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Olympia-Splitter: Weggeworfene Badminton-Spiele, eine sportmoralische Frage

 

Doping ist verwerflich, weil Sportler unsaubere Mittel einsetzen. Aber immerhin wollen sie gewinnen. Der heutige Fall liegt anders. Vier Badminton-Frauenteams aus Südkorea, China und Indonesien wollten ihre Partien verlieren, zwei davon spielten sogar dabei gegeneinander. Ist das genauso verwerflich wie Doping oder noch verwerflicher?

Kann ein solcher Wettbewerb ums Verlieren nicht auch ganz unterhaltsam sein, ließe sich das nicht weiterdenken? Wie sähen zum Beispiel Laufwettbewerbe oder Ruderrennen aus, in dem alle Teilnehmer Letzter werden wollten? Nicht neugierig, liebe Leser? Ich würde mir das jedenfalls nicht entgehen lassen.

Doch die Sache hat, wie vieles im Unterhaltungsbetrieb Sport, einen ernsten Kern. Denn die Spielerinnen handelten natürlich nicht aus Rücksicht, sondern aus Kalkül. Weil sie bereits für die nächste Runde qualifiziert gewesen waren, hofften sie auf einen leichteren Gegner im Viertelfinale.

Aber: Ein Code im Badminton sieht vor, dass sich die Spieler um ihre beste Leistung bemühen sollen – in jedem Spiel ist gemeint. Davon kann hier keine Rede sein. „To throw the match“, sagt der Engländer, von „thrown games“ spricht der Sportrechtler. Weggeworfene Spiele. Sowas ist im Badminton verboten, vermutlich auch, weil das Phänomen in diesem Sport nicht unbekannt ist. Können sich die Beschuldigten auf Gewohnheitsrecht berufen?

Doch geht es nicht nur um Paragrafen, hier stellt sich eine Grundsatzfrage. Denn das Gewinnenwollen ist die Grundlage des Sports, deswegen kommen Zuschauer, sie versprechen sich Wettbewerb, erhoffen sich Spannung. Athleten, die verlieren wollen, entziehen dem Ganzen den Sinn. Hier hat ja nicht ein Vater seinen kleinen Sohn beim Federball über die Teppichstange im eigenen Garten gewinnen lassen. Das war Olympia.

Wem diese Anklage zu hochgegriffen klingt, der schaue sich das Video an, wie die Spielerinnen Aufschläge deutlich absichtlich ins Netz oder neben das Aufschlagfeld schlugen, das plötzlich so klitzeklein wurde. Bilder können auch in moralischen Fragen eine andere Wirkung zeitigen als Buchstaben.

Andererseits darf man sich auch nicht von Bildern verführen lassen. Die Teams verfolgten ja eine Erfolgsstrategie: jetzt verlieren, später gewinnen. Kann man das jemandem verübeln? Dieses Dilemma ja auch in anderen Sportarten vorkommen. Die Zuschauer in der Wembley-Arena jedenfalls pfiffen auf sportmoralische Debatten und auf die Spielerinnen. Der Badminton-Verband schloss alle vier Teams aus, das ist immerhin das halbe Feld. Die Verteidigungsrede des südkoreanischen Trainers, die Chinesen hätten angefangen, machte alles nur noch schlimmer.

Kritik kommt nun auf am Modus. Normalerweise wird Badminton im K.o.-System durchgeführt, so auch in Peking 2008. Wer verliert, scheidet aus. In London hat man Gruppenphasen eingeführt, vielleicht weil man allen Teams nach Niederlagen eine zweite Chance geben wollte, vielleicht weil damit mehr TV-Zeit und Geld rauszuschlagen ist. Hier sind meine 2 Cent: das doppelte K.o.-System, in dem man erst nach der zweiten Niederlage ausscheidet. Der Modus ist zwar ein bisschen komplizierter, aber irgendwas ist ja immer.

Aber auf den Modus kann auch nicht alles schieben, jedenfalls nicht, wenn man auf Selbstverantwortung von Athleten und Sportsgeist glaubt.

Der Fall erinnert die Chronisten und Sportfans entweder an Hamburg 74, als die BRD bei der Fußball-WM vielleicht absichtlich gegen die DDR verlor, um auf Holland erst im Finale zu treffen. Oder an Gijon 82. Bei der WM in Spanien „einigten“ sich Deutschland und Österreich schweigend ab etwa der 20. Minute auf den aktuellen Spielstand (1:0) als Endergebnis. Beide profitierten davon, Algerien, das sein Spiel schon ausgetragen hatte, war zuschauender Leidtragender. Auch hier sehr dreist, wie wenig beide Teams ihr falsches Spiel maskierten. Nach dem Turnier legte die Fifa fest, dass alle Spiele der letzten Runde zeitgleich stattfinden müssen. Es war einer der größten Skandale der Fußballgeschichte, bis heute eins der dunkelsten Kapitel des deutschen Sports.

Warum soll man den heutigen Fall anders bewerten? Weil es „nur Badminton“ ist? Das wäre herablassend. Das ist Frage 1 unseres Besinnungsaufsatzes, liebe Leser. Frage 2 heißt: Wäre es eigentlich moralisch besser gewesen, wenn die Spielerinnen nicht so offensichtlich absichtlich verloren und stattdessen einen Scheinwettkampf geliefert hätten?
Mof

48 Kommentare


  1. Schade, so wird der Sport zum Moloch der Finanzen…denn darum geht es doch nur! Ich freute mich, würde ich irren.

  2.   kyon

    Vielleicht sollte man eine neue Disziplin einführen:

    Wer kann am besten verlieren, ohne dass es einer merkt.

    Die betreffenden vier Badminton-Frauschaften jedenfalls würden dabei auf keinen Fall die Goldmedaille gewinnen.


  3. Warum Moloch der Finanzen? Wenn Verlieren der Weg zum Sieg ist, warum also nicht verlieren? Das ist unabhängig vom Preisgeld.

    Bei regionalen Turnieren mit Gruppenmodus ist das hier nun prominent geahndete Vorgehen regelmäßig an der Tagesordnung, und auch in anderen Sportarten, allen voran der Fußball, beschwert sich niemand, wenn vorzeitig qualifizierte Mannschaften ihre besten Sportler schonen und die B-Mannschaft auffahren.

    So nachvollziehbar die Entscheidung heute war, so inkonsequent war sie auch. Mit anderen Turniermodi wäre das nicht passiert.

  4.   Martin

    > Athleten, die verlieren wollen, entziehen dem Ganzen den Sinn. <

    Nur wollten die Athleten ja gewinnen: nicht diese Runde, aber das Turnier. Wenn die Turnierregeln dazu fuehren, dass Spieler keinen Vorteil durch das Gewinnen einer Runde haben, machen die Turnierregeln keinen Sinn und sollten geaendert werden. Eine zusaetzliche Regel einzufuehren, dass Spieler versuchen muessen eine Runde zu gewinnen, auch wenn ihnen das im Turnier keinen Vorteil bringt, erscheint mir laecherlich.


  5. Das Spiel der (west-) dt. Nationalelf ging keineswegs absichtlich verloren; mit dem Sieg der DDR war ein schwerer, deutsch-deutscher Prestigeverlust verbunden.

    Richtig aber ist, dass die Niederlage im Nachhinein sich als vorteilhaft erwiesen haben kann.

  6.   Fernost

    Ich übersetze hier ein Kommentar von einer der betroffenen Chinesinnen.
    Warum sollen wir dafür bezahlen? Wir haben uns jahrelang hart trainiert um diesen Olympiatraum, mit viel Verletzung und Schmerzen. Wir sind schon vorzeitig qualifiziert, ab morgen beginnt die K.O. Runde. Wir nutzen die Regelung, und uns zu schonen und morgen alles geben zu können. Die Entscheidung von der verband ist leicht, aber verstehen sie auch von uns Sportler? Die wettkampfregelung ist lückenhaft, aber wir müssen dafür bezahlen. Unser olympiatraum ist zerplatzt worden.

  7.   Oliver Fritsch

    Prestige-Verlust für die BRD, sicher. Auch für die Mannschaft? Wenn ich mir Sepp Maier beim Gegentor so anschaue …

  8.   hardius

    Da wo es Regeln gibt, wird auch immer gerechnet. Nicht für umsonst sind die letzten Spiele in den Fußballigen zeitgleich. Man weiß doch um die menschlichen Schwächen. Hier muß man laut über den Austragungsmodus nachdenken. Taktieren muß erlaubt sein.
    Allerdings unauffälig, das gehört zu einem guten Sportler dazu. Allerdings wieder schwer, wenn der Gegner grottenschlecht ist oder selbst verlieren möchte.

  9.   Stefan

    Mai, mai..

    diese ganze Aufregung erinnert mich an den nervigen Beifahrer, der nichts mit dem Führen des Autos zutun hat und trotzdem keine Ruhe gibt – er weiß es schließlich besser.

    Sport ist primär für Sportler da und erst danach kommen die Zuschauer. Und auch wenn solche Spiele nicht unbedingt spannend sind, gibt es dem Zuschauer noch lange kein Recht „Eklat“ zu schreien oder es als „eines der dunkelsten Kapitel des deutschen Sports“ zu betiteln.

    Da muss der selbstgerechte Beifahrer einfach mal damit leben.

  10.   Fernost

    Genau. Sport ist Sport , kein Entertainment. Dem Sport gehört Kampf, kraftverteilung, und auch eben Taktik dazu. Egal Radfahrer, Marathonläufer, oder Ballsport. Man kann nicht einen Läufer disqualifizieren, weil er über eine Strecke zu langsam läuft, oder nur hinter einem her, obwohl er viel schneller laufen kann.

 

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