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„Dieser Zug hält nicht in Weimar“

 

Erfurt und Jena, die beiden größten Städte Thüringens, pflegen ein seltsames Verhältnis zueinander. Man könnte es als demonstrative Geringschätzung beschreiben. Die drückt sich unter anderem darin aus, dass der Jenaer – es gibt hier eine feine Unterscheidung zwischen Jenaer und Jenenser, die irgendwie mit Umständen der Geburt zusammenhängt, auf deren Details ich aber an dieser Stelle nicht eingehen will – die etwa 40 Kilometer entfernte Landeshauptstadt in aller Regel Vieselbach nennt. Das ist ein Dorf am Rand von Erfurt. In Erfurt wiederum spricht man mit spitzen Lippen von Stadtroda, wenn man Jena meint.

Welchen Ursprungs diese im Alltag herzlich gepflegte gegenseitige Aversion ist, kann man nicht so recht erklären. Dafür sind ihre Auswüchse für den Außenstehenden umso erstaunlicher. Dass die Anhänger der beiden Fußballklubs Carl Zeiss Jena und Rot-Weiß Erfurt einander hassen, versteht sich von selbst. Als beide Vereine noch in derselben Liga spielten, gab es deshalb zweimal pro Saison höchste Alarmstufe für die Polizei.

Auch im Alltag findet oder hört man immer wieder Beispiele dieser herzlichen Abneigung. In der Jenaer Innenstadt gibt es einen Imbiss, wo man ziemlich leckere Thüringer Rostbratwürste verkauft. Dazu wird Senf eines sächsischen Herstellers gereicht. Auf meine erstaunte Frage, warum man hier denn ausgerechnet sächsischen Senf zu einer Thüringer Bratwurst anbietet, wo es doch auch eine recht bekannte Senfmarke aus Thüringen gebe, wurde mir erklärt, diese werde in Erfurt produziert und sei daher für eine in Jena verkaufte Wurst undenkbar.

Ich kenne Leute, die berufsbedingt von Jena nach Erfurt umziehen mussten. Sie haben Monate gebraucht, bis sie sich das erste Mal mit ihrem Auto, das dank Meldepflicht nun ein Erfurter Kennzeichen hatte, nach Jena trauten – aus Angst, als Verräter angesehen zu werden. Natürlich erzählten sie und auch andere Bekannte Geschichten von Autos mit Erfurter Kennzeichen, denen in Jena die Außenspiegel abgerissen wurden und von Autos aus Jena, denen in Erfurt selbiges widerfuhr. Ob diese Geschichten alle der Wahrheit entsprechen? Ich weiß es nicht. Sicher aber sind sie Ausdruck der traditionell gepflegten Aversion.

Und dann gibt es noch Weimar. Die Stadt von Goethe und Schiller liegt genau in der Mitte zwischen Jena und Erfurt. Sie, beziehungsweise ihre Einwohner, werden eigentlich von ihren Nachbarn als ziemlich borniert empfunden. Das hat mit dem kulturellen Erbe von Goethe, Schiller und Co. sowie den Stätten der Hochkultur wie dem Deutschen Nationaltheater und dem Bauhaus zu tun. Darauf bildet sich die Weimarer Elite ziemlich viel ein und hält die Erfurter und Jenaer eigentlich für Banausen. Diese wiederum belächeln Aktionen der Weimarer Kulturmenschen wie etwa deren ziemlich skurrilen Protest gegen die weitgehende Abkoppelung der Stadt vom ICE-Netz vor etwas mehr als einem Jahr. Da stellten sich dann Politik- und Kultur-Verantwortliche der Stadt auf den Bahnsteig und ließen einen ICE an sich vorbeirauschen. Ein anderes Mal gaben ein paar Musik-Professoren ein Protest-Kammerkonzert im Bahnhofsgebäude. Die Bahn zeigte sich von diesen fein ziselierten Aktionen völlig unbeeindruckt. Aber das mag auch an dem ziemlich unansehnlichen Bahnhof von Weimar liegen, auf dessen Bahnsteigen große Schilder mit dem Schriftzug „Kulturbahnhof“ stehen. Das kann wirklich nur ironisch gemeint sein.

Sei es, wie es sei: Man pflegt also herzliche Aversionen gegeneinander. Ich habe einen Unternehmer in Erfurt kennengelernt, der mir im Gespräch über diese Aversionen erklärte – im Brustton der Überzeugung – seiner Gemahlin und ihm würde es nicht im Traum einfallen, etwa nach Weimar zu ziehen. Viel zu provinziell sei es da. Der Mann stammt übrigens aus Hessen. Ein anderer Erfurter, der Journalist und Autor André Kudernatsch, hat diese Aversionen in zwei Kolumnen-Büchern trefflich beschrieben. Der erste Band trägt den Titel Das Beste an Erfurt ist die Autobahn nach Jena und ist – dem Vernehmen nach – in Jena sehr gut angekommen, in Erfurt dagegen weniger. In diesen Tagen ist nun der zweite Band erschienen mit dem Titel Dieser Zug hält nicht in Weimar. Ob es einen dritten Band mit Geschichten über Jena geben wird, steht wohl noch nicht fest, ist aber anzunehmen.

Bohrt man aber etwas tiefer, so stellt man schnell fest, dass diese gegenseitige Abneigung der drei Städte eher witzig gepflegte Folklore ist. Zu Kultur- und Musikfestivals wie der Kulturarena in Jena, dem Spiegelzelt in Weimar oder den Domstufen-Festspielen in Erfurt fährt man selbstverständlich in die Nachbarstadt, ebenso zum Shopping, Kneipen- oder Restaurantbesuch. Im Grunde bilden diese drei Städte eine gewisse Einheit mit Erfurt als Landeshauptstadt, Weimar als Kulturhochburg und Touristenmagnet und Jena als Stadt der Studenten und Hochtechnologie. Offiziell will das natürlich niemand zugeben. Muss ja auch nicht sein. Ein bisschen Folklore braucht man schon.

31 Kommentare

  1.   Weimarer

    Der Artikel ist wirklich zum Schmunzeln, und als in Weimar Zugezogener finde ich vieles wieder, das mir hier begegnet – und ich gestehe, dass ich mich der nicht ganz ernst gemeinten Lokalkonkurrenz insbesondere zu Erfurt nicht ganz entziehe. Jena übrigens war anders als das preußische Erfurt stets Bestandteil des (Groß)Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, ob deswegen der Riss eher westlich von Weimar verläuft? Ich bin gerne Weimarer, finde Erfurt wunderschön und bin auch gern in Jena. Im übrigen fühle ich mich bezüglich des Themas hier ganz wie zuhause, schließlich bin ich mit der unüberbückbaren Konkurrenz zwischen Braunschweig und West-Peine (vulgo Hannover) aufgewachsen.
    Eine Bemerkung noch zum Schluss: Ausgerechnet in der Deutschlandkarte, die sich im ZEIT-Magazin am 2.5.2013 mit „Münsteranern“ und anderen „-anern“ beschäftigt, ist ein schwerwiegender Fehler unterlaufen. Die Bewohner Weimars sind Weimarer, während Weimaraner elegante Rassehunde (Typ Jagdhund) sind. Der einzige, dem die Weimarer es nicht übelnehmen, dass er sie als Weimaraner bezeichnete, ist – Goethe.

  2.   LOG LOG

    Ich bin Jenenser und bin in Erfurt hängengeblieben. Erfurt ist im Gegensatz zu Jena attraktiver. Man hat mehr Auswahl an allen möglichen dingen. Wenn man in Erfurt sagt, dass man in die Stadt geht, dann kann man einige Zeit etwas erleben.
    In Jena bedeutet das, dass man in gefühlten 3 Minuten das Stadtzentrum durchquert hat, um vom Holzmarkt in die Wagnergasse und anschließend vielleicht noch ins Grünowskie oder Theatercaffe zu gehen. Das war´s dann auch schon.

    Andererseits sind im allgemeinen die Leute von Erfurt, gerade EF Nord, von einem ganz anderen Schlag, der für Leute aus Jena oder Weimar alles andere als gebildet ist. Außerdem gibt es in Erfurt, explizit EF Nord viel zu viele Hund.
    Jeder Assi, von denen es da gefühlt sehr viele gibt, hält sich einen oder mehrere Drecksköter, die all Wege zuscheißen.

    Ich fahre jeden Tag von Erfurt nach Jena ins Büro. Dort arbeite ich mit mit Leuten aus Weimar zusammen.
    Ein oder zwei mal habe ich die Weimarer schon daran erinnern müssen, dass sie nicht kulturelle Mittelpunkt der Welt sind. Im allgemeinen begreift der Weimarer nur schwer, dass Weimar im Vergleich zu Städten wie Rom, Paris, London, …… trotz allem, kulturell sehr sehr bedeutungslos ist.


  3. Die Erfurter sind einfach nur neidisch auf Jenas großartige Entwicklung der letzten Jahre. Und Fußball spielen wir auch besser…

  4.   thuringia70

    wieso gehört Erfurt nicht zu Thüringen? du erzählst vielleicht ne Scheisse. Wenn die Stadt auch von Mainz und später dann von Preussen zwangsweise regiert wurde,steht die Stadt immer noch auf Thüringer Boden.Und wieso und von wem wird Erfurt verspottet und belächelt? Sicher nur von Volltrotteln


  5. Also, Herr Montag, reden Sie doch nicht so einen Senf! ;o)
    Die meisten Kommentare lassen mich amüsiert schmunzeln. Aber ihre dreiste behaputung über Erfurt MUSS man richtig stellen.
    Sie lesen nicht all zu oft Zeitung, oder? Hinweis zur Bewerbung Erfurts zum UNESCO-Weltkulturerbe mit den SCHUM-Städten, der jüdische Schatz, die Migwe, erste jüdische Gemeinde in der ehem. DDR, etc. sprechen doch eher was anderes (sh. http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Erfurt#Die_moderne_j.C3.BCdische_Gemeinde)

    Musste ich als Thüringer ma klar stellen…!
    Sonst lassen mich die Kommentare über meine Heimat schmunzeln – SCHÖN! :o)

  6.   Ebro

    Also, endlich mal ein extrem „hochwertiger“ Artikel!
    Hab bis vor Kurzem in Jena gewohnt, in Erfurt studiert und gewohnt, meine Freundin hat unsere Kinder bewusst in Weimar geboren, jetzt wohnen wir in Stadtroda und in Kahla starten wir auch schon mal mit dem Schlauchboot auf der Saale…
    Zu keiner Zeit hat sich mir oder Freunden von uns ein Problem daraus erschlossen. Wir konnten über den Artikel nur schmunzeln und hoffen, er vermittelt kein falsches Bild von Thüringen und den Neuen Ländern.

  7.   Leser

    Das kommt heraus, wenn man eine Anekdote zum Artikel aufpustet und den zu wichtig nimmt. Ich bin in Weimar geboren, habe in Jena studiert und arbeite in Erfurt. What’s up?

  8.   Lutz Granert

    @ rainer198: Genauso ist ist es, das trifft es vollkommen.

    @ Perdita Durango: Auch Köln und Düsseldorf sind provinziell gegen Hamburg oder München ;). Alles nur eine Sache des Blickwinkels und für mich als Jenenser finde ich das ganz und gar nicht – die Kultur hier ist nur eine andere.

    Insgesamt gilt aber: Toller Artikel! Nur eine Korrektur: Weimar kommt (zumindest für uns Jenenser/Jenaer) nicht ganz so schlecht weg wie dargestellt.

    Übrigens arbeite ich ganz in der Nähe vom Subventionsloch „Flughafen Erfurt-Weimar“ (der Name ist natürlich Bullshit) und beklatsche immer jeden Start und jede Landung, die ich mitbekomme, nicht ohne Genugtuung hämisch ;).

  9.   Mark

    Ach das ist doch alles nichts gegen Frankfurt ./. Offenbach

  10.   Hanfried

    Mich hat der Artikel amüsiert, er trifft vieles sehr genau, und die Rivalität dürfte auch abseits des Fußballs jeder kennen und spüren. Da Erfurter Minderwertigkeitskomplexe, es trotz Landeshauptstadtsbonus nicht zu einer Stadt von Bedeutung geschafft zu haben. Dort Jenaer Wut über Erfurts stete Bevorzugung seitens der Politik. Nur in der Beurteilung von Weimar irrt der Autor, die Stadt bildet eher einen angenehm neutralen Puffer. Ja, kürzlich wurde gar das Millionengrab No.1, der dauerbezuschusste Flugplatz Erfurt gar in Erfurt-Weimar umbenannt, um die Gunst des geneigten Passagiers zu gewinnen und ein wenig vom Glanz des dreimal kleineren Goethestädtchens zu erhaschen.

    P.S. Bei jedem echten Thüringer kommt grundsätzlich kein Senf aus der Landessubventionshauptstadt auf den Tisch und das erwarte ich auch von jedem ernstzunehmenden Bratwurststand. Es gibt ja schließlich auch noch Altenburg!

 

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