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Adressen der Berliner Arztpraxen sind ein Geheimnis

 

Die Adressen aller Arztpraxen in vier Städten zu besorgen, wie kompliziert kann das schon sein? Immerhin stehen sie in jedem Telefonbuch. In Hamburg, Köln und München war es auch kein Problem, für unser Projekt zur Praxisdichte von den zuständigen Stellen eine Liste aller Ärzte der jeweiligen Stadt zu erhalten. Es genügten einige Telefonate, dann schickten die Kassenärztlichen Vereinigungen ein entsprechendes Excel-Dokument per E-Mail.

Nur in Berlin weigerten sich Ärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung (KV) standhaft, die Adressen der niedergelassenen Ärzte herauszugeben. Beide berufen sich auf den Datenschutz. Von der Ärztekammer heißt es zusätzlich am Telefon, die Presse bekäme solche Daten “schon mal gar nicht”.

Wir stellten daher am 4. März an Ärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung einen Antrag nach dem Berliner Informationsfreiheitsgesetz und baten darum, uns die Daten in digitaler Form zu übermitteln.

Von der Ärztekammer hörten wir erst einmal gar nichts. Nach zwei Wochen fragten wir nach, was aus unserer Anfrage wurde, eine weitere Woche später kam die erste Reaktion. Von Datenschutz ist nun nicht mehr die Rede. Man sei nicht zuständig sondern allein die KV, heißt es in der E-Mail. Im Übrigen weise man darauf hin, “dass die von Ihnen erwünschte Information auf der Homepage der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin verfügbar ist (Arztsuche der KVB)”.

Angesichts der erklärten Open-Data-Strategie Berlins ist das ein befremdliches Verhalten. Ja, die Daten werden sowohl als kostenpflichtiges Buch „Der Arzt – Handbuch des Berliner Gesundheitswesens“ als auch als öffentliche Suche der KV und unter Ärzte-Berlin als Suche angeboten. Warum also nicht einfach ein Excel-Dokument verschicken, oder die Daten gleich für alle zum Download anbieten, wenn sie doch offensichtlich elektronisch vorliegen? Schließlich bedeutet Open Data auch, Daten zur weiteren Verarbeitung bereit zu stellen.

Vielleicht weiß die KV mehr? Die Kassenärztliche Vereinigung meldet sich immerhin eine Woche nach unserer Anfrage per Brief. Der Datenschutzbeauftragte der KV schreibt: “Für eine derartige Datenübermittlung von Informationen, die dem Sozialdatenschutz unterliegen, besteht keine Rechtsgrundlage und somit keine Übermittlungsbefugnis.”

Das Argument ist absurd. Die Daten haben keine datenschutzrechtliche Relevanz. Nicht einmal die Namen der Ärzte werden genannt. Es geht um die Adressen der Arztpraxen – also um eine durchaus wichtige Information für jeden Bürger, der sich krank fühlt.

Das sieht auch der Berliner Datenschutzbeauftragte so. Seine Sprecherin sagt, sie wisse nicht, was aus Sicht des Datenschutzes gegen eine Veröffentlichung sprechen solle.

Noch dazu, da diese Daten als Buch angeboten werden. Womit der Eindruck entstehen könnte, die Daten würden nur deshalb zurückgehalten, um das Geschäftsmodell des Verlages zu schützen. Der verlangt für jedes gedruckte Exemplar der Ärzteliste 53,50 Euro.

Nebenbei: Nach dem Berliner IFG Paragraf 4 Absatz 2 darf eine öffentliche Stelle keinen Vertrag mit einem privaten Anbieter schließen, der dem IFG entgegen steht. Die Daten können zwar verkauft werden, sie dürfen dadurch aber nicht für die Öffentlichkeit unzugänglich werden. So soll verhindert werden, dass Verwaltungen Geschäftsmodelle von Unternehmen schützen.

Aber auch die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit hat keine Handhabe gegen die Ärztevertreter. Man könne daran leider nichts ändern, lautet ihre Antwort. Zumindest lässt man im Senat durchblicken, dass man über das Verhalten nicht erfreut sei.

Die Geschichte hat leider kein happy end. Auch nach einem Monat haben sich die Berliner Ärztevertreter nicht bewegt. Der Berliner Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit prüft die Ablehnung unserer IFG-Anfrage. Ausgang unklar.

Wir haben die Berliner Praxisdaten letztlich gescrapt, also mit einem Programm automatisch aus der Website der Arztsuche ausgelesen. Genauso wie die Daten der Berliner Zahnärzte – deren Vertreter wollten uns zwar auch nichts schicken, meinten aber immerhin, sie hätten nichts dagegen, wenn wir die Datenbank selbst auslesen würden.

Damit andere das nicht wieder tun müssen, wenn sie eine Idee haben, wie sich diese Informationen noch sinnvoll einsetzen lassen, stellen wir sie hier in einem öffentlichen Googledoc zum Download bereit.

18 Kommentare

  1.   Knud Möller

    „Insofern halte ich es auch nicht für angebracht, wenn Medien sich indirekt darüber beschweren, dass ihnen die gewünschten Daten nicht auf dem Silbertablett serviert werden. Das hat nichts mit Informationsfreiheit zu tun, sondern einfach damit, dass man nicht erwarten kann, dass Andere einem die Arbeit abnehmen.“

    Eigentlich sollte man das in Berlin und anderen Orten, die sich Offene Daten auf die Fahnen geschrieben haben, sehr wohl erwarten! Die Autoren des Artikels verweisen ja schon auf die „Berliner Open Data Strategie“. Zusätzlich zitiere ich hier mal aus dem „Abschlussbericht der AG Open Data Berlin“:

    „Die im dritten Quartal 2011 gestartete Open-Data-Initiative des Landes Berlin wird fortgeführt. In der Bereitstellung öffentlicher Daten in maschinenlesbarer Form sieht die Landesregierung innovative Impulse für die Wirtschaft und vielfältige Anreize zur Entwicklung neuer nutzerfreundlicher Angebote für Bürgerinnen und Bürger.“ [1]

    Es ist also tatsächlich so, dass die Verwaltungen des Landes Berlin dem Bürger, den Medien, der Wirtschaft, etc. möglichst viel Arbeit beim Zugriff auf öffentliche Daten abnehmen sollten! Berlin ist mit seinem Open Data Portal [2] in diesem Bereich eigentlich schon erfreulich weit, und genau deshalb ist der Fall mit den Arztpraxen so ärgerlich.

    [1] http://daten.berlin.de/datensaetze/abschlussbericht-der-ag-open-data-berlin, S. 4
    [2] http://daten.berlin.de

  2.   Christine Becker

    Jede KV hat eine internetbasierte Suchfunktion „Arztsuche“, die für Berlin:
    http://www.kvberlin.de/60arztsuche/
    Da werden die kompletten Adressen veröffentlicht. Wenn Sie in der Suchmaske bestimmte Begriffe (z.B.“Akupunktur“ oder „Ernährungsmedizin“) eingeben, finden Sie sogar heraus, wer welche Möglichkeiten für Privatzahlerleistungen (IGeL) hat. Oder die Leistungen, die vom Land Berlin hinsichtlich ihrer Qualität geprüft werden.
    Frohes Weiterrecherchieren!

  3.   porph

    Was Sie beschreiben, ist leider eine generelle Schwierigkeit bei der Sekundärverwertung von eigentlich öffentlichen Daten.

    Es lässt sich eigentlich so zusammenfassen: Wer die Daten will, wird oft nicht drum herumkommen, sie sich selbst so zusammenzusuchen, wie er sie gerade braucht.

    Sprich: Das „scraping“ ist eigentlich Standard, da man einfach nicht davon ausgehen kann, dass einem jene Stellen, die für die Datenerhebung zuständig, aber nicht unbedingt an einer Sekundärverwertung der Daten interessiert sind (selbst wenn diese völlig legitim und ggf. sogar nützlich sein könnte), einem ohne weiteres zur Hand gehen.

    Und ja, natürlich können öffentlich zugängliche Daten in einer bestimmten Form kommerziell gebündelt werden.Man zahlt hierbei eben nicht für das Grundmaterial (das ja zugänglich ist), sondern für die Arbeit, die darinsteckt, das Material in eine Form zu bringen, die man selbst für nützlich erachtet. Also für eine Dienstleistung.

    Insofern halte ich es auch nicht für angebracht, wenn Medien sich indirekt darüber beschweren, dass ihnen die gewünschten Daten nicht auf dem Silbertablett serviert werden. Das hat nichts mit Informationsfreiheit zu tun, sondern einfach damit, dass man nicht erwarten kann, dass Andere einem die Arbeit abnehmen.

  4.   Blizzz

    P.P.S.: Ein Direktdownload in einem offenen Format (csv, ods) wäre am wunderschönsten.

  5.   Stelzig

    Warum muß ich mich für eine „öffentliche“ Liste wiederum bei einem doch dubiosen Webdienst Google, den ich nicht nutze, mit Daten erst anmelden ??? Auch Ihre „öffentliche“ Liste ist also auch nicht soooo öffentlich !!!

  6.   H. Strehl

    Ich weiß, im Artikel geht es nicht um das Gesundheitssystem an sich, aber mir drängte sich sofort folgender polemische Gedanke auf: Gesundheitssystem und Transparenz – das geht nicht, ist einfach eine Utopie.

    Pessimistische Grüße

  7.   Blizzz

    P.S.: Ich höre gerade, es geht ohne Account. Dann liegt das Problem daran, dass Google Cookies akzeptiert werden müssen, welche ich blocke…


  8. Die Daten zur Kaufkraft von der GfK haben demnach etwa 8000 Euro gekostet?

 

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