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Der Tannenbaum

 

Am 20. November ist Vorlesetag. Aber diese Geschichte eignet sich für den ganzen Winter: Hemule, Gafsas, Knütts – alle Wesen des Trollwaldes laufen aufgeregt durcheinander, weil bald Weihnachten ist. Nur die Muminfamilie hätte das große Ereignis beinahe verschlafen

Von Tove Jansson

Einer der Hemule stand auf dem Dach und scharrte im Schnee. Er hatte gelbe Wollhandschuhe an, die immer nasser wurden und sich scheußlich anfühlten. Da legte er sie auf den Schornstein, seufzte und scharrte weiter. Schließlich hatte er die Dachluke freigelegt. »Aha, da haben wir die Luke«, sagte er. »Und da unten liegt die ganze Gesellschaft und schläft. Schläft, schläft und schläft. Während unsereins sich abrackert, nur weil Weihnachten vor der Tür steht.«

Tannenbaum
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Er stellte sich auf die Luke, und weil er nicht mehr wusste, ob sie nach innen oder nach außen aufging, stampfte er vorsichtig darauf. Sie ging sofort nach innen auf, worauf der Hemul in Schnee und Dunkelheit hinunterfiel und auf all den Sachen landete, die die Muminfamilie auf dem Dachboden aufhob, um sie irgendwann später zu benützen. Inzwischen war der Hemul sehr gereizt, und außerdem wusste er nicht mehr genau, wo er seine gelben Handschuhe abgelegt hatte. An diesen Handschuhen hing er ganz besonders. Also stampfte er die Treppe nach unten, warf die Tür auf und schrie erbost: »Weihnachten steht vor der Tür! Ich hab euch und eure Schlaferei satt, und jetzt ist gleich Weihnachten!«

Der Tannenbaum
Von Tove JanssonKinderzeit Audio© photocase

Dort unten lag die Muminfamilie wie immer im Winterschlaf. Sie schliefen schon seit vielen Monaten und hatten vor, bis zum Frühling weiterzuschlafen. Der Schlaf hatte sie ruhig und behaglich durch einen einzigen langen, warmen Sommernachmittag gewiegt. Jetzt drangen plötzlich Unruhe und kalte Luft in Mumins Träume. Und dann war da jemand, der ihm die Decke wegzog und schrie, er habe ihn satt, und gleich sei Weihnachten.

»Ist schon Frühling?«, murmelte Mumin. »Frühling?«, sagte der Hemul nervös. »Es ist Weihnachten, verstehst du, Weihnachten. Und ich hab noch nichts besorgt und nichts vorbereitet, und dann schicken sie mich auch noch hierher, um euch auszugraben. Die Handschuhe sind wahrscheinlich verloren. Und alle rennen wie verrückt durch die Gegend, und nichts ist erledigt…« Und damit stapfte der Hemul wieder die Treppe nach oben und kletterte durch die Dachluke aufs Dach.

»Mutter, wach auf«, sagte Mumin erschrocken. »Irgendwas Schreckliches ist passiert. Sie nennen es Weihnachten.« – »Was soll das heißen?«, fragte die Muminmutter und streckte ihre Schnauze unter der Decke hervor. »Ich weiß nicht so recht«, sagte ihr Sohn. »Aber nichts ist vorbereitet, und irgendwas ist verloren gegangen, und alle rennen wie verrückt durch die Gegend. Vielleicht ist es eine Überschwemmung.« Vorsichtig schüttelte er das Snorkfräulein und flüsterte: »Hab keine Angst, aber es ist was Schreckliches passiert.« – »Immer schön ruhig bleiben«, sagte der Muminvater. »Vor allem die Ruhe bewahren.« Dann ging er in den Salon und zog die Uhr auf, die seit letztem Oktober stehen geblieben war. Sie folgten der nassen Spur des Hemuls nach oben auf den Dachboden und kletterten aufs Dach des Muminhauses hinaus.

Der Himmel war blau wie immer, also konnte es sich diesmal nicht um Feuer speiende Berge handeln. Aber das ganze Tal war voller nasser Watte, die Berge, die Bäume, der Fluss und das ganze Haus. Und es war kalt, viel kälter als im April. »Ist es das hier, was sie Weihnachten nennen?«, fragte der Muminvater erstaunt. Er nahm eine Pfote voller Watte und sah sie an. »Möchte bloß wissen, ob so was aus der Erde wächst oder vom Himmel herunterfällt«, sagte er. »Wenn das alles auf einmal gekommen ist, muss es sehr unangenehm gewesen sein.« – »Aber Papa, das ist Schnee«, sagte Mumin. »Ich weiß, dass es Schnee ist, und der kommt nicht auf einmal herunter.« – »Ach, tatsächlich?«, sagte der Muminvater. »Aber unangenehm war es sicher trotzdem.«

Die Tante des Hemuls fuhr gerade vorbei. Auf ihrem Tretschlitten lag ein Tannenbaum. »Aha, ihr seid endlich aufgewacht«, stellte sie gleichgültig fest. »Besorgt euch schnell einen Baum, bevor es dunkel wird.« – »Aber warum?«, begann der Muminvater. »Hab jetzt keine Zeit mehr für euch«, rief die Tante über die Schulter und flitzte weiter.

»Bevor es dunkel wird«, flüsterte das Snorkfräulein. »Sie hat gesagt, bevor es dunkel wird. Also kommt das Gefährliche heute Abend…« – »Offensichtlich braucht man einen Tannenbaum, um damit fertig zu werden«, sagte der Muminvater nachdenklich. »Ich begreife das alles nicht.« – »Ich auch nicht«, sagte die Muminmutter sanft. »Aber zieht euch Schals und warme Socken an, wenn ihr euch auf den Weg macht, um diesen Baum zu holen. Ich versuche so lange, den Kachelofen zu heizen.«

Der Muminvater beschloss, trotz der drohenden Katastrophe keine von seinen eigenen Tannen zu holen, die waren ihm nämlich lieb und teuer. Stattdessen kletterten sie über den Zaun der Gafsa und suchten einen großen Baum aus, für den die Gafsa bestimmt keine besondere Verwendung hatte. »Glaubst du, dass man sich darin verstecken soll?«, fragte Mumin. »Weiß ich nicht«, sagte der Muminvater und hackte weiter. »Das alles ist mir völlig unbegreiflich.« Sie waren fast schon unten am Fluss, als die Gafsa ihnen entgegengestürzt kam, mit einem Berg von Tüten und Paketen im Arm. Sie war ganz rot im Gesicht und sehr aufgeregt und hatte es zum Glück zu eilig, um ihre eigene Tanne wiederzuerkennen. »Nichts als Lärm und Gedränge!«, schrie die Gafsa. »Unerzogenen Igeln sollte es nicht gestattet sein… Und wie ich eben erst zur Misa gesagt habe, ist es eine Schande, dass…«

»Der Tannenbaum«, sagte der Muminvater und hielt die Gafsa verzweifelt an ihrem Pelzkragen fest. »Was muss man denn mit seinem Tannenbaum tun?« – »Der Tannenbaum«, wiederholte die Gafsa verwirrt. »Der Tannenbaum? Oh Schreck! Nein, das ist ja unerträglich… der muss ja noch herausgeputzt werden… wie soll ich das nur schaffen…« Und dann fielen ihr sämtliche Pakete in den Schnee, und die Mütze rutschte ihr über die Schnauze, worauf sie vor Nervosität fast in Tränen ausbrach.

Der Muminvater schüttelte den Kopf und hob den Baum, den er hingelegt hatte, wieder auf. Daheim hatte die Muminmutter die Veranda freigeschaufelt und Schwimmwesten und Aspirin, die Flinte des Muminvaters und warme Wickel hervorgeholt. Für alle Fälle. Ein kleines Knütt saß auf der äußersten Sofakante und trank Tee. Es hatte unter der Veranda im Schnee gehockt und so kläglich ausgesehen, dass die Muminmutter es ins Haus gebeten hatte. »So, hier haben wir den Baum«, sagte der Muminvater. »Wenn wir jetzt nur wüssten, wozu man den braucht. Die Gafsa behauptet, man müsse ihn putzen.« – »Aber der ist doch ganz sauber«, wandte die Muminmutter ein. »Was kann sie nur damit gemeint haben?«

Oh, ist der schön«, rief das kleine Knütt aus, und dann verschluckte es sich vor lauter Schüchternheit am Tee und bereute, dass es überhaupt gewagt hatte, etwas zu sagen. »Weißt du, wie man einen Baum putzt?«, fragte das Snorkfräulein. Das Knütt errötete heftig und flüsterte: »Mit schönen Sachen. So schön, wie es überhaupt geht. Das hab ich gehört.« Dann wurde es von seiner Schüchternheit überwältigt, schlug die Pfoten vors Gesicht, kippte die Teetasse um und verschwand zur Verandatür hinaus.

»Seid bitte eine Weile still, ich muss jetzt nämlich nachdenken«, sagte der Muminvater. »Der Baum soll so schön wie möglich werden! Dann muss man sich also nicht in ihm verstecken, sondern mit ihm die Gefahr gnädig stimmen. Allmählich begreife ich, um was es eigentlich geht.« Sie trugen den Baum sofort in den Garten hinaus und pflanzten ihn fest in den Schnee. Dann fingen sie an, ihn von oben bis unten mit allen schönen Sachen zu schmücken, die ihnen nur einfielen. Sie dekorierten ihn mit den Muscheln aus den Sommerbeeten und mit der Perlenkette des Snorkfräuleins. Sie holten die Kristalle aus der Salonlampe herunter und hängten sie in die Zweige, und an die Spitze steckten sie eine rote Seidenrose, die der Muminvater der Muminmutter einmal geschenkt hatte. Jeder brachte das Schönste, was er besaß, um die unbegreiflichen Mächte des Winters gnädig zu stimmen.

Als der Baum fertig geschmückt war, kam die Tante des Hemuls wieder auf ihrem Tretschlitten vorbei. Diesmal fuhr sie in die andere Richtung und hatte es, wenn möglich, noch eiliger. »Schau mal, unser Baum«, rief Mumin. »Allmächtiger«, sagte die Tante des Hemuls. »Aber ihr seid ja schon immer komisch gewesen. Muss jetzt weiter… Muss für Weihnachten Essen kochen.« – »Essen für Weihnachten?«, wiederholte Mumin verwundert. »Braucht dieser seltsame Weihnachten denn auch was zu essen?« Die Tante hörte nicht zu. »Glaubt ihr, man kommt ohne Weihnachtsessen aus?«, sagte sie ungeduldig und fuhr auf ihrem Tretschlitten den Hang hinunter.

Den ganzen Nachmittag eilte die Muminmutter emsig hin und her. Und kurz vor Einbruch der Dämmerung stand das Weihnachtsessen fertig und in Schüsseln verteilt rings um den Tannenbaum. Da gab es Saft und Dickmilch, Heidelbeerpastete und Eierpunsch und alles Mögliche sonst, was der Muminfamilie schmeckte. »Was meint ihr, ist Weihnachten wohl sehr hungrig?«, fragte die Muminmutter besorgt. »Kaum hungriger als ich«, sagte der Muminvater sehnsüchtig. Er hockte frierend im Schnee und hatte sich die Decke bis an die Ohren hinaufgezogen. Wenn man sehr klein ist, muss man den großen Mächten der Natur gegenüber eben ganz besonders höflich sein, dachte er.

Unten im Tal gingen in allen Fenstern die Lichter an. Es leuchtete unter den Bäumen hervor und aus jedem einzelnen Nest oben in den Zweigen. Flatternde Lichter eilten über den Schnee hin und her. Mumin sah seinen Vater an. »Ja«, sagte der Muminvater. »Sicherheitshalber.« Also ging Mumin ins Haus und suchte alle Kerzen zusammen, die er finden konnte. Dann steckte er sie um den Baum herum in den Schnee und zündete sie vorsichtig an, eine nach der anderen, bis alle brannten, um die Dunkelheit und Weihnachten gnädig zu stimmen. Allmählich wurde es ganz still im Tal. Wahrscheinlich waren alle nach Hause gegangen und saßen jetzt da und warteten auf die Gefahr, die auf sie zukam. Nur ein einziger einsamer Schatten irrte noch zwischen den Bäumen umher – der Hemul.

»Hallo«, rief Mumin leise. »Kommt es jetzt bald?« – »Stör mich nicht«, versetzte der Hemul verdrießlich. Er hatte die Schnauze in eine lange Liste gesteckt, auf der fast alles durchgestrichen war. Er setzte sich neben eine der Kerzen und fing an zu zählen. »Mutter, Vater, Gafsa«, murmelte er. »Die Cousinen… der älteste Igel… die Kleinen brauchen nichts. Letztes Jahr hab ich vom Schnüferl auch nichts gekriegt. Die Misa, der Homsa, die Tante… ich glaub, ich werd noch verrückt.« – »Was ist denn?«, fragte das Snorkfräulein ängstlich. »Ist ihnen was zugestoßen?« – »Geschenke«, rief der Hemul aus. »Mit jedem Weihnachten immer mehr Geschenke!« Er machte ein zittriges Kreuz auf seine Liste und irrte weiter. »Warte!«, rief Mumin. »Erklär uns doch… Und deine Handschuhe…« Doch der Hemul verschwand in der Dunkelheit, genau wie alle andern, die es eilig hatten und außer sich waren, weil Weihnachten vor der Tür stand.

Da ging die Muminfamilie still und friedlich in ihr Haus, um Geschenke hervorzusuchen. Der Muminvater wählte seinen besten Hechtspinner, der in einer sehr schönen Schachtel lag. Auf die Schachtel schrieb er »Für Weihnachten« und legte sie dann in den Schnee hinaus. Das Snorkfräulein zog ihren Fußring aus und wickelte ihn leicht seufzend in Seidenpapier. Und die Muminmutter öffnete ihre geheimste Schublade und holte das Buch mit den bunten Bildern heraus, das einzige farbige Buch im ganzen Tal. Das, was Mumin verpackte, war so schön und so privat, dass niemand es sehen durfte. Nicht einmal später, im Frühling, verriet er, was er verschenkt hatte. Dann setzten sie sich alle in den Schnee und warteten auf die Katastrophe.

Die Zeit verging, aber nichts geschah. Nur das kleine Knütt, das bei ihnen Tee getrunken hatte, tauchte hinterm Holzschuppen auf. Es hatte alle seine Verwandten und die Freunde der Verwandten mitgebracht, und alle waren genauso klein und grau und kümmerlich und verfroren. »Frohe Weihnachten«, flüsterte das Knütt. »Du bist wirklich der Erste, der sagt, Weihnachten sei froh«, bemerkte der Muminvater. »Hast du denn keine Angst vor dem, was passiert, wenn Weihnachten kommt?« – »Weihnachten ist doch schon da«, murmelte das Knütt und setzte sich mit seinen Verwandten in den Schnee. »Darf man sich das anschauen? Ihr habt einen wunderschönen Baum.« – »Und das viele Essen«, sagte einer der Verwandten andächtig. »Und richtige Geschenke«, sagte ein weiterer Verwandter. »Mein ganzes Leben lang hab ich davon geträumt, so etwas aus der Nähe zu sehen«, schloss das Knütt mit einem Seufzer.

Alle schwiegen. Die Kerzen brannten mit unbewegter Flamme in der friedlichen Nacht. Das Knütt und seine Verwandten saßen ganz still da. Ihre Bewunderung und ihre Sehnsucht wurden immer stärker spürbar, bis die Muminmutter schließlich näher an den Muminvater heranrückte und flüsterte: »Findest du nicht auch?« – »Ja, aber wenn«, wandte der Muminvater ein. »Trotzdem«, sagte Mumin. »Wenn Weihnachten sich darüber aufregt, können wir uns vielleicht auf die Veranda retten.« Dann drehte er sich zum Knütt um und sagte: »Bitte sehr, das gehört alles euch.«

Das Knütt traute seinen Augen nicht. Es trat vorsichtig an den Baum heran, und die ganze Reihe von Verwandten und Freunden folgte mit ehrfürchtig zitternden Schnurrhaaren hinterher. Sie hatten noch nie ein eigenes Weihnachten gehabt. »Ich glaube, wir machen uns jetzt sicherheitshalber lieber aus dem Staub«, sagte der Muminvater unruhig. Sie liefen rasch auf die Veranda und versteckten sich unterm Tisch. Nichts geschah. Nach einiger Zeit spähten sie ängstlich aus dem Fenster. Draußen saß die kleine Schar, aß, trank, packte Geschenke aus und war so vergnügt wie nie zuvor. Schließlich kletterten sie auf den Baum und befestigten die brennenden Kerzen an den Zweigen. »Aber an der Spitze müsste eigentlich ein großer Stern stecken«, sagte der Onkel des Knütts. »Findest du?«, sagte das Knütt und betrachtete nachdenklich die rote Seidenrose der Muminmutter. »Ist das wirklich so wichtig? Hauptsache ist doch, dass die Idee stimmt, oder?« – »Wir hätten also auch noch einen Stern besorgen müssen«, flüsterte die Muminmutter. »Aber das ist ja unmöglich!« Sie schauten in den Himmel hinauf, er war fern und schwarz, aber übersät mit Sternen, tausend Mal mehr als im Sommer. Und der größte Stern von allen hing genau über der Spitze ihres Baums.

»Ich glaube, ich bin ein bisschen müde«, sagte die Muminmutter. »Und ich mag mir jetzt nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, was das alles zu bedeuten hat. Aber es scheint ja gut zu gehen.« – »Jedenfalls hab ich keine Angst mehr vor Weihnachten«, sagte Mumin. »Der Hemul, die Gafsa und die Tante müssen die ganze Sache irgendwie falsch verstanden haben.« Damit legten sie die gelben Fausthandschuhe des Hemuls aufs Verandageländer, wo er sie sofort sehen musste, und begaben sich ins Haus, um weiterzuschlafen, während sie auf den Frühling warteten.

 

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