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Die Entstehung der Gürteltiere

 

Vergesst die Evolutionstheorie! Rudyard Kipling (1865 bis 1936) erklärt uns, wie sich die Tiere wirklich entwickelt haben. Seine »Geschichten für den allerliebsten Liebling« erscheinen im kommenden Herbst in der neuen ZEIT Kinder-Edition

Illustration: Erhard Dietl
Jetzt, mein allerliebster Liebling, kommt eine Geschichte aus den fernen und längst vergangenen Zeiten. Mitten in jenen Zeiten lebte ein stachlig-kratziger Igel an den Ufern des trüben Amazonas und fraß Schnecken im Häuschen und Ähnliches. Und er hatte eine Freundin, eine träg-starre Schildkröte, die auch an den Ufern des trüben Amazonas lebte und grünen Salat und Ähnliches fraß. Das war also in Ordnung, allerliebster Liebling. Siehst du das ein?

Aber zur gleichen, fernen, längst vergangenen Zeit lebte auch ein gefleckter Jaguar an den Ufern des trüben Amazonas, und er fraß alles, was er erwischen konnte. Wenn er keine Rehe oder Affen erwischte, fraß er Frösche und Käfer; und wenn er keine Frösche und Käfer erwischte, ging er zu seiner Mutter Jaguar, und sie erklärte ihm, wie man Igel und Schildkröten frisst.

Die Entstehung der Gürteltiere – Von Rudyard KiplingKinderzeit AudioIllustration: Erhard Dietl


Immer wieder sagte sie zu ihm, wobei sie anmutig mit dem Schwanz wedelte: »Mein Sohn, wenn du einem Igel begegnest, musst du ihn ins Wasser werfen, dann rollt er sich auseinander, und wenn du eine Schildkröte fängst, musst du sie mit der Pfote aus dem Panzer heben.« Das war also auch in Ordnung, allerliebster Liebling.

Eines wunderschönen Abends stieß der gefleckte Jaguar an den Ufern des trüben Amazonas auf den stachlig-kratzigen Igel und die träg-starre Schildkröte. Sie konnten nicht weglaufen, und so rollte sich der Stachlig-Kratzige zu einem Ball zusammen, und die Träg-Starre zog Kopf und Füße unter ihren Panzer, so weit es ging, weil sie eine Schildkröte war.

»Jetzt passt mal auf«, sagte der gefleckte Jaguar, »das ist nämlich wichtig. Meine Mutter hat gesagt, wenn ich einem Igel begegne, soll ich ihn ins Wasser werfen, dann rollt er sich auseinander, und wenn ich eine Schildkröte fange, soll ich sie mit der Pfote aus dem Panzer heben. Wer von euch ist nun der Igel, und wer ist die Schildkröte?«

»Weiß du noch genau, was deine Mami dir gesagt hat?«, fragte der stachlich-kratzige Igel.

»Vielleicht hat sie gesagt, wenn du eine Schildkröte auseinanderrollst, musst du sie panzern und aus dem Wasser heben, und wenn du einen Igel packst, sollst du ihn auf den Panzer werfen.«

»Weiß du wirklich genau, was deine Mami dir gesagt hat?«, fragte die träg-starre Schildkröte. »Vielleicht hat sie dir gesagt, wenn du einen Igel wässerst, musst du ihn in die Pfote werfen, und wenn du eine Schildkröte fängst, musst du sie panzern, bis sie sich auseinanderrollt.«

»Von euren Reden tun mir schon die Flecken weh«, sagte der gefleckte Jaguar, »und außerdem hab ich euch nicht um euren Rat gebeten. Ich wollte nur wissen, wer der Igel ist und wer die Schildkröte.« – »Das sag ich nicht«, sagte der Igel. »Aber du kannst mich aus meinem Panzer heben, wenn du willst.«

»Aha!«, sagte der gefleckte Jaguar. »Jetzt weiß ich, dass du eine Schildkröte bist!« Er streckte seine Samtpfote genau in dem Moment aus, in dem der Igel sich zusammenrollte, und natürlich war die Samtpfote sofort voller Stacheln. Der Jaguar steckte seine Pfote in den Mund, und da stachen die Stacheln noch mehr. Sobald er wieder sprechen konnte, sagte er: »Jetzt weiß ich, dass es nicht die Schildkröte war. Aber woher soll ich wissen, ob dieses andere Tier die Schildkröte ist?«

»Aber ich bin die Schildkröte«, sagte die Schildkröte. »Deine Mutter hat gesagt, du sollst mich mit der Pfote aus dem Panzer heben. Nur zu.«

»Und was passiert, wenn ich’s mache?«, fragte der Jaguar höchst verschnupft und höchst vorsichtig. »Ich weiß es nicht, denn ich bin noch nie aus meinem Panzer gehoben worden; aber ich will dir ehrlich sagen, wenn du sehen möchtest, wie ich davonschwimme, dann brauchst du mich nur ins Wasser zu werfen.« – »Das glaub ich nicht«, sagte der gefleckte Jaguar. »Du hast alles, was meine Mutter gesagt hat, mit dem durcheinandergebracht, was du mich gefragt hast, bis ich nicht mehr weiß, wo mein Kopf ist und wo mein gefleckter Schwanz. Und jetzt kommst du mit etwas, was ich verstehen kann, und das verwirrt mich noch mehr. Meine Mutter hat gesagt, dass ich einen von euch beiden ins Wasser werfen soll, und weil dir daran so viel zu liegen scheint, glaube ich, du willst nicht ins Wasser geworfen werden. Also spring in den trüben Amazonas, aber ein bisschen plötzlich.«

»Ich warne dich – deiner Mami wird das nicht gefallen«, sagte die Schildkröte.

»Noch ein Wort über das, was meine Mutter sagt…«

Aber der Jaguar hatte den Satz noch nicht vollendet, da sprang die Schildkröte ruhig in den trüben Amazonas, schwamm lange unter Wasser und kam an dem Ufer heraus, wo der Igel schon auf sie wartete.

»Das war sehr knapp«, sagte der Igel. »Ich kann den Jaguar nicht leiden. Was hast du ihm gesagt, wer du bist?« – »Ich habe ihm ehrlich gesagt, dass ich eine ehrliche Schildkröte bin, aber er wollte es nicht glauben, und er ließ mich in den Fluss springen, um herauszufinden, ob ich es bin, und ich bin’s, und jetzt ist er überrascht. Er erzählt alles seiner Mami. Hör nur mal!«

Sie konnten hören, wie der gefleckte Jaguar zwischen den Bäumen und Büschen am Ufer des trüben Amazonas herumheulte, bis seine Mami kam. »Sohn, Sohn«, sagte seine Mutter immer wieder, wobei sie anmutig mit dem Schwanz wedelte, »was hast du getan, was du nicht hättest tun sollen?« – »Ich habe versucht, etwas zu packen, das sagte, ich soll es mit der Pfote aus seinem Panzer heben, und meine Pfote ist voller Sta-acheln«, sagte der gefleckte Jaguar.

»Sohn, Sohn«, sagte seine Mutter immer wieder, wobei sie anmutig mit dem Schwanz wedelte, »an den Stacheln in deiner Pfote sehe ich, dass das ein Igel gewesen sein muss. Du hättest ihn ins Wasser werfen sollen.« – »Das hab ich mit dem anderen Ding getan. Es hat gesagt, es sei eine Schildkröte, und ich hab ihm nicht geglaubt, aber es hat gestimmt, und es ist im trüben Amazonas untergetaucht und kommt nicht mehr hoch, und ich hatte überhaupt nichts zu essen, und ich finde, wir sollten umziehen.«

»Sohn, Sohn«, sagte seine Mutter, »jetzt pass auf, und merk dir, was ich sage. Ein Igel rollt sich zu einem Ball zusammen, und seine Stacheln sträuben sich in alle Richtungen zugleich. Daran erkennst du einen Igel.«

»Ich kann diese alte Dame kein bisschen leiden«, sagte der Igel. »Was sie wohl sonst noch weiß?«

»Eine Schildkröte kann sich nicht zusammenrollen«, sagte Mutter Jaguar immer wieder, wobei sie anmutig mit dem Schwanz wedelte. »Sie zieht nur den Kopf und die Beine unter ihren Panzer. Daran erkennst du die Schildkröte.«

»Ich kann diese alte Dame überhaupt nicht leiden«, sagte die Schildkröte. »Selbst der gefleckte Jaguar wird sich das merken. Es ist sehr schade, dass du nicht schwimmen kannst, Igel.« – »Hack nicht auf mir herum«, sagte der Igel. »Denk bloß mal, wie gut es wäre, wenn du dich einrollen könntest.«

Der gefleckte Jaguar saß am Ufer des trüben Amazonas, suckelte sich die Stacheln aus der Pfote und sagte dabei vor sich hin:

»Wer sich einrollt und nicht schwimmt,

ist ein Igel, ganz bestimmt.

Und die Schildkröt’, die kann schwimmen,

aber nicht den Rücken krümmen.«

»Ein unreiner Reim«, sagte der Igel, »aber trotzdem: Das vergisst er sein Lebtag nicht. Halt mich am Kinn, Schildkröte. Ich lerne schwimmen.« »Hervorragend!«, sagte die Schildkröte und hielt den Igel am Kinn, während er in den Wassern des trüben Amazonas strampelte. »Du wirst noch ein guter Schwimmer«, sagte die Schildkröte. »Wenn du jetzte meinen Rückenpanzer ein bisschen aufschnürst, will ich das Zusammenrollen probieren.«

Der Igel schnürte der Schildkröte den Rückepanzer auf, und sie drehte und streckte sich, bis sie sich tatsächlich ein kleines bisschen einrollte.

»Hervorragend!«, sagte der Igel. »Aber jetzt hörst du besser auf. Du wirst davon schwarz im Gesicht. Sei so gut und führ mich noch mal ins Wasser, damit ich das Seitenschwimmen trainiere, das so einfach sein soll.« Der Igel trainierte, und die Schildkröte schwamm nebenher.

»Hervorragend!«, sagte die Schildkröte. »Wenn du noch ein bisschen Tauchen übst, kannst du dich auf dem Grund des trüben Amazonas häuslich einrichten. Jetzt probier ich die Übung, bei der man die Hinterbeine um die Ohren legt und die so sonderbar bequem sein soll. Da wird der gefleckte Jaguar staunen!«

Sie trainierten weiter, und jeder half dem anderen, bis der Morgen graute. Als die Sonne hoch am Himmel stand, ruhten sie sich aus und trockneten sich ab. Da sahen sie, dass sie sich beide ziemlich verändert hatten.

»Igel«, sagte die Schildkröte nach dem Frühstück, »ich bin nicht mehr, was ich gestern war; aber ich glaube, ich mache dem gefleckten Jaguar immer noch Spaß.« – »Genau das habe ich auch gerade gedacht«, sagte der Igel. »Ich finde, Schuppen sind ein ungeheurer Fortschritt gegenüber Stacheln – ganz zu schweigen davon, dass ich jetzt schwimmen kann. Oh, da wird der gefleckte Jaguar staunen! Komm, wir suchen ihn.«

Bald hatten sie den gefleckten Jaguar gefunden, der immer noch an seiner Samtpfote suckelte, die am Vorabend verletzt worden war.

»Guten Morgen!«, sagte der Igel. »Und wie geht es heute deiner lieben anmutigen Mami?« – »Danke, es geht ihr ganz gut«, sagte der gefleckte Jaguar, »aber ihr müsst entschuldigen, dass ich mich im Moment nicht an eure Namen erinnere.«

Das ist nicht nett von dir«, sagte der Igel, »wenn man bedenkt, dass du gestern um diese Zeit versucht hast, mich mit der Pfote aus meinem Panzer zu heben.« – »Aber du hattest gar keinen Panzer. Du hattest nur Stacheln«, sagte der gefleckte Jaguar. »Ich weiß es genau. Schau dir meine Pfote an!«

»Und mir hast du gesagt, ich soll in den trüben Amazonas springen und ertrinken«, sagte die Schildkröte. »Warum bist du heute so unhöflich und vergesslich?« – »Weißt du nicht mehr, was deine Mutter dir gesagt hat?«, fragte der Igel. Und dann rollten sich beide ein und wirbelten um den gefleckten Jaguar immer rundherum, bis sich ihm die Augen wie Wagenräder im Kopf drehten.

Da ging er und holte seine Mutter. »Mutter«, sagte er, »im Wald sind heute zwei neue Tiere, und das eine, von dem du gesagt hast, es kann nicht schwimmen, schwimmt, und das andere, von dem du gesagt hast, es kann sich nicht zusammenrollen, rollt sich zusammen. Und sie haben sich, glaube ich, ihre Stacheln geteilt, denn beide sind überall schuppig. Und sie rollen im Kreis immer rundherum, und mir ist gar nicht wohl dabei.«

»Sohn, Sohn«, sagte Mutter Jaguar, »ein Igel ist ein Igel und kann nichts anderes sein als ein Igel; und eine Schildkröte ist eine Schildkröte und kann nie etwas anderes sein.« – »Aber es ist kein Igel, und es ist keine Schildkröte. Es hat ein bisschen was von beiden, und ich weiß nicht, wie es heißt.«

»Unsinn!«, sagte Mutter Jaguar. »Alles heißt irgendwie. Ich würde es ›Gürteltier‹ nennen, bis ich den genauen Namen weiß. Und ich würde es in Ruhe lassen.«

Und der Jaguar ließ die Tiere in Ruhe. Aber das Merkwürdige ist, dass seit damals bis heute, mein allerliebster Liebling, niemand an den Ufern des trüben Amazonas den Igel und die Schildkröte anders genannt hat als Gürteltier. Natürlich gibt es anderswo (zum Beispiel in meinem Garten) Igel und Schildkröten; aber die richtig alte und kluge Art, bei der sich die Schuppen überlappen wie bei Tannenzapfen und die in den fernen, längst vergangenen Zeiten an den Ufern des trüben Amazonas lebte, wird immer Gürteltier genannt; das hat etwas mit ihrer Klugheit zu tun.

Das ist also auch in Ordnung, mein allerliebster Liebling. Siehst du das ein?

 

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