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…und nun zum Wetter (2): Die Stadt, die Flut und die Beatles

 

Kennen Sie Ouagadougou? Peer Steinbrück, unser launiger Finanzminister, hat neulich mal im Streit um Steueroasen die Schweiz mit Ouagadougou verglichen, was erstere sehr übel nahm. Eigentlich hätten die Bewohner der Hauptstadt von Burkina Faso mindestens so viel Grund gehabt, beleidigt zu sein. Erstens ist ihr Land anders als die Schweiz kein Hafen für schmutziges (oder hinterzogenes) Geld und zweitens findet dort alle zwei Jahre das pan-afrikanische Film-und Fernsehfestival statt, inzwischen die Top-Adresse für unabhängige Filmemacher des Kontinents und damit ein afrikanisches Cannes. Nur ohne Strand und Yachten.
Anfang September hat es Burkina Faso samt Hauptstadt bei den schlimmsten Regenfluten seit Jahrzehnten böse erwischt. Krankenhäuser,  Wohngebiete und die nationale Cinematheque standen oder stehen noch unter Wasser, abertausende Menschen sind obdachlos. Ähnlich sieht es in Sierra Leone, im Niger und im Senegal aus. Betroffen sind vor allem die Städte wie Freetown und Dakar, also rapide wachsende Ballungszentren ohne Stadtplanung und ausreichende Infrastruktur. Inwieweit das Hochwasser schon eine Folge der Erderwärmung ist, darüber scheiden sich die Geister der Experten noch. Jedenfalls ist es ein Vorgeschmack auf die Konsequenzen des Klimawandels, die genau jene am schlimmsten treffen werden, die am wenigsten dafür können.
In Dakar richteten die Einwohner ihre Wut jedoch nicht gegen Industrienationen, sondern gegen die eigene Regierung, deren Präsident Abdoulaye Wade sich das ganze Desaster aus dem Urlaubsdomizil ansah. Im Senegal wird eher selten demonstriert, aber dieses Mal flogen Steine, brannten Reifen.
Nicht schön, aber vielleicht trotzdem die gute unter all den schlechten Nachrichten. Nous en avons marre lautet die Parole, wir haben die Schnauze voll. Nicht nur vom Hochwasser und der kläglichen staatlichen Nothilfe, sondern von ständigen Stromausfällen und wachsender Kriminalität.
Youssou N’Dour, Senegals musikalischer Superstar, hat den Zorn seiner Landsleute unter dem Titel Leep mo Lendem (Alles liegt im Dunkeln) gerade zur Melodie des  des Beatles-Song Ob-la-di-ob-la-da vertont, womit viele Senegalesen nun ihrerseits kleine Protestvideos im Internet vertonen.
Wem die Beatles für den Ernst der Lage zu nett klingen, der dreht die Songs des senegalesischen Rappers Didier Awadi auf. Einer seiner Hits heisst Sunugal (Unser Boot). Sunugal ist eine harsche Anklage gegen die eigene Elite, deren Politik immer mehr junge Männer aus dem Land und auf den lebensgefährlichen Weg nach Europa treibt. Und es ist auch ein wütender Appell an eben diese jungen Männer, gefälligst hier zu bleiben und Druck zu machen.

 

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