‹ Alle Einträge

So wuchs die Stadt

 
Ein historischer Stadtkern mit Dom, Marktplatz und Stadtmauer/ Illustration Birgit Lang

Warum sehen sich viele Orte in Deutschland so ähnlich? Warum stehen Burg oder Dom oft im Zentrum? Ein Streifzug mit der Architektin Uta Winterhager

In einer fremden Stadt kann man sich leicht verlaufen. Häuser, Straßen, Autos – alles ist unbekannt. Doch viele Städte in Deutschland haben mehr gemeinsam, als man denkt, wenn man im Straßengewirr steht und sich ein bisschen verloren fühlt. Unsere Städte sind ähnlich aufgebaut, so als gäbe es einen Plan, der für alle Orte gilt. Das liegt an ihrer Entstehungsgeschichte.

Die beginnt meistens in der Mitte, dort, wo wir in diesen Tagen den Weihnachtsmarkt finden. Häufig stehen die Marktbuden auf einem Platz vor der größten Kirche des Ortes, auch wenn es dort eng ist. Auf dem Parkplatz eines Möbelhauses am Rande der Stadt wäre mehr Platz, aber die Stimmung in einem Gewerbegebiet wäre viel weniger festlich. Auch nach Weihnachten ist der Platz um die Kirche, den Dom oder um eine Burg herum ein besonderer Ort. Er wird »Stadtkern« genannt. Wie bei einer Frucht aus dem Kern eine neue Pflanze sprießt, ist dies die Stelle, von der aus die Stadt gewachsen ist.

Ganz klein fing es an, meist im Mittelalter: Ein Fürst wählte vielleicht einen Platz aus, weil er verkehrsgünstig an einem Fluss lag. Oder ein Bischof ließ eine Kirche an einem Ort bauen, wo es heilendes Wasser gab. Der Bischof und der Fürst waren natürlich nicht allein. Sie hatten Handwerker, Diener und viele andere Menschen, die für sie arbeiteten. Kein hoher Herr buk sein Brot selbst, kein Bischof beschlug eigenhändig seine Pferde. So wuchsen, dicht gedrängt rund um die Burg oder die Kirche, viele kleine Häuser. Manchmal standen sie so dicht, dass die Menschen einander aus ihren Fenstern heraus über die Gasse hinweg die Hand schütteln konnten.

Es war in den mittelalterlichen Städten so eng, weil sie von einer hohen Mauer umgeben waren, die sie vor Angriffen schützen
sollte. Aber diese Stadtmauer verhinderte auch, dass die Stadt sich nach außen ausdehnen konnte. Ungeschützt vor den Toren wollte niemand freiwillig wohnen.

So wurde es um Kirche oder Burg immer voller und dichter. In einigen Städten gibt es die schmalen Gassen und die kleinen Häuser noch heute – die »Altstadt«. Dort fühlt man sich ein wenig wie im Museum, und gern kommen Touristen und schlendern umher. Dass die Altstadt nicht überall so aussieht wie vor Jahrhunderten, liegt daran, dass Brände oder Bomben die historischen Gebäude zerstört haben. Auch Teile der alten Stadtmauer kann man an vielen Orten noch entdecken – allerdings findet man sie heute mitten in den Städten.

Eine seltsame Vorstellung, dass dies einmal die Grenze war und dahinter nur Felder und Wiesen lagen. Im Laufe der Jahrhunderte wuchsen die Städte langsam. Eine riesige Veränderung erlebten die Menschen vor etwa 200 Jahren: Fabriken mit Maschinen wurden gebaut und dazu Wohnungen für die vielen Arbeiter, die vom Land kamen. Jede Stadt brauchte einen Bahnhof, denn die Eisenbahn war erfunden worden. Universitäten, Schulen, Krankenhäuser und prunkvolle Villen wurden errichtet. So entstanden neue Viertel und legten sich wie ein Ring um das alte Zentrum herum. Bis heute heißen diese Viertel oft »Neustadt«, »Südstadt« oder »Nordstadt«.

Aber in ihrer Begeisterung über all das Neue dachten die Menschen nicht immer daran, die Städte klug zu planen – und alles wucherte wild durcheinander. Das war nicht gut: Der Schmutz aus einer neuen Fabrik machte zum Beispiel die Menschen krank, die direkt daneben wohnten. Viele Jahrzehnte lebte man in solch ungesunden, vollgestopften Städten, in denen Schule neben Fabrik neben Wohnhaus stand. Vor etwa 50 Jahren kamen Stadtplaner dann auf die Idee, alles, was in der Stadt durcheinanderlag, voneinander zu trennen. Um die Städte herum gab es schließlich reichlich Bauland.

Also sortierten sie dort noch einmal neu: Wohnen hier, in Siedlungen mit Reihenhäusern oder großen Hochhaustürmen. Fabriken woanders, mit ausreichend Abstand zu den Wohnungen der Menschen. Ein Einkaufszentrum wieder an anderer Stelle und irgendwo noch ein Flughafen oder eine Müllverbrennungsanlage. Diesen neuen großen Ring um die Stadt nennt man »Zwischenstadt « – weil er nicht richtig städtisch ist, aber auch nicht richtig ländlich.

Viele Kinder, die in der Zwischenstadt wohnen, müssen überall mit dem Auto hingefahren werden, zum Beispiel weil es in ihrem Wohngebiet
keine Schule gibt. Die Entfernungen sind zu groß, als dass sie mit dem Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen könnten. Das Autofahren in
der Zwischenstadt ist für die Eltern aber weniger stressig als der Verkehr im Stadtkern, denn die Straßen weiter draußen sind mehrspurig, oft gibt es große Parkflächen.

Immer noch wächst dieser äußere Stadtring, wird größer, aber auch dichter, sodass weniger grüner Zwischenraum bleibt. In der Innenstadt dagegen, wo es immer schon eng war, bessern Stadtplaner heute eher Mängel aus. Sie legen Straßen so, dass es weniger Staus gibt. Sie wandeln eine alte Fabrik in eine Kletterhalle um. Vielleicht reißen sie auch zehn kleine Gebäude ab, um Platz für ein großes Kaufhaus zu schaffen. Wer richtig viel Platz braucht, hat in der Innenstadt nur eine Chance: in die Höhe zu bauen. Allerdings darf nicht jeder überall ein Hochhaus hinstellen. Immer wird geprüft, ob ein solches Gebäude die Sicht zum Beispiel auf die Kirche oder die Burg versperren würde. Diese Gebäude sollen schon aus der Ferne als Wahrzeichen erkannt werden können.

Wenn ihr demnächst an einem dunklen Abend mit Euren Eltern aus der Stadt fahrt, schaut doch mal aus dem Fenster. Gerade wenn Ihr denkt, dass die Stadt wirklich zu Ende ist, wenn Weihnachtsmarkt, Dom, Kaufhäuser, Hochhäuser und Reihenhäuser längst hinter Euch liegen, dann leuchtet vielleicht ein Weihnachtsbaum auf dem Dach der Müllverbrennungsanlage. Auch die gehört zu Eurer Stadt, und auch hier ist ein bisschen Weihnachten.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren