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Die aktuelle Lage im Irak (1)

 

Dieses wird das erste von voraussichtlich einer ganzen Reihe ähnlicher Postings. Ich glaube nämlich, dass es sinnvoll ist, jeden Tag in Kürze zusammenzufassen, welche der sich überschlagenden Meldungen aus dem Irak bestätigt sind und welche nicht, welche vermutlich Gerüchte sind und welche eine Grundlage haben könnten. Von Yassin Musharbash

Was hat Isis in Mossul erbeutet?

Vor allem über Twitter verbreiten Dschihadisten Unmengen von Fotos angeblicher Beute aus der Übernahme der Stadt Mossul im Nordirak Anfang der Woche. Es ist schwer zu verifizieren, dass es sich bei den Absendern wirklich in jedem Fall um Teilnehmer an der Schlacht handelt, aber in diesem Fall lässt die schiere Menge an ähnlichen Bildern eine gezielte Desinformationskampagne unwahrscheinlich erscheinen. Ich gehe davon aus, dass zumindest das Folgende als gesichert gelten kann: Isis hat in Mossul eine größere Anzahl Militärfahrzeuge erbeutet, darunter auch Panzerfahrzeuge. Aktuelle Bilder zeigen, wie diese Fahrzeuge bewegt werden, die Dschihadisten behaupten: über die Grenze nach Syrien, um dort die Kampfanstrengungen von Isis zu unterstützen.

Immer wieder wird auf dschihadistischen Websites, aber auch in arabischsprachigen Online-Medien behauptet, Isis seien mehr als 400 Millionen US-Dollar in bar in die Hände gefallen. Es gibt ein Bild, das einen riesigen Stapel Bargeld zeigt und angeblich von der Einnahme Mossuls stammt. Aber das hat keine Beweiskraft. Tatsächlich gibt es für die Behauptung, es sei Geld in solchen Größenordnungen erbeutet worden, keinen Beleg. Es gibt angeblich eine Aussage eines irakischen Offiziellen, die das zu bestätigen scheint. Aber auch diese Aussage hat nicht die Kraft einer unabhängigen, überprüfbaren Bestätigung. Es bleibt daher einstweilen unklar, ob und wenn ja wie viel Geld Isis erbeutet hat.

Sicher ist hingegen, dass Isis in Mossul den zivilen und wohl auch einen militärischen Flughafen übernommen hat. Am Anfang wurde behauptet, dabei seien Black Hawk-Helikopter erbeutet worden. Dafür fehlt jeder Beweis. Zumal die irakische Armee (nach Aussage mehrerer Experten) über keine Black Hawks verfügt. Dschihadisten stellten aber zahlreiche Bilder von anderen Hubschraubern ins Netz. Gut möglich, dass das stimmt. Auf einer wichtigen dschihadistischen Website wurde am Donnerstagmorgen behauptet: „Wir bestätigen, dass die ersten Flugzeuge, die Isis übernommen hat, einen Testflug absolviert haben.“ Das riecht allerdings nach Propaganda. Es ist jedenfalls nicht bekannt, dass es überhaupt Piloten bei Isis gibt.

Wurden Gefangene freigelassen?

Ja. Es gibt Fotos, die freigelassene Gefangene in Mossul und an anderen Orten zeigen. Es handelt sich zumindest zum Teil offenbar um solche Gefangene, die unter Terrorverdacht standen oder wegen Terrors verurteilt wurden (was im Irak nicht immer dasselbe heißen muss wie in einem funktionierenden Rechtsstaat!). Nach Isis-Angaben sind es weit über 1.000 Gefangene, die freigelassen wurden. Das lässt sich nicht ohne Weiteres verifizieren. Aber die Angaben deuten daraufhin, dass ganze Gefängnisse geöffnet wurden. Es könnten also wirklich viele Freigelassene sein.

Wie hat die irakische Armee reagiert?

Ziemlich sicher stimmen die Berichte, nach denen die Armee zumindest in Mossul die Stadt mehr oder weniger kampflos den Dschihadisten übergeben hat. Es gibt Bilder, die ausgezogene Uniformen am Straßenrand zeigen, darüber hinaus Fotos aus übernommenen Polizei- und Armee-Checkpoints mit zurückgelassenen Dokumenten, die auf einen hastigen Rückzug deuten. Auch aus anderen Städten, vor allem Tikrit, wurde berichtet, dass die Regierungssoldaten sich zurückgezogen haben, statt zu kämpfen. Auch heute sollen wieder Soldaten desertiert sein.

Es gibt aber auch Bilder von durch Isis-Kämpfer getöteten und übel zugerichteten Regierungssoldaten, punktuell kam es also offenbar zu Kampfhandlungen – oder auch zu Morden, falls die Soldaten sich zuvor ergeben haben sollten. Die Kommentare der Dschihadisten lassen diese Möglichkeit offen, denn sie schreiben sehr deutlich darüber, dass die Soldaten aus Rache sterben mussten.

Dschihadisten behaupteten am Donnerstag, über 100 irakische Regierungssoldaten hätten sich Isis angeschlossen. Dafür fehlt aber jede unabhängige Bestätigung. Es könnte sich um Propaganda handeln.

Unbestätigt, aber nicht unwahrscheinlich sind Berichte, dass Isis am Donnerstagmittag mit einigen Kämpfern 90 Kilometer vor Bagdad stand. Am Tag zuvor waren sie in Tikrit, das 150 Kilometer von der Hauptstadt entfernt liegt. Mehrere Isis-Führer haben zudem angekündigt, es werde einen Sturm auf Bagdad geben. Aber taktisch scheint es ziemlich waghalsig, diesen Vorstoß jetzt schon zu wagen, denn Isis verfügt über nicht mehr als 10.000 Kämpfer, die mittlerweile über ein großes Gebiet verteilt sind. Um Bagdad einzunehmen, müssten sie sich zuvor wohl zusammenziehen.

Am Donnerstagmittag gab es zudem unbestätigte Medienberichte, denen zufolge die Stadt Tikrit wieder unter Regierungskontrolle steht. In der Umgebung von Samarra sei zudem die Luftwaffe gegen Isis eingesetzt worden.

Und sonst?

In der nordirakischen Stadt Kirkuk haben kurdische Sicherheitskräfte die Kontrolle über die irakische Armee übernommen; Hintergrund ist offenbar, dass sie sich bereit machen für den Fall, dass Isis die Offensive dorthin trägt. Quelle ist unter anderem die Nachrichtenagentur Reuters.

Iraker berichten über Twitter, dass Isis bislang Zivilisten verschont habe. Demgegenüber stehen allerdings Bilder und Videos, die zeigen, wie Isis-Kämpfer Menschen hinrichten. Die Dschihadisten behaupten natürlich, es handle sich dabei ausnahmslos um verurteilte Kollaborateure mit dem Regime in Bagdad (die Hinrichtungen wären trotzdem Kriegsverbrechen) oder um „Abtrünnige“ beziehungsweise „Schiiten“ (was ebenfalls Kriegsverbrechen darstellen würde).

Etwas unklar ist die Nachrichtenlage mit Blick auf die aktuellen Bemühungen der irakischen Regierung. Angeblich verhandelt sie mit schiitischen wie mit kurdischen Milizen darüber, gegen Isis zusammenzuarbeiten. Angeblich gab es aber auch eine heimliche Botschaft an Washington, dass man Luftschläge der US-Armee gegen Isis-Stellungen nicht verurteilen würde.

16 Kommentare


  1. Die Performance der irak. Armee ist erschreckend, trotz US-Militärhilfe. Was bringen einem der beste Stahl, wenn die Männer aus Pudding sind. ISIS mag nur 10.000 Mann haben, doch mit irakischen Gerät, u.a. Artillerie und AFVs/APCs , erhöht sich ihre Schlagkraft. Schlimmer wird es, wenn sich die restliche irakische Insurgency dem Vormarsch anschließt, nach dem Motto, der Zweck heilige die Mittel und der Feind meines Feindes. Und das einzige was zwischen denen und ihrem Ziel steht, sind die Kurden mit ihrer Peshmerga. Die haben sich mehr als oft als kampfstarke, disziplinierte und ordentliche Macht präsentiert. Militärhilfe für diese wäre ein Anfang. Ein unabhängiger kurdischer Staat im Nordirak wäre stabilisierend, auch wenn es den Türken nicht passen wird. Wenn die Kurden es nicht schaffen müssen die Türken rein und ggf. im Irak für Ruhe sorgen. 40.000 Mann stehen im Nordirak und die werden reichen ISIS über die Grenze nach Syrien zu drängen, wo Assad sich wieder mit ihnen plagen kann. Die Amerikaner sollten ggf. eine Kampfeinheit senden, vieleicht mit der NATO – Ja, es klingt schlimm und schrecklich nach dem Afghanistan-Abenteuer, aber ein chaotischer Mesopotamien, kann das Ölfeld von Ghawar bedrohen … den Rest kann man sich ausmalen. Ich bin kein Fan von Interventionen, aber diesmal sollte man dies nicht kategorisch aussperren.


  2. Hauptsache im Irak rollt die Propagandamaschiene …
    … und die „sicheren Fakten“ habt ihr!

    Natürlich … genau wie in der Ukrainekrise. Die deutschen Medien haben die unbestreitbaren Fakten. Jau! Wers glaubt kann den Kopf ausschalten

  3.   Rammbock

    Das hat nichts mit dem Islam zutun.


  4. Die irakische Armee hat 250.000 Mann, ausgebildet und bestens ausgerüstet von den USA.

    Was treiben die eigentlich gerade so?


  5. Danke für die Zusammenfassung! Es ist durchaus wohltuend auch mal etwas weniger aufgeregten Journalismus zu lesen, der sich mehr auf Fakten verlässt als Twitter Nachrichten.

  6.   Ollilein

    Danke für die Informationen. Wenn die Mehrheit der Beiträge so wäre, würd ich die ZEIT glatt wieder abonnieren.

  7.   gekürzt

    Über zwei Jahre die Augen vor ISIS verschließen, die Berichte und Videos der einschlägigen Militärseiten ignorieren und der Irak heißt jetzt Propagandamaschine.

    Dagegen war jeder noch so hirnrissige Syrien/Ukraine-Bericht die absolute Wahrheit.

    Ganz ekelhaft ZEIT, ganz ekelhaft.

  8.   loma

    Hallo, danke für die Übersicht. Nur eine Anmerkung: Quellenangaben wären sehr hilfreich und würden die Glaubwürdigkeit solcher Artikel massiv stützen!

    So weiß ich im Fall der Fälle nicht ob die Angaben im Artikel auch einfach nur erfunden sind ;)

    Das macht man ja ab dem 1. Semester an der Uni auch und ist bestimmt kein nennenswerter Aufwand einfach die Twitter-Posts oder Originalveröffentlichungen von Behörden, Medien etc. einfach als Link unter den jeweiligen Absatz zu setzen.

    beste Grüße


  9. „Es gibt angeblich eine Aussage eines irakischen Offiziellen, die das zu bestätigen scheint. Aber auch diese Aussage hat nicht die Kraft einer unabhängigen, überprüfbaren Bestätigung. “

    Da wird die Mär von den unabhängigen, überprüfbaren Informationen wieder gefüttert. Zufälligerweise sind wir es natürlich, die über solche die richtigen Informationen verfügen und entscheiden, welche Informationen unabhängig sind und welche nicht. So ein Glück aber auch!

  10.   Berthel

    Wohltuende Sammlung – ruhiger Stil (Seitenhieb ganz anders als dei Breichterstattung aus der Ukraine). Ich kann nicht erkennen wie die US-Hilfstruppen die Offensive stoppen wollen – auf den Videos kann man Umengen an erbeutetem Gerät erkennen

    Flüge aus Bagdad sollen komplett ausgebucht sein – sagt ja alles.

    Meien Befürchtung wenn die WM startet und um Bagdhad gekämpft wird, wird es auch in der Ukraine explodieren – um den Windschatten der Aufmerksamkeit zu nutzen

 

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