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„Mach den Krach aus!“

 
Illustration: Nina Pfeiffer

Diesen Satz habt Ihr sicher auch schon von Euren Eltern gehört. Über neue Musikrichtungen gibt es oft und gern Streit. Kleiner Trost: Das war schon vor hundert Jahren so


Von Philip Stegers

Igor Strawinsky war einer der berühmtesten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Weltbekannt wurde er durch seine Ballettmusik 2Le Sacre du Printemps2 (auf Deutsch: Die Frühlingsweihe). Als das Stück zum ersten Mal im Jahr 1913 in Paris aufgeführt wurde, kam es zu einem Skandal. Dabei hatten sich die Zuschauer eigentlich auf einen Abend mit schöner Musik und Balletttanz gefreut.
Doch das Orchester spielte für die Ohren vieler Besucher nichts als Lärm. Statt schöner Melodien hörten sie schrille Töne und stampfende Rhythmen. Und die Balletttänzer rannten dazu mit aufreizenden Bewegungen über die Bühne. So etwas hatte noch niemand zuvor gesehen und gehört. Schon bald kamen Pfiffe und wütende Zwischenrufe aus dem Publikum. Mancher Zuschauer machte sogar Tiergeräusche nach. Besonders die vornehmen Konzertbesucher waren außer sich vor Empörung. Eine alte Gräfin fühlte sich persönlich beleidigt. Sie stand in ihrer Loge, der edle Schmuck verrutscht, und schrie mit rotem Gesicht: 2Das ist das erste Mal seit sechzig Jahren, dass man es wagt, sich über mich lustig zu machen.“

Es gab aber auch Zuschauer, denen diese ungewöhnliche, neuartige Musik gefiel und die sich wiederum von den Zwischenrufen gestört fühlten. Und so begannen sie sich während des Konzerts mit den Ruhestörern zu prügeln. Der Abend endete schließlich in einem großen Chaos, und einem wohl sehr unglücklichen Igor Strawinsky. Er hatte mit seiner Musik etwas ganz Neues ausprobieren wollen – und dabei sicherlich nicht an eine Schlägerei im Konzertsaal gedacht. Heute dagegen gilt „Le Sacre du Printemps“ als eines der wichtigsten Musikstücke der letzten hundert Jahre, und niemand regt sich mehr darüber auf. Aber nicht nur diese neue Richtung der klassischen Musik hatte es anfangs schwer. Immer wieder gab es Streit über neue und laute Stile.

Zum Beispiel über den Rock ’n’ Roll. Das ist eine Musikrichtung, die aus den USA stammt und vor etwa 60 Jahren entstanden ist. Verglichen mit mancher Musik, die man heute im Radio hört, klingt Rock ’n’ Roll vielleicht schon altmodisch. Aber in der damaligen Zeit war es das Lauteste und Wildeste überhaupt. Besonders Jugendliche mochten die neue Musikrichtung, auch weil sie ausgelassen dazu tanzen konnten. Viele junge Menschen wünschten sich damals mehr Freiheiten und weniger Regeln – und Rock ’n’ Roll klang genau so, wie die Jugendlichen sich fühlten.

Der bekannteste Rock-’n’-Roll-Sänger war Elvis Presley. 1956 wagte er es, während eines Fernsehauftritts beim Singen mit seiner Hüfte hin und her zu wackeln. Anschließend kam es zu zahlreichen Protesten überall in den USA. Aufgeregte und empörte Bürger nannten Elvis Presleys Tanzeinlage einen „Striptease“ (eigentlich meint man damit, dass sich jemand beim Tanzen auszieht). Eltern, Lehrer und religiöse Gruppen befürchteten einen schlechten Einfluss auf junge Leute.

So wurden Elvis Presley und Rock ’n’ Roll für viele Erwachsene zum Feindbild. Das hatte auch damit zu tun, dass Rock ’n’ Roll stark von der Musik schwarzer Amerikaner beeinflusst war. Damals gab es in den USA nämlich noch die Rassentrennung. Schwarze Amerikaner waren gegenüber den Weißen benachteiligt, Kinder durften zum Beispiel nicht die gleichen guten Schulen besuchen. Deshalb war es für viele etwas Ungeheuerliches, dass Elvis Presley, also ein Weißer, die Musik der Schwarzen spielte und sang. Und dazu noch dieser Tanz! Bei einem seiner nächsten Fernsehauftritte jedenfalls filmte man Elvis Presley sicherheitshalber nur oberhalb seiner Hüfte. Die wachsende Begeisterung für Rock ’n’ Roll konnte das aber nicht aufhalten. Die Musik brachte den Wunsch nach Veränderung zum Ausdruck und wurde zur ersten weltweiten „Jugendkultur“.

So eine „Jugendkultur“ beginnt oft mit einer neuen Musikrichtung und einem dazugehörigen Kleidungsstil. Damit verbunden sind auch bestimmte Meinungen, die deren Anhänger haben. Andere Jugendkulturen mit lauter Musik wie Punk, Heavy Metal oder Hip-Hop folgten dem Rock ’n’ Roll. Und viele Erwachsene beäugten diese Musikrichtungen argwöhnisch. Oft verstanden sie aber einfach nicht die Hintergründe der Musik. Wenn Punkbands mit bunten Haaren laute und wütende Lieder sangen, wollten sie nicht nur provozieren. In ihren Liedern ging es zum Beispiel auch darum, dass sie keine Chancen für eine gute Zukunft sahen.
Allerdings steckt heute nicht hinter jedem Lied, das für Proteste sorgt, auch eine ernst gemeinte Kritik an der Ge-sell-schaft. Denn clevere Musiker und Produzenten haben schnell eines erkannt: Man hat gute Chancen, erfolgreich zu werden (und somit auch viel Geld zu verdienen), wenn man es schafft, dass sich möglichst viele Eltern oder ältere Menschen über die Musik aufregen. Zufälligerweise ist das nämlich oft genau die Art von Musik, die Kindern und Jugendlichen gefällt. Bands in gruseliger Verkleidung oder halb nackte Sängerinnen werden von besorgten Eltern schnell abgelehnt. Ebenso wie vollkommen dämliche Lieder mit unanständigen oder gewalttätigen Texten – wie sie von Gangsta-Rappern vorgetragen werden. Und vielleicht haben die Erwachsenen in solchen Fällen tatsächlich recht mit ihrer Kritik.

Doch es soll auch Mütter und Väter geben, die all das überhaupt nicht stört und die selbst gern laute Musik hören. Einigen sind sogar unanständige Texte egal. Wie kann man als Kind noch schocken, wenn der Vater Bushido-Fan ist und die Mutter am liebsten wie eine Mumie verkleidet zu Heavy Metal tanzt? Vielleicht solltest Du es mit klassischer Musik versuchen, zum Beispiel mit „Le Sacre du Printemps“ von Strawinsky. Dann wären Deine Eltern möglicherweise genauso entsetzt wie das Publikum vor knapp hundert Jahren. Falls das nicht reicht, versuch es mit zünftiger Volksmusik. Aber da solltest Du Dir vorher gut überlegen, ob Du das selbst aushalten kannst.

 

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