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Christen mit Waffen

 

Simon Jacob ist der Vorsitzende des Zentralrats der orthodoxen Christen in Deutschland. Er hat ein Buch geschrieben, das jedes Genre sprengt: Über sein Leben und seinen Glauben. Und über die Kriege im Nahen Osten, die er gesehen hat. 

Für gewöhnlich rezensiere ich in diesem Blog keine Bücher. Aber dieser Text ist auch keine Rezensenion. Und das Buch, um das es geht, ist auch nicht gewöhnlich.

Über den Nahen Osten und den Dschihadismus gibt es tausende Bücher: Sachbücher, Fachbücher, Romane, Thriller, Reportagebände und Autobiografien, sogar Jugendbücher. Die meisten halten sich ziemlich streng an ihr Genre: In einer Analyse wird man keine Glaubensbekenntnisse finden. Journalisten, die von ihren Reisen und Recherchen berichten, reflektieren gelegentlich ihre eigene Rolle, werden aber ihre persönliche Lebensgeschichte eher heraushalten. Und in einer Autobiografie werden nur wenige Autoren am Ende politische Handlungsempfehlungen aufzählen.

Simon Jacob hat ein Buch geschrieben, dem diese Genre-Grenzen egal sind. Er ignoriert sie einfach. Wahrscheinlich muss man sogar sagen: er ignoriert sie nicht einmal. Es ist, als existierten sie für ihn nicht. Dieser Regelbruch macht das Buch interessant. Es ist ungefiltert.

Simon Jacob, geboren 1978, entstammt einer christlich-nahöstlichen Familie. Er wurde in der Südosttürkei geboren, seine Muttersprache ist Westaramäisch. Als Kind kam er mit seinen Eltern nach Deutschland, er durchlief eine Wirtschaftsausbildung, diente in der Bundeswehr,  arbeitete später in einem IT-Startup und gründete sein eigenes IT-Unternehmen.

Bevor er all das hinwarf, um sich auf eine persönliche Reise zu begeben: quer durch den Nahen Osten. Zu seinen Wurzeln. Und irgendwie auch: in sich hinein.

Heute ist er der Vorsitzende des Zentralrats der orthodoxen Christen in Deutschland, betreibt eine Kommunikationsagentur und das Projekt „Peacemaker“, das aus seiner Reise hervorgegangen ist. Oder ist die Reise das Projekt? Ganz klar wird das nicht. Vielleicht muss es das auch gar nicht sein.

Das Buch nun, es heißt ebenfalls „Peacemaker“ und trägt den Untertitel „Mein Krieg. Mein Friede. Unsere Zukunft“, ist – ja was eigentlich? Es ist teils Autobiografie, teils Reportagebericht, teils Ideensammlung und Tagebuch, teils religiöses und politisches Manifest. Jacob springt in kurzen Kapiteln durch Raum und Zeit, einige Passagen sind reine Innenschau, andere kommentieren internationale Politik, dann folgt unvermittelt eine Anekdote. Der rote Faden ist die Gewaltfrage. Oder weil in diesem Buch alles persönlich ist: Darf ein Christ, muss er vielleicht sogar, Menschen töten?

Immer wieder greift Jacob diese Frage auf, er kaut auf ihr herum, man spürt förmlich, wie sie ihn wachhält, und natürlich hat das einen Grund, denn er stellt sich diese Frage angesichts der Bedrohung durch die Terrorgruppe IS. Für Jacob ist diese Bedrohung nicht abstrakt. Er ist kein pseudoneutraler Berichterstatter. Sein Blick ist radikal subjektiv: Als Teil der Gemeinschaft der nahöstlichen Christen sieht er sich selbst im Fadenkreuz der Dschihadisten. Deshalb besucht er christliche Würdenträger im Irak und stellt ihnen diese Frage. Er diskutiert sie mit christlichen Milizionären, die er an der Front trifft, und die er, so verstehe ich den Text, bewundert für ihre Wehrhaftigkeit und ihren Mut.

Eine der stärksten Szenen spielt in Syrien am Khabour-Fluss. Mit einem christlichen Scharfschützen hockt Jacob auf einem Hügel, durch ein Fernglas beobachten sie eine IS-Stellung auf der anderen Seite. Auch dort befindet sich Scharfschütze:

Nach einer gefühlten Ewigkeit, ich wartete die ganze Zeit auf den Schuss, legte der junge Scharfschütze, der einmal Lehrer werden wollte, das Gewehr wieder ab. Er meinte lapidar: »Wir haben uns darauf geeinigt, nicht aufeinander zu schießen. Zumindest jetzt nicht.«

Jacob hat keine Hemmungen, seine verschiedenen Rollen, und es sind einige, miteinander zu vermischen. Er beschreibt, wie er deutsche Journalisten in Syrien und im Irak begleitet und ihnen mit seinen Verbindungen die Arbeit erleichtert, bzw. ermöglicht. Da ist er ganz Experte. Aber er beschreibt auch, wie er selbst nach vielen Jahren in seine alte Heimat reist und die Gepflogenheiten der Stammesgesellschaft selbst erst verstehen lernen muss. Da ist er ganz Lernender. Dieses Changieren in den Perspektiven irritiert sehr, aber es ist auf eine merkwürdige Weise authentisch.

Ebensowenig kennt Jacob Hemmungen, sein tiefstes Inneres mit den Lesern zu teilen: Religiöse Erweckungserlebnisse zum Beispiel. Oder grausame Alpträume, in denen er sich gewissermaßen den „Blutboden“ seiner Vorfahren, wie er es nennt, und damit ihre Geschichte, ihr Schicksal, aneignet. Man kann das kitschig finden, ja sogar übergriffig. Aber wiederum: Unverstellt, roh.

Es ist also eine sehr besondere Mischung aus Naivität, Instinkt, Offenheit, Frömmigkeit und Expertentum, mit der Jacob durch den Nahen Osten reist. Die Begegnungen, die er schildert, sind jene, die ihn persönlich beeindruckt haben: Mütter, die das Schicksal ihrer ermordeten Kinder beschreiben; die Leiche eines IS-Kämpfers, in dessen Hinterlassenschaft er Zeugnisse dafür findet, dass auch dieser einst ein Mensch war, kein reines Monster. Jacob hat keine Angst vor großen Gefühlen oder kleinen Gedanken. Er setzt durchgängig sein eigenes inneres Erleben in Bezug zu dem, was er beobachtet. Zeichnet von sich selbst das Bild eines Menschen, der droht, an seinem Hass zu ersticken, bis er schließlich – im Grunde: mittels seines christlichen Glaubens – einen Weg findet, für den Frieden zu sein.

Es gibt sicher Leser, die diese innere Reise als zu nah, zu intim, zu persönlich, zu unreflektiert empfinden werden. Dafür teilt jemand ohne Leitplanken mit, was er sieht, hört und fühlt.

Zum Ende hin verändert das Buch seinen Charakter Richtung Manifest. Jacob fordert mehr Dialog und einen genaueren Blick auf den Strauß an Problemen, der mit dem Nahen Osten zusammenhängt: Relgionsfreiheit, Integration, Terrorpropaganda. Er will, dass möglichst viele Menschen nachvollziehen, was er erfahren hat: Auch in schlimmsten Umständen können Menschen menschlich sein.

Persönlich finde ich, dass der größte Gewinn des Buches darin liegt, wie Simon Jacob den Leser in die verschlungene Welt der nahöstlichen christlichen Gemeinschaften einführt. Diese Gemeinschaften sind hier wenig bekannt, und Jacob teilt sein Wissen großzügig.

 


 

Anmerkung im Sinne der Transparenz: Ich habe im Rahmen der Recherchen für diese Geschichte vor Jahren einmal mit Simon Jacob zusammengearbeitet. 

 

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