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Bundestag.de: Öffnet unsere Daten

 

Der Bundestag hat in diesem Sommer seine Webseiten modernisiert. Alles schön und bunt. Leider strich man nur die Fassade an. So verpasste man die Chance, einen wichtigen Schritt nach vorne zu gehen und einen Zugriff auf die Datenschätze unserer parlamentarischen Demokratie zu schaffen. Was gibt es nicht alles auf der Seite zu finden: Plenarprotokolle, Videoaufzeichnungen der Debatten, Tagesordnungen und vieles mehr. Leider teilweise nur schwer durchsuchbar und nur manuell auswertbar.

Was man mit den Daten machen kann, zeigt beispielsweise ein Web-Angebot des ZDF: Im Parlameter finden sich zu verschiedenen Bundestags-Abstimmungen viele Visualisierungen mit aufbereiteten statistischen Daten. Nicht nur stehen dort die Namenslisten der Abgeordneten, die für einen Kriegseinsatz in Afghanistan stimmten. Man kann sich die Abstimmungs-Ergebnisse gleich genauer anschauen: Wie viele weibliche Abgeordnete über 40 stimmten dafür oder wie viele männliche Abgeordnete unter 50, die überdurchschnittliche Nebeneinkünfte haben? Diese Daten liegen auch auf bundestag.de. Theoretisch zumindest – Sie werden die Schätze aber nicht so leicht heben können. Im Falle des Parlameters werden die Daten händisch vom ZDF, bzw. einem Dienstleister des ZDF, „veredelt“. Und dann visualisiert dargestellt.

Theoretisch könnte das jeder machen. Alleine der Aufwand ist zu groß. Durch die Bereitstellung einer offenen Schnittstelle (Technischer Begriff: Open-API) zum Angebot von bundestag.de könnte jeder mit etwas Programmierkenntnissen dieselben Daten bergen. Und ganz neue Projekte und Visualisierungen daraus erschaffen. Und vielleicht Antworten auf viele Fragen finden: Welche Abgeordneten erhalten von welchen Lobbygruppen Nebeneinkünfte und ist ein Einfluss auf ihre Tätigkeit und Abstimmungsverhalten erkennbar? Wer ist der faulste Abgeordnete in einem bestimmten Ausschuss und wer am fleißigsten? Vielleicht ist zuviel Transparenz nicht gewollt – vermutlich steht einer solchen Öffnung aber eher technische Unwissenheit im Wege.

Während andere Staaten die transparente und offene Regierung auf die Tagesordnung setzen, malen wir die Fassaden an. Es ist Zeit für die Zukunft: Öffnet unsere Daten und fangt bei bundestag.de an.

8 Kommentare

  1.   Klaue

    Der Nächste Punkt, den wir Bürger von der Politik einfordern sollten ist: Offenheit!

    Dank der digitalen Möglichkeiten ist es heute kein technisches Problem mehr das Volk umfassend zu informieren. Uns stehen diese Informationen zu! Politiker sind Volksvertreter und sind deshalb dem Volk Rechenschaft schuldig (zumindest Theoretisch). Transparenz ist wichtig, ja essentiell für eine gesunde Demokratie, dennoch sollte es „halb dunkle Freiräume“ geben, damit „Verhandlungen“ möglich sind.

    Zusammengefasst: Offenheit ist gut, muss aber Grenzen haben, damit unsere „Politische-Maschine“ weiterhin läuft.

    Ein paar Gedanken wie eine solche Offenlegung aussehen könnte, finden sich hier: http://nureineidee.wordpress.com/2009/02/13/ein-ideensprung-hin-zu-mehr-offenheit/


  2. Was man mit Daten alles anstellen kann, wenn sie computergerecht aufbereitet werden, zeigt das ZDF-Parlameter, aber die Möglichkeiten der Suche dort sind begrenzt. Viel deutlicher wird die Hebelwirkung offengelegter Daten anhand des Guardian. Die britische Zeitung gab über ihre offene Schnittstelle (API) die gesamten verfügbaren Daten über den Spesenskandal der Unterhaus-Abgeordneten an die Öffentlichkeit und bekam sie von der Masse aufbereitet wieder zurück.

    Ein Projekt mit großem Nutzwert ist auch das datenbankgestützte Lokalnachrichtenprojekt Everyblock von Adrian Holovaty, das Amtsberichte, Nachrichtenfeeds und nutzergenierte Inhalte per Feed in eine Datenbank einspeist und lokalisierbar macht.

    Der Obrigkeit passt es bestimmt ganz gut, wenn es der Öffentlichkeit nicht zu leicht gemacht wird, ihre Nase in alle möglichen Daten zu stecken und zur neuen Kontrollinstanz zu werden. Wenn man z.B. einfach über eine Suchmaske ermitteln könnte, wie bestimmte Fördergelder verwendet wurden, und wie nachhaltig die Mittel eingesetzt wurden. So etwas für jedermann nachprüfbar zu machen, wäre allerdings Demokratie.

  3.   kellerra

    Wie schon von Kai Biermann und Christian Heise beschrieben („Leider nur ein Relaunch“), war das Update der Bundestags Webseite kein allzu großer Wurf, aber immerhin gibt es jetzt RSS-Feeds. Die sollten auch mal lobend erwähnt werden. (Ist das DIP-System mittlerweile schneller geworden?)

    http://www.bundestag.de/service/rss/index.html

    Andererseits sollten alle Datenschützer auch einmal die Privatsphäre der Abgeordneten respektieren. Telefon-Lawinen entrüsteter User die gerade mal ein Zitat außerhalb seines Kontextes gelesen haben, helfen auch nicht weiter und verstärken eher die Meinung vieler Abgeordneter.

    Wichtig ist ein (maschinell) leichter Zugang zu allen Papieren und Terminen, die auch die Abgeordneten öffentlich bekommen, mit sauberen Metadaten. Abgeordnete und Bürger sollte das selber Zugangssystem dafür nutzen können. Hier wären saubere Schnittstellen nett, denn so muss nicht jeder Web20-Trend auf der Hauptwebseite mitgemacht werden.

    (Das es hier keine Vorschau mehr gibt, habe ich den Text nicht noch einmal gelesen…)

  4.   kellerra

    Ich habe hier gerade einen länger Kommentar geschrieben, der leider nicht gepostet worden ist. Schade. Ich mache erstmal eine Zeit-Kommentar Pause.

    Es ist nicht schön, wenn verschiedene Teile der Zeit-Site verschieden funktionieren.


  5. Ulrike, danke für den Hinweis. Das Guardian-Beispiel ist ein sehr schönes Projekt, was den deutschen Verhältnissen noch meilenweit voraus ist. Die Tage komme ich noch dazu, ein Interview mit einem Guardian-Journalisten auf netzpolitik.org zu dem Thema zu posten.

  6.   Drizzt

    Nur der Vollständigkeit halber: auch abgeordnetenwatch.de bietet Übersichten zum Abstimmungsverhalten, für den Bundestag z.B. unter http://www.abgeordnetenwatch.de/abstimmungen-346-0.html

    Grüße,
    Drizzt

  7.   demos

    Nicht nur daß dem Bürger diese Informationen zustehen. Auch den Parlamentariern wäre es eine große Erleichterung. Denn bisher müssen diese unzähliche Fragen der Bürger beantworten. Wenn wenigstens solche Fragen, welche durch offene Schnittstellen und interessierte Bürger in noch nicht vorstellbarer Weise zu neuen Informationsplatformen veredelt würden, dann könnten viele Fragestellungen an die Parlamentarier mit wenigen Klicks zu nachvollziehbaren Antworten führen.
    Heute muss man sich als Bürger mühsam durch die absichtlich verschwommen formulierten Antworten der Bürgervertreter wühlen.

  8.   Kai Biermann

    Lieber Kellera,

    leider ist Ihr Kommentar im Spamfilter gelandet. Ich habe ihn da jetzt rausgefischt und nun ist er sichtbar. Verzeihung.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

 

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