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Nummer 372 ist tot

 

Said al-Shihri, die Nummer Zwei der Al-Kaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel, ist durch eine US-Drohne getötet worden. Für die Terrorgruppe ist das ein schwerer Schlag.

Said al-Shihri, dessen Tod Al-Kaidas Filiale auf der Arabischen Halbinsel nunmehr und nach monatelangen Spekulationen offiziell bestätigt hat, war der prominenteste Vertreter einer ganz speziellen Untergruppe von Al-Kaida-Terroristen: Er war schon vor dem 11. September 2001 ein Dschihadist gewesen, war danach festgenommen worden und hatte mehrere Jahre im US-Gefangenenlager Guantánamo verbracht; als er 2007 von den USA in sein Heimatland Saudi-Arabien überstellt wurde, bestand die Hoffnung, dass er entweder dem bewaffneten Kampf abschwören würde, oder dass zumindest die saudischen Sicherheitsbehörden ihn im Blick behalten würden.

Beide Hoffnungen trogen: Als Al-Kaidas Filiale auf der Arabischen Halbinsel (sprich: in Saudi-Arabien und im Jemen) aus den Trümmern der dezimierten Dependence in Saudi-Arabien wiedererrichtet wurde, erlangte al-Shihri sehr bald eine Schlüsselstellung.

Dass sein Aufenthalt in GITMO, wie Guantánamo im Militärsprech heißt, dabei eine Rolle spielte, erklärte er selbst in einer Art Aufsatz in einem Online-Magazin Al-Kaidas im Jahr 2010: „Vor meiner Gefängniszeit dachte ich, es müsste auch in den Amerikanern wenigstens einen Bodensatz an Menschlichkeit geben… Aber nachdem ich direkt mir ihnen zu tun hatte, bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass die Menschheit sich schützen muss, indem sie die Amerikaner bekämpft, denn sie sind Feinde der Menschheit.“

Shihri, der in GITMO einst die Nummer 372 trug, gehörte ohne Zweifel zur Führungsspitze der Kaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP). Er tauchte in Reden und Videos auf, er war mit Gewissheit an strategischen Entscheidungen beteiligt.

Sein Tod (der irrtümlich bereits mehrfach verkündet worden war) ist folglich ein Schlag für die Terroristen. Shihri war schon vor 9/11 ein Verbündeter Osama Bin Ladens; es gibt nicht mehr so viele aktive Kaida-Kader mit derartiger Vorgeschichte, die sich ja letztlich in soziale Währungen wie Einfluss, Erfahrung und Rekrutierungspotenzial übersetzen lässt.

Andererseits, und das ist der Hauptaspekt dieses Blog-Posts, halte ich wenig davon, nach einem solchen Ereignis einfach einen Namen von einer Liste zu streichen und dann zu sagen: Wieder einen Big Shot erwischt, Al-Kaida stirbt aus, keine Frage! Ich glaube, dass das deshalb wenig Sinn ergibt, weil wir zu wenig Einblick darin haben, welche möglicherweise mittlerweile entscheidenden Figuren in der Zwischenzeit wichtige Posten erklommen haben. Tatsächlich geht die Gleichung ganz anders: Jedes Mal, wenn einer derjenigen Terroristen ums Leben kommt, die „wir“ (Terrorexperten, Fachleute, informierte Öffentlichkeit, Nachrichtendienste) „kennen“ (in dem Sinn, dass wir etwas über sie wissen: ihre Vorgeschichte, Veröffentlichungen, etc.), ergibt sich in Wahrheit ein anderes Problem, nämlich dass der „devil that we know“ ziemlich sicher durch einen „devil that we do not know“ ersetzt wird.

Mit anderen Worten: Einer Sicherheit (Shihri = AQAP‘s Nummer Zwei) folgt eine Unsicherheit (AQAP hat eine neue Nummer Zwei, die wir nicht kennen, ODER AQAP hat keine neue Nummer Zwei), die uns jede Art der Einschätzung schwerer macht.

Dasselbe Phänomen gilt für die Zentrale Al-Kaidas. Fast alle entscheidenden Führer sind in denen vergangen vier bis fünf Jahren festgenommen oder getötet worden; einige Analysten schließen daraus, Al-Kaida sei so gut wie besiegt. Ich neige zu einer anderen Ansicht. Ich glaube: Wir wissen gar nicht mehr, was das bedeutet. Wir können nicht einschätzen, ob Al-Kaida in der Lage ist, diese Löcher zu schließen oder nicht. Wir wissen, wenn wir ehrlich sind, heute weniger über Al-Kaida als vor fünf Jahren.

Das klingt paradox. Aber ich habe das in den letzten Jahren ein paar Mal auf Terrorkonferenzen getestet. Indem ich zum Beispiel gefragt habe: Gibt es hier irgendjemanden, der in der Lage ist, mir Kurzporträts der zehn wichtigsten Al-Kaida-Führer von auch nur je zwanzig Zeilen Länge zu schreiben? Niemand kann das; und wer etwas anderes behauptet, macht sich wichtig. Genau das war vor sechs Jahren anders. Da waren Leute am Ruder, die „wir“ kannten.

Dieser Punkt ist mir wichtig. Sich mit einer Sache auszukennen, bedeutet nicht, alles zu wissen, sondern auch benennen zu können, wo die blinden Punkte liegen.

In diesem Sinne gilt: Der Tod von al-Shihri ist mit Gewissheit ein Verlust für AQAP, schon weil enorm viel Erfahrung und „institutional memory“ verloren gegangen ist. Aber wie schwer der Verlust wirklich ist, und ob AQAP ihn ausgleichen kann: Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich jedem misstraue, der darüber eine schnelle und angeblich eindeutige Antwort parat hat.

30 Kommentare

  1.   Meier3

    Immerhin dürfte Al-Kaida durch den Verfolgungsdruck vornehmlich mit dem eigenen Überleben und Verstecken beschäftigt sein – statt zu Terrorisieren.

    Anderseits weiß niemand, wie viele Menschen durch diese Drohnenpolitik radikalisiert werden.


  2. Warum immer dieses Töten? Wäre er bei unseren amerikanischen Freunden
    in Guantánamo freundlich behandelt worden. Könnte ich mir vorstellen wäre sein Hass erloschen? Man erwartet nun mehr Ruhe. Schön wäre es. Nehme mal an der Hass auf die Amerikaner und Europäer wird noch größer werden.

  3.   Ralf

    Zitat aus Ihrem Post:

    „Dass sein Aufenthalt in GITMO, wie Guantánamo im Militärsprech heißt, dabei eine Rolle spielte, erklärte er selbst in einer Art Aufsatz in einem Online-Magazin Al-Kaidas im Jahr 2010: “Vor meiner Gefängniszeit dachte ich, es müsste auch in den Amerikanern wenigstens einen Bodensatz an Menschlichkeit geben… Aber nachdem ich direkt mir ihnen zu tun hatte, bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass die Menschheit sich schützen muss, indem sie die Amerikaner bekämpft, denn sie sind Feinde der Menschheit.”“

    Merken Sie nicht, dass hier etwas schief läuft? Merken Sie nicht, dass Bezeichnungen wie „devil“ und der Glückwunsch zum Tod eines Menschen genau das sind, was unsere westliche Zivilisation von der Menschlichkeit entfernt?

    Sie verlieren kein Wort darüber, wieviele Menschen durch Angriffe auf fremde Länder getötet wurden. Sie verlieren kein Wort darüber, dass das nicht nur selbst nach unseren Standards illegal ist. Sie verlieren kein Wort darüber, dass töten falsch ist – denn wir haben nicht das Recht zu bestimmen, wer „gut“ und wer „böse“ ist.

    „Gut“ sind wir* auf jeden Fall nicht.

  4.   FV

    Die USA glaubt hoffentlich nicht ernsthaft selbst daran, dass eine Haft auf Guantánamo einen gewaltbereiten Menschen dazu bringt, der Gewalt gegen den Westen/USA abzusagen?!

  5.   Han

    Sich der Al-Kaida zu unterwerfen scheint mir die schlechtere Alternative. Die Maßnahmen des Westens scheinen meiner Ansicht nach zu wirken. Also gut organisierte Anschläge wie 09/11, Madrid, London, etc. gab es sehr lange nicht mehr. Gut, das einer mehr weg ist!


  6. „Hoffnungen“ nennen Sie das? Nachdem die USA einen Menschen entführen, foltern, und dann mit einer Drone umbringen, weil diese „Hoffnung“ nicht erfüllt wurde??

    Nein, „the devil that we (should) know“, das sind „wir“.


  7. Hervorragende Arbeit der Amerikaner, besser geht´s doch nicht. Jeder, der sich in diesem Verbrecher-Netzwerk nach oben gearbeitet hat weiß jetzt: Bald droh(n)t mir Unheil von oben. Gut so!


  8. >> Nummer 372 ist tot <<

    Bitte, was? Soll durch die Nummerierung mal eben "weg-abstrahiert" werden, dass es sich immer noch um einen Menschen handelt?

  9.   Dr. Albert Wittine

    Erneut ein ungeheuerlicher Gewaltakt, eine ruchlose Mordtat. Der letzte Widerstand gegen den weltweit agierenden monopolkapitalistischen Westen, die Herrschaft Goldman-Sachsonias, wird von den Muslimen geleistet. Obama, der „Friedensnobelpreistraeger“, ist schlicht und einfach ein Kriegsverbrecher. Es ist eine Tatsache, dass nicht der amerikanische Waehler sondern die Corporations die Politik der USA bestimmen. (Das war zwar schon immer so, aber nicht in diesem Ausmass!) Falls irgendwelche Rohstoffe billig benoetigt werden, z.B. billiges Oel, fuehren Praesident und Congress notwendige Kriege in der Dritten Welt. Das Ganze wird dann mit einer rhetorischen Kampagne fuer Frieden unterlegt. Die terroristischen USA haben im uebrigen „die Terroristen“ selbst geschaffen. Man brutalisierte eine ganze Generation Afghanen und toetete im „Kampf gegen den Kommunismus“ mal einfach so 2 Millionen Menschen. Dieses widerwaertige imperialistische Verhalten hat eine lange Geschichte. In den fuenfziger Jahren putschte man die iranische Regierung aus dem Amt, nachdem diese die Oelindustrie verstaatlichen wollte. Mit gewaltigen PR – Kampagnen versucht man die Oeffentlichkeit zu ueberzeugen, dass die Taliban und Al-Kaida den Westen angreifen wollen, um uns alle zu Muslimen zu machen. Die Widerstandskaempfer werden als tollwuetige Hunde dargestellt, die ausgerottet warden muessen. In diese Richtung geht uebrigens auch der hier vorliegende Artikel. Man hat eigentlich genug von diesem Schwachsinn, aber er wird staendig wiederholt.


  10. Genau dass ist das gefährliche: Wir kennen unseren Feind nicht. Sobald man einen braucht, wird einer generiert.

    Guantanamo steht ziemlich unter Druck.

    Die Drohnen stehen nicht in einem guten Fokus, da viele zivile Tote.

    Da macht sich, so ein nicht rehabilitierer Ex-Häftling, den man zum Glück anhand Drohnen wegbomben konnte, sehr gut.

 

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