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Der Sandelf (Folge 4)

 

Arm trotz Reichtum!

Der Sandelf Illustration: Sabine Friedrichson

Der Sandelf hat Cyril, Anthea, Robert und Jane ihren Wunsch erfüllt: eine ganze Sandkuhle voller Gold! Doch leider sind es Münzen einer alten Währung, für die man nichts mehr kaufen kann. Obwohl sie die Taschen voller Geld haben, werden die Kinder immer hungriger, durstiger und staubiger…

Schließlich bückte sich Robert und hob eine der Münzen auf, die am Rande des Haufens auf dem Karrenweg lagen, und betrachtete sie. Er schaute sich beide Seiten an. Dann sagte er mit einer leisen, veränderten Stimme: »Das sind keine Sovereigns.« (»Sovereign« ist die Bezeichnung einer englischen Goldmünze, mit der in England am Anfang des 20. Jahrhunderts noch bezahlt werden konnte. Der Sandelf hat den Kindern nun aber goldene Guineas beschert, die in den Läden zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr angenommen wurden.)

Der Sandelf – Von Edith NesbitDer SandelfIllustration: Sabine Wilharm

»Es ist aber immerhin Gold«, tröstete Cyril. Und dann begannen alle auf einmal zu sprechen. Sie griffen mit vollen Händen in den Goldschatz hinein und ließen die Münzen wie Wasser durch die Finger rinnen, und das leise Klingeln und Klirren, das die Goldstücke beim Fallen verursachten, klang ihnen wie wundervolle Musik. Zuerst dachten sie überhaupt nicht daran, wie sie das Geld ausgeben wollten, denn es machte einfach Spaß, damit zu spielen. Schließlich aber sagte Cyril: »Wenn wir von dem Geld etwas haben wollen, dann hat es keinen Sinn, die ganze Zeit mit offenem Mund hier rumzustehen. Lasst uns lieber die Taschen vollstopfen und einkaufen gehen. Und denkt daran, es hält nur bis zum Sonnenuntergang. Ich wünschte, wir hätten das Psammy gefragt, warum nichts mehr versteinert. Aber vielleicht wird doch was zu Stein. – Passt mal auf: Im Dorf gibt es ein Pony-Gespann.«

»Willst du das kaufen?«, erkundigte sich Jane. »Nein, wir werden es mieten. Und dann fahren wir nach Rochester und kaufen lauter Sachen. So, und jetzt stecken wir so viel ein, wie wir tragen können. Aber es sind keine Sovereigns. Auf der einen Seite ist ein Männergesicht und auf der anderen Seite etwas, das wie ein Herz aussieht. Stopft euch die Taschen voll, und dann los.« Cyril hockte sich nieder und begann, sich die Taschen zu füllen. »Ihr habt über mich gelacht, weil Vater mir neun Taschen in meine Jacke hat machen lassen«, sagte er, »aber nun seht mal her!«

Sie hatten wirklich etwas zu sehen, denn nachdem sich Cyril seine neun Jackentaschen und außerdem den Platz zwischen seiner Brust und dem Vorderteil seines Hemdes mit Goldmünzen vollgefüllt hatte, wollte er aufstehen. Er taumelte jedoch und musste sich wieder hinsetzen. »Wirf ein bisschen Ladung wieder über Bord«, riet ihm Robert, »sonst geht das Schiff unter, alter Knabe. Das hast du nun von deinen neun Taschen.«

Cyril blieb nichts anderes übrig, als Roberts Rat zu folgen. Dann brachen sie auf, um ins Dorf hinunterzugehen, das etwa zwei Kilometer entfernt lag. Die Straße war staubig, und die Sonne brannte immer heißer. Das Gold in ihren Taschen wurde schwerer und schwerer. Schließlich sagte Jane: »Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie wir so viel Geld ausgeben wollen. Wir müssen ja alle zusammen weit über tausend Pfund in unseren Taschen haben. Ich lasse etwas von meinem Gold hier hinter dem Baumstumpf in der Hecke liegen. Und wenn wir ins Dorf kommen, kaufen wir uns sofort ein paar Kekse. Ich weiß ganz genau, dass es weit über Mittag ist.« Sie nahm ein oder zwei Handvoll Goldmünzen aus den Schürzentaschen und versteckte sie in den Astlöchern eines alten Weißdorns. »Wie rund und gelb sie aussehen«, sagte sie nachdenklich. »Ich wünschte, es wären Ingwerkekse und wir könnten sie essen. Ihr nicht?«

»Was soll’s? Es sind nun einmal keine, und deshalb können wir sie auch nicht essen«, sagte Cyril. »Los jetzt!« Aber sie waren erschöpft und kamen nur mühsam vorwärts. Ehe sie das Dorf erreicht hatten, war mehr als ein Baumstumpf in der Hecke zum Hüter eines verborgenen Schatzes geworden. Sie kamen aber immerhin noch mit 1200 Guineas in den Taschen im Dorf an. Trotz dieses Reichtums wirkten sie jedoch ganz alltäglich, und keiner hätte ihrem äußeren Erscheinungsbild nach mehr als eine halbe Krone in jeder ihrer Taschen vermutet. Der heiße Sommerdunst und der blaue Holzrauch mischten sich zu einem zarten Nebel, der über den roten Dächern des Dorfes schwebte.

Die vier ließen sich erschöpft auf der ersten Bank nieder, an der sie vorüberkamen. Sie stand zufällig vor dem Gasthaus Zum blauen Wildschwein. Sie hatten entschieden, dass Cyril in das Blaue Wildschwein hineingehen und erkunden sollte, ob es dort Ingwerkekse gab. Denn Anthea hatte gesagt: »Es ist nicht unpassend, wenn Männer in Gasthäuser gehen, nur für Kinder ist es verboten. Und Cyril ist fast ein Mann, denn er ist der Älteste.« Deshalb ging er hinein, und die anderen saßen in der Sonne und warteten.

»O Mann, was ist das heiß«, stöhnte Robert. »Hunde strecken ihre Zungen raus, wenn sie schwitzen. Ob es uns wohl auch abkühlt, wenn wir unsere Zungen rausstrecken?« – »Wir können es ja mal versuchen«, sagte Jane. So streckten sie alle die Zungen so weit wie möglich hinaus, wobei sie sich fast die Gurgeln verrenkten. Es schien sie jedoch nur noch durstiger zu machen, und außerdem ärgerte es alle Leute, die vorübergingen. So zogen sie ihre Zungen wieder ein, und gerade in dem Moment tauchte Cyril mit dem Ingwerbier auf. »Ich hab es von meinem Taschengeld bezahlen müssen, von dem ich mir eigentlich Kaninchen kaufen wollte«, verkündete er. »Sie wollten mir das Goldstück nicht wechseln. Und als ich dann eine ganze Handvoll Gold herauszog, da lachte der Mann und sagte, das sei nur Spielgeld. Ich hab auch noch Kuchen gekauft und ein paar Kümmelbrötchen.«

Der Kuchen war weich und trocken zugleich, und die Brötchen waren auch trocken und ein wenig ledern, was Brötchen eigentlich nicht sein sollten. Aber das Ingwerbier glich alles wieder aus. »Jetzt bin ich dran, mit dem Geld etwas zu kaufen«, sagte Anthea. »Ich bin die Nächstälteste. Wo ist denn dieser Ponywagen?« Er war im Wirtshaus Zum Schachbrett, und Anthea ging über den Hof hintenrum hinein, denn sie wusste, dass kleine Mädchen die Bar eines Gasthauses nicht betreten durften. Als sie wieder zurückkam, sah sie zufrieden aus. »Er ist in einem Augenblick fertig, hat der Mann gesagt«, berichtete sie, »und er will einen Sovereign dafür haben, dass er uns nach Rochester und wieder zurück fährt. Und er wartet dort so lange, bis wir alles besorgt haben, was wir kaufen wollen. Ich glaube, das hab ich ganz gut gemacht.«

»Eigenlob stinkt«, antwortete Cyril mürrisch. »Wie hast du es denn geschafft?« – »Ich bin auf jeden Fall nicht so dumm gewesen, das Geld mit vollen Händen aus der Tasche zu holen. So macht man sich ja verdächtig«, erwiderte sie. »Ich hab einfach einem jungen Mann eine Münze vor die Nase gehalten und hab ihn gefragt: ›Wissen Sie, was das ist?‹ Und er hat gesagt: ›Nein‹, und er wolle lieber seinen Vater rufen. Und dann ist der alte Mann gekommen und hat gesagt, das sei eine alte Goldmünze. Und dann hat er gefragt, ob sie mir gehöre und ob ich damit tun dürfe, was ich wolle, und ich hab Ja gesagt, und dann hab ich ihn wegen des Ponywagens gefragt und gesagt, dass er die Guinea behalten könne, wenn er uns nach Rochester führe. Und er heißt S. Crispen. Und dann hat er gesagt: ›Ist in Ordnung.‹«

Es war ein ganz neues Erlebnis für die Geschwister, in einem flotten Ponywagen über ländliche Straßen gefahren zu werden. Erstens machte es Spaß (was bei neuen Erlebnissen nicht immer der Fall ist), und zweitens dachte sich jedes Kind während der Fahrt die herrlichsten Pläne fürs Geldausgeben aus, aber sie behielten sie für sich, denn sie hatten das Gefühl, dass es nicht richtig wäre, den Gasthausbesitzer an ihren verschwenderischen Gedanken teilnehmen zu lassen. Der alte Mann setzte sie hinter der Brücke ab.

»Wenn Sie einen Pferdewagen kaufen würden, zu wem würden Sie da gehen?«, erkundigte sich Cyril so leichthin, als ob er nur nach einem neuen Gesprächsthema suchte. »Zu Billy Peasemarsh im Gasthaus Zum Sarazenen«, antwortete der alte Mann wie aus der Pistole geschossen, »obwohl ich mich immer hüte, jemanden zu empfehlen, wenn es um Pferde geht. Ich würde mir auch von keinem raten lassen, wenn ich welche kaufen wollte. Aber wenn euer Vater eine Kutsche mit Gespann und allem Zubehör kaufen will, dann gibt es keinen redlicheren Mann in Rochester und auch keinen umgänglicheren als Billy. Das könnt ihr mir glauben.« – »Danke schön«, antwortete Cyril, »also im Gasthaus Zum Sarazenen.«

Und nun erlebten die Geschwister, wie sich eines der Naturgesetze auf den Kopf stellte und in sein Gegenteil verwandelte. Jeder Erwachsene wird euch versichern, dass Geld schwer zu verdienen und leicht auszugeben ist. Aber das Geld vom Psammed war leicht zu bekommen gewesen und nicht nur schwer, sondern fast gar nicht auszugeben. Zuerst wollte sich Anthea einen neuen Hut kaufen, weil sie sich unglücklicherweise am Vormittag auf ihren Hut gesetzt hatte. Sie suchte sich ein Prachtexemplar aus, das mit rosa Rosen und blauen Pfauenfedern geschmückt war. Es stand im Fenster und war mit einem Schild ausgezeichnet, auf dem stand »Pariser Modell, 3 Guineas«. »Ich bin nur froh«, murmelte sie, »dass da Guineas steht, denn dann wird man ja auch Guineas haben wollen und nicht Sovereigns, die wir nicht besitzen.«

Aber als sie drei der goldenen Guineas auf ihrer mittlerweile recht schmutzig gewordenen Hand vorzeigte, da starrte die in schwarze Seide gehüllte junge Dame im Hutladen sie misstrauisch an und rauschte davon und flüsterte eindringlich mit einer älteren, noch gestrenger dreinblickenden Dame, die auch in schwarzer Seide steckte, und dann gaben sie ihr das Geld zurück und sagten, das sei keine gängige Münze. »Es ist echtes Gold«, protestierte Anthea, »und es gehört mir wirklich.« – »Das glaube ich schon«, antwortete die Dame. »Aber es ist nicht das Geld, das heute im Umlauf ist. Und deshalb interessiert es uns nicht.«

»Wahrscheinlich denken sie, wir hätten es gestohlen«, klagte Anthea, als sie wieder zu ihren Geschwistern stieß. »Meine Hände sind auch so schmutzig, das macht die Leute natürlich misstrauisch.« Sie versuchten es noch in mehreren anderen Geschäften, in einem Spielzeugladen und einer Drogerie; sie versuchten, seidene Taschentücher und Bücher zu kaufen, Briefpapierkassetten und Fotografien von Sehenswürdigkeiten in der Umgebung. Aber niemand in Rochester wollte an diesem Tage Guineas wechseln, und während sie von Geschäft zu Geschäft schlichen, wurden ihre Hände immer schmutziger und ihre Haare immer strubbeliger. Zum Schluss rutschte Jane aus und fiel gerade da auf die Straße, wo kurz vorher ein Wasserwagen vorübergefahren war. Sie hatten großen Hunger, aber sie fanden niemanden, der ihnen für ihre Goldstücke etwas zu essen verkaufen wollte. Nachdem sie es in zwei Bäckereien vergeblich versucht hatten, waren sie vom Geruch der frischen Kuchen so hungrig geworden, dass sie flüsternd einen Kriegsplan ausheckten und ihn mit Todesverachtung ausführten. Sie stürmten zum dritten Bäcker hinein, der Beale hieß, und ehe die Leute hinter der Theke wussten, was geschah, hatte jedes Kind drei frische Rosinenbrötchen geschnappt, sie mit seinen Schmutzfingern fest zusammengepresst und kräftig in alle drei auf einmal hineingebissen. Mit insgesamt zwölf Rosinenbrötchen in den Händen und vollem Mund stellten sie sich sodann dem Feind. Der verblüffte Bäcker schoss hinter dem Ladentisch hervor.

»Hier«, sagte Cyril so vornehm und gelassen wie möglich und streckte ihm eine Guinea entgegen, die er schon vor dem Betreten des Ladens in die Hand genommen hatte. »Rechnen Sie’s davon ab.« Mr. Beale nahm die Münze, biss hinein und steckte sie in die Tasche. »Hinaus mit euch«, sagte er streng. »Und das Wechselgeld?«, fragte Anthea, die immer ans Sparen dachte. »Wechselgeld!«, rief der Mann. »Ich werd euch was wechseln! Raus mit euch! Seid froh, dass ich nicht die Polizei rufe, um herauszukriegen, woher ihr’s habt!«

Die Millionäre aßen ihre Brötchen im Park auf. Doch obwohl das Gebäck rosinenreich und weich und köstlich war und die Gemüter der vier Kinder wieder aufrichtete, schlug doch selbst das Herz der Tapfersten bei dem Gedanken schneller, was wohl Mr. Billy Peasemarsh im Gasthaus Zum Sarazenen sagen würde, wenn sie bei ihm Pferd und Wagen kaufen wollten. Die Jungen hätten den Plan am liebsten fallen lassen, aber Jane war immer optimistisch, und Anthea neigte zur Dickköpfigkeit, und so behielten die Mädchen am Ende die Oberhand. Die ganze Gesellschaft, die unterdessen unbeschreiblich schmutzig war, brach also zum Sarazenen auf. Die Hinterhofmethode des Angriffs, die sich beim Wirtshaus Zum Schachbrett so gut bewährt hatte, wurde hier abermals angewandt.

Der Sandelf aus der Feder der britischen Autorin Edith Nesbit (1858 bis 1924) erscheint im Herbst 2008 in der neuen ZEIT Kinder-Edition. Wir drucken Auszüge vorab.

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