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Lustige Namen, Rote Khmer und eine Weinflasche voll Sperma

 

Deutschland hat ein neues Männermagazin. Das ist, in Zeiten wie diesen, äußerst begrüßenswert. Wo reihenweise Magazine eingestellt oder nur noch auf Sparflamme zusammengeköchelt werden, muss man jeden beglückwünschen, der das Wagnis einer Neugründung eingeht.

Na gut, Neugründung ist es nicht wirklich. Trip ist die Lizenzausgabe eines brasilianischen Magazins, das 1986 von „zwei Surfern in Sao Paulo“ gegründet wurde, wie das Editorial verrät. Deshalb prangt wohl auf dem Cover sicherheitshalber der Hinweis „Das Kultmagazin aus Brasilien – jetzt auch in Deutschland“. Kult ist das neue Cool. Das glauben offensichtlich Marketingleute, die einen Unter-25-Jährigen zum letzten Mal zu Gesicht bekommen haben, als sie vor 25 Jahren in den Spiegel geschaut haben.

Im Editorial steht auch, dass die Welt erst dann verständlich werde, wenn „wir uns mit den wahren Zusammenhängen auseinandersetzen und wir uns an unsere eigenen Bruchstellen heranwagen. Das ist das Motto von TRIP.“ Die Seite mit dem wahren Zusammenhang habe ich offensichtlich überblättert, aber ich lese heute Abend noch einmal nach.

Fangen wir von vorne an. Wie jedes anständige Männermagazin ziert auch Trip eine Nackte. Simple, einfach zu dechiffrierende Signale, Männer sind ja so schlicht, dass sie es sonst für eine Kochzeitschrift halten könnten. Karen Junqueira ist Brasilianerin und hat es dort zum „großen TV-Star“ geschafft. Offensichtlich nicht groß genug, dass man sie hier auf dem Cover nennen würde.

Das Bild ist, wenn überhaupt, immerhin nur wenig retouchiert, was einen großen Pluspunkt gibt. Man erkennt jedes Muttermal, und ist das auf dem Oberarm gar ein Pickel? Sieht man da etwa noch die BH-Abdrücke? Ah, und sie trägt beim Sonnenbad an der Copa Cabane eindeutig einen sehr knapp geschnittenen Tanga.

Hübsches Mädel, doch wieso werde ich mit den Fotos nicht warm? Weil sie in einer unbrasilianisch-kalten Umgebung fotografiert wurden. An den Wänden blättert der Putz ab, auf den ausgebleichten Holzboden wurde eine nackte Matratze gelegt. Keine Frau legt sich freiwillig auf eine nackte Matratze. Soll das eine Art Geiselhaft-Szenario im Hinterkopf des männlichen Lesers evozieren? (Machen sich Männer überhaupt so viele Gedanken, wenn sie Fotos einer leicht bekleideten Frau sehen? Auch wieder wahr.)

Eine andere Fotostrecke zeigt einfach ein paar hübsche Fotos von nackten Mädchen, die man bei Flickr gefunden hat. Wehrt sich Print auf diese Weise gegen die angebliche Bedrohung aus dem Internet?

Lassen Sie uns themengemäß gleich zur nächsten Sexgeschichte springen. Ein Autor namens Modest von Beritzki, den weder die allwissende Müllhalde noch die Pressedatenbank kennen, hat heldenhafterweise einen Nachmittag lang einem Gangbang in Hamburg-Jenfeld beigewohnt und darüber einen „Report aus einer Tabuzone“ verfasst. Wenn man etwas, nach dem eigentlich schon kein Hahn mehr kräht (selbst Spiegel-TV hat seit mindestens vier Wochen keine Swingerclub-Reportage mehr gebracht!), dann schreibt man eben sicherheitshalber groß TABU drüber.

„Was, um Himmels Willen, macht daran Spaß“, will der Artikel klären. Man weiß es allerdings selbst nach vier Seiten nicht. Vielleicht auch, weil man von einem Stil auf Gangbang-Niveau abgelenkt wird:

„Wolfgang wird rasend, wenn er die Augäpfel seiner Partnerin kreisen sieht, wenn sie sich wie von einem Dämon besessen windet, wenn sie ächzt, sich auf ihm reibt und dann wie ein ausgetrockneter Wasserbüffel das warme Sperma der Fremden empfängt.“

Wolfgang ist übrigens Juttas Lebensgefährte und liegt bekleidet unter ihr, während sie 35 Männern der Reihe nach in Hündchenstellung zur Verfügung steht. „Bei Klaus dauert es nicht mal 30 Sekunden, dann stellt er sich wieder hinten an.“ Ist die Strecke deshalb mit Fotocollagen einer von Karnickeln umringten nackten Frau illustriert?

VIP - Very Important Puta: Heißt Puta auf Portugiesisch nicht "Hure"?

Weitere Highlights: „Claas, arbeitslos, lernte Hunderte von Feuchtgebieten kennen.“ Oder auch: „Wer nicht gerade aussieht wie Quasimodo oder eine Woche lang nicht geduscht hat, der wird garantiert rangelassen.“ Drei Tage ungeduscht geht?

Und damit der Artikel wenigstens ein bisschen Gehalt bekommt, hat der Autor, der entweder wirklich seine ersten Schreibversuche hier veröffentlichen durfte oder es unter dem Deckmantel eines Pseudonyms einfach laufen hat lassen, auch noch recherchiert: „Rechnet man mit durchschnittlich vier Samenergüssen bei 35 Männern innerhalb von sechs Stunden, dürften rund 700 Milliliter Sperma zusammenkommen oder – um es plastischer zu machen – eine Weinflasche gefüllt mit einer Mixtur von 2,8 Milliarden Samenzellen.“

Frage in die Runde: Vier Mal in sechs Stunden?

Man weiß nicht genau, was Trip sein will. Man findet sich auch nicht zurecht. An die Gangbang-Geschichte schließt nahtlos eine über Männer und ihre Hunde an, „Mein Freund hat Fell“. Auf einen erschütternden Artikel über die Foltermethoden der Roten Khmer folgt gleich auf der nächsten Seite eine Hübsch-Geschichte über den „französischen Lebenskünstler François Delort“, der sich in Brasilien ein schönes Haus gebaut und sich „seinen Lebenstraum erfüllt hat“.

Da wünscht man sich als kleinen Puffer wenigstens eine Modestrecke – selbst wenn sie im Stil eines Tchibo-Katalogs fotografiert ist und aus dem Jahr 2000 („Cooler Groove“) stammen dürfte.

Die größte Versuchung, die bei jeder Magazinneugründung lauert, ist, möglichst originell sein zu wollen. Das ist gleichzeitig die größte Gefahr. Wozu braucht man eine Ausrede, um eine weitere Seite mit Fotos des Covergirls zu bringen? Hier nennt man das: „Trip Girl Second“, und weil das weder Deutsch noch Englisch ist, sicherheitshalber noch: „Der Rest vom Schützenfest – nicht minder sehenswert.“ Die unmotivierten roten Punkte auf den Bildern identifizieren allerdings auch nur Insider aus der Verlagsbranche.

Kleine Rubriken gehen daneben, weil sie zu viel wollen. „Was sind Ihre heimlichen Freuden“ werden ein paar Unbekannte sowie ein Quoten-Promi gefragt, die darauf to-tal spannende Antworten über ihre „heimliche“ Diät, Kosmetiktricks oder ihren Fetisch, Magazine nur in druckfrischem Zustand lesen zu wollen, geben.

Eine Rubrik namens „Wie wird man …“ klärt, wie man Tätowierer wird, was sich sicher auch schon lange niemand mehr fragt. Und lustige Namen, die zu ihren Berufen passen („Ralf und Marko Differenz, Steuerberater“) wagt mittlerweile keine Schülerzeitung mehr abzudrucken.

Tolle Geschichten wie jene über Sasha Shulgin, der Ecstasy allerdings nicht „erfunden“, sondern nur neu synthetisiert hat, die offensichtlich aus dem brasilianischen Original stammen, mischen sich mit frisch geschriebenen, denen eine strenge Hand gut getan hätte. Den Fotografen Martin Schoeller von einem mit ihm befreundeten Journalisten portraitieren zu lassen, endet in Lobhudeleien wie „… dem zurzeit größten deutschen Fotografen“ oder „auf dem Weg zum ganz großen Fotografenstar“ sowie Satzhülsen à la „Ich bin hier, um dem Phänomen Schoeller auf den Grund zu gehen“ oder „Er ist trotz allen Ruhms und Reichtums der sympathische Pfundskerl von vor zehn Jahren geblieben.“

Wer den „zurzeit größten deutschen Fotografen“ vorher übrigens auch nicht gekannt hat: Das ist derjenige, der die wirklich schönen, hart ausgeleuchteten Closeups macht. Wäre es da nicht eine nette Idee gewesen, ihn selbst auch gleich in diesem Setting zu fotografieren?

Damit die Klischees zwischen Männern und Frauen noch möglichst lange erhalten bleiben, gibt es auch noch eine unsägliche Geschichte über eine Frau, die ihren (armen, wehrlosen) Freund dazu bringt, ihr einen Antrag zu machen und sich dann prompt zu Bridezilla entwickelt. Es sind nämlich immer die Frauen, die geheiratet werden wollen. Und es sind immer die Frauen, die mit ihrer Hochzeit jene ihrer besten Freundin übertrumpfen wollen. (Es wird mit dem Summerton … 2010.)

Und die Kolumnen am Ende des Heftes sind vermutlich … lustig gemeint … oder so.

Wie gesagt: Super, dass es in Zeiten wie diesen jemand wagt, ein neues Magazin auf den Markt zu bringen. Für die Assoziation, die bislang jeder, mit dem ich darüber gesprochen habe, bei dem Wort „Trip“ im Zusammenhang mit „Männer“ hatte, kann es ja nichts.

UPDATE: werderfan hat selbstverständlich absolut recht. Trip verzichtet wohltuend auf den diesmal aber ganz wirklich sicheren Weg zum Sixpack in six Tagen. Ganz ohne Autos geht’s nicht, aber immerhin beschränkt man sich auf „Autos mit Charakter“, in diesem Falle ist dies ein VW Bulli (in dem zwei etwas homoerotisch wirkende Fotomodelle hineingegossen liegen).

44 Kommentare

  1.   Lotharier

    an hektor.
    ich hau mich weg mein lieber.
    sehr schoener beitrag


  2. […] ich ja vor kurzem das neue Männermagazin Trip einzig und allein deshalb kritisch beäugt habe, weil ich eine Frau […]

  3.   Luna

    Der Kommentar kommt ein bisschen spät, aber vielleicht wird er trotzdem noch gelesen.

    Vielleicht hätte ich mir die Zeitschrift nicht gekauft, wenn ich den Artikel vorher gelesen hätte. Aber als Frau hat mich das Cover sehr angesprochen. Endlich mal eine nackte Frau, die nicht retouchiert wurde, die nicht das superschlanke Supermodell ist. Ich habe gar nicht gerafft, dass es sich hierbei um ein Männermagazin handelte. Die Story über den Fotografen hat mich interessiert und ich wollte wirklich mal wissen, warum Gangbang so toll sein soll. Erst beim wirklichen Lesen ging mir auf, was ich da gekauft habe. Es gab einige Artikel, die ich interessant fand. Das mit dem Gangbang hat meine Frage nicht wirklich beantwortet und mein Mann hat auch die Orgasmusfähigkeit der beschriebenen Männer in Frage gestellt. Was aber hat jetzt die Frau davon? Der Artikel über den Fotografen fand ich dann doch nicht so gut, zuviel Lobhudelei. Entspricht also genau der Rezension von Frau Neudecker. Als Fazit kann ich nur das gleiche sagen, die Herausgeber von Trip wissen noch nicht genau, welchen weg sie einschlagen wollen. Sie wollen Männern gefallen, aber scheinbar auch Frauen ansprechen, so kommt es mir jedenfalls vor. Nochmal kaufen werde ich es nicht, die Zeitschrift habe ich dann meinem Mann geschenkt.
    LG
    Luna

  4.   Jupp

    Frau als Rezensentin ist vielleicht nicht das Problem, mangelnde Offenheit für das Sujet schon: Die Frequenz der männlichen Orgasmen ist natürlich möglich. aber eher in (Männer) sehr erregenden Situationen wie einem „Gangbang“ – weniger beim Blümchensex mit der altbekannten Partnerin. Nicht alles, was man (hier frau) selbst regelmäßig erlebt hat, ist anders undenkbar. Ich als Mann hätte mich in diesem Falle beim Geschlechtsgenossen als Rezensenten besser aufgehoben gefühlt.

 

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