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Ella auf Klassenfahrt (4)

 
© Sabine Wilharm
© Sabine Wilharm

Von Timo Parvela

Folge 4: In Lappland
Skilaufen statt Badestrand: Für Ella und ihre Mitschüler verläuft die Klassenfahrt sehr überraschend

Wir Mädchen hatten uns eine Hütte nur für uns ausgesucht. »Hier geht irgendwas Seltsames vor, das wir nur nicht verstehen«, sagte ich. Alle warteten, dass ich erklärte, was ich meinte. »Habt ihr mal darüber nachgedacht, wohin all die Wichtel verschwunden sind?«, fragte ich. »Vielleicht sind sie in die Fenster schauen gegangen, was die Kinder in den Häusern anstellen«, schlug Hanna vor. »Die Wichtel haben Ferien«, erinnerte ich sie. Dann waren alle wieder still. »Habt ihr euch mal überlegt, ob das, was wir erlebt haben, vielleicht genau so geplant war: das falsche Flugzeug und alles? Was, wenn der Lehrer uns mit Absicht hierher gebracht hat?« – »Wie meinst du das?«, fragte Tiina. »Wenn die Wichtel nicht die Kinder des Weihnachtsmanns sind – woher kommen sie dann eigentlich?«, sagte ich. »Besorgt sie ihm vielleicht jemand? Erinnert ihr euch, was der Lehrer am Flughafen seiner Frau vorgeschlagen hat: dass er uns dem Weihnachtsmann als Wichtel verkauft! Was, wenn er das von Anfang an vorhatte? Was, wenn wir alle Wichtel werden sollen?« Auf einmal war es totenstill in unserer Mädchenhütte. Nur der Frost knackte in den Ecken, während alle darüber nachdachten, was ich gesagt hatte. Beim Zähneputzen war mir plötzlich ein Licht aufgegangen: Wir würden Wichtel werden. Wir würden nie groß werden, aber dafür tausend Jahre alt. »Vielleicht ist das ja gar nicht so schlimm«, versuchte ich die anderen zu trösten. »Wichtel dürfen bestimmt so viel Süßkram essen, wie sie wollen.« – »Und sie müssen nachts nicht schlafen«, bemerkte Tiina. Fast jeder fiel was ein, was bei den Wichteln besser war. Bis Hanna fragte: »Ob Wichtelmädchen auch Bärte bekommen?«
An der Stelle sprangen wir alle aus den Betten. Wir rannten zur Tür und wären bestimmt in unseren Nachthemden in die Kälte hinausgerannt, wenn Hanna nicht im letzten Augenblick zwei Gestalten vor unserer Hütte bemerkt hätte. Der Lehrer und seine Frau standen dort im Mondlicht und redeten miteinander. Wir ließen die Tür einen Spalt offen, damit wir hören konnten, worüber sie sprachen. »Ich halte das unmöglich eine ganze Woche aus«, sagte der Lehrer, »und darum haue ich von hier ab.« – »Du kannst die Kinder nicht einfach im Stich lassen.« – »Ich nehme sie mit. Wir hauen alle ab«, sagte der Lehrer, und seine Stimme zitterte dabei. »Liebling, bitte!« – »Ich hab beim Abendessen einen Löffel stibitzt«, gestand der Lehrer, als er sich ein bisschen beruhigt hatte. »Einen Löffel? Wozu?«, wunderte sich seine Frau. »Ich mache ein paar Bodenbretter in unserer Hütte locker und grabe einen Tunnel«, erklärte der Lehrer. »In Gefängnisfilmen graben sie auch Tunnel, wenn sie bei Nacht und Nebel fliehen wollen.« – »Du solltest nicht so viel schlechte Filme gucken«, sagte die Frau des Lehrers und führte ihn in Richtung ihrer Hütte. »Warum sitze ich jetzt nicht irgendwo in der Wüste und lausche dem Heulen der Kojoten? Warum werden meine Träume nie wahr?«, klang die Stimme des Lehrers aus dem Dunkeln. Wir schlichen zurück in unsere Betten und wunderten uns. Warum wollte uns der Lehrer wohl mit auf die Flucht nehmen? Wo er uns doch gerade erst verkauft hatte? Auf einmal wurden wir vom vielen Überlegen müde. »Mein Kinn fühlt sich schon kratzig an«, war das Letzte, was wir hörten. Es kam von Hanna, und sie klang, als machte sie sich echt Sorgen. Am Morgen weckte uns das Brummen von Motorschlitten. Wir rannten alle schnell nach draußen und sahen gerade noch, wie die Wichtel auf ihren Schlitten davonbrausten. Vor unseren Hütten waren große Haufen Anziehsachen gestapelt: Unterwäsche und Socken, Schals, Handschuhe und Schneestiefel.
Die Sachen, die uns die Wichtel gebracht hatten, waren schön warm. »Ihr seht schon aus, als gehörtet ihr hierher«, sagte der Weihnachtsmann, als er uns sah. Wie er dabei schmunzelte, gefiel mir gar nicht. Ich stieß Hanna unauffällig in die Seite. Wir wussten genau, was er meinte, aber er brauchte nicht zu wissen, dass wir ihn durchschaut hatten. Wir hofften nur, dass der Lehrer seinen Tunnel schon angefangen hatte, denn jedenfalls von uns Mädchen wollte keine Wichtel werden. »Ich wette, es gibt auf der ganzen Welt kein Krankenhaus, das ein 1,40 Meter kurzes, fünfhundert Jahre altes, bärtiges Wichtelmädchen als Krankenschwester einstellt«, murmelte Hanna. Wenn sie groß ist, will sie nämlich Krankenschwester werden. Der Lehrer sah aber auch nicht richtig froh aus. Sein Vater hatte ihm einen alten blau-weißen Anorak, eine schlabbrige Langlaufhose und eine komische weiße Mütze geliehen. Die Mütze sah aus wie ein Eierwärmer. »Ich dachte mir…«, begann der Weihnachtsmann. »Ich haue ab«, sagte der Lehrer. Aber er kam nicht weit. Seine Frau hielt ihn an einem Bändel seines Anoraks fest. »Ich dachte mir, dass wir heute einen kleinen Skiausflug machen«, sagte der Weihnachtsmann. »Ich hab’s gewusst«, stöhnte der Lehrer. »Beruhige dich! Bitte! Denk an die Kinder!«, sagte seine Frau. »Ihr geht doch bestimmt alle gern Langlaufen«, fuhr der Weihnachtsmann fort. »Jeder liebt das Langlaufen.« Während er redete, bewegte sich der Weihnachtsmann langsam auf den Lehrer zu. »Und was euren Lehrer angeht: Für ihn ist Langlaufen das Größte, stimmt’s?« Der Weihnachtsmann lächelte und legte seinem Sohn die Hand auf die Schulter. Aber komisch: Der Lehrer sah eher so aus, als hätte er einen Stromschlag bekommen. »Als euer Lehrer klein war, hat er von morgens bis abends immer nur auf seinen Skiern gestanden«, erzählte der Weihnachtsmann. »Einmal ist er auf Skiern von Helsinki bis nach Inari gelaufen. Tausend Kilometer an einem Morgen! Im Hochsommer!« – »Aber im Sommer kann man doch gar nicht Ski laufen«, sagte Hanna. »Genau. Das macht das Ganze umso merkwürdiger, findet ihr nicht?«, sagte der Weihnachtsmann.
Gleich nach dem Frühstück bekamen wir alle Skier. »Und das hier sind deine, erinnerst du dich?«, sagte der Weihnachtsmann zu seinem Sohn. »Ich hab sie dir all die Jahre aufgehoben.« Es waren unglaublich alte, braune Holzlatten, und oben auf die Spitzen waren die olympischen Ringe und das Wort Olympia aufgedruckt. »Und du?«, fragte der Lehrer, als er sah, dass der Weihnachtsmann seinen Helm aufsetzte. »Ich spure euch schon mal die Loipe. Reichen euch dreißig Kilometer für den Anfang?«, fragte der Weihnachtsmann und brauste davon. Hinter dem Motorschlitten hingen zwei Bretter, damit zog er die Loipe in den Schnee. Der Lehrer schaute uns an, und wir schauten stumm zurück. Das ging eine Weile so, dann rief der Lehrer: »Mir nach! Rette sich wer kann!«, und klapperte auf seinen alten Latten genau in die entgegengesetzte Richtung.
Der Lehrer pflügte durch den Tiefschnee, dass es nur so staubte. Wer hätte gedacht, dass er so gut langlaufen konnte! Wir mussten eine ganze Weile warten, bis er zurückkam. Er wollte wissen, warum wir nicht hinter ihm hergelaufen waren. »Ich kann nicht Ski laufen«, sagte Hanna. »Ich auch nicht«, sagte Tiina. »Ich auch nicht«, sagte ich. Und Pekka fragte: »Wo schaltet man die eigentlich an?« Der Lehrer schaute seufzend zu seiner Frau, die schaute aber nicht zu ihm. Sie hatte nämlich die Augen geschlossen. Sie stützte sich auf ihre Skistöcke und hielt das Gesicht in die Sonne. »Na gut«, seufzte der Lehrer. »Ich bringe euch bei, wie man Ski läuft, dann fliehen wir alle zusammen.« Wir nahmen die Skier auf die Schulter und stapften hinter dem Lehrer her den Hügel neben unseren Hütten hinauf. Der Hügel fiel sanft zum See hin ab. »Langlaufen ist fürchterlich«, begann der Lehrer den Unterricht. »Aber hier handelt es sich um einen Notfall. Wir müssen es lernen, damit wir abhauen können.« – »Und warum müssen wir abhauen?«, fragte Timo, der noch nichts von der Wichtelverschwörung wissen konnte. Wir Mädchen hatten noch gar keine Zeit gehabt, den Jungs davon zu erzählen. »Damit wir nicht langlaufen müssen«, erklärte der Lehrer, und das fanden wir seltsam.
Wir sollten langlaufen lernen, damit wir nicht langlaufen mussten? Manchmal wurde man aus Erwachsenen nicht schlau. »Langlaufen ist fürchterlich, wie ich schon sagte, aber zum Glück nicht schwer«, sagte jetzt der Lehrer und legte seine Skier in den Schnee. »Macht mir einfach alles nach.« Dann wollte er seine Skier wieder anziehen. Das ging nur leider nicht, weil die gerade den Hang hinunter auf den See zurutschten. Wir sollten es genauso machen wie er, hatte der Lehrer gesagt, also legten wir auch unsere Skier in den Schnee, und sie rutschten hinter seinen her. Die Skier des Lehrers hatten aber schon einen großen Vorsprung. Sie waren den halben Hang hinunter, als unsere erst losrutschten. Am Ende wurden die Skier des Lehrers Erste. Sie rutschten am weitesten auf den See hinaus. Hannas Skier wurden Zweite. Alle anderen Skier stießen irgendwann zusammen und lagen auf einem großen Haufen nicht weit vom Ufer auf dem See. Wir fanden alle, dass der Haufen aussah wie der große Holzstapel, der an Mittsommer angezündet wird.

Nächste Woche erfahrt Ihr, ob der Lehrer seinen Vater als Weihnachtsmann ablösen muss

»Ella auf Klassenfahrt« ist der dritte »Ella«-Roman von Timo Parvela. Aus dem Finnischen übersetzt haben ihn Anu und Nina Stohner, illustriert wurde er von Sabine Wilharm. Das Buch erscheint am 27. Juli im Carl Hanser Verlag.

 

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