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Was die Terrorwarnungen (nicht) bedeuten

 

Es kommt nicht häufig vor, aber es kommt vor, dass sich Hinweise auf möglicherweise bevorstehende Terroranschläge derart verdichten, dass ein Land öffentlich Alarm schlägt. Im Herbst 2010, nach mehreren Anschlagsdrohungen Al-Kaidas, war es Deutschland, jetzt sind es die USA. 19 diplomatische Vertretungen in der islamischen Welt werden vorsorglich geschlossen. Zugleich betonen Politiker und Geheimdienstler in den Nachrichtensendungen, wie ernst die Warnungen zu nehmen seien.

Berichten seriöser US-Medien zufolge (eine aktuelle, gute Zusammenfassung findet sich zum Beispiel hier) hat vom US-Geheimdienst abgefangene Kommunikation zwischen Al-Kaida-Führern die Warnung ausgelöst. Sie hätten anscheinend eine mehr oder weniger bald bevorstehende Attacke auf amerikanische oder westliche Ziele diskutiert.

Andere Aspekte kommen hinzu:

  • Vor wenigen Tagen veröffentlichte Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri eine Ansprache, in der er zur Gewalt in Ägypten aufrief. Der verheerende Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi im September vergangenen Jahres hatte sich kurz nach einer Sawahiri-Rede ereignet.
  • CNN zufolge ist der Chef der Al-Kaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel (Aqap), Naser al-Wuhayshi alias Abu Basir, von al-Sawahiri zu einer Art Nummer zwei im Terrornetzwerk befördert worden. Aqap hat bereits mehrfach versucht, im Westen zuzuschlagen. Die Gruppe verfügt definitiv über das dazu notwendige Wissen, und einige Geheimdienstanalysten befürchten offenbar, dass es eine Art Beglaubigungsanschlag aus Anlass von Wuhayshis Beförderung geben könnte.
  • Aqaps Chef-Bombenbauer al-Asiri soll zuletzt mehrere Schüler ausgebildet haben.
  • In den vergangenen Wochen sind in gleich mehreren Ländern etliche, vielleicht Hunderte Al-Kaida-Kämpfer entflohen.
  • Der Fastenmonat Ramadan nähert sich seinem Ende. Einige Dschihadisten erachten diese Zeit als besonders angemessen für den Märtyrertod.

Zusammen ergibt das eine bedrohliche Mischung. Aber es passt nicht alles zueinander. Das Bild ist diffuser, als man meinen könnte, wenn man die Presseberichterstattung studiert.

So berichtete CBS zum Beispiel am Wochenende, es sei bekannt geworden, dass die Attentäter nunmehr ausgewählt worden seien; in anderen Medien hieß es übereinstimmend, das befürchtete Ausmaß der mutmaßlich geplanten Attacke bewege sich in den Dimensionen des 11. September 2001 oder doch zumindest des 2006 verhinderten Versuches, mehrere Transatlantikflüge gleichzeitig zum Absturz zu bringen.

Das ist schwierig miteinander in Einklang zu bringen. Aus der Planungsgeschichte von Terrorvorhaben dieser Größenordnung wissen wir zum Beispiel, dass die Attentäter Monate vorher ausgesucht wurden. Was hier wirklich stimmt, was Hörensagen ist und was Interpretation, bleibt einstweilen offen.

Zugleich gibt es in der Berichterstattung und in den Äußerungen von Geheimdienstlern und Politikern eine gewisse Verengung auf eine vermutete Aqap-Drahtzieherschaft. Die wäre zwar wahrscheinlich, denn Aqap ist zweifellos die schlagkräftigste Al-Kaida-Filiale. Das heißt aber keineswegs, dass nur Aqap infrage kommt.

Nehmen wir etwa die Kaida-Filiale in Nordafrika, Aqmi: Sie ist zwar zerstritten, verfügt aber über erfahrene Kader und ist finanziell gut ausgestattet. Und sie hat bereits vor Jahren gedroht, in Europa zuzuschlagen. Dass das bisher nicht geschehen ist, muss nicht bedeuten, dass sie es nicht kann.

Sogar Al-Kaidas Dependance im Irak und in Syrien (AQI) käme infrage. Ebenso weitere Gruppen, die gelegentlich mit Al-Kaida kooperieren. Es ergibt jedenfalls wenig Sinn, nur Gruppen als potenzielle Drahtzieher zu benennen, die bereits Anschläge im Westen geplant oder durchgeführt haben – irgendwann ist ja immer das erste Mal, Beispiel dafür sind etwa die pakistanischen Taliban (TTP), denen niemand internationale Ambitionen nachsagte, bevor sie 2010 eine Autobombe am New Yorker Times Square platzierten. Was ich damit sagen will: Das wahrscheinlichste Szenario ist nicht immer mit großem Abstand das wahrscheinlichste.

Dass die USA insbesondere ihre diplomatischen Vertretungen zu schützen versuchen, ist nachvollziehbar: Sie sind häufig Ziel von Anschlägen. Bengasi 2012 ist nur ein Beispiel, das eindringlichere sind die simultanen Bombenanschläge auf die Vertretungen in Nairobi und Daressalam 1998.

Ungewöhnliche Offenheit

Der Zusammenhang zu der aktuell aufgefangenen Kommunikation ist allerdings nicht ersichtlich, jedenfalls nicht auf der Grundlage bisher bekannt gewordener Informationen. Gut möglich, dass die USA an dieser Stelle vorsorglich handeln und gar nicht wissen, gegen welche Art von Ziel der mutmaßliche Anschlag sich richten soll.

Die Informationen halten die USA trotzdem für derart wichtig, dass sie damit an die Öffentlichkeit gegangen sind. Das ist ungewöhnlich, vor allem im Zusammenhang mit der Information, dass die Warnung auf abgefangener Al-Kaida-Korrespondenz beruht. Wenn Geheimdienste auch nur punktuell dazu in der Lage sind, behalten sie das normalerweise tunlichst für sich. Nichts ist einfacher für Al-Kaida und andere Gruppen, kompromittierte Kommunikationswege zu ändern.

Warum also dieses Ausmaß an Offenheit? Ich sehe drei mögliche Erklärungen: Entweder die Gefahr wird wirklich für außerordentlich ernst erachtet, oder der Kommunikationskanal ist bereits obsolet, oder es ist eine Panne.

Alles nur ein Bluff?

Einige werden einwenden, es gebe noch eine vierte Möglichkeit: Das ist alles nur ein Bluff, der Nutzen der NSA soll künstlich betont, vom Skandal um die massenhafte und umfassende Ausforschung von unverdächtigen Personen abgelenkt werden! Das ist ein verlockender Gedanke. Aber ich teile ihn nicht. Er missachtet, dass die NSA in den USA nicht einmal ansatzweise so heftig kritisiert wird wie derzeit in Deutschland. Sie hat es schlicht nicht nötig, sich zu rechtfertigen. Viel wichtiger in der öffentlichen Debatte ist in den USA nach wie vor der Angriff auf das Konsulat in Bengasi, bei dem der Botschafter und drei weitere Diplomaten starben.

Schließlich ein letzter Punkt: Wie werden die Terroristen auf die öffentlichen Warnungen reagieren? Eine naheliegende Vermutung wäre: Sie stellen ihre Planungen erst einmal ein. Und nehmen sie erst wieder auf, wenn sie das Gefühl haben, es wird weniger genau hingeschaut. Geduld, das betont Al-Kaida in ihren Schriften immer wieder, sei eine der vornehmsten Tugenden eines Gotteskriegers. Dieses Zusammenspiel könnte auf Folgendes hinauslaufen: Je klarer die Hinweise, desto deutlicher die Warnung – und desto unwahrscheinlicher ein Anschlag (zum vorhergesagten Zeitpunkt). Eine Art geheimdienstliche Unschärferelation mithin: Der beobachtete Gegenstand verändert sich durch die Beobachtung.

Zusammengefasst: Es gibt ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass Al-Kaida derzeit an einem größeren Anschlagsplan gegen ein oder mehrere westliche Ziele arbeitet. Konkreteres ist bisher nicht bekannt. Man könnte jetzt natürlich sagen: Das wussten wir doch vorher schon! Aber ganz so lapidar ist es doch wieder nicht, wenn wirklich entsprechende Kommunikation mitgeschnitten wurde. Das würde Schutzmaßnahmen rechtfertigen, und, je nach Inhalt, den ich natürlich nicht kenne, vielleicht auch öffentliche Warnungen. Die bekannt gewordenen Informationsschnipsel sind jedoch bei genauerer Prüfung vor allem unspezifisch. Die Warnung besagt jedenfalls nicht, wie man derzeit beim Zeitunglesen denken könnte, dass Aqap US-Vertretungen im Nahen Osten angreifen will. Das kann der Fall sein. Aber im Grunde besagt sie bloß: Irgendjemand plant irgendetwas und glaubt, dabei irgendeine Art von Fortschritt erzielt zu haben.

Ob das ein Grund zur gesteigerten Beunruhigung ist, muss jeder selbst entscheiden.

21 Kommentare

  1.   Göhan

    Wenn die USA den Verdacht haben das etwas passiert, und die Alkaida wartet laufen sie Gefahr das die USA herrausbekommt was sie vorhaben und es so schon vorher vereiteln können bevor sie es überhaupt Versuchen. Könnte also auch das ganze Beschleunigen.

    Warum erst warten bis es in den Staaten ein Thema wird wenn man vorbeugen kann? Und vielleicht kann man die Deutschen damit auch beeinflussen wäre doch im Sinne einer guten Verständigung.

    Im Grunde weiß niemand irgendwas, und wirklich etwas machen kann man nicht daher ist es für mich eine simple und unnötige Terrorpanikmeldung.

  2.   Hokan

    Wir wissen gar nichts. Weder irgendetwas ueber die behaupteten Hinweise noch etwas ueber Absichten der US-Dienste samt der von ihnen abhaengigen US-Regierung. Nicht das geringste ausser ihren Aeusserunqen und auffallend dramatisierten Botschaftsschliessungen. Nichts ausser dem dramatischen Vertrauensverlust von NSA samt britischem Bruder – und dies nicht nur im westlichen Ausland sondern auch beginnend in den eigenen Laendern. Nichts ausser den stets widerlegten Abwiegelungen von BND und Bundesregierung in puncto eigener Taetigkeit. Nichts wissen wir ausser der Dauererfahrung, belogen zu werden.

    Der Gedanke, dass hier NSA und US-Regierung auch Regie fuehrt in eigener Sache ist durchaus naheliegend. AUCH. Denn widerlegen kann von uns niemand die dramatisierte Bedrohungslage. Doch nichts scheint mir berechtigter als AUCH Public Relation der besonderen Art anzunehmen.


  3. Meine Theorie: auch die Terroristen wissen jetzt mehr über ihre Überwacher und führen sie an der Nase herum. Ich schätze, davon kommt noch mehr. Ist schließlich einfacher am Telefon über große Anschlagspläne zu plaudern als sie tatsächlich vorzubereiten.

  4.   Ein Zweifler

    Wir war das noch mit den Massenvernichtungswaffen im Irak? Auf Basis dieser Lüge haben die USA einen Krieg begonnen.

    Erinnert sich noch jemand an die „Brutkastenlüge“ Auch im Vorfeld des Irak-Krieges?
    http://de.wikipedia.org/wiki/Nijirah_al-Sabah

    Die Annahme, die Terrorwarnungen wären nur inszeniert, um das angekraste Image der NSA im Ausland aufzupolieren, finde ich alles andere als abwegig!

    Im Gegenteil: Dass Al-Kaida-Mitglieder per Handy oder gar per unverschlüsselter Mail Anschläge planen, das zu glauben, fällt mir deutlich schwerer.


  5. „Einige werden einwenden, es gebe noch eine vierte Möglichkeit: Das ist alles nur ein Bluff, der Nutzen der NSA soll künstlich betont, vom Skandal um die massenhafte und umfassende Ausforschung von unverdächtigen Personen abgelenkt werden! “

    Diese Vermutung hat durchaus eine Berechtigung. Denn, sollte in irgend einem Land ein Anschlag auf US-Einrichtungen verübt werden, so braucht man die Botschaft um den Leuten zu helfen. Wird beispielsweise ein Anschlag auf eine Hilfsorganisation verübt, an was soll man sich denn wenden, wenn nicht an die Botschaft?

    Also im Falle eines Anschlages ist die Botschaft zu, das ist nicht logisch. Dafür ist die Botschaft doch da, also bei erhöhten Anschlagsrisikos muss das Botschaftspersonal verstärkt werden. Angehörige rufen an und wollen zB Auskunft, oder eben Hilfesuchende.

    Die Botschaften selbst sind immer Bedroht, die kann man ja nicht in 100 Ländern ständig schließen.


  6. Ich finde, Sie beachten nicht die Tatsache, dass ein solcher Alarm nicht nur die USA innerhalb der Landesgrenzen in Bewegung setzt, sonden auch in Europa, sprich, in der gesamten westlichen Welt für Panik sorgt.

    Demnach kann das Ganze sehr wohl von der NSA-Thematik ablenken. Auch wenn die Kritik in den Staaten nicht vergleichbar ist mit jener woanders.
    Immerhin war der Aufschrei ansonsten überall groß, auch hierzulande.

  7.   TomFynn

    Was die Terrorwarnungen bedeuten?

    Sie bedeuten, dass da Nebelkerzen gezündet wurden, um von der Bespitzelung durch die NSA abzulenken.

  8.   k00chy

    Das alles ist lächerlich. Terrorismuswarnungen sind immer Terror an sich.


  9. „Sehr verehrte Damen und Herren, Irgendjemand plant irgendetwas und glaubt, dabei irgendeine Art von Fortschritt erzielt zu haben.“

    Genauso sollten die aktuellen Pressekonferenzen zu diesem Thema im Weißen Haus beginnen,…


  10. Ein guter sachlicher Bericht zu diesem Thema, der diese Bezeichnung verdient, und im mitunter krassen Gegensatz zu der allgemeinen deutschen NSA-fokusierten Aufregung steht. Man wünscht sich mehr Journalismus auf diesem Niveau.

    CNN berichtete ebenfalls heute, dass während eines hochrangigen jemenitischen Regierungsbesuchs letzter Woche in Washington Jemen ebenfalls vor Terroranschlägen warnte. Dieses kommt, auf dieser politischen Ebene, nicht zu häufig vor, und sollten sich die Warnungen der jemenitischen Dienste mit denen der amerikanischen zusätzlich decken, kann man sich gut vorstellen dass, vor dem Hintergrund Bengasis, die USA hier vorsichtig reagieren, was verständlich und im Sinne der Botschaftsangehörigen und derer Familien verantwortlich und korrekt ist.

 

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