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Olympia-Splitter VI: Deutschland, Deine Schlitten

 

Gegen die Dominanz der deutschen Rodler und Rodlerinnen ist selbst der FC Bayern ein schlagbarer Gegner. Die Sieger von Sotschi heißen: Felix Loch, Natalie Geisenberger, Tobias Wendl und Tobias Arlt im Doppelsitzer. Diese vier gewannen auch im Team, in diesem Jahr erstmals olympisch. Vier Rennen, vier Mal Gold für Deutschland. Für andere blieb nichts übrig.

Das ist nichts Neues. Eine statistische Auswahl, seit Rodeln olympisch ist (1964): Rund drei von vier Wettbewerben, inklusive Sotschi, gewannen Athleten und Athletinnen aus der DDR und der BRD (32 von 43). Bei den Frauen gingen 31 von 42 Medaillen an Deutsche. Rund drei von fünf Medaillen insgesamt (75 von 129) gingen an deutsche Frauen und Männer.

1964, 1972 und 1976 standen ausschließlich deutsche Männer auf dem Podest. Das letzte Mal, das keine deutsche Frau Gold gewann, ist 20 Jahre her, auch wenn man es an ihrem Namen nicht erkennt: Gerda Weißensteiner aus Italien. Bei fast der Hälfte der Spiele, zu denen Rodeln olympisch war (1972, 1976, 1984, 1988, 2002 und 2006), sah man auf den Siegerehrungen der Frauen nur schwarz-rot-goldene Fahnen.

1988 gab es sogar im Doppel, eine reine Männerdisziplin, deutsches Gold, Silber und Bronze. In zehn aufeinanderfolgenden Doppelwettbewerben von 1968 bis 2002 gab es nur ein Mal (1994) kein deutsches Gold. 2006 und 2010 gewannen allerdings die Österreicher Andreas und Wolfgang Linger das Doppelrennen, in Sotschi wurden sie Zweite.

Österreich ist eins der wenigen halbwegs konkurrenzfähigen Länder im Rodeln. Überhaupt haben nur noch Italien (also Südtirol) und die UdSSR (1 Mal Gold 1980) jemals einen olympischen Rodelwettbewerb gewonnen. Es gibt also nur vier Siegernationen. Und noch zwei andere, USA und Lettland, die es mal aufs Treppchen geschafft haben.

Wie kommt das? Liegt uns Deutschen das Rodeln im Blut? Kommt das vom vielen Schlittenfahren? Liegts am Rodelabitur? Sind wir ein Volk der Rutscher und Lenker? Eher nein, Rodeln ist weniger eine Frage des Talentpools, sondern eine der Investition. Für diesen Sport braucht man Geld. Die technische Entwicklung der Schlitten und Kufen ist teuer. Bahnen bauen und warten kostet, Deutschland leistet sich gleich vier: Königssee/Berchtesgaden (Bayern), Oberhof (Thüringen), Winterberg (Nordrhein-Westfalen) und Altenberg (Sachsen). Auf der ganzen Welt gibt es nur 17. USA, Kanada und Russland haben gerade halb so viele wie Deutschland. Wenn sie nicht Gastgeber von Winterspielen gewesen wären, hätten sie vermutlich nur eine.

Auch die Athleten sind vom Staat bezahlt. Loch, Arlt und Geisenberger sind bei der Polizei, Wendl bei der Bundeswehr. Ein Staatssport also, eine „medaillenintensive Sportart“, wie es im Slang der DDR hieß. Deutschland führt nun den Medaillenspiegel an – erkauftes Gold sozusagen.

Das alles ist Rodeln. Was Rodeln allerdings nicht ist: Breitensport. Beim Deutschen Bob- und Schlittenverband gibt es insgesamt 201 aktive Kader-Athletinnen und -Athleten – und da sind die Bob- und Skeletonfahrer mitgerechnet. Da stellt sich schon mal, wie auch in manch anderer olympischen Disziplin, die Sinnfrage nach der Investition. Gehört Rodeln zur Alltagskultur, werden deutsche Kinder jetzt mit dem Nischensport Rennrodeln beginnen?

 

Ja, Rodler und andere Sportler verdienen zu wenig Geld und bekommen zu wenig Aufmerksamkeit – im Vergleich mit den verwöhnten Fußballern. Aber man darf angesichts der Zahl der aktiven Rodler schon mal die Konkurrenzsituation eines Bundesliga-Fußballers dagegenhalten. Der musste sich unter Millionen durchsetzen.

Offenbar geht es den deutschen Rodlern zu gut. Denn im Team gab es einen heftigen Streit. Die Gewinnerin der Silbermedaille, Tatjana Hüfner aus Oberhof, sagte nach dem Rennen: „Denen, die nicht in Berchtesgaden sind, wurde das Leben schwer gemacht.“ Ihr Vorwurf: Der Verband bevorzuge den bayerischen Standort. Diesmal ging alles deutsche Gold nach Bayern. Vor acht Jahren war noch Thüringen die führende Kraft. Hüfners Trainer André Florschütz war im vorigen Herbst suspendiert worden. Das habe ihre Chance auf den Sieg genommen, sagte Hüfner. Die stärkste Konkurrenz haben die Deutschen im eigenen Land.

 

***

Fundstücke: In der New York Times finden wir eine schöne Animation von Sporthelmen. Mashable spießt das Fake Ad von Audi mit den – inzwischen – vier Olympischen Ringen auf. Und die Russland-Basher vom öffentlich-westlichen Systemfunk NDR lassen Putin Pharrell Williams und Daft Punk singen und legen ihm Folgendes in den Mund: „Ich mach mich tierisch gern nackig.“

Und noch ein Gruß vom Biathlon-Olympiasieger:

17 Kommentare

  1.   Connie

    Nicht vergessen – die Niederlande haben das gleiche im Eisschnelllauf geschafft!


  2. Zitat Artikel: „Eher nein, Rodeln ist weniger eine Frage des Talentpools, sondern eine der Investition. Für diesen Sport braucht man Geld.“

    Naja, das gilt aber mehr oder weniger für jede Sportart. Auch ein kenianischer 10.000-Meter-Läufer holt nur Gold, wenn er jahrelang kostenintensiv aufgebaut und von Wettkampf zu Wettkampf durch die ganze Welt kutschiert wurde. Hinzugerechnet werden müssen noch die Kosten für all jene Talente, die auf dem Weg nach oben aus den verschiedensten Gründen zurückgeblieben sind. Ob nun staatlich oder privat finanziert, jede Medaille ist mit hohen Kosten verbunden. Für Deutschland ist das hier mal aufgeschlüsselt, sehr interessant: http://www.tagesschau.de/inland/sportfoerderung108.html


  3. @ 1. „Nicht vergessen – die Niederlande haben das gleiche im Eisschnelllauf geschafft!“

    Nein, in den Niederlanden ist das ein Volkssport.

  4.   Ron

    Deutschland ist ein Hightech-Land, das viel Knowhow im Bereich Fahrzeugbau hat. Dazu gehören Aerodynamik, Gleiteigenschaften, Lastverteilung usw. Hier sind wir weltweit mit führend – und das ist auch die Message, die wir durch diese Medaillen der Welt geben. Deutsche Athleten sind nicht nur gut, sie verfügen auch über brillantes Material und entsprechende Übungsmöglichkeiten. Übrigens trifft das auch auf unser Bobfahren zu, die ebenfalls schon vielfach gesiegt haben. Warum dürfen wir nicht stolz darauf sein? Andere Nationen sind oder wären es auch…


  5. Die Formel 1 ist auch kein Breitensport und dennoch bekommen die Fahrer höhere Gehälter als die meisten Fußballer. Würde es rein nach der Konkurrenz gehen, würde sich der Fußball von allen anderen Sportarten extrem abheben,
    weil ihn die mit Abstand meisten Menschen auf dieser Erde betreiben.
    Es ist mehr eine Frage des Geldes und des Marketings, Einzelsportler lassen sich besser vermarkten als Teamsportler, manche Sportarten sind in reicheren Schichten beliebter als in ärmeren.
    Gemessen an den Menschen die zb Golfen und tennis spieln sind die Gehälter und Prämien der TopSportler astronomisch. Das liegt daran das die hauptinteressenten meist aus dem bürgertum oder großbürgertum stammen.
    Rodeln,Skifahren,Curling sind in derselben Kategorie, der Unterschied ist alleine die verfügbarkeit. Skifahren ist dabei die Nummer eins, gibt eben mehr hänge als Bobbahnen oder Eishallen mit Curling anlage, Aber das Material ist teuer, die Tickets auch und man muss dort leben.
    Verstehe deshalb auch die Förderung nicht wirklich, in Sportarten die im Voraus eher wohlhabende Schichten ausüben, wird dann noch zusätzlich Geld reingepulvert.
    Ich kann auch mit weniger Medaillen auskommen

  6.   Running

    Erfolgreich im „Schlitten“ fahren? Wie man es nimmt.

    Auf dem Rücken sind unsere Spitze,

    Auf dem Bauch sieht es schon wieder anders aus.

    Wieso eigentlich? Ich finde das irgendwie witzig. Es scheint also an mehr zu liegen, als nur technisches Know-How.

  7.   oxybenzol

    Ob ein Sportler gut bezahlt wird hängt meienr Meinung nach von der Medienwirksamkeit des Sports ab und vom Interesse der Zuschauer an diesem Sport. Das meiste Geld kommt durch Vermarktungsrechte und der damit verbundenen Werbung zusammen.
    Mit Badminton kann man in Deutschland wohl genau so viel verdienen wie mit Rodeln. In Asien sieht das aber wieder ganz anders aus. Dort sind Badmintonspieler so populär wie Schumacher oder Lewandowski. Oder American Football. Der Tag an dem der Super Bowl stattfindet ist in den USA so etwas wie ein Feiertag. Für 30 Sekunden Werbezeit während der Übertragungspausen hat man dieses Jahr fast 4 Mio US$ zahlen müssen.


  8. Ich muss schmunzelnd an die Sportart Ringen denken, die man noch letztes Jahr aus dem olympischen Programm kegeln wollte. Ein Sport, bei dem Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit im ausgewogenen Verhältnis vorhanden sind.
    Ganz anders beim Rennschlittensport. Hier tritt die physische Anstrengung des Athleten weitgehend hinter die finanziellen und technischen Aufwendungen zur eigentlichen Ausübung dieser Sportart zurück.
    Eigentlich ist das gar kein richtiger Sport. Wenn wir Normalbürger auf einer Sommerrodelbahn bergab rollern, ist das auch nur lockerer Spaß, mehr nicht.
    Und ich vermute, angesichts der Unmengen verballerter Megawattstunden für den ganzjährigen Betrieb der Kühlaggregate – ökologisch sehr bedenklich – wird spätestens bei den über-über-…-übernächsten Olympischen Spielen keiner mehr Schlitten fahren.
    Ich freue mich schon auf die Sommerrodelbahnen in Königssee und Oberhof.

  9.   Harry Pachty

    Sehr geehrter Herr Oliver Fritsch,
    würde ihnen mal empfehlen eine Bobfahrt bei 150 km/h mitzumachen. Vielleicht erklärt ihnen die Fahrt die fehlende Breitensporttauglichkeit. Als Anfänger verlieren sie während der Fahrt ein ganzes Kilo – Schweiß und Urin.


  10. Ach Gottchen,

    nun haben wir goldene Rodelmedaillen, sind zur Zeit sogar die führende Nation im Medaillenspiegel- wegschauen bitte- und reden sie schlecht.Alles nur gekauft!
    Soldaten und Polizisten als Sportler? Nut in Deutschland möglich, oder?
    Bitte eine Flasche Sekt für uns, für das Volk der Masochisten!

 

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