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Die ZEIT Edition „Kinderfilme aus aller Welt“ – Teil 6: Tanze, denn es ist dein Leben

 
Ein tanzender Junge zwischen vielen Mädchen/ © 2000 WT Ventures, LLC

Billy Elliot entscheidet sich für das Ballett – in einer Welt, in der echte Männer boxen

Männer haben es auch nicht leicht. Wir vergessen das gern, weil seit der Erfindung des Feminismus immer von unterdrückten Frauen die Rede war. Doch sich freizukämpfen aus den Geschlechterrollen ist für Männer mindestens genauso schwer. Wenn heute ein Mädchen den Männertraum vom Profiboxen träumt, dann erntet es bestimmt Bewunderung, während ein Junge, der Balletttänzer werden will, immer noch den Hohn der fußballspielenden Normalmachos aushalten muss. Deshalb beginnt das Drama vom aufhaltsamen Aufstieg des britischen Arbeitersohnes Billy Elliot zum Star des Royal Ballett damit, dass er gleich am Anfang von seinem Vater, einem arbeitslosen Bergmann, niedergebrüllt wird: »Jungs spielen Fußball oder gehen zum Boxen oder zum Ringen! Aber doch nicht zum Ballett!!!«

Billys Mut besteht darin, dass er den fuchsteufelswilden Vater direkt in das zornesrote Gesicht schaut und ihn fragt, was eigentlich verkehrt sei am Ballett. Der schreit: »Du weißt genau, was verkehrt daran ist.« – »Weiß ich nicht!« – »Weißt du doch!« – »Was?« Darauf folgt eine lange, explosive Stille und schließlich die Drohung des verzweifelten Familienoberhauptes, das sich schon vor der sozialen Ächtung durch sämtliche Kollegen und Kneipenfreunde fürchtet: »Willst du eine Tracht Prügel?« Nein, Billy Elliott, der Elfjährige aus dem heruntergekommen Kohlenstädtchen Durham, das mutterlose Kind stolzer Malocher, die gerade ihre Grube bestreiken, will keine Prügel. Billy will tanzen. Und dieser Wille ist so stark, so unbedingt und vorbehaltlos, dass er es mit der ganzen Welt aufnimmt. Ein tanzender Junge wirkt ja ungefähr so passend wie ein geschminkter Frosch in den ärmlichen Gassen von Durham, zwischen den engen rot geklinkerten Sozialbauten, wo einer wie Billy sich um seine demente Großmutter kümmern muss und die Kinder in den abgetragenen Klamotten ihrer Geschwister rumlungern, wo Saufen sozial akzeptiert ist, aber nicht so etwas Weibisches wie Tränen, und wo harte Rockmusik gespielt wird, aber gottverdammt noch mal nicht Schwanensee. Billys Welt, das ist die herrschende »Herrenkultur«, wie die Feministin Luise F. Pusch es nannte, nur hat sie vergessen, zu erwähnen, dass auch die Herren nicht aus der Rolle fallen dürfen.

Davon handelt Stephen Daldrys wunderbarer Tanzfilm, der zugleich Sozialdrama, Geschlechterkomödie und Adoleszenzgeschichte ist: von dem Mut, gegen alte Regeln zu verstoßen. »Erkenne dich selbst!«, der Spruch des Orakels von Delphi wird hier in moderne Bilder und heutige Worte übersetzt. In dem Abschiedsbrief, den Billys tote Mutter ihm hinterlassen hat und in dem er manchmal heimlich liest, lautet der delphische Ratschlag für ein gelingendes Leben nur etwas sentimentaler: »Bleibe stets Du selbst. Ich liebe Dich für immer.« Das soll heißen: Wenn wir uns nicht verbiegen und verleugnen, dann werden wir geliebt. Dann gehen wir nicht verloren im Getümmel des Alltags. Dann hat unser Dasein einen Sinn.

Die Kunst Stephen Daldrys besteht darin, dass er für solche pathetischen Lebensweisheiten ganz lakonische Szenen und viele komische Pointen findet. Alles beginnt mit einem Nachmittag in der Turnhalle von Durham, wo der verkappte Musikfan Billy zufällig das Tanztraining der Mädchen beobachtet. Vorsichtig probiert er ein paar Schritte aus. Er fühlt sich ja selbst blöd dabei. Aber plötzlich erscheinen ihm seine Boxstunden nur noch öde. Es ist nicht so, dass er sich in ein Tutu-Jüngelchen verwandelt. Er entdeckt nur einen anderen Groove. Sich einmal ganz neu bewegen, höher springen, wilder rennen und abheben, ausbrechen, rebellieren mit all der Macht, die in einem jugendlichen Körper steckt – das ist der Traum.

Aus Billys Traum entsteht mithilfe einer mutigen Tanzlehrerin, die dem begabten Jungen gegen den Willen der Männer heimlich Privatstunden gibt, der irre Plan, an der berühmten Royal Ballett School in London vorzutanzen. Bis dahin sind aber tausend Hürden zu überwinden. Denn Billys Coming-of-Age findet auf dem brutalen Höhepunkt der Thatcher-Ära statt, als der Staat pleite und die Wut der kleinen Leute nur noch durch die Schlagstöcke der Polizei zu bändigen ist. Der dramatische Konflikt entsteht nun aus der Unangemessenheit von Billys Hobby. Keine Arbeit für den Vater, aber Spaß für den Sohn? Keine 50 Pence in der Haushaltskasse, aber Tanzstunden bezahlen? Kein Essen im Kühlschrank, aber eine Fahrkarte nach London? Bis die Bergleute in Durham für Billys große Reise sammeln und der Vater ihn zur Audition begleitet, muss die Familie heftige Konflikte durchstehen. Nur so lernt sie, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt und dass die Sehnsucht vielleicht unser größtes Talent ist, denn sie befähigt uns, auch in Zeiten der Not noch Träume zu haben.

»Ich komme mir vor wie ein Mädchen«, sagt Billy zu seiner Ballettlehrerin, aber die duldet kein Gejammer und antwortet barsch: »Dann benimm dich nicht wie eins!« Das ist die postfeministische Moral von der Geschicht, dass Kneifen im Leben nicht gilt. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss, nämlich zugeben und verteidigen, was er im Inneren fühlt – aber nicht nur gegenüber anderen, sondern auch gegenüber sich selbst.

Irgendwann kapiert das auch Billys Vater, der Bergarbeiter und ehemalige Boxer. Die Szene spielt am Grab der Mutter, das Vater und Sohn auf ihre typisch unweinerliche Weise gemeinsam besuchen. Da stehen sie also in der windigen britischen Landschaft herum, die Wolken ziehen über sie hin, und in die Stille hinein wagt Billy das schrecklich peinliche Eingeständnis: »Ich habe Angst!« Und der Vater, anstatt ihm die Angst auszureden, blickt schweigend in die Ferne, über das Grab der Frau hinweg, die er innig geliebt hat, aber um die zu weinen sich Männer wie er auch in ihren verzweifeltsten Momenten niemals erlauben würden. Und dann sagt er zu dem Sohn, und es ist eine sehr männliche Art des Trostes, aber ein ganz unmännliches Bekenntnis, von dem wir alle lernen können: »Das macht nichts, Junge. Wir haben alle Angst.« KinderZEIT empfiehlt den Film ab 10 Jahren.

Die neue ZEIT Edition „Kinderfilme aus aller Welt“ umfasst zehn preisgekrönte Spielfilme, die zeigen, wie Kinder in verschiedenen Ländern leben, wovon sie träumen, wofür sie kämpfen. Für Mädchen und Jungen von 6 bis 12 Jahren. Alle Filmen zusammen kosten 89,95 Euro und können hier bestellt werden. Der Reinerlös geht an das Kinderhilfswerk terre des hommes.

1. Whale Rider
2. Tsatsiki – Tintenfisch und erste Küsse
3. Wintertochter
4. Ein Pferd für Winky
5. Die Stimme des Adlers
6. Billy Elliot – I will dance
7. Zaïna – Königin der Pferde
8. Soul Boy
9. Lippels Traum
10. Kinder des Himmels

 

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