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Pippi? Nee, Frida!

 

Sie lebt im Wald, spricht mit ihrem Hund und schreibt tolle Bücher. Ein Besuch bei der schwedischen Autorin Frida Nilsson

Von Susanne Gaschke

Sie holt mich vom Flughafen ab, und ich erkenne sie sofort: Die junge Frau, die so wild und lustig aussieht wie eine halb erwachsene Pippi Langstrumpf (nur mit grüner Kappe statt mit roten Zöpfen), die muss es sein. Sie sitzt am Steuer eines unglaublich dreckigen Autos, das wahrscheinlich, aber nicht sicher, blau ist. Im Kofferraum liegt Siv, eine 30 Kilo schwere Bassett-Hündin, deren Hängeohren beim Gehen durch den Staub schleifen – wenn sie geht. Meist zieht sie eine liegende Position vor.

Ich besuche Frida Nilsson, 31 Jahre, weil sie eine bekannte schwedische Kinderbuchautorin ist. Frida hat sieben Kinderbücher geschrieben, darunter unseren Sommerroman „Ich, Gorilla und der Affenstern“. Es geht darin um die irre Geschichte des Waisenmädchens Jonna, das von einer Gorilladame adoptiert wird, die auf einem Schrottplatz lebt. Es ist schon der zweite Roman von Frida Nilsson, der mit Müll zu tun hat: „Ich, Dante und die Millionen“ handelt von einem unschuldig Verdächtigten, der bei einer Ratte auf einer Müllhalde Unterschlupf sucht. Ein dritter „Abfall-Roman“ ist in Planung.

Frida Nilsson lebt in der Nähe der kleinen schwedischen Stadt Örebro, jedenfalls von April bis Oktober, wenn es in ihrem bullerbüroten Holzferienhäuschen warm genug ist. Moment, habe ich „kleine Stadt“ geschrieben? Frida ist empört: Örebro hat ungefähr 100 000 Einwohner, für Schweden ist das viel, die siebtgrößte Stadt des Landes ist Örebro, das soll ich nur wissen! Frida ist in dieser Gegend aufgewachsen, mit vielen Tieren. „Mondscheinfarmen“ nennt man in Schweden die kleinen Bauernhöfe, die manche Leute neben ihrem eigentlichen Beruf betreiben. Das taten auch Fridas Eltern – und nach dem Landleben ihrer Kindheit sehnt sich die Autorin noch immer zurück. In großen Städten wie Stockholm, wo sie den Winter verbringt, fühlt sie sich nicht richtig wohl. Sie hängt sehr an ihrem Sommerhäuschen in der Einsamkeit, wo es so still ist, dass sich jeder Vogelruf nach Riesengeschrei anhört, und wo sie besonders gut arbeiten kann, weil niemand sie ablenkt. Nicht einmal Internet gibt es dort. Ist sie nie einsam, hat sie nie Angst? „Manchmal glaubt man an Geister“, sagt sie, „aber dann rede ich laut mit dem Hund.“

Fridas Vater arbeitete als Journalist und schrieb Stücke für ein Theater in Örebro. Gleich nach dem Abitur fing sie selbst an, dort Theaterkurse für Kinder zu geben. Schon als kleines Mädchen hatte sie nämlich am liebsten hinter den Kulissen gesessen und bei den Proben zugeschaut. Doch als sie eigene Rollen bekam, merkte sie, dass ihr die Sache nicht so gut gefiel, wie sie erwartet hatte: Plötzlich gab es immer einen Regisseur, der ihr etwas vorschreiben wollte. Und Vorschriften kann Frida Nilson wohl ebenso wenig leiden wie Pippi Langstrumpf.

Glücklicherweise lud sie zur selben Zeit ein Radiosender ein, Kindersendungen zu moderieren. Das machte sie gut, und nach und nach schrieb sie eigene Geschichten fürs Radio. Die erste, die auch als Buch erschienen ist, handelt von einer Krähe, die mit ihrem Freund per Anhalter nach Norwegen reist. Eines Tages rief eine Journalistin bei Frida an und fragte, was die Krähe in der Geschichte bedeuten solle: Stehe sie vielleicht für einen Fremden, der sich in Schweden nicht wohlfühle? „Nein“, sagte Frida lachend, „die Krähe steht für eine Krähe, die nach Norwegen trampt.“

Häufig tun Tiere in Fridas Geschichten Dinge, die sie nicht wirklich tun könnten (etwa sprechen oder Schrott verkaufen). Die Menschen versuchen dann verzweifelt, mit den vollkommen unnormalen Vorkommnissen normal umzugehen – und das ist meistens sehr witzig.

An die Tätigkeit beim Radio schloss sich für Frida Arbeit beim staatlichen Fernsehen an, dort moderiert sie eine Kinder-Wissensshow. „Aber eigentlich schreibe ich am liebsten“, sagt sie. Will sie irgendwann auch einmal ein Buch für Erwachsene verfassen? „Das ist eine komische Frage“, sagt sie. „Autoren, die für Erwachsene schreiben, werden nie gefragt, ob sie auch mal was für Kinder machen wollen.“ Ihre Antwort lautet jedenfalls Nein: Sie will Kinderbuchautorin bleiben. „Eigentlich schreibe ich meine Bücher sowieso für mich selbst“, sagt sie. „Nie habe ich mich so in Geschichten verlieren können wie als Kind, nie waren sie so wirklich.“

Fridas Vater kommt oft zum Sommerhäuschen und besucht seine Tochter. Manche Leute sagen, er habe eine gewisse Ähnlichkeit mit Gorilla – groß und haarig und nicht besonders gut angezogen. Heute macht Frida das nichts mehr aus, aber als Kind wünschte sie sich manchmal einen normaleren Vater. Die Geschichte von Gorilla und Jonna handelt auch davon, dass es mehr darauf ankommt, ob Eltern nett sind, als darauf, ob sie schicke Klamotten tragen.

Es macht überhaupt keinen Spaß, von Fridas kleinem rotem Haus wegzufahren – und von Frida, die eine so vergnügte Person ist. Auf dem Weg zurück zum Flughafen müssen wir mit dem Auto an einem Kuhgatter anhalten. „Willst du es aufmachen?“, fragt sie mich. Na klar. Ich springe aus dem Auto, kriege das Gatter mit einiger Mühe auf, winke das Auto durch und schließe sorgfältig wieder ab. Jetzt bin ich auf der einen Seite, Frida und das Auto sind auf der anderen. Sie lacht sich halb tot. Hoffentlich schreibt sie das nicht in ihr nächstes Buch!

Als ich mich befreit habe und wieder ins Auto klettere, gibt mir Frida einen „Gatterpfennig“. Den bekamen die Kinder in Schweden früher, wenn sie den Reisenden die Gatter für ihre Kutschen öffneten. Gatterpfennige kommen oft in den Geschichten von Astrid Lindgren vor. Es ist typisch für Frida, dass sie so etwas Lindgrenartiges tut zum Abschied. Sie schreibt ja auch ein bisschen so wie diese weltberühmte Autorin – und zugleich ganz und gar wie sie selbst.

 

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