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Die aktuelle Lage im Irak (3)

 

mosulparadeVorbemerkung: Dieser Post bildet den Stand von Montag, den 16. Juni, 11 Uhr ab. Von Yassin Musharbash

Hinweise auf Massenexekutionen durch Isis

Die Hinweise, dass der Islamische Staat im Irak und Großsyrien (Isis) massenhaft irakische Soldaten exekutiert hat, verdichten sich massiv. Es geht möglicherweise um bis zu 1.700 Menschen. Seit dem Wochenende werden über teils offizielle, teils sympathisierende Twitter-Accounts Bilder verbreitet, die am Boden liegende Männer zeigen, auf welche Isis-Kämpfer schießen. Es ist naheliegend, dass es sich bei den Opfern um geflüchtete Regierungssoldaten handelt. Isis-Berichten zufolge handelt es sich um schiitische Soldaten.

Die Bilder sind signiert von der „Provinz Salaheddin“ des „Islamischen Staates“. Ihre Authentizität lässt sich nicht unabhängig beweisen, ich halte sie aber für echt. Darauf deuten Stil, Aufmachung und Bildtexte sowie die Verbreitungswege hin. Außerdem die Tatsache, dass Isis-Sympathisanten sie ausnahmslos für echt zu halten scheinen. Über Zahlen kann man trotzdem keine seriöse Aussage treffen. Die Zahl 1.700 geht zurück auf Isis-nahe Tweets vom Freitag, die aber noch nicht von Bildern begleitet gewesen waren. Aus anderen Ortschaften meldet Isis, dass viele Soldaten sich entweder ergeben hätten und nun „Reue üben“, oder geflohen seien. Auch das ist wahrscheinlich, aber im Detail im Moment nicht überprüfbar.

Wie geht der Isis-Vormarsch weiter?  

Isis-nahe und offizielle Twitter-Accounts der Organisation behaupten, zuletzt die Ortschaft Tal Afar nahe Mossul eingenommen zu haben. Andere Berichte behaupten, die Dschihadisten seien in einem Ort 15 Kilometer vor Bagdad aufgetaucht. Unabhängige Bestätigungen fehlen. Ende vergangener Woche hatte der offizielle Isis-Sprecher Adnani die Kämpfer auf die Ziele Bagdad und Kerbala eingeschworen. Aber ich halte es für möglich, dass das mehr Propaganda oder Agitation als taktische Planung ist. Die Isis-Kämpfer sind, militärisch gesprochen, vermutlich bereits „überdehnt“; in Bagdad und Kerbala würden sie ohne Zweifel auf massiven Widerstand stoßen, der ihnen zahlenmäßig überlegen sein dürfte. Der Versuch, eine dieser Städte ernsthaft einzunehmen, würde die bisherigen Erfolge aufs Spiel setzen.

Andererseits gibt es glaubwürdige Berichte in der arabischen, aber auch internationalen Presse, denen zufolge sich kleinere Gruppen des irakischen Widerstands mit Isis zusammengetan haben. Darunter sollen auch ehemalige Angehörige des Baath-Regimes von Saddam Hussein sein, also nicht gerade dschihadistische Kräfte – wohl aber Kräfte, die gegen die schiitisch dominierte Regierung des Irak sind und über militärisches Know-how verfügen. Ich kann diese Berichte nicht bestätigen und auch nicht einschätzen, wie wirksam solche Allianzen wären.

Wie viel Vermögen hat Isis?  

Am gestrigen Sonntag berichtete der Guardian, dass den irakischen Sicherheitsbehörden zwei Wochen vor der Einnahme von Mossul ein wichtiger Isis-Kurier ins Netz gegangen sei. Zwei Tage vor dem Fall der Stadt sei er zum Reden gebracht worden. Daraufhin hätten die Sicherheitskräfte 160 Memorysticks in ihren Besitz bringen können, aus denen unter anderem die Namen von Isis-Kämpfern sowie die finanziellen Verhältnisse der Terrorgruppe hervorgingen. Demnach verfügte die Organisation vor der Einnahme Mossuls über 875 Millionen US-Dollar; danach seien weitere 1,5 Milliarden (sic!) US-Dollar durch Bankraube hinzugekommen.

Dieser Betrag ist atemberaubend hoch. So hoch, dass Isis damit auf Jahre hinaus nicht nur im Irak und in Syrien alles und jeden kaufen könnte, was ihre Lage stabilisiert, sondern noch genug übrig bliebe, um an jedem Ort der Welt einen spektakulären Anschlag zu planen. Ich bin aber skeptisch. Die Quellen für die Zahlen sind irakische Sicherheitsbehörden, die erstens in der Vergangenheit keine besonders vertrauenswürdigen Informanten waren und zweitens im Moment ein akutes Interesse daran haben, Isis möglichst groß und mächtig darzustellen, um internationale Unterstützung für die Bekämpfung zu organisieren. Angeblich wurden die Informationen mit den US-Geheimdiensten geteilt. Abwarten, ob aus der Richtung irgendwelche Einschätzungen kommen werden, mit denen man mehr anfangen kann.

Und sonst?  

Twitter hat übers Wochenende eine ganze Reihe offizieller Isis-Accounts suspendiert. Noch hat die Organisation keine alternativen Adressen zur Verfügung gestellt.

Die Jordan Times berichtet, am Wochenende habe Isis in Jordanien eine Filiale eröffnet. Das ist kaum zu überprüfen, aber naheliegend. Die Organisationen, aus denen Isis hervorgegangen ist, haben mehrfach in Jordanien zugeschlagen und betrachten das Regime in dem kleinen Nachbarland des Irak als feindlich.

In Spanien gab es heute Festnahmen von angeblichen Mitgliedern einer Isis-Zelle. Laut BBC handelt es sich um acht Männer, einer von ihnen angeblich ein ehemaliger Guantanamo-Insasse. Sie sollen vorgehabt haben, Rekruten für Isis zu finden. Bereits am Wochenende wurde in Deutschland ein mutmaßlicher Dschihadist aus Frankreich festgenommen, der in Syrien gewesen sein soll. Details kenne ich noch nicht, trage sie aber gegebenenfalls nach.

 

23 Kommentare

  1.   niloero

    Bevor jetzt viele hier den Schuld an Saudi Arabien, Katar oder Türkei schieben sollte erstmal sein Gehirn arbeiten lassen.
    Ohne Erlaubnis der Amis können nicht mal dieser Länder pupsen.
    An dem Salat der jetzt uns nicht schmeckt haben viele Länder sein Beitrag,
    Auch Deutschland.


  2. Die Zahlen machen aber keine Angst. Mit dem Geld kann man sich kaum großformatige Waffen kaufen. Demzufolge fährt die ISIS vorwiegend auf dem Pick Up durch die Gegend. Genug um kleine Städte zu terrorisieren, aber nicht um einen Staat aus den Angeln zu heben. In Irak haben sie den Erfolg, weil sie Unterstützung der Sunniten aus dem Norden bekommen, weil die Kurden parallel im Norden revoltieren. Die Message der Videos ist fragwürdig. Warum zeigt man in der Welt, dass man „alle“ Schiiten töten will? Es geht wahrscheinlich nur um den Krieg an sich. Sie wollen keinen eigenen Staat, sondern den Krieg.


  3. @Yassin Musharbash
    Sie schrieben: „Es ist naheliegend, dass es sich bei den Opfern um geflüchtete Regierungssoldaten handelt.“
    Wieso ist es naheliegend, dass den Erschiessungen Flucht vorausgegangen ist?
    Nachdem auch Nachrichten kursieren, dass anhand „schwarzer Listen“ Leute aus ihren Wohnungen geholt und deportiert wurden, ist es eher naheliegend, dass die Opfer zwar Opfer gezielten Terrors wurden, weil sie irgendwie in die Regierung oder öffentliche Verwaltung involviert waren, aber unabhängig davon ermordet wurden, ob sie auf der Flucht, in Kampfhandlungen involviert, friedlich, oder einfach ahnungslos waren.

  4.   Merenptah

    Vielen Dank für den Überblick über die unübersichtliche und widersprüchliche Berichterstattung über die Lage im Irak! Ein kommentierter Pressespiegel zu einem Thema wird selten angeboten und ist ein Desiderat in der heutigen Presselandschaft. Vielen Dank deshalb für die reflektierte Berichterstattung sowie für die Kenntlichmachung und Trennung von Quellen und Meinung! Ich würde mich freuen bald mehr zu lesen.

  5.   Yassin Musharbash

    @Spökenkieker – Das was sie beschreiben, hat es auch gegeben; allerdings ging es beim gezielten Suchen wohl eher um Individuen oder kleine Gruppen. Bei den Erschießungen sprechen wir über große Gruppen: Dutzende, hunderte Menschen. Ich gehe davon aus, dass es wahrscheinlicher ist, sie wurden bei der Kollektiven Fluch abgepasst.

  6.   nunja

    Geld.
    Darum gehts doch.
    Und um noch viel mehr Geld.
    War das nicht der Deal?


  7. Danke für den Comment – mehr davon :).

    Wäre schön generell mehr über die Quellen von Informationen und ungefähre Glaubwürdigkeit zu erfahren.

    Dieser Artikel macht das vorbildlich.


  8. Der Irak hat Öl. Da wird schon eine „Lösung“ finden lassen. Für diese „modalen Menschenrechten“ fällt mir nur eine Eigenschaft ein: widerlich. Erst werden Konflikte, wie dieser, angezettelt und dann heisst es, wir können nichts tun.


  9. Vielen Dank auch von mir, Artikel in denen deutlich gemacht wird, welche Informationen als gesichert angenommen werden können und welche lediglich Behauptungen sind, gibt es leider viel zu selten. Lässt sich ja auch nicht so gut verkaufen, wenn gewisse Schreckensnachrichten eigentlich relativiert werden müssten.

  10.   ZZ2

    Zuerst einmal will ich FAKTEN !
    1700 Tote und keiner will es genau wissen ?? Ich rieche da wieder westliche Kriegstreiberei. Wenn es 1700 Tote gäbe, hätte der Ami schon lange Satelittenbilder.

 

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