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Auf die Plätze, fertig, Sieg?

 

In Singapur finden derzeit die ersten Olympischen Spiele für Jugendliche statt. Im deutschen Team kämpfen Shanice Craft und Patrick Domogala um Medaillen

Von Alex Westhoff

Shanice konzentriert sich auf den Diskus-Wurf

Shanice Craft holt tief Luft und stemmt die Langhantel hoch. Die Gewichte scheppern ein wenig, dann macht das Mädchen mit den 100 Kilogramm auf den Schultern ganz locker zwei Kniebeugen. Damit trainiert sie die Muskeln ihrer Oberschenkel – und die sind wirklich beeindruckend! »Alle denken, die Kraft für den Diskuswurf kommt nur aus den Armen«, sagt die 17-jährige Leichtathletin. »Aber auch die Kraft in den Beinen ist sehr wichtig.« Die Diskuswurftechnik ist sehr schwierig. Viele Kleinigkeiten können den Wurf verderben. Zum Beispiel wenn Shanice ihren Oberkörper beim Drehen nicht waagerecht hält, sondern über die linke Seite kippt. Immer wieder feilt sie an ihren Bewegungen. Das ist hartes Training. Bei ihren Hantelübungen schwitzt Shanice aber noch nicht einmal, dabei ist es im Kraftraum ihres Vereins MTG Mannheim an diesem Julitag ganz schön heiß und schwül.

Fast so wie in Singapur in Asien. Dorthin, rund 10000 Kilometer weit weg von zu Hause, ist die Diskuswerferin in der vergangenen Woche gereist. Sie nimmt an den Olympischen Jugendspielen teil, die in diesem Sommer zum ersten Mal stattfinden. Die Eröffnungsfeier war am Samstag (14. August), enden sollen die Wettkämpfe am 26. August. Shanice, die einen amerikanischen Vater und eine deutsche Mutter hat, musste nicht allein nach Singapur fliegen. Aus ihrem Verein hat auch Patrick Domogala die Qualifikation für Olympia geschafft – er ist Sprinter und geht über 200 Meter an den Start.

Patrick, auf dem Sprint zu olympischen Medaillen?

Im Juli trainiert Patrick draußen auf der Laufbahn, während Shanice im Kraftraum noch immer nicht schwitzt. »Den Oberkörper mehr aufrichten«, ruft sein Trainer, als Patrick vorbeispurtet. Der 17-Jährige macht riesige Schritte und bewegt die Beine dabei sehr, sehr schnell. Wenn seine Füße den Boden berühren, ist fast nichts zu hören. Patrick ist der schnellste Sprinter Deutschlands in seiner Altersklasse (der B-Jugend).

Seitdem Shanice und Patrick elf Jahre alt sind, trainieren die beiden in ihrem Verein in derselben Gruppe. Sie besuchen zusammen die elfte Klasse eines Gymnasiums in Mannheim. Sie kennen sich schon ewig. Nun stehen beide vor ihrem bisher größten Wettkampf – und hoffen auf eine olympische Goldmedaille. Denn bei diesen Spielen ganz oben auf dem Siegertreppchen zu stehen und die Nationalhymne des eigenen Landes zu hören – das sei das Schönste, was ein Sportler erreichen kann, denken sie.

»Es war mein großes Ziel, nach Singapur zu fahren«, sagt Patrick. Dafür haben er und Shanice in den vergangenen Monaten bis zu sechsmal in der Woche trainiert. Beide haben sich durch sehr gute Leistungen bei einem Wettkampf in Moskau für die Jugendspiele qualifiziert. »Es ist eine große Ehre, bei diesem riesigen Ereignis dabei zu sein«, sagt Shanice.

3600 Jugendliche aus 205 Ländern hat das Internationale Olympische Komitee (kurz sagt man IOC) nach Singapur eingeladen. Alle sind zwischen 14 und 18 Jahren alt und treten in 26 Sportarten gegeneinander an. Aus Deutschland sind 70 Sportler dabei. Mehrere Hundert Millionen Euro gibt das IOC für die Jugendspiele aus, wie viel genau, sagt es nicht. Mit diesen »kleinen« Spielen wollen die Olympia-Veranstalter den Jugendlichen zeigen, wie die Stimmung bei den Wettkämpfen und im olympischen Dorf ist, wenn Sportler aus so vielen Ländern zusammenkommen. Es gehe um die Gemeinschaft und darum, dass sich junge Menschen aus aller Welt begegnen, sagen die IOC-Chefs. Und sie erhoffen sich von diesem großen Sportfest, dass künftig nicht mehr so viele Jugendliche in der Pubertät aufhören, Sport zu treiben.

Es gibt aber auch Gegner des Weltsportfestes – zum Beispiel einige deutsche Sportfachleute. Sie sagen, dass bei einem solchen Wettkampf um Medaillen riesiger Leistungsdruck und großer Stress entstehe. Und davor sollte man Kinder und Jugendliche möglichst lang beschützen.

Shanice und Patrick können diese Kritik nicht verstehen. Sie seien längst Leistungssportler, sagen sie, und wollten damit später Geld verdienen. In ihrem Tagesablauf dreht sich schon heute vieles um den Sport. Sie sind es gewöhnt, bei großen Wettkämpfen gegen Sportler aus anderen Ländern anzutreten und zu bestehen. Den Druck für Singapur machen sie sich selbst: Beide streben eine neue persönliche Bestleistung an. Mindestens 55 Meter weit will Shanice den ein Kilogramm schweren Diskus fliegen lassen (bisher hat sie 54,98 Meter geschafft). »Richtig einen raushauen«, nennen die Wurfsportler das. Wichtig dabei ist, nicht nervös zu werden. Denn das Stadion in Singapur wird voll sein. Vor so vielen Zuschauern sind Shanice und Patrick noch nie angetreten. »Die Aufregung kommt aber erst, wenn ich den Platz betrete und die vielen Menschen sehe«, sagt Shanice. Immerhin ist sie die Favoritin im Diskuswurfwettbewerb. »Ich will Gold gewinnen«, sagt sie bestimmt – und lächelt. Den Moment, wenn ihr eine Medaille um den Hals gehängt wird, hat sie sich schon häufig vorgestellt.

Die Generalprobe für die Jugendspiele ist für Shanice und Patrick geglückt. Bei den Deutschen Meisterschaften Anfang August hat es Shanice auf den ersten Platz geschafft. Auch Patrick ist mit 21,31 Sekunden über 200 Meter (persönliche Bestzeit) deutscher Meister geworden. Nun möchte er in Singapur gegen die schnellen Amerikaner und Jamaikaner zumindest den Finallauf erreichen. Wenn er Pech hat und im Vorlauf an diesem Donnerstag (19. August) ausscheidet, haben seine Jugendspiele nur etwas mehr als 20 Sekunden gedauert. Doch daran will er gar nicht denken. Sprint, sagt Patrick, sei mehr als nur Vollgas zu laufen. »Es ist oft reine Kopfsache. Während des Laufs darf man nicht zu viel denken.«

Die nächsten olympischen Jugendspiele sind übrigens im Sommer 2014 im chinesischen Nanjing – ohne Shanice und Patrick. Die sind dann zu alt. Sie hoffen stattdessen auf die »großen« Olympischen Spiele 2016 in Brasilien. »Wir wollen dabei sein«, sagen beide.

Fotos: Hardy Müller

 

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