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Der Papst war hier…

 

Was die Wiederverwertung – heute sagt man Recycling – von Materialien betraf, so waren die Menschen in der DDR außerordentlich einfallsreich und geschickt. Mein Großvater bastelte aus Metallstäben und Muttern in stundenlanger Handarbeit Schrauben, die später bei den Nachbarn in Gartenschuppen und Zäunen Verwendung fanden. Als in den 1980er-Jahren neben anderem auch die Poppermode-Welle via Westfernsehen und -radio in die DDR hinüberschwappte, schneiderten geschickte Mütter ihren Söhnen und Töchtern aus Bettlaken oder ähnlichem Material schicke Karottenhosen. Und dass in den Schulen fleißig Altpapier für die Wiederverwertung gesammelt wurde, ist ja allgemein bekannt. Wobei Altpapier auch im Kapitalismus mittlerweile ein Rohstoff ist, für den man beim Sekundärrohstoffhändler fünf bis acht Cent pro Kilo erhält.

Wer jahrzehntelange Übung darin hat, Materalien aller Art einer mehr oder weniger sinnvollen Wiederverwendung zuzuführen, verlernt das auch nach Einführung der Marktwirtschaft nicht so schnell. Das beweist auf durchaus pfiffige Weise das Bistum Erfurt. Dessen Dombaumeister hat gemeinsam mit dem Christophoruswerk aus neun hellblauen Fahnen, die beim Besuch von Papst Benedikt XVI. im September 2011 in Erfurt und Etzelsbach neben den Gottesdienst-Tribünen standen, allerlei Alltagsartikel gebastelt. Zum Beispiel, berichtet der MDR, Laptop- oder Einkaufstaschen, Schutzumschläge für Bücher und Federmappen. Aus den neun Fahnen hat man immerhin rund 350 Einzelstücke gewinnen können, unter anderem 47 Shoppingbags und 30 Faltbeutel. Dass es sich wegen der begrenzten Menge an Ausgangsmaterial um eine „limited edition“ handelt, versteht sich von selbst.

Wie man einer Pressemitteilung des Bistums entnehmen kann, gibt es sogar eine – wohl nicht ganz ernst gemeinte – Idee für ein Label: „Papa hic fuit“, was übersetzt heißt: „Der Papst war hier“. Leider hat man dieses Label nicht auf die neuen Accessoires aufgedruckt. Man stelle sich nur vor, ein glücklicher Besitzer einer der Papst-Fahnen-Laptop-Taschen lässt das Gerät samt Tasche in einem Café stehen. Das gäbe eine Aufregung…

2 Kommentare

  1.   Siegfried Wittenburg

    „Als in den 1980er-Jahren neben anderem auch die Poppermode-Welle via Westfernsehen und -radio in die DDR hinüberschwappte, schneiderten geschickte Mütter ihren Söhnen und Töchtern aus Bettlaken oder ähnlichem Material schicke Karottenhosen.“

    Und als sie damit aufgehört haben, weil es ab 1990 schicke Klamotten in den Läden zu kaufen gab, niemand mehr selbst nähte bzw. nähen musste, ging anschließend das Nähmaschinenwerk „Veritas“ in Wittenberge pleite. 3.500 Menschen verloren ihre Arbeitsplätze und schieben heute noch die Schuld auf die Treuhand und den bösen Westen.

  2.   Siegfried Wittenburg

    „Was die Wiederverwertung – heute sagt man Recycling – von Materialien betraf, so waren die Menschen in der DDR außerordentlich einfallsreich und geschickt. Mein Großvater bastelte aus Metallstäben und Muttern in stundenlanger Handarbeit Schrauben, die später bei den Nachbarn in Gartenschuppen und Zäunen Verwendung fanden.“

    Genauso reden viele Ostdeutsche heute ihre Vergangenheit schön. Ich möchte die Mühen nicht herabwürdigen, aus Sch… Bonbons gemacht zu haben, gemacht haben zu müssen, aber welche Stücklohnkosten für eine Schraube, die in einem industrialisierten Land billig von einer Maschine hätte produziert werden müssen!

    Auch wenn ich kein Grovater bin, so habe ich noch 1987 Elektronik-Facharbeiterlehrlinge mit Abitur an alten Röhrengeräten aus den 60er Jahren ausgebildet, als es anderswo bereits leistungsfähige Schaltkreise gab. Wer einigermaßen die Welt im Blick hatte, konnte sich ausmalen, dass der „Sozialismus“ den Anschluss verpasst hatte und im Wettbewerb der Systeme bereits um mindestens ein Jahrzehnt zurücklag. Als „die heile Welt der Diktatur“ zusammenbrach, kam was kommen musste.

    Was das eigenhändige Basteln von Schrauben für den Kleingarten betrifft, so kann ich mir vorstellen, dass bei Fertigstellung derselben das Glücksgefühl größer gewesen sein könnte als die heutige Schnäppchenjagd im Baumarkt, was mir wiederum erklärt, dass viele Ostdeutsche weniger glücklich sind als Westdeutsche, weil sie diese glücklichen Bastelstunden vermissen und ich mich frage, warum sie es nicht trotzdem tun, mit anderen Worten: mehr Eigeninitiave entwickeln.

 

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