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Wer wie viele Waffen hat, geht die Öffentlichkeit nichts an

 
Sportschütze. Quelle: Lars Baron/Getty Images
Sportschütze. Quelle: Lars Baron/Getty Images

Oft beginnt eine Recherche mit einer simplen Frage: In welchen Städten und Landkreisen gibt es eigentlich die meisten Schusswaffen? Und dann stellt man zum eigenen Erstaunen fest: Das weiß in diesem Land keiner so genau – und die einzige Behörde, die die Daten haben könnte, rückt sie nicht heraus.

Seit Januar 2013 müssen alle Städte und Kreise die in ihrer Region registrierten Waffen von Jägern, Sammlern und Sportschützen an das Nationale Waffenregister (NWR) beim Bundesverwaltungsamt in Köln melden. Allein das ist bereits komplizierter als es klingt, denn die Struktur der Meldebehörden ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In manchen Landkreisen gibt es eine solche Behörde, in anderen mehr als zehn. Insgesamt arbeiten daher in Deutschland gut 550 Waffenbehörden.

Ihre Daten liegen dank des Nationalen Waffenregisters beim Bund gesammelt vor, die oben gestellte Frage müsste sich also einfach beantworten lassen. Doch der Öffentlichkeit will die Behörde (sie sagt: kann), keine Angaben aus dieser zentralen Datenbank zur Verfügung stellen. Das sei im Gesetz leider nicht vorgesehen, lautet die Antwort. Man dürfe lediglich die Kriminalämter und Innenministerien mit Statistiken aus dem Waffenregister beliefern, die Öffentlichkeit aber nicht.

Auch ein Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz des Bundes wird abgelehnt. Auf eine von vielen E-Mails antwortet das Bundesverwaltungsamt der ZEIT: „Bitte betrachten Sie unsere Ablehnung nicht als unhöfliches Vorgehen. Wir sehen leider keine Möglichkeiten, Ihrem aus öffentlichen Interesse erwachsendem Anliegen geeignet zu entsprechen.“ Lediglich zwei Zahlen darf man erfahren: 5,5 Millionen legale Schusswaffen gibt es in Deutschland, sie sind verteilt auf 1,45 Millionen Besitzer. Wer wo wie viele hat, bleibt geheim.

27 Tote durch registrierte Waffen

Wir wenden uns an die nächste Ebene, an die 16 Bundesländer und fragen, ob diese uns Zahlen zu Schusswaffen zur Verfügung stellen können. Typisch für den deutschen Föderalismus: Es gibt einzelne Länder, wie Bayern, das Saarland und Mecklenburg-Vorpommern, die die Daten sofort rüberschicken; andere dagegen, wie Niedersachsen, Baden-Württemberg und Hessen, sehen sich dazu nicht in der Lage. Bei diesen Bundesländern müssen wir noch eine Ebene tiefer gehen und die Landratsämter und Rathäuser einzeln anmailen und abtelefonieren – ziemlich nervig und angesichts eines Nationalen Waffenregisters auch irgendwie absurd.

Nach zwei Monaten haben wir endlich alle Daten zusammen. ZEIT ONLINE hat daraus diese Waffenlandkarte erstellt, auf der zum ersten Mal detailliert die regionale Verteilung legaler Pistolen, Revolver und Gewehre in Deutschland sichtbar wird. Wie viele illegale Waffen es wo gibt, weiß naturgemäß niemand.


Zusätzlich haben wir auf dieser Karte noch Todesfälle durch registrierte Schusswaffen im Jahr 2013 eingezeichnet. Wir haben dafür alle in den Medien bekannt gewordenen Fälle aufgegriffen und im Zweifelsfall bei den Staatsanwaltschaften nachgefragt, ob die Waffe legal war oder nicht.

Eine exakte Wissenschaft ist das nicht. Denn die Behörden haben hier überhaupt keine Statistik parat. Weder das Statistische Bundesamt noch das Bundeskriminalamt erfassen, ob bei tödlichen Schüssen eine legale oder eine illegale Waffe verwendet wurde.

Es ist erstaunlich, auf welch dünner Grundlage in diesem Land öffentliche Debatten geführt werden.

Unser Ergebnis: Mindestens 27 Menschen starben im Jahr 2013 durch registrierte Schusswaffen – Selbstmorde ausgenommen. In 27 weiteren Fällen war die Waffe entweder illegal oder ihre Herkunft ist bisher ungeklärt. Die Hälfte der Schusswaffentoten im vergangenen Jahr war also Opfer legaler Pistolen, Revolver oder Gewehre.

55 Kommentare

  1.   Dr. Helmut Uhlarz

    Was soll diese „Information“?

    Auch legal zugelassene Waffen können töten.
    Wer wie viele Waffen hat, geht die Öffentlichkeit nichts an.
    Wer wie viele Autos hat, geht die Öffentlichkeit nichts an.
    Auch legal zugelassene Autos können töten.
    Wer wie viele Kettensägen hat, geht die Öffentlichkeit nichts an.
    Auch nicht angemeldete Kettensägen können töten.
    Wer wie viele Kochmesser und Hackebeilchen hat, geht die Öffentlichkeit nichts an.
    Auch nicht registrierte Kochmesser und Hackebeilchen können töten.
    Du liebe ZEIT, es ist wohl an der Zeit, dass ich mein jahrzehntelanges Abonnement beende. Die gleiche Information, wie die von “meiner” ZEIT,
    bekomme ich von einem anderen Blättchen preiswerter.
    Neueste Meldung: ZEIT-Redakteur tötet sich im Seifenschaum mit nicht angemeldetem Rasiermesser – ZEIT war dabei.

  2.   Schattenlose

    “ 5,5 Millionen legale Schusswaffen gibt es in Deutschland, sie sind verteilt auf 1,45 Millionen Besitzer. Wer wo wie viele hat, bleibt geheim. “

    Und das ist auch gut so – es sei denn es die Öffentlichkeit hat ein Interesse daran das die wenigen legalen Waffen (wenige im Verhältnis zu den angenommenen illegalen Waffen) auch noch zu illegalen werden.

    Sollten solche Daten je bekannt werden, so ist es wohl für für jeden Gauner ein leichtes sich eben einmal mit einem Überfall auf einen Legalwaffenbesitzer eine Waffe zu besorgen.
    Die Leute bewahren Ihre Waffen natürlich gesetzeskonform im Tresor auf, so das ein schlichter Einbruch für dieses Klientel nicht zielführend ist.
    Also müssen diese Leute schon mit Gewalt ran.

    Legalwaffenbesitzer sind ganz normale Bürger, die diesen Schutz auch brauchen.
    Scheinbar nicht nur Schutz vor Gaunern, sondern auch Schutz vor der ‚öffentlichen Meinung‘

    Einfach einmal nachdenken, bevor man Forderungen stellt die Menschen gefährden.

  3.   Frank Ostermann

    Man muss sich doch sehr darüber wundern, wie hier auf die hervorragende Arbeit der Autoren eingedroschen wird. Die Nerven bei einigen Waffenfreunden scheinen blank zu liegen. Ich sehe im Artikel nichts anders als neutrale Auflistung der Methodik und der Ergebnisse. Warum wird stattdessen so gepöbelt, anstatt sich über die Ergebnisse zu freuen, die anscheinend keinen Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und Opferzahlen erkennen lassen? Was methodisch problematisch ist: relative (Waffen pro Einwohner) mit absoluten (Todesfälle) Daten zu vergleichen. Da fehlt eine Normalisierung: Todesfälle pro Tausend Einwohner oder dergl. Da die Todesfälle räumlich gehäuft zu sein scheinen, könnte auch eine räumliche Cluster-Analyse interessant sein.

  4.   Nictoo

    „Die Hälfte der Schusswaffentoten im vergangenen Jahr war also Opfer legaler Pistolen, Revolver oder Gewehre“

    Davon waren allein 5 Jagdunfälle und Beziehungstaten werden ausgeführt. Egal mit welcher Waffe. Für mich ist auch dieser Artikel reine Polemik und nichts anderes.

    Ein Toter. Jagdunfall.
    Ein Toter. Beziehungstat.
    Zwei Tote. Beziehungstat mit anschließendem Suizid.
    Ein Toter. Jagdunfall.
    Zwei Tote. Geplanter erweiterter Suizid. Die Waffe war noch im Besitz, obwohl die WBK bereits eingezogen wurde.
    Ein Toter. Beziehungstat.
    Zwei Tote. Doppelsuizid.
    Ein Toter. Beziehungstat mit gestohlener legalen Waffe.
    Zwei Tote. Vermutlich Doppelsuizid eine Beziehungstat mit anschließendem Suizid.
    Drei Tote. Beziehungstat.
    Zwei Tote. Beziehungstat mit anschließendem Suizid.
    Zwei Tote. Beziehungstat mit anschließendem Suizid.
    Zwei Tote, davon einer erstochen, einer erschossen. Familienstreit/Beziehungstat.
    Drei Tote. Erweiterter Suizid.
    Drei Tote, davon zwei erschossen. Beziehungstat mit anschließendem Suizid.
    Ein Toter. Jagdunfall.
    Ein Toter. Jagdunfall.
    Zwei Tote. Beziehungstat/erweiterter Suzizid.
    Eine Tote. Beziehungstat/Unfall – konnte nicht ermittelt werden.
    Zwei Tote. Doppelsuizid/Sterbehilfe.
    Ein Toter. Sterbehilfe.
    Ein Toter. Langer Nachbarschaftsstreit.
    Ein Toter. Jagdunfall.
    Zwei Tote. Beziehungstat mit anschließendem Suizid.

  5.   Nictoo

    „… Wer wo wie viele hat, bleibt geheim…“

    Das geht auch niemanden was an. Ich finde die Forderung ansich schon unverschämt Herr Wiedmann-Schmidt.

  6.   lawgunsandfreedom

    Es dürfte eigentlich sattsam bekannt sein, dass die Anzahl der Waffen und die Anzahl des Waffenmissbrauchs nicht korrelieren. Nicht in Deutschland und auch nicht im Rest der Welt.

    Warum hier wieder mal das Gegenteil suggeriert werden soll, verstehe ich nicht. Hier mal ein Beispiel, wie die Realität aussieht:

    http://lawgunsandfreedom.wordpress.com/2013/10/26/statistik-waffendichte-vs-morde/

  7.   Beobachter

    Interessant, in NRW gibt es wenige Waffen, dafür ist die Kriminalität laut PKS hoch – in Bayern gibts viele Waffen und die Kriminalitärt ist niedrig.
    In Berlin wieder wenige Waffen und hohe Kriminalität laut PKS 2012 Seite 21.

    Sollte uns das etwas sagen?

  8.   Norbert Werner

    Hallo Herr Wiedmann-Schmidt,
    sie haben Post:
    Meine Auflistung habe ich eben übermittelt.
    Ich freue mich auf eine interressante Diskussion.

  9.   Wolf Wiedmann-Schmidt

    Lieber H.Herrmann,
    Ihre Rechnung kann ich nicht nachvollziehen – unter Straftaten fällt ja sehr, sehr viel. Wir haben wie im Text dargelegt gezielt nach allen Fällen gesucht, in denen Menschen 2013 durch Schusswaffen getötet wurden – und dann nachrecherchiert, ob dabei eine registrierte oder eine illegale Waffe zum Einsatz kam.

  10.   Reiner Hodler

    Man kann auch statistisch die Anzahl der Kühe pro Einwohner in Verbindung mit Einbruch-, Tötungs- oder Drogendelikten pro Einwohner setzen.Dabei wird man herausfinden das es dort wo viele Kühe sind, es wenig Kriminalität gibt (ländliche Gebiete bzw.- Landkreise). Also drängt sich doch der Schluss auf, das Kühe eindeutig Kriminalität verhindern – oder ? Also mehr Kühe für das Volk – gesetzlich verpflichtend!
    Dank der zwingenden EU- Ohrmarken liessen sich auch besonders „wirkungsvolle“ Kühe eindeutig identifizieren und statistisch in bunten Farben darstellen.

 

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