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KinderZEIT Bilderbuchschatz (1): Freund gesucht

 
Illustration: Eric Carle/ Gerstenberg Verlag
Illustration: Eric Carle/ Gerstenberg Verlag

Nilpferd, Giraffe, Pferd: Wer passt zur Maus? Eine Such-Geschichte des »Raupe Nimmersatt«-Erfinders Eric Carle

Von Iris Mainka

Durch sein berühmtestes Buch hat die kleine grüne Raupe mit dem sprechenden Namen ein Loch gefressen, von vorne bis hinten, und jedes Kind, das nicht ganz aus der Welt gefallen ist, hat irgendwann einmal seinen Finger durch dieses Loch gebohrt: Schon mehr als vier Jahrzehnte gehört Eric Carles Kleine Raupe Nimmersatt zu den bekanntesten Bilderbüchern der Welt – seit 1969 in mehr als 40 Sprachen übersetzt und 20 Millionen Mal verkauft.

Über diesem einzigartigen Erfolg könnte fast in Vergessenheit geraten, dass der heute 83-jährige Autor, der in den USA geboren, in Deutschland aufgewachsen und in den 1950er Jahren wieder nach New York zurückgekehrt ist, mehr als 70 weitere Bilderbücher gestaltet hat. Die kleine Maus sucht einen Freund gehört zu den schönsten und einprägsamsten, unverkennbar in Carles typischer Collagentechnik aus buntem Seidenpapier und mit leuchtend klaren Formen und Farben.

Die Geschichte ist kindgerecht einfach: Traurig und allein läuft die kleine Maus durch die Welt und stellt jedem Tier, das ihr begegnet, dieselbe Frage: »Wollen wir Freunde sein?« Doch wen sie auch anspricht – das Pferd, das Krokodil, den Löwen oder das Nilpferd –, alle sagen Nein und erlösen die kleine Maus nicht aus ihrer Einsamkeit. Sie muss weiterziehen, vom Seehund über den Affen zum Pfau, dann zum Fuchs, zum Känguru und zur Giraffe, bis sie eine andere Maus trifft. Die ist auch allein, und die bittere Einsamkeit hat ein Ende. Erleichtert kuscheln sich die beiden ins Mäuseloch und verstecken sich vor der riesigen, bissigen Schlange.

Schon Ein- und Zweijährige freuen sich an den immer neuen Tieren, ohne die Carles Bilderbücher nicht denkbar wären. Und auch in diesem stabilen Pappband gibt es eine hübsche Besonderheit, die die Kinder fasziniert wie das Loch im Raupenbuch: Noch sieht man auf der Doppelseite die fragende kleine Maus zum Beispiel neben dem grasenden großen Pferd, aber schon kann man rechts am Bildrand den Schwanz des Tieres entdecken, das die Maus als Nächstes um seine Freundschaft bitten wird: das Krokodil »mit seinen scharfen Zähnen« und dem Vögelchen auf dem Rücken. So zieht es die kleinen Leser von Seite zu Seite, am Schwanz sozusagen. Und am Ende kennen sie nicht nur ganz viele neue Tiernamen, sondern sie wissen auch, dass das Pferd »wiehert«, der Löwe »brüllt« und seine »Mähne schüttelt«, dass das Nilpferd »schnaubt«, der Affe »kreischt« und der Pfau »sein buntes Gefieder spreizt«. Außerdem haben sie gelernt, dass man Freundschaft zwar nicht mit jedem schließen kann, aber, wenn man zuversichtlich und geduldig bleibt, am Ende doch alles gut wird. Kann einem Bilderbuch für kleine Mäuse mehr gelingen?

bilderbuchschatz

Bilderbücher begleiten uns durch unsere Kindheit. Manche holen wir nach langer Zeit wieder hervor, um sie mit Kindern und Enkelkindern anzuschauen. Nach solchen Perlen – Klassikern und neuen Titeln – haben wir gesucht. Jede Woche stellen wir zwei Titel der neuen ZEIT-Edition vor.

1. Eric Carle: Die kleine Maus sucht einen Freund

2. Ernst Jandl/Norman Junge: fünfter sein

3. Christoph Niemann: So funktioniert das!

4. Leo Lionni: Das kleine Blau und das kleine Gelb

5. Ole Könnecke: Das große Buch der Bilder und Wörter

6. Gunilla Bergström: Gute Nacht, Willi Wiberg

7. Ali Mitgutsch: Rundherum in meiner Stadt

8. Wolf Erlbruch/ Rafik Schami: Das ist kein Papagei!

9. Hildegard Müller: Der Cowboy

10. Peggy Rathmann: Gute Nacht, Gorilla

11. Jorge Bucay/Gusti: Wie der Elefant die Freiheit fand

12. Janosch: Oh, wie schön ist Panama

Die komplette Bücherschatzkiste mit zwölf Bilderbüchern gibt es für 99,95 Euro im ZEIT Shop. Der Reinerlös geht an die Stiftung Lesen.

 

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