff einer Saga ohne Ende.
    Schade daß in den Medien weder die Palästinensischen Arbeiter bei Soda Stream noch ihre Kollegen in den Supermärkten von Maale Adummim zu Worte kommen. Wahrscheinlich ist die Gefahr nicht-eindeutiger Antworten zu hoch.
    Beim Versuch die Ursachen des Konfliktes zu ergründen sind die 1,5 Meinungen pro jüdischem Israeli sehr von Nutzen da die Lage nicht so eindeutig ist wie die 4 Flugstunden entfernten Foristen es gerne hätten. In diesem Konflikt ist nicht die Zeit, sondern die Konstellation ausschlaggebend und daher wäre es ein Wunder wenn es Kerry gelänge vor der Erwarteten Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten hier Frieden zu schaffen.

  3.   Cem gülay

    „Israel geht es zur zeit großartig“

    Hier fehlt mir der Dank an den Westen.
    Die Situation im Nah-Ost ist ja nicht
    vom Himmel gefallen, sondern das
    Ergebnis westlicher Politik.

    Kein Wunder das Kerry einen Preis
    von den Israelis verlangt,die historische
    Zwei- Staaten Lösung.
    Da von Nötigung zu sprechen, ist eiwenig
    undankbar.Auch wenn die Friedens
    Muschi Obama eigentlich die Welt
    friedlicher machen wollte, aber genau das
    Gegenteil erreichte . Absicht kann man ihm
    wirklich nicht unterstellen, das wäre
    zu vermessen.

    Iran wurde mit Sanktionen zermürbt
    Klar das die Israelis gegen ein paar
    Hungertote nichts gehabt hätten, immerhin
    wollten die iraner auch ihren tot.

    Ägypten Bürgerkrieg
    SYrien Bürgerkrieg+Massentötungen
    Irak Bürgerkrieg
    Libanon Bürgerkrieg+Hisbollah Aderlass
    in Syrien
    Türkei wankt ( wahrscheinlich will man
    Erdogan noch ne Gnadenfrist geben)

    Komischerweise hat sich bei den
    Palästinensern nichts dramatisches
    entwickelt, außer den paar Siedlungen.
    Die werden ja ,von der weltweiten
    Gutmenschen Fraktion geschützt, vor
    allem von den europäischen linksroten
    Establishment.

    Also,seid nicht so scheinheilig liebe
    Israelis.

  4.   Mamas Liebling

    Derweil setzt Saudi-Arabien Kritik an der Regierung mit Terrorismus gleich:

    http://derstandard.at/1389859102723/Saudischer-Koenig-setzte-umstrittenes-Anti-Terror-Gesetz-in-Kraft

  5.   Mamas Liebling

    „Nun ja, in Israel haben bekanntlich zwei Leute drei Meinungen zum gleichen Sachverhalt. “

    Im Gegensatz dazu ist Saudiarabien ab sofort wesentlich effizienter: 30 Millionen haben genau eine Meinung.

  6.   cem.gülay

    Mamas Liebling

    Ich höre immer, Saudi-Arabien und Katar sind die Haupt-Sponsoren des Jihadismus und dem Terror.

    Trotzdem, werden Waffen dorthin geliefert( auch D) und Fußball Weltmeisterschaften abgehalten.

    Wobei die Israelis auch die Türkei erwähnen.

    Von Demokratie, weit und breit, nichts zu sehen.

    Saudi Arabien und Katar sind für mich ein Mysterium

  7.   Serious Black

    @ Cem

    Vergiß die Perser nicht!

    Remember that before 9/11 the Iranians were prime targets of Taliban killers. Today Iran trains Taliban killers in both Pakistan and Iran itself. So flexibility concerning al-Qaeda shouldn’t surprise anyone.

    http://pjmedia.com/michaelledeen/2014/02/02/the-desert-of-mirrors-whos-really-who-in-the-middle-east/

  8.   Cem

    OT

    Alice Schwarzer hinterzieht Steuern.
    Die Moral Apostel der radikalsten
    Sorte,des moralisch verkommenden
    Establishments, reiht sich in die
    lange Liste ein.

    Und wir mussten auch noch GEZ Gebühren
    für sowas bezahlen, wodurch sie ihren
    Reichtum durch bücherverkäufe maximieren
    konnte.

    Aber auch sie, wird davon kommen.


  9. Rosenkrieg im Gottesstaat:

    „Al-Kaida distanziert sich von Isil-Islamisten – Das Terrornetzwerk hat sich von einer der militantesten Islamistengruppen in Syrien losgesagt.“

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-02/al-kaida-isil-syrien-irak?commentstart=17#comments

    @ SB

    Vielleicht versucht Sawahiri so seinen: ja wohl in Pakistan domizilierenden Arsch vor einem iranisch inspiriertem Zugriff zu retten. Dass er mit Baghdadi bricht – was er mit Zarkawi seinerzeit nicht tat – muss schon Gründe haben.

    Baghdadi hat jedenfalls ein größeres jihadistisches Ansehen, als Zarkawi es (zumindest zu Anfang) hatte.

 

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