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„female affairs“: außen pfui, innen hui

 

Gestern Abend wurde in Hamburg eine neue Initiative von einigen Expertinnen vorgestellt, die Frauen „mehr sexuelle Kompetenz“ vermitteln wollen. Wie wird sowas heutzutage getauft? female affairs.

Was ist das erste Anliegen, das die Initiative auf ihrer Webseite behandeln will? „Stressless Sex“.

Ich bin gerade sehr zwiegespalten, ob ich damit anfangen soll, was ich daran alles gut finde oder damit, was mich jetzt schon nervt.

Ok, gut:
Die Expertinnen sind wirklich welche. Angefangen von der ganz wunderbaren Dr. Ulrike Brandenburg, Psycho- und Sexualtherapeutin, die wie kaum eine andere locker, kompetent, anregend und unterhaltsam über Sex, sexuelle Probleme und deren Auswirkung auf Frauen erzählen kann, über Dr. Anneliese Schwenkhagen, gynäkologische Endokrinologin in Hamburg bis zur allseits bekannten Dr. Edit Schlaffer. Sechs Frauen sind es insgesamt, die alle Bereiche abdecken, wenn es um das erweiterte Spielfeld „sexuelle Frauenprobleme“ geht.

Zweitens:
Das Traurige ist, dass solche Informationsplattformen immer noch notwendig sind. Die Damen erzählten gestern Abend ein wenig aus ihrer Praxis, und da kamen teilweise erschütternde Dinge zutage.

Die Stuttgarter Gynäkologin Dr. Elisabeth Merkle erzählte, dass 80 % der jungen Frauen, die montags akut zu ihr kommen (sie hat sogar zwei Praxen), nicht wissen, wann ihre fruchtbaren Tage sind. Noch schlimmer: 60 % der Frauen, die sogar schon Kinder haben, wissen das auch nicht! (Merkle hält montags immer Termine frei für alle Kondom- und sonstigen Wochenendunfälle.)

Anneliese Schwenkhagen erzählte, dass 12-20 % ihrer Patientinnen, auch die jungen, über regelmäßige Schmerzen beim Verkehr berichten. Regelmäßige!

Wir schreiben das Jahr 2006 und noch immer laufen hier massenhaft junge Mädchen und Frauen herum, die keine Ahnung von ihrem Körper haben! Die kennen wahrscheinlich schon mit 12 alle Positionen aus dem Kamasutra und pushen sich mit 13 die Möpse nach oben, wie sie es aus dem Fernsehen und von Cora Schumacher kennen – aber sie haben keine Ahnung von den grundlegendsten biologischen Vorgängen, die sie selbst am direktesten betreffen!

Und bei den Mittelalterlichen ist es vermutlich auch nicht so viel besser.

(Vielleicht sollte man einmal eine kurze Pause beim Beklagen der „Pornographisierung der Gesellschaft“ machen und ausnahmsweise unverkrampft über Sex sprechen.)

Also: Mehr Information für Frauen über Sex und alle verwandten Themen? Super, jederzeit!

ABER.

Wieso muss so etwas „female affairs“ heißen? (Wie wärs mit „FrauenSachen“?) Wieso muss man das erste Thema „Stressless Sex“ nennen? (What´s wrong with „Sex ohne Stress“?) Nicht mich falsch verstehen, ja? Das hat nichts mit „Ess muss merr Toitsch gesprochenn werrdenn!“ zu tun, sondern damit, wen solche Bezeichnungen ansprechen: Die (ältere) nicht ganz so weltgewandte Frau, die so eine Plattform wirklich braucht, weil sie a) sich nicht traut, sich mit ihrem/ihrer Gynäkologen/in zu besprechen und b) eben keine ausreichende Medienkompetenz hat, um sich ihre Antworten im Netz selbst zusammenzusuchen? Hm.

Ganz abgesehen davon, dass wahrscheinlich jeder 2. Passant hier auf der Mönckebergstraße unter „female affairs“ „irgendwas mit Seitensprung“ verstehen würde.

Zweitens:
Wieso muss bei der Präsentation und hier auf der Website (funktioniert noch nicht mit Safari) ein „Mood Video“ gezeigt werden, in dem erst recht wieder nur lauter super attraktive, schlanke, realitätsfremde Frauen in ihrem „alltäglichen Leben“ gezeigt werden? (Ich vermute hiermit, dass z.B. die „Mutter“ gar keine Mutter ist – so wie die das Baby hält.) Wieso nimmt einen (gefühlten) Großteil des Videos die Szene „2 Freundinnen gehen shoppen“ ein? Weil wir schon langsam selbst davon überzeugt sind, nichts anderes zu tun?

Auf der Foto-CD, die gestern verteilt wurde, sind ebenfalls nur lauter Models zu sehen.

Die Initiative wird vom Pharmaunternehmen Organon finanziell unterstützt, was an sich ja nichts Verwerfliches ist. Wenn Frauen dadurch wieder mehr Lust am und weniger Probleme beim Sex haben und deshalb mehr Organon-Pillen schlucken müssen, soll’s mir recht sein. Aber hatte da die Organon-PR-Abteilung ihre Hände zu stark im Spiel? Kriegen die es nicht übers Herz, echte Frauen zu zeigen? Sind deren Kundinnen nur schön und aseptisch?

Und – gähn! – kommt man beim Thema Frauensexualität wirklich noch immer nicht ohne den obligaten Zusammenschnitt passender Szenen aus „Sex and The City“ aus? In der ganzen Serie geht es um Frauenprobleme, Susann Atwell! Da muss man als Moderatorin am Schluss nicht sagen: „Auch in Sex and The City ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Das weiß nämlich jeder, der auch nur eine Folge gesehen hat.

Ach ja: Und ob, wenn die Expertenrunde ausschließlich männlich gewesen wäre, bei der Einzelvorstellung ebenfalls Sätze wie „In seiner freien Zeit spielt er gern Klavier“ oder „Nichts ist schöner als ein gemeinsamer Koch-Lese-Abend mit seiner Partnerin: Die eine liest, der andere kocht“ gefallen wären?

Die Psychologin des Teams, Dr. Eva Wlodarek, warnte davor, in die üblichen weiblichen Verhaltensschemata des Verzärtelns und Verharmlosens abzurutschen. Ob sie vorher die Vorstellungsfilmchen gesehen hat?

Sagen wir einfach: Der Inhalt wird dank wirklich toller, kompetenter Frauen sicher gut und nützlich. Wenn sich die wahre Zielgruppe erst einmal durch die abschreckende Verpackung gekämpft hat.
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PS: Die Präsentation fand im Studio von Spiegel-TV statt. Und es war sehr nett anzusehen, wie vor allem männliche Spiegel-TV-Mitarbeiter immer wieder vorbei kamen und nicht einmal besonders unverhohlen die rund 20 Frauen (und ca. 5 Männer) begafften. Zum Glück war eine Glasscheibe dazwischen, sonst hätte vor allem dieses eine kleinere Kerlchen vermutlich begonnen, uns Erdnüsse zuzuwerfen.

19 Kommentare

  1.   Sportbernd

    irgendwie traurig das solch ein ambitioniertes projekt auf hochglanz und realitätsferne getrimmt wird. ist das angst vor der eigenen courage? mit diesen stereotypen im halb-delerium-liegenden-models kann ich nix anfangen. ich will ne frau nicht ein komplexbeladendes etwas, das mit seinem körper vollkommen unzufrieden ist.


  2. Ihre Behauptung "(funktioniert noch nicht mit Safari)" ist falsch!
    Ansonsten ist ihr Artikel oberflächlich, was vermutlich ihrem zarten Alter zuzuschreiben ist.
    Bernhard klingenbegrer


  3. okay. ich habe nicht verstanden, was die botschaft in dem video sein soll. ausserdem habe ich mich durch die online-umfrage geklickt um dann festzustellen, dass sich "female affairs" nur an heterosexuelle frauen wendet. für mich war das nicht selbstverständlich, aber nun gut.

  4.   Sigrid Neudecker

    @ Bernhard Klingenberger
    Bei meinen Safaris (1x OSX 10.4, 1x OSX 10.3) funktioniert der Link immer noch nicht. Statt auf das Video kommt man auf "Empfehlen Sie diesen Link". Auf welchem System arbeiten Sie?

    Bitte erlaeutern Sie "oberflaechlich". Ich habe das beschrieben, was ich gestern gezeigt bekommen habe. Das ist ueblicherweise der Sinn von Presse-Praesentationen.

  5.   sellmann

    Wieso wird im ersten Teil des Artikels mit dem Hinweis auf "erschütternde Dinge" die Unaufgeklärtheit von "80 % der jungen Frauen" in Bezug auf z.B. ihre fruchtbaren Tage geschildert und weniger als 30 Zeilen später wird die Aufmachung des Angebots bemängelt, weil es "Die (ältere) nicht ganz so weltgewandte Frau, die so eine Plattform wirklich braucht", angeblich nicht anspricht?

    Passt nicht.

  6.   margot

    oh, da hast du wieder einen wunden punkt getroffen, wie man an den kommentaren ablesen kann …

    tja, da sind pharmafirmen im zwiespalt: einerseits wollen sie ihre pillchen verkaufen und es ist ganz foerderlich, wenn frau "weiss", dass sie dauerfruchtbar ist, andernseits hat man stress, wenn frauen beim sex schmerzen/unlust haben. erklaert man den frauen jetzt, wie das mit koerperbewusstsein ist, und riskiert, dass sie drauf kommen, dass die hormonelle verhuetung den koerper so durcheinander wirbelt, dass unlust und schmerzen (wg. trockenheit) nebenwirkungen sein koennen?

    da kommt die marketingabteilung ins spiel: machen wir was zum thema, aber so, dass sich die frauen dann eh nicht damit identifizieren koennen und weiter brav pillchen schlucken. kommt gut an bei den medien (man macht ja was! und es ist auch noch optisch reizvoll, damit es auch ja gedruckt wird) und gefaehrdet die umsatzzahlen nicht …

  7.   Sigrid Neudecker

    @ sellmann
    Ich glaube, den jungen Maedchen muss man die Informationen "aufzwingen" (bitte nicht falsch verstehen!), den "aelteren" Maedchen muss man den Zugang zu Informationsquellen erleichtern. Den jungen muss man erst einmal klar machen, was sie alles nicht wissen, die aelteren merken dank mehr Lebenserfahrung selbst, wo was nicht stimmt – was nicht heisst, dass sie dann gleich voellig ungehemmt zu ihrer Aerztin/ihrem Arzt gehen.

  8.   karin

    gibt´s so eine seite auch für maenner? warum wird immer gesagt, Frauen haetten Probleme beim Sex? Was ist mit all den Maennern, die sich gestresst fuehlen, wenn sie denken von ihnen wird jetzt (mind.) eine lang andauernde erektion erwartet? kann man das auch mit einer pille regulieren??? was ist hier der durchschnitt? Kann eine stunde? Kann sechs mal hintereinander? zu welchem arzt schickt man so einen, der das nicht bringt?

  9.   Richi

    Irre ich mich, oder greift diese Seite dasselbe Thema auf, das schon http://www.gyn.de seit Jahren macht?
    Nur ohne offizielle Wissenschaftlerinnen, die ihre Fotos einbauen.

    cu
    Richi

  10.   stefan

    jetzt nochmal leserlich: ich will auch eine platform fuer maenner. maenner sind naemlich auch keine sexmaschinen und haben auch das eine oder andere problem, oder die eine oder andere frage…ansonsten werd ich gleich vielleicht auch mal ein blick auf die page werfen. vielleicht lern ich ja noch was

 

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