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Sage 10: Der festgesetzte Fuhrmann

 

Illustration: Gert Albrecht
Illustration: Gert Albrecht

neu erzählt von Hartmut El Kurdi

Sagen aus dem Ruhrgebiet
Das Ruhrgebiet ist 2010 »Kulturhauptstadt Europas«, das ist eine Auszeichnung der Europäischen Union (kurz EU) für besonders interessante Städte. Es gibt im Ruhrgebiet zwar mehr als 50 Orte, doch auf der Landkarte sehen sie aus wie eine Riesenstadt.
Im Februar erscheint ein Buch, in dem die Märchen und Sagen dieser spannenden Region neu erzählt werden. Die zehn besten Geschichten lest Ihr bei uns schon jetzt

In früheren Zeiten waren Gastwirtschaften nicht einfach nur Orte, wo man Bier und Apfelschorle trank und sich mit Rindsrouladen den Bauch vollschlug. Oft lagen die Wirtschaften an Wegkreuzungen und dienten Reisenden und Fuhrleuten dazu, sich auszuruhen und den Pferden etwas zu fressen und zu saufen zu geben. Und wenn es spät wurde, konnte man in einer solchen Gastwirtschaft auch übernachten. Eigentlich waren die Gastwirtschaften das, was heute Autobahnraststätten für Lastwagenfahrer sind. Nur dass es damals noch keine Countrymusic und keine Currywurst gab.
Die Wirtschaft, in der unsere Geschichte spielt, heißt Am Esel und liegt auf dem Weg von Kettwig nach Mintard. Es gibt sie sogar heute noch, aber ob sich da immer noch solche seltsamen Dinge zutragen, weiß man nicht. Am Esel heißt die Wirtschaft übrigens, weil dort angeblich immer ein gesattelter Esel bereit gehalten werden musste, falls die Freifrau von Nesselrode, die nebenan im Schloss Hugenpoet wohnte, mal einen Ausflug in den Wald machen wollte. Den Esel brauchte sie, weil sie zu faul war, zu Fuß zu gehen. Aber in dieser Geschichte soll es nicht um adlige Frauen gehen, die vergessen haben, wozu der Herrgott ihnen Füße gegeben hat. Vielmehr soll es hier um Zauberei gehen.
In der Wirtschaft Am Esel trafen sich nämlich einmal ein paar junge Männer zum Kegeln. Aber eigentlich war das nur ein Vorwand, um Bier zu trinken und anzugeben. Nun gibt es ja verschiedene Dinge, mit denen man angeben kann: zum Beispiel damit, wie reich man ist, dass man fünf Autos und einen Swimmingpool besitzt oder einen Diener, der nur dazu da ist, einen nach dem Duschen zwischen den Zehen abzutrocknen. Wenn man nicht so viel Geld hat, muss man damit angeben, wie toll man irgendwas kann: Fußball spielen zum Beispiel, oder Dauerrülpsen. Oder zaubern! Richtig zaubern können nämlich nur ganz wenige. Aber wenn man – wie einer der Kegelbrüder im Esel – der Sohn eines Zauberer-Ehepaares ist und das erste Wort, das man sprechen konnte, »Abrakadabra« war, dann kann man bei jeder Kneipenangeberei locker mithalten. Leider wissen wir heute nicht mehr, wie unser Nachwuchszauberer hieß. Wir geben ihm einfach einen neuen Namen. Vielleicht … Harry? Nö, wir nennen ihn: Roy. Roy Siegfried!
»Wie jetzt, Roy. Du kannst zaubern? So richtig in echt?«, fragte einer seiner Mitkegler. »Dann zauber mir mal ganz schnell das Bierglas voll!«, sagte ein anderer. »Leere Gläser voll machen kann jeder Wirt«, antwortete Roy gelangweilt. »Dann beweis es uns auf eine andere Art!« Da beugte sich Roy über sein Glas und schaute den Freunden tief in die Augen. »Passt auf«, flüsterte er, »seht ihr den Fuhrmann dort drüben?« Die anderen nickten. »Wenn der nachher mit seinem Gespann losfahren will, werden seine Pferde keinen Schritt gehen, kein Rad wird sich drehen!« – »Und wieso?«, fragte der offensichtlich dümmste Kegelfreund. Sein Nebenmann schlug ihm mit einer zusammengerollten Zeitung auf den Kopf.
Keine zehn Minuten später erhob sich der Fuhrmann und ging hinaus. Die Kegelbrüder folgten ihm. Sie stellten sich vor die Tür und schauten ihm zu. Er stieg auf seinen Wagen und wollte losfahren. Und tatsächlich: Die Pferde bewegten sich keinen Zentimeter. Egal, ob der Fuhrmann fluchte, die Peitsche knallen ließ oder abstieg und die Gäule an ihrem Zaumzeug zog. Als die Kegler begannen, sich über den Fuhrmann und seine Bemühungen lustig zu machen, drehte sich dieser um und sagte: »Ich weiß nicht, wie ihr das gemacht habt, aber macht es sofort wieder rückgängig!« Einer der jungen Burschen antwortete: »Keine Ahnung, wovon du da redest.« – »Ihr wisst sehr wohl, was ich meine. Das ist schwarze Magie. Also: Im Namen des Sohnes, des Vaters und des heiligen Geistes – hebt diesen Fluch auf!« Aber die jungen Männer lachten nur.

Roy hielt sich im Hintergrund und tat so, als wüsste er am wenigsten von der ganzen Sache. Als einer seiner Freunde ihn an­stupste und fragte: »Meinst du nicht, es reicht jetzt?«, schüttelte er nur den Kopf. »Nee, jetzt wird’s doch erst richtig lustig!« Als braver Zauberersohn hätte Roy eigentlich wissen müssen, dass man seine Zauberkraft nicht für so einen Unsinn missbrauchen durfte. Aber jetzt konnte und wollte er die Show nicht einfach abbrechen. In der Zwischenzeit hatte sich der Fuhrmann den Wagen und die Pferde noch einmal genau angeschaut, in der Hoffnung, irgendetwas zu finden, das den Zauber entkräften könnte. Dabei hatte er entdeckt, dass eines der Räder eine Speiche zu viel hatte: dreizehn statt wie üblich zwölf. Da die Dreizehn von jeher eine Unglückszahl ist, konnte es nur daran liegen. Da holte der Fuhrmann eine Hacke aus dem Wagen, ging zu dem Rad und schlug mit voller Wucht die dreizehnte Speiche durch.
Im selben Augenblick hörte man ein Pferdewiehern und zugleich einen menschlichen Schrei. Die Pferde hatten erschrocken einen Sprung nach vorne gemacht, und im Hauseingang war unser Zauberer, der gute Roy, einfach umgefallen. Ach was, er war aus dem Stand mit vollem Karacho hingeknallt. So als habe ihm eine unsichtbare Macht die Beine weggezogen. Die Magie funktionierte also auch andersherum: Der Fuhrmann hatte mit seinem Schlag nicht nur die Speiche und den Zauber, sondern auch Roys Bein gebrochen. Zufrieden stieg er auf seinen Wagen, schwang die Peitsche und fuhr los, Richtung Mintarder Berg.
Roy ließ sich von seinen Kegelbrüdern in die Wirtschaft tragen. Und während ihm der herbeigeholte Bader das Bein schiente, beschloss Roy, in Zukunft nicht mehr einfach so zu zaubern. Angeben konnte er auch mit anderen Sachen. Zum Beispiel damit, dass er 21 hart gekochte Eier essen konnte. Die Zauberei würde er sich unbedingt für wichtigere, ernste Gelegenheiten aufheben. Geschworen! Es sei denn, es gab wirklich keine andere Möglichkeit. Oder ihm war mal wieder ganz doll langweilig …

Sauerländer Verlag
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Aus: „Ritter, Räuber, Spökenkieker. Die besten Sagen aus dem Ruhrgebiet“; ausgewählt von Dirk Sondermann, neu erzählt von Hartmut El Kurdi © Patmos Verlag/Sauerländer mit RUHR.2010
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